Nach Anima mea − Wo bist du, meine Seele? Und The Saloon: Dinos in Dodge City (Komm zu meinem Festival oder ich hacke deinen Toaster – deine KI), die beim KI-Festival in Darmstadt besucht und besprochen wurden, geht es in diesem Beitrag um „Mirror“. Die Ideen dahinter sind die Verbindung fremder Welten und das gemeinsame Geschichten schmieden mit Hilfe der KI. In Mirror gestaltet der Choreograf Alexander Whitley aus Tanzdaten einen wechselseiteigen choreografischen Dialog.
Sehr geehrte Lesende des UniWehrsEL,
als Premierengast sitze ich noch immer wie benommen auf meinem Sitz: Neugier hatte mich ins Staatstheater Darmstadt getrieben, nachdem ich im UniWehrsEL Ihre Beiträge zum KI-Festival in Darmstadt gelesen hatte. Doch was sich mir eröffnete, war mehr als Erwartung; es war fesselnd, mitreißend und in seiner Konsequenz atemberaubend. Ein Tänzer füllte die Bühne mit ausladenden Bewegungen, und plötzlich erschien sein Avatar auf einer unsichtbaren Leinwand; riesengroß, geisterhaft, jede Geste vergrößert und verzerrt. Dieses Doppelwesen war nicht nur Projektion, es hatte eine Präsenz, die das Publikum packte. Das Bühnenlicht flutet den Tänzer, sein Avatar wächst zur übergroßen Silhouette hinter ihm; Bewegungen verdoppeln sich, überlagern sich, und plötzlich fühlt sich jede Geste wie ein Geheimnis an. Dramatisch verdichtete sich in jedem Moment die Frage, wer hier eigentlich wen beobachtet.

https://theater-hochx.de/veranstaltung/replika/2024-10-19/MEINHARDT & KRAUSS
Ich fühlte mich an Ihren Beitrag zur Veranstaltung in Bad Vilbel „Replik:A – der erste Versuch“ erinnert. Auch da ging es um eine faszinierende Mischung aus Figurentheater, Robotik und KI. Das Stück der Compagnie Meinhardt & Krauss regte in diesem Beitrag zu dem Versuch an, eine Verbindung zu den Forschungen von Prof. Vera King zu finden. Die Professorin für Soziologin und psychoanalytische Sozialpsychologie an der Goethe-Universität setzt sich intensiv mit der Optimierung des Selbst, Digitalisierung und virtuellen Doppelgängern auseinander.
Alexander Whitleys „Mirror“ bringt vier Tänzer*innen des Hessischen Staatsballetts und zwei seiner Company-Performer in einen intensiven Dialog mit ihren virtuellen Abbildern. Whitley nutzt das Verfahren des „Motion Matching“, das mit KI voraufgezeichnete Motion‑Capture‑Daten mischt, sodass leibhaftige und virtuelle Körper in einer Feedbackschleife aufeinandertreffen: Sie prüfen sich, imitieren sich, fordern einander heraus. Mirella Weingartens Bühnen- und Kostümbild, die Mediendesigns von Luca Biada und Alexander MacKinnon sowie die eindringliche Musik von Galya Bisengalieva verleihen dem Ganzen eine dichte, beinahe elektrisierende Atmosphäre.
Die Inszenierung ist inspiriert von Shannon Vallors „The AI Mirror“ (2024). Vallor beschreibt KI als Spiegel der Menschheit. Sie legt unsere Werte, Vorurteile und Machtverhältnisse offen. Diese Idee spürt man auf der Bühne: Die Maschine reflektiert nicht bloß Bewegungen, sie macht unsere Muster sichtbar. Kann KI zu uns Menschen eine emotionale Beziehung aufbauen? Im Saal spürte ich, wie Zuschauer zuweilen genauso zu dem Avatar aufsahen wie zu dem realen Tänzer; eine fragwürdige Nähe, die zugleich fasziniert und mich etwas beunruhigt. Die scheinbare Empathie der Maschine ist wirkungsvoll, doch bleibt sie ein Echo unserer eigenen Körper-Signale.
Ist das eine Zukunftsvision? Teile davon sind bereits Gegenwart: Motion Matching und interaktive Technologien funktionieren; ihre ästhetische Wirkung auf den Zuschauer ist mitreißend. Doch Whitleys Stück richtet den Blick auf das, was jenseits der technischen Faszination liegt: Wenn wir Maschinen mehr vertrauen als unserem Menschlichen gegenüber, verschieben sich soziale Mechanismen. Auf der Bühne wurde sichtbar, wie Vertrauen in Algorithmen das gemeinsame Aushandeln von Moral und Fürsorge verändern kann. Wer übernimmt Verantwortung, wenn das Urteil an eine Maschine delegiert wird? Diese Frage blieb mir nach der Vorstellung im Kopf.
Kann eine Maschine unsere Gefühlswelt spiegeln? „Mirror“ zeigt: Ja, im Sinne von Nachbildung, Verstärkung und Sichtbarmachung. Die KI kann Muster lesen, Mikrogesten aufnehmen und emotionale Resonanz provozieren. Doch echtes Mitgefühl, diese menschliche Mischung aus Empathie, Verantwortung und moralischem Handeln, bleibt bislang unerreicht. Das virtuelle Gegenüber zeigt dem Zuschauer ein Spiegelbild , in dem der Mensch erkennt, was schon in ihm liegt, – unsere Schönheit und unsere Brüche.

Als Teilnehmerin des Seminars „Unter Spiegeln“ empfand ich die Aufführung als lebendige Fortsetzung unserer Diskussionen. Spiegel sind stets geheimnisvoll: Erkenntnis und Täuschung, Selbsterkenntnis und Verzerrung. Whitley verlagert diese Metaphorik ins digitale Zeitalter: Der Spiegel ist jetzt ein datengetriebener Prozess, der Identitäten formt und sichtbar macht. Das Stück erinnerte eindringlich daran, dass Spiegeln niemals neutral ist; es ist ein Akt des Gestaltens, politisch, kulturell, ethisch.

„Mirror“, besprochen auch in der Hessenschau, ist mehr als eine technische Spielerei; es ist eine choreografische Warnung und Einladung zugleich. Die Aufführung riss mich mit, erschütterte mich, ließ mich fasziniert und nachdenklich zurück. Whitley stellt uns unser digitales Spiegelbild vor die Nase und verlangt, dass wir uns entscheiden: Erwidern wir den Blick, prüfen wir die Verantwortung, die wir weiterreichen, oder verstecken wir uns hinter der glänzenden Oberfläche der Technik? Als Zuschauerin forderte mich dieser Abend heraus: Mit welcher Courage und Wachsamkeit wollen wir in eine Zukunft gehen, in der Maschinen unsere Blicke erwidern? (Image by JanBrzezinski from Pixabay)
Mit freundlichen Grüßen
Elisabeth
