Du betrachtest gerade „Gebrochene Identität. Das Spiegelsymbol bei Hermann Hesse“ – Helga Esselborn-Krumbiegel

In Hermann Hesses Romanen fungieren die Begegnungen mit anderen Charakteren als innere Spiegel, die den Protagonisten ihre verborgenen oder verdrängten Seelenanteile vor Augen führen. Ob im „Magischen Theater“, durch Demians Blick oder im Austausch zwischen Narziß und Goldmund – das Gegenüber dient stets dazu, die eigene Identität zu erkennen und die Zerrissenheit des Ichs zu überwinden. Allerdings unterscheidet sich diese Selbsterkenntnis in den Romanen Narziß und Goldmund, indem die Spiegelung in Geist vs. Natur gründet, im Steppenwolf, der die  Spiegelung der tausend Seelenanteile beschreibt und in Demian, der sich als Spiegelung des inneren Schicksalsweges lesen lässt. Um die Spiegelungen näher betrachten zu können, gibt es eine kurze Inhaltsangabe der drei Romane von Hesse und im Anschluss die zusammengefassten Kernaussagen von Helga Esselborn-Krumbiegel.

In Hermann Hesses Roman Narziß und Goldmund (1930) geht es um den lebenslangen Kontrast zwischen Geist und Sinnenwelt, verkörpert durch die Freundschaft zweier gegensätzlicher Männer im Mittelalter. Die Protagonisten sind Narziß, ein asketischer Gelehrter und Mönch, der für das Geistige, die Logik und die göttliche Ordnung steht und Goldmund, ein gefühlvoller Abenteurer und Künstler, der die Welt durch Sinne, Frauen und die Kunst erforscht. (Bild https://pixabay.com/de/images/search/kloster/)

Die beiden lernen sich im Kloster Mariabronn kennen. Narziß erkennt, dass Goldmund nicht für das Klosterleben bestimmt ist, und hilft ihm, seine verdrängte Muttererinnerung wiederzufinden.Goldmund verlässt das Kloster und zieht jahrelang als Vagabund umher. Er erlebt zahlreiche Liebschaften, Hunger, die Pest und den Tod. Er wird Schüler des Bildhauers Meister Niklaus und erkennt, dass die Kunst der einzige Weg ist, die vergängliche Sinnenwelt zu verewigen.Nach Jahren im Kerker wird er von Narziß (inzwischen Abt) gerettet. Goldmund kehrt als Künstler ins Kloster zurück, stirbt aber schließlich nach einem letzten Ausbruchsversuch. Sein Tod lehrt Narziß, dass auch die Liebe und das Leid notwendige Wege zur Erkenntnis sind.

In Hermann Hesses Roman Der Steppenwolf (1927) geht es um die tiefe Identitätskrise des 50-jährigen Intellektuellen Harry Haller, der an der Zerrissenheit seiner Persönlichkeit leidet. (Bild von hansbenn auf Pixabay)

Haller glaubt, zwei Seelen in sich zu tragen: einen Menschen (bürgerlich, geistig, kultiviert) und einen Steppenwolf (wild, einsam, triebhaft, gesellschaftskritisch). Er verzweifelt an der Oberflächlichkeit der modernen Gesellschaft und der heraufziehenden Kriegsgefahr.

Haller erhält ein mysteriöses Heft („Traktat vom Steppenwolf“), das ihm seine eigene psychische Situation spiegelt und erklärt, dass die menschliche Seele nicht aus zwei, sondern aus tausenden Anteilen besteht. In einer Kneipe trifft er die lebenslustige Hermine. Sie wird seine Lehrmeisterin: Sie lehrt ihn Tanzen, Lachen und das Genießen des Augenblicks, um ihn aus seiner Erstarrung zu lösen. Er lernt den Saxophonisten Pablo (Sinnbild für die Musik ohne Intellektualismus) und die Kurtisane Maria kennen, durch die er körperliche Sinnlichkeit erfährt. Der Höhepunkt findet in einem surrealen „Theater“ statt. In verschiedenen Logen durchlebt Haller Visionen seiner selbst. Am Ende ersticht er (symbolisch) Hermine aus Eifersucht.]

In Hermann Hesses Bildungsroman Demian (1919) geht es um die schmerzhafte Selbstfindung des jungen Emil Sinclair, der sich aus einer behüteten Welt löst, um zu seiner eigenen Wahrheit zu finden. Sinclair unterscheidet zwischen der „hellen Welt“ (Elternhaus, Moral, Ordnung) und der „dunklen Welt“ (Triebe, Gewalt, Wirklichkeit). Abraxas verkörpert eine Gottheit, die das Göttliche und das Teuflische in sich vereint und Sinclairs Weg zur Ganzheit symbolisiert.

Der junge Sinclair verstrickt sich durch eine Lüge gegenüber dem Pöbler Franz Kromer in die „dunkle Welt“ und wird erpresst. Ein älterer, charismatischer Mitschüler namens Max Demian taucht auf. Er befreit Sinclair von Kromer und lehrt ihn eine neue Sicht auf die Bibel (z. B. die Kain-Erzählung als Zeichen von Stärke, nicht von Schuld). Während seiner Studienzeit verliert sich Sinclair zunächst in Ausschweifungen, findet aber durch den Orgelspieler Pistorius und Briefe von Demian zurück zu seinem inneren Weg. Sinclair trifft Demians Mutter, Frau Eva. Sie wird für ihn zur idealen Verkörperung des mütterlichen und zugleich göttlichen Prinzips. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs werden Sinclair und Demian eingezogen. Schwer verwundet erkennt Sinclair am Ende, dass Demian ein Teil seines eigenen Inneren geworden ist („Der Doppelgänger“).

Zum Motiv des Doppelgängers können Sie auch unseren Beitrag Psychologie Hamnet lesen, der sich mit Spiegelung im Kontext von Freud und C. G. Jung beschäftigt.


Helga Esselborn-Krumbiegel ist eine renommierte Hesse-Expertin und Herausgeberin der Hommage Inspiration Hermann Hesse. Ihr Text erschien unter anderem im Hermann-Hesse-Jahrbuch Band 13.

In ihrem Essay Gebrochene Identität. Das Spiegelsymbol bei Hermann Hesse“ analysiert Helga Esselborn-Krumbiegel den Spiegel als zentrales Motiv für die Auflösung des Individuums. Als Kernpunkte ihrer Analyse definiert sie den Spiegel als Symbol der Desintegration: Der Spiegel zeigt nicht ein einheitliches Ich, sondern macht die „gebrochene Identität“ der Charaktere sichtbar. Esselborn-Krumbiegel beschreibt, wie das Spiegelsymbol von einem religiösen Sinnbild (18. Jh.) zu einem Gleichnis für die Künstlerseele wurde. Am Beispiel des Steppenwolf zeigt sie, dass Figuren wie Hermine als Spiegel für Harry Haller fungieren; er erkennt in ihr Teile seiner selbst. Der Spiegel (besonders im „Magischen Theater“) dient dazu, die starre Persönlichkeit in unzählige Teil-Ichs zu zerlegen.

In unserem Seminar „Unter Spiegeln“ interessiert uns ihre Deutung des Spiegelsymbols im Magischen Theater und in der Beziehung zwischen Narziß und Goldmund. Helga Esselborn-Krumbiegel nutzt Jacques Lacans Theorie des Spiegelstadiums (1949), um die psychologische Tiefe von Hesses Figuren zu erklären.

Die Anwendung von Lacan auf Hesse

  • Konstruktion des Ichs: Nach Lacan erkennt ein Kleinkind im Spiegel erstmals eine (scheinbare) Einheit seines Körpers, was die Basis für das „Ich“ bildet. Esselborn-Krumbiegel zeigt, dass Hesses Protagonisten diesen Prozess oft schmerzhaft rückgängig machen oder hinterfragen.
  • Identifikation mit dem Anderen: Sie wendet Lacans Konzept auf Figurenkonstellationen an, in denen eine Figur zur „Imago“ (einem Idealbild) für die andere wird.
    • In Demian blickt Sinclair am Ende in den Spiegel und sieht nicht sich selbst, sondern das Bild Demians. Esselborn-Krumbiegel deutet dies als lacanianische Identifizierung: Das Subjekt findet seine Identität erst im Bild eines „Anderen“.
  • Das Imaginäre und das Reale: Sie nutzt Lacans Unterscheidung zwischen dem Imaginären (der Welt der Bilder und Spiegelungen) und dem Realen, um zu erklären, warum Hesses Figuren oft an ihren eigenen Selbstbildern leiden oder scheitern.
  • Zerstückelter Körper: Lacan spricht vom „corps morcelé“ (zerstückelten Körper) vor dem Spiegelstadium. Esselborn-Krumbiegel sieht eine Parallele zur „Zerschlagung“ des Ichs im Steppenwolf: Das starre Ich muss erst in seine Fragmente zerfallen, bevor eine neue Form der Selbsterkenntnis möglich ist.

Ihr Kernargument ist dabei: Der Spiegel bei Hesse sei kein Instrument der einfachen Eitelkeit, sondern ein Medium für den Eintritt in die symbolische Ordnung und die Konfrontation mit der eigenen Entfremdung. Diese Theorie wendet sie speziell auf die Figur des Harry Haller im Magischen Theater an. Im „Magischen Theater“ des Steppenwolf gipfelt die lacanianische Deutung von Esselborn-Krumbiegel in der totalen Dekomposition des Subjekts. Hier sind die zentralen Punkte ihrer Analyse zu Harry Haller:

Die Zerschlagung des Spiegelbildes

  • Vom Einen zum Vielen: Haller tritt vor einen großen Spiegel und sieht zunächst sein gewohntes, leidendes Ich. Doch das Spiegelbild „zerfällt“ in unzählige Harrys – alte, junge, elegante und wilde.
  • Lacan-Bezug: Während das Kind bei Lacan im Spiegel eine (fiktive) Einheit gewinnt, wird dieser Prozess bei Haller umgekehrt. Esselborn-Krumbiegel deutet dies als notwendige Zerstörung der Ich-Illusion, um die Vielgestaltigkeit der Seele zu akzeptieren.

Hermine als der „Andere“ (Lacan’s Petit Objet a)

  • Spiegelung des Begehrens: Hermine fungiert für Haller als ein Spiegelkabinett. Sie sagt ihm direkt: „Ich bin dein Spiegel.“
  • Identifikation: Esselborn-Krumbiegel betont, dass Haller in Hermine (die ihm auch optisch als Jüngling gleicht) sein eigenes ungelebtes Leben und seine weibliche Seite sieht. Dies entspricht Lacans Theorie, dass das Ich sich nur über das Bild eines Gegenübers konstituieren kann.

Das Scheitern am Ideal interpretiert Esselborn-Krumbiegel am Beispiel der Mord im Spiegel: Am Ende ersticht Haller die Spiegelung Hermines. Deutung: Esselborn-Krumbiegel sieht darin den Versuch, die Abhängigkeit vom Spiegelbild (der Imago) gewaltsam zu lösen. Da er aber nur ein Bild tötet, bleibt er in der Welt des „Imaginären“ gefangen und muss das Spiel (das Leben) erneut lernen. Für Esselborn-Krumbiegel ist das Magische Theater ein psychoanalytischer Experimentierraum. Der Spiegel ist hier kein Glas, sondern eine Falle und Befreiung zugleich: Er zwingt Haller dazu, die „Einheit der Person“ als bürgerliche Lüge zu entlarven.

In ihrer Analyse verbindet Esselborn-Krumbiegel Lacans Struktur zudem mit der Analytischen Psychologie von C.G. Jung. Während Lacan das Scheitern der Identität betont, nutzt sie Jung, um den Weg zur Heilung (Individuation) zu beschreiben. C. G. Jung finden Sie auch in unserem Beitrag zu „Der Sandmann von E. T. A. Hoffmann)

Die Jung’sche Deutung des Spiegels

  • Der Spiegel als Schatten-Begegnung: Für Esselborn-Krumbiegel sind die Spiegelungen bei Hesse (wie Hermine für Haller) oft Projektionen des Schattens. Das Subjekt sieht im Außen, was es im Inneren verdrängt hat.
  • Anima-Projektion: Sie deutet Frauenfiguren wie Hermine oder Kamala als Anima-Spiegelungen. Der männliche Protagonist blickt in das Gesicht der Frau und erkennt darin seine eigene, unbewusste weibliche Seelenhälfte.
  • Der Prozess der Individuation: Der Spiegel ist das Werkzeug zur Selbstwerdung. Erst wenn die Figur erkennt, dass das Gegenüber ein Teil von ihr selbst ist (Integration), kann sie laut Esselborn-Krumbiegel die nächste Stufe der Reife erreichen.

Vergleich: Lacan vs. Jung bei Esselborn-Krumbiegel

AspektLacan-Sicht (Struktur)Jung-Sicht (Inhalt)
Der Spiegel zeigt…eine fiktive Einheit/Illusionverdrängte Archetypen (Schatten/Anima)
Das ZielErkenntnis der EntfremdungIntegration und Ganzwerdung (Selbst)
WirkungZerfall des IchsErweiterung des Bewusstseins

Esselborn-Krumbiegel betont, dass Hesse beide Welten verbindet. Der Spiegel im Steppenwolf ist einerseits ein Lacan’sches Labyrinth, in dem das Ich zerbricht, und andererseits ein Jung’scher Reifungsprozess, der zur Entdeckung des „Über-Ichs“ oder „Selbst“ führt. Esselborn-Krumbiegel beschreibt die Anima bei Hesse nicht als reale Frau, sondern als inneren Seelenspiegel des Mannes. Der Spiegel dient hier als Medium, um diese unbewusste Seite sichtbar zu machen.

Die Anima-Spiegelung nach Esselborn-Krumbiegel: Die männlichen Helden (Haller, Sinclair, Goldmund) sind zunächst unfähig, ihre eigene Gefühlswelt zu sehen. Sie „projizieren“ ihre Anima auf Frauenfiguren.Sie sieht Haller so ähnlich, dass sie wie sein weiblicher Doppelgänger wirkt. Im Steppenwolf ist Hermine die perfekte Anima-Projektion. n Demian ist Frau Eva die kollektive Anima. Sie ist der Spiegel, in dem Sinclair seine Bestimmung und seinen Ursprung erkennt. Sie bleibt dabei fast statisch – ein reines Bild. Esselborn-Krumbiegel betont, dass Haller in ihr sein „anderes Gesicht“ erkennt.

Funktion im Individuationsprozess: Der Held muss lernen, dass die „geliebte Frau“ kein fremdes Wesen ist, sondern ein Teil seiner eigenen Psyche.Esselborn-Krumbiegel warnt (mit Jung), dass das Verharren im Spiegelbild (der bloßen Projektion) zum Stillstand führt. Der Held muss das Bild „einatmen“ oder integrieren, um ganz zu werden. Die Anima-Spiegelung steht oft an der Schwelle zum Unbewussten. Wer in den Spiegel blickt und die Anima erkennt, betritt das „Reich der Mütter“ oder das Magische Theater.

Der Spiegel als Grenze: Für Esselborn-Krumbiegel ist die Anima bei Hesse der „Spiegel der Seele“. Ohne diese Spiegelung bliebe der Held ein einseitiger, verstandesgetriebener „Geistesmensch“ ohne Zugang zu seiner Ganzheit. Dieser Prozess der Anima-Integration wird im Ende von „Narziß und Goldmund“ verdeutlicht.

In „Narziß und Goldmund“ sieht Esselborn-Krumbiegel die Anima-Thematik in der Figur der „Urmutter“ vollendet. Der Spiegel ist hier kein Glasobjekt, sondern das künstlerische Werk und das Gesicht der Mutter.Goldmund hat das Bild seiner Mutter (seine Anima) verdrängt. Narziß fungiert als erster „Spiegel“, der ihm dieses Bild wieder ins Bewusstsein ruft. Sein gesamtes künstlerisches Schaffen ist der Versuch, das Gesicht der Urmutter zu gestalten. Dieses Bild ist für ihn der Spiegel, in dem sich Lust und Leid, Geburt und Tod vereinen. Anders als Haller, der im Spiegel zerbricht, findet Goldmund durch die Arbeit an seiner Holzfigur (der Mutter-Anima) eine Form der Ganzwerdung. Das Werk spiegelt ihm seine eigene Reife wider. Der Tod als letzte Spiegelung symbolisiert die Rückkehr zum Ursprung: Am Ende erkennt Goldmund, dass er die Statue der Mutter nicht mehr vollenden kann, weil er selbst zu ihr wird. Esselborn-Krumbiegel deutet Goldmunds Sterben als endgültiges Aufgehen im Anima-Bild. Der „Spiegel“ zwischen Ich und Welt löst sich auf.

Während der Spiegel im Steppenwolf die Zerstörung der Identität zeigt (Lacan), zeigt er in Narziß und Goldmund die Erlösung durch die Rückkehr zur mütterlichen Ur-Anima (Jung). In ihrem Essay „Gebrochene Identität“ bezieht sich Esselborn-Krumbiegel besonders auf die Szene, in der Goldmund erkennt, dass sein künstlerisches Schaffen eigentlich ein Wiederfinden des Mutterbildes im eigenen Inneren ist. Goldmund erkennt durch Narziß’ Hilfe, dass er seine Mutter nicht vergessen, sondern nur tief vergraben hat. Dieses Bild wird zum „inneren Spiegel“, an dem er alle seine Erfahrungen misst. Das Ich findet nicht zu sich selbst, indem es sich isoliert, sondern indem es sich im Bild der (Ur-)Mutter verliert und dadurch erst die wahre Gestalt gewinnt. Ohne den „Mutter-Spiegel“ bleibt der Mensch laut Esselborn-Krumbiegel fragmentarisch und kann nicht sterben, da ihm die Rückkehr in die Ganzheit verwehrt bleibt. (Bild von WikimediaImages auf Pixabay)

 Quellen:

Gebrochene Identität. Das Spiegelsymbol bei Hermann Hesse
Die Funktion der Polaritätsfiguren in Demian (Bezugnahme auf Esselborn-Krumbiegel und Lacan)