Du betrachtest gerade Doppelgänger: Identität im Duplikat. Einführung in das Onlineseminar mit Präsenzterminen im Wintersemester 26/27

Das Seminar Doppelgänger: Identität im Duplikat – von der literarischen Romantik zur digitalen Spiegelwelt widmet sich einem der faszinierendsten und zugleich verstörendsten Phänomene der Kulturgeschichte: dem Doppelgänger. Die Leitfrage „Wer bin ich, wenn meine Kopie existiert?“ berührt dabei nicht nur die literarische Romantik, sondern gewinnt im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz und digitalen Identitäten eine völlig neue, brisante Aktualität.

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Wer bin ich, wenn meine Kopie existiert? Diese Frage ist so alt wie die Menschheit selbst – und doch war sie noch nie so akut und bedrohlich wie heute. Sie berührt die tiefste Urangst unseres Bewusstseins: den Verlust der eigenen Einzigartigkeit. Das Motiv des Doppelgängers fasziniert und erschreckt uns gleichermaßen, weil es uns mit einem künstlichen Ebenbild konfrontiert, das uns wie ein Zerrspiegel entgegentritt. In einer Zeit, in der Algorithmen maßgeschneiderte Profile von uns erstellen, Deepfakes die Grenze zwischen Wahrheit und Täuschung verwischen und künstliche Intelligenzen unsere kreative Identität kopieren, erlebt die Figur des Doppelgängers eine unheimliche Renaissance. Dieses Seminar lädt zu einer interdisziplinären Spurensuche ein, die von den düsteren Abgründen der Romantik bis in die hyperaktuelle, digitale Gegenwart führt.

Die Wurzeln dieses Schauers liegen in der literarischen Romantik. Wenn wir mit E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann (unser Beitrag) in die Welt der mechanischen Puppen und optischen Täuschungen eintauchen, begegnen wir der Geburt des modernen Zweifels am eigenen Ich. Es ist jener Zustand, den Sigmund Freud ein Jahrhundert später in seinem wegweisenden Essay als das „Unheimliche“ definieren sollte: das Paradoxon, dass uns etwas zutiefst Vertrautes plötzlich vollkommen fremd und bedrohlich erscheint. Wir werden im Seminar dieses und andere Phänomene an Filmen, Literatur oder auch der Oper verdeutlichen.

Ein Beispiel dazu ist Psychologie: „Hamnet“; Analysen, Spiegelung, Doppelung (Zwillinge) – Freud und Jung.

Auch die bildende Kunst fängt dieses psychologische Erbe kongruent ein. In der präraffaelitischen Romantik lässt Dante Gabriel Rossetti in „How They Met Themselves“ ein Liebespaar im finsteren Wald schmerzvoll den eigenen Geister-Ebenbildern begegnen – ein klassisches Omen des Todes. Jahrzehnte später radikalisiert der Surrealismus dieses Motiv. René Magrittes ikonisches Werk „La reproduction interdite“ verweigert dem Betrachter die Selbsterkenntnis im Spiegel; es zeigt stattdessen nur den Hinterkopf des Mannes und bricht radikal mit den Gesetzen der Natur.

In der Weltliteratur verzweigt sich diese Ich-Spaltung in faszinierende psychologische und gesellschaftliche Spielarten. Edgar Allan Poes William Wilson wird von einem omnipräsenten Namensvetter gejagt, der als das fleischgewordene, verdrängte Gewissen fungiert. Dies erwähnten wir in unserem Beitrag

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„Unter lauter Spiegelbildern“ (Rolf Haubl) – Enthüller der Wahrheit oder Werkzeug der Täuschung; psychologische und soziologische Untersuchungen

Fjodor Dostojewski verhandelt in Der Doppelgänger eine zutiefst moderne Angst: das Grauen vor dem sozialen Versagen. Sein Protagonist Goljadkin wird von einer Kopie seiner selbst aus dem Beruf und dem Freundeskreis verdrängt – einer Kopie, die charmanter, skrupelloser und gesellschaftlich erfolgreicher ist als das Original.

Wir analysierten dies und präsentierten dazu auch die entsprechende Oper im Beitrag Fjodor Dostojewski „Der Doppelgänger“; gleichnamige Oper von Lucia Ronchetti – Begegnungen mit meinem Selbst

Bei Robert Louis Stevenson (Dr. Jekyll und Mr. Hyde) teilt sich das gespaltene Ich schließlich einen einzigen biologischen Körper und wirft moralische Fragen auf, die heute die Debatte um die Kontrollierbarkeit von KI dominieren. Dieser Roman ist immer wieder auch auf der Bühne zu finden.

Herzlichen Dank für die Impression von Gut Und Böse von John Hain auf Pixabay!

Wir widmeten ihm unter anderem den Beitrag „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ – Gut und Böse?

Einen ästhetischen Höhepunkt findet diese Externalisierung der Psyche in Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray. Hier altert und verfällt nicht der Mensch, sondern das gemalte Porträt auf dem Dachboden. Das Stück ist gerade im Schauspiel Frankfurt zu sehen.

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Wir erwähnten es im Kontext unserer Schreibwerkstatt „Teil XXII Tatort Frankfurt. Welche Rolle spielt die Magie der Musik? Burns Zweifel im Schauspiel Frankfurt„.

Wilde nimmt damit visionär das Prinzip des modernen Instagram- und TikTok-Feeds vorweg: die Erschaffung eines makellosen, digital optimierten Avatars, während das reale, biologische Ich im Verborgenen verkümmert.

Dass der Doppelgänger keineswegs nur ein Konstrukt der Fiktion ist, beweist der Blick in die deutsche Historie. Die Historikerin Dr. Angelina Pils seziert in ihrer aktuellen Studie Schneider / Schwerte: Ein westdeutsches Doppelleben 1945–1999 [wallstein-verlag.de] einen der spektakulärsten realen Identitätswechsel der Nachkriegszeit. Der gefeierte Rektor und Germanistikprofessor Hans Schwerte war in Wahrheit der ehemalige SS-Hauptsturmführer Hans Ernst Schneider [wallstein-verlag.de]. Dieser reale Fall zeigt eindringlich, wie der Doppelgänger zur kollektiven Lebenslüge und Überlebensstrategie in einer wegschauenden Gesellschaft wird. Es schließt sich ein makaberer Kreis: Ausgerechnet der Mann, der als Professor Vorlesungen über die Romantik und das Faustische hielt, exekutierte die radikalste Form der Ich-Spaltung im eigenen Leben [wallstein-verlag.de]. Frau Dr. Angelina Pils wird uns im Seminar persönlich über ihre Recherchen berichten.

Wie lebendig diese Zerrissenheit des Subjekts ist, beweisen die Bühnen unserer Gegenwart. Das Schauspiel Frankfurt verknüpft in seiner Inszenierung des Sandmanns Hoffmanns klassische Texte via Live-Video und algorithmischen Projektionen direkt mit unserer heutigen Angst vor künstlichen Intelligenzen [schauspielfrankfurt.de].

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Zeitgleich löst die Oper Frankfurt in Peter Eötvös’ „Tri sestry“ feste Identitäten durch den Einsatz von Countertenören und getrennten Orchesterklangwelten vollständig auf [elkewehrs.de]. Näheres erfahren Sie in unserem Beitrag Peter Eötvös’ Oper „Tri sestry“ Oper Frankfurt – Spiel mit Identität: wenn Männer (Countertenöre) Frauen verkörpern

Am Ende unseres Streifzugs steht die Konfrontation mit der Gegenwart. Vera King und Benigna Gerisch untersuchen in Digitalisierung. Folgen für Psyche und Kultur, wie der permanente Spiegelungszwang der digitalen Moderne unsere Psyche fragmentiert und deformiert.

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Einen Beitrag zu dieser Thematik liefert eine Leserin mit Tanz mit der KI: Ballett „Mirror“ (Whitley) – ein choreografischer Dialog von Mensch und Avatar. „„Mirror“, besprochen auch in der Hessenschau, ist mehr als eine technische Spielerei; es ist eine choreografische Warnung und Einladung zugleich. Die Aufführung riss mich mit, erschütterte mich, ließ mich fasziniert und nachdenklich zurück. Whitley stellt uns unser digitales Spiegelbild vor die Nase und verlangt, dass wir uns entscheiden: Erwidern wir den Blick, prüfen wir die Verantwortung, die wir weiterreichen, oder verstecken wir uns hinter der glänzenden Oberfläche der Technik? Als Zuschauerin forderte mich dieser Abend heraus: Mit welcher Courage und Wachsamkeit wollen wir in eine Zukunft gehen, in der Maschinen unsere Blicke erwidern?“

Schließlich führt uns die Publizistin Naomi Klein mit ihrem bahnbrechenden Werk Doppelgänger [fischerverlage.de] vor Augen, dass nicht nur Individuen, sondern ganze Gesellschaften im digitalen Zeitalter ein unheimliches, verzerrtes Spiegelbild ihrer selbst entwickelt haben. Gefangen in algorithmischen Echokammern und politischen Polarisierungen stellt sich die Frage neu: Wer besitzt eigentlich noch die Deutungshoheit über unser Leben – wir selbst oder unser digitaler Zwilling?

Weitere Fragen, mit denen wir uns im Seminar auseinandersetzen werden liefert der Beitrag Fragmentiertes Ich im Spiegel: Kulturgeschichte des Doppelgängers von Outsider Art zur digitalen Spiegelwelt. „Wenn das menschliche Ich unter extremen inneren oder äußeren Druck gerät, neigt es zur Aufspaltung. Diese kulturhistorische und psychoanalytische Entwicklungslinie lässt sich über ein Jahrhundert hinweg nachzeichnen: Sie beginnt bei den analogen Wahnfiguren der historischen Psychiatrie in der Sammlung Prinzhorn.“ Weitere spannende Ansätze liefern die Beiträge

Danke für das Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

„Wahnsinn, Literatur, Kunst, Antipsychiatrie„. Unser gemeinsamer Weg führt über die radikale Selbstdemontage des Frühexpressionisten Richard Gerstl (Austellung zu Richard Gerstl in der Schirn „Retrospektive„, 2017) und die psychoanalytische Sozialpsychologie von Vera King (unter anderem in unserem Beitrag zu „Healthy Twins„) bis hin zur heutigen digitalen Gegenwartskultur, die von Naomi Klein als paranoide „Spiegelwelt“ (dazu Buchkritik zu „Doppelgänger“ 2024 im DLF) diagnostiziert wird.

Dieses Seminar ist eine Einladung an alle, die bereit sind, hinter die Fassade des eigenen Spiegelbilds zu blicken. Es ist ein Streifzug durch die Evolution einer Urangst, die uns zwingt, das vermeintlich Vertrauteste neu zu hinterfragen: uns selbst.