Leiden Sie zuweilen unter Schwindel? Der Mediziner nennt ihn Vertigo und spricht von einer Störung des Gleichgewichtssinns. Dieser Thematik widmeten wir uns im Beitrag „Extremsituationen„. Berühmt geworden ist Vertigo durch den gleichnamigen Film von Alfred Hitchcock (Video Vertigo Analyse). Bei dem Altmeister des Films wird die Schwindelkrankheit unter dem Aspekt des Psychologischen betrachtet. Es geht dabei vor allem um Höhenangst und um Trauerverarbeitung. Schwindel und innere Leere erfasste Ellen, Protagonistin im UniWehrsEL, kurz vor der Pensionierung. Sie verstand, warum sie plötzlich „Angst vorm Fallen“ entwickelte, nachdem sie die Interpretationen des Philosophen Andrea Cavalletti in seinem Werk Vertigo: The Temptation of Identity aus ihrem Bücherschrank geholt hatte.
Ellen sitzt am Schreibtisch und denkt nach:

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Man verbringt ein ganzes Leben im Dienst der Struktur. Als Lehrerin war ich jahrzehntelang das personifizierte Fundament im Klassenzimmer: preußische Disziplin, ein fester Lehrplan, ein unerschütterliches „Ich“, das den Schülern Halt geben sollte. Man glaubt, man sei die feste Säule, bis man in den Ruhestand tritt, die Kreide ablegt und die Stille des eigenen Hauses betritt. Erst in dieser Leere, die mich wie eine plötzliche Höhenangst erfasste, verstand ich, was der Philosoph Andrea Cavalletti in seinem Werk Vertigo: The Temptation of Identity so meisterhaft seziert hat. Er beschreibt den Schwindel nicht als bloße medizinische Phobie, sondern als eine fundamentale, existenzielle Erschütterung des menschlichen Subjekts. Die eigentliche „Versuchung“, so las ich es bei ihm, ist der verzweifelte Glaube an eine feste, unveränderliche Identität. Als ich Alfred Hitchcocks Vertigo wiedersah, begriff ich: Ich bin Scottie Ferguson, und ich bin gleichzeitig das Trugbild, das er jagt.
Hitchcocks Film ist eine philosophische und literarische Versuchsanordnung über die Instabilität unseres Seins, getragen von mächtigen, wiederkehrenden Leitmotiven. Das dominierende Motiv der Spirale durchzieht das Werk wie ein Strudel: Man sieht sie in der berühmten Titelsequenz, im spiralförmigen Haarknoten der fiktiven Madeleine und im Treppenhaus des Kirchturms. Cavalletti argumentiert, dass die Spirale die perfekte Geometrie des menschlichen Ichs darstellt: Sie ist kein gerader, linearer Weg, sondern eine Bewegung des gleichzeitigen Abstoßens und Heranziehens, ein ewiges Kreisen um einen leeren Mittelpunkt. Identität ist demnach keine solide Substanz, sondern ein dynamischer Wirbel.
Das Thema der Spirale erinnert mich spontan an die Hörmuschel oder Tonbänder als akustische akustische Symbole im Film „Paris Murder Mystery“ (Vie privée). In diesem Filmbeitrag im UniWehrsEL ist Lilian, die Hauptperson, eine Therapeutin, obsessiv damit beschäftigt, die aufgezeichneten Therapiesitzungen ihrer verstorbenen Klientin Paula anzuhören. Die Hörmuschel schneidet sie von der realen Außenwelt ab und zieht sie tief in die Psyche der Toten hinein. Diese Bänder hört sie beim Auf- und Abstieg der Wendeltreppe ab.

Die Wendeltreppe gerät zur visuellen Partitur. Das Treppenhaus ist so gefilmt, dass es von oben betrachtet wie eine Spirale oder – im übertragenen Sinne – wie das Innere einer Ohrmuschel (Cochlea) aussieht. In der Filmästhetik wird die Wendeltreppe hier zur visuellen Übersetzung des Hörens: Jede Stufe, die sie tiefer hinabsteigt, entspricht einem tieferen Eindringen in das akustische Labyrinth aus Paulas Geheimnissen und Lilians eigenen verdrängten Erinnerungen.
Verdrängte Erinnerungen, dieses Kreisen um das Nichts trieb Scottie in Vertigo in seine grausame Obsession: Er zwingt die reale Judy, sich durch Frisur, Make-up und Kleidung in die tote, idealisierte Madeleine zu verwandeln. Im unheimlichen, neon-grünen Licht des Hotelzimmers tritt sie ihm schließlich als fleischgewordenes Phantom entgegen.
Hier offenbart sich eine unheimliche Parallele zu meinem eigenen Leben im Klassenzimmer. Wie Scottie besessen davon war, Judy in das Korsett seiner Sehnsucht zu pressen, so war ich jahrzehntelang von einem pädagogischen Kontrollzwang besessen. Meine Schüler waren meine „Judys“. Ich habe sie geformt, diszipliniert und versucht, sie in das vorgefertigte Bild des „idealen Schülers“ hineinzuzwingen, das mein Lehrplan verlangte. Ich berauschte mich an der Macht, lebendige, suchende Individuen in starre Masken der Leistung zu pressen, unfähig zu erkennen, dass ich damit nur meine eigene tiefe Angst vor dem Chaos und dem Kontrollverlust kompensierte. Scottie brauchte das perfekte Trugbild Madeleines, um sein inneres, traumatisierte Ich zu kitten – und ich brauchte die strukturierte Starrheit meiner Klasse, um nicht in den Abgrund meiner eigenen Identitätslosigkeit zu blicken.
Wenn Scottie Madeleine im Museum vor dem Porträt der toten Carlotta Valdes (dazu Video) beobachtet, wird das Bild zum unheimlichen Doppelgänger-Motiv. Das Porträt ist ein Spiegel, der keine Realität reflektiert, sondern ein phantomhaftes Vorbild. Das Gemälde der Carlotta Valdez zeigt visuelle Auffälligkeiten, die mit denen von Madeleine übereinstimmen, blondes Haar und ein Blumenstrauß in der Hand.
Ich blicke in den Spiegel im Flur und versuche mich darin wiederzuerkennen. Wer bin ich, wenn das Kostüm im Schrank bleibt? Unter dem Blickwinkel Cavallettis zeigt mein Spiegelbild das radikale Zerfließen der Zeit. Die Zeit lässt meine Rolle als Lehrerin immer weiter schwinden, so wie in Vertigo die Wellen Madeleines Spuren in der Bucht von San Francisco tilgen.
Cavalletti beschreibt die Höhenangst als den schrecklichen, aber berauschenden Drang, sich fallen zu lassen. Es ist die Temptation, die Versuchung, die mühsam aufrechterhaltene Identität aufzugeben und in das Chaos des Unbekannten zu stürzen. Mein eigener Ruhestand kommt für mich diesem Sturz von Madeleine vom Turm von San Juan Bautista gleich. Am Ende zeigt uns Vertigo, dass der Versuch, eine künstliche Identität dauerhaft festzuhalten, unweigerlich in die Katastrophe führt. Madeleine/Judy verliert ihr Leben, weil das Konstrukt kollabiert und die Angst vor Strafe, symbolisiert durch das Auftauchen der Nonne, sie in den Abgrund fallen lässt.
Wie Cavalletti begreife ich den Schwindel als Metapher der Angst vor dem Abgrund, wer hoch hinaus will, der kann tief fallen. Jeder weiß, was Höhenangst bedeutet, kennt sogar den Fachausdruck Akrophobie und ich gehöre zu denen, die Angst davor haben. Frühere Psychologen räumten der sogenannten „Wissenschaften vom Geist“ dem Schwindel einen Ehrenplatz im Bereich der psychischen Störungen ein. Die Angst vor dem Fallen, das habe ich durch Cavalletti verstanden, ist zugleich die Angst davor, einer Versuchung nachzugeben. Manchmal möchte ich mich einfach fallen lassen, mich dem berauschenden Schwindel einfach hingeben, den freien Fall als destabilisierendes und zugleich berauschendes Element verstehen, ohne den, wie Cavalletti seziert, das Bewusstsein selbst undenkbar wäre.
Und wenn ich davon schreibe, mich dem berauschenden Schwindel hingeben zu wollen, dann wird mir klar, dass das medizinische Gefühl der Orientierungslosigkeit (Vertigo) und die Lüge oder der Schwindel im Deutschen dasselbe Wort nutzen. Und das ist bestimmt kein Zufall, sondern das Ergebnis einer metaphorischen Sprachenentwicklung. Die körperliche Wahrnehmung war bestimmt zuerst da.
Als langjährige Deutschlehrerin weiß ich, das Wort leitet sich vom althochdeutschen swintilon (um 800 n. Chr.) ab, was so viel wie „in Ohnmacht fallen“, „schwinden“ oder „Taumeligkeit verspüren“ bedeutete. Es beschreibt den Zustand, bei dem die Sinne schwinden, die Umgebung verschwimmt und man den sicheren Boden unter den Füßen verliert. Und da liegt die Brücke zur Lüge doch auf der Hand, wenn man an den Taumel des Geistes denkt, der seinen Ursprung im 18. Jahrhundert hat. Zunächst übertrug man das körperliche Drehen auf die Gedanken. Wer unüberlegt handelte oder wirre, abenteuerliche Pläne schmiedete, dessen Verstand war „schwindlig“. Solche Phantasten nannte man bald Schwindler. Aus den unhaltbaren, „schwindligen“ Ideen dieser Fantasten entwickelten sich im Sprachgebrauch bald bewusste, unlautere Versprechungen, Betrügereien und schließlich die klassische Lüge.
Und jetzt wird mir auch die gemeinsame Logik dahinter klar: obwohl beim körperlichen Schwindel als auch bei einer Lüge verliert man den Halt an der Realität. Beim Höhenschwindel verliert der Körper den Bezug zum festen Boden – bei einem Schwindel (einer Lüge) verliert die Aussage den Bezug zur festen Wahrheit. In beiden Fällen wird einem eine falsche Realität vorgegaukelt.

Und apropos falsche Realität, durch Cavalletti habe ich gelernt, den Schwindel philosophisch zu betrachten und für mich selbst, letztlich auch zu akzeptieren, dass ich mir nichts mehr vormachen muss. Meine Spirale im Kopf bewirkt Angst, die Bodenhaftung zu verlierne. Und hoppla, da ist doch auch noch der Artikel, den mir meine Freundin zugesteckt hat. Irgend etwas über „ein kinetisches, ungesichertes Wesen in der Spirale der Zeit“ – aber das scheint wieder eine ganz andere Geschichte zu sein. Beschreibt doch da Gina Isabelle Jacobs „Die Spirale der Zeit“ den Zusammenhang zwischen Zeiteitkonzeptionen und Geschichtsbetrachtungen. Ich laufe jetzt einmal eine Runde, denn so langsam packt mich wieder der Spiegel der Erschöpfung und das hatten wir doch schon einmal, schwindlig vor lauter Gedanken in meinem Kopf!
