Du betrachtest gerade KI-Festival Darmstadt: „Anima mea – Wo bist du, meine Seele?“ Erinnerung an die Frauen von Vardøs

Das Staatstheater Darmstadt zeigt beim KI-Festival das Musiktheaterstück „Anima mea – Wo bist du, meine Seele?“ Wie wird es angekündigt: „Heiligabend 1620. Ein fürchterlicher Wintersturm bricht los. Ein Fischerdorf im hohen Norden Norwegens, alle Männer sind auf See – fast keiner kehrt zurück. Von nun an liegt alles in den Händen der Frauen. Zur selben Zeit komponieren Nonnen in italienischen Klöstern flehende Chorgesänge. Was verbindet diese Welten? Die KI und wir erzählen es Ihnen. Wer findet bessere Geschichten?“ Und welchen Eindruck hat es beim Kulturbotschafter des UniWehrsEL hinterlassen?

Liebe Leser und Leserinnen des UniWehrsEL,

das Musiktheater Anima mea – Wo bist du, meine Seele? am Staatstheater Darmstadt hatte am 14.05.26 Premiere und hat mich tief berührt. Auf ungewohnte Weise verknüpft die Produktion die Schönheit der Musik mit der rauen Wirklichkeit Norwegens (Image by ansgarscheffold from Pixabay) und der stillen Kraft klösterlicher Räume; dabei tritt vor allem eines hervor: weibliche Kraft in vielen Gestalten.

Als die Stimmen des Chores den Raum erfüllten, spürte ich, wie eine leise Erinnerung an längst verlorene Leben und unerhörte Stimmen in mir erwachte. Ein besonderes Gefühl der Verbundenheit mit dem Schicksal der Frauengemeinschaft macht den Abend zu einem einzigartigen Erlebnis. Klangfäden von Anima mea weben Schönheit und Schmerz zusammen: sie erzählen von Frauen, die dem Sturm trotzten, von Nonnen, die hinter rauen Mauern sangen, und von denen, die für diese Stärke mit dem Tod bestraft wurden.

Musikalisch beeindruckt vor allem der Chor: die Stimmen füllen den Raum mit barocker Klangpracht, volkstümlichen Melodien und zeitgenössischer Dichte, ohne die Bilder zu überfrachten. Die Projektionen bleiben dezent; ein Klosterraum, das tosende Meer, das Fischerdorf, und geben den Tönen Raum, ihre ganze Schönheit zu entfalten. So entsteht ein Resonanzraum, in dem Komponistinnen wie Cozzolani, Vizzana oder Cesis neben nordischen Liedern und Kaija Saariahos zeitgenössischem Klangspektrum stehen und ein überraschend stimmiges Ganzes bilden. Die erzählerische Verbindung zwischen den Frauen Vardøs und den Nonnen in Italien ist eine der stärksten Ideen des Abends. Beide Gemeinschaften sind Orte, an denen Frauen trotz widriger Umstände zu Autonomie und künstlerischer Schöpfung finden: die einen, weil sie nach der Katastrophe 1620 das Dorf allein erhalten müssen; die anderen, weil Klöster im Barock seltene Räume weiblicher Bildung und musikalischer Entfaltung boten. Die Inszenierung zeigt, wie Rituale, gemeinsames Singen und solidarisches Handeln das Überleben sichern, – und wie die Angst der Außenwelt, die Misstrauen und Verfolgung gebiert, aus dieser Selbstermächtigung resultiert.

Besonders eindrücklich ist die kleinteilige, fast dokumentarische Verknüpfung über historische Handelswege: der Skrei (Image by art_of_pboesken from Pixabay) als unscheinbarer, aber konkreter Faden, der Norwegen und italienische Klöster miteinander verbindet. Diese Verbindung, – eine Art algorithmisch gefundene Liaison von Alltagsware, Geschichte und Kultur. Mit Hilfe von KI wurden die scheinbar unverbundenen Archive und Geschichten durchsucht und so neue, sinnstiftende Zusammenhänge sichtbar konstruiert. Wie im Musiktheater selbst entstehen so Bedeutungen, die beim ersten Blick nicht offensichtlich waren, aber im Zusammenspiel von Klang, Text und Bild eine starke Wahrheit offenbaren.

Das Schicksal der Frauen von Vardøs soll genannt werden, die infolge von Misstrauen und Verfolgung in den Hexenprozessen hingerichtet wurden. Nach den Verhören, oft unter Folter erzwungen, fanden viele Angeklagte den Tod durch Hinrichtung; die Anschuldigungen, sie hätten mit teuflischer Hilfe das Unglück herbeigeführt, dienten als Vorwand für Gewalt gegen Frauen, die öffentlich und wirtschaftlich unabhängig geworden waren. Diese Brutalität hinterlässt eine klaffende historische Wunde, ein Verlust an Leben, an Stimmen, an Geschichten, die nie vollständig erzählt wurden. Es ist ein Anliegen der Regisseurin Nicola Raab das Schicksal dieser Frauen auf die Bühne zu bringen.

Zum Gedenken an die Opfer der Hexenverfolgung gibt es ein Mahnmal in Vardø. Es wurde gestaltet von Peter Zumthor mit einer Arbeit von Louise Bourgeois. Peter Zumthor gehört mit seinen außergewöhnlichen Geböuden zu den bedeutensten Schweizer Architekten. Louise Bourgoise stellten wir im Kontext von Hans Belmer und Niki des Saint Phalle vor.

Louise Bourgeois (1911–2010) war eine französisch-amerikanische Künstlerin, die vor allem durch ihre Skulpturen, Installationen und ihre intensive Auseinandersetzung mit psychologischen Themen wie Sexualität, Angst, Kindheit und Familie berühmt wurde.

Die Künstler machen diese Wunde sinnlich erfahrbar: der ständig brennende stählerne Stuhl und die vielfachen Spiegel konfrontieren die Besucherinnen und Besucher mit der Möglichkeit, selbst im Zentrum der Anklage zu stehen. Die Installation verweist nicht nur auf individuelle Schicksale, sondern auf die Mechanik sozialer Ausgrenzung: Wer anders handelt oder überlebt, kann zum Projektionsfeld kollektiver Ängste werden; 1620 waren es vor allem Juden und Frauen. Das Mahnmal ist eine Erinnerung an das Schicksal dieser Dorfgemeinschaft. Eine eindringliche Erinnerung daran, dass jede*r zur „Hexe“ werden kann, wenn Angst, Neid oder Vorurteil die Deutungshoheit übernehmen.

Aus der Perspektive des Seminars „Unter Spiegeln“ lässt sich Anima mea als szenische Spiegelung verstehen: Spiegelungen, die nicht bloß Abbilder erzeugen, sondern Beziehungen herstellen. Die Zumthor‑/Bourgeois‑Installation in Vardø, die im Text erwähnt wird, arbeitet mit Spiegeln als Metapher dafür, wie Gesellschaften andere zum „Anderen“ machen können; ein Prozess, den die Produktion musikalisch und szenisch nachzeichnet.

Die Inszenierung spiegelt die Parallelitäten: Isolation und Gemeinschaft, Verdächtigung und Kreativität, raues Außen und geschützte Innenräume. Sie zeigt, wie Bilder und Stimmen einander reflektieren und so verborgene Verwandtschaften zwischen entfernten Welten enthüllen. Anima mea ist ein exemplarisches Lehrstück dafür, wie Musiktheater historische Fragmente, kollektive Erlebnisse und moderne Recherchemethoden (auch mit Hilfe von KI – Image by geralt from Pixabay) zu einer poetischen Erzählung verschmilzt. Es ist ein Plädoyer für die Kraft kollektiven Singens, für die Schönheit der Musik als Form der Erinnerung und für die Kreativität von weiblicher Gemeinschaften, die sich gegen Widrigkeiten behaupten.

Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:17. Mai 2026
  • Lesedauer:5 Min. Lesezeit