Du betrachtest gerade Kritik zur Komödie: „Zeit ist Geld – Jetzt oder nie!“ (Ruth Tomas & Lars Büchel); Gedanken zu Altersarmut, Eskapismus, Bühne als Vorbild

Drei alte Damen wollen ihren letzten großen Traum verwirklichen: Eine gemeinsame Seereise. Das lange hierfür gesparte Geld wird gestohlen und alles scheint verloren. Da scheint ein Banküberfall die richtige Lösung. Als Komödie angekündigt sollte es ein lustiger Abend werden. Aber dem Kulturbotschafter des UniWehrsEL ist beim Zusehen von „Zeit ist Geld – Jetzt oder nie!“ das Lachen im Halse stecken geblieben, wenn er fragt: „Altersarmut alles halb so schlimm? Wenn die Moneten fehlen muss Frau eben stehlen oder feiert diese ‚Komödie‘ unsere Unsolidarität und macht Altersarmut zur Lachnummer?  

Liebe Leser und Leserinnen des UniWehrsEL,

Mit moralischer Erschütterung verließ ich das Kurtheater Bad Kissingen und die Vorstellung Zeit ist Geld und sofort fragte ich mich: Ist das lustig oder böse und unsolidarisch? Til Schweigers Verfilmung der Vorlage und der hier gezeigte Bühnenabend eint ein umstrittener Humor, der oft unrealistische Szenarien entwirft, Probleme nur anreißt und nicht löst; die Witze bleiben flach und der Vorwurf des Eskapismus liegt nahe.

Drei verwitwete Rentnerinnen, die aus rein finanzieller Not immer neue, teils kriminelle Wege gehen müssen, um sich eine Kreuzfahrt zu ermöglichen, sind ein bedrückendes Szenario jener Realität, die Friedrich Merz mit der Bemerkung im April 2026 umrissen hat, die gesetzliche Rente sei allenfalls noch Basissicherung und reiche oft nicht mehr, um den Lebensunterhalt zu sichern, sodass stärkere private Altersvorsorge notwendig erscheine. Das Stück illustriert diese gesellschaftliche Misere eindrücklich, behandelt sie aber vorwiegend als Anlass für Klamauk und vergnügliche Einfälle statt als Aufruf zu politischem Handeln oder sozialer Solidarität. (Image by ASSY from Pixabay)

Das Stück berührt darüber hinaus eine zentrale philosophische Frage, welche die Studierenden im Seminar Krise und Hoffnung – Überlebenskunst in bewegten Zeiten diskutieren könnten:

Wer bin ich, wenn mir meine ökonomischen Lebensgrundlagen entzogen sind?

Identität und Selbstachtung leben vom sozialen Spiegel und von Handlungsmöglichkeiten; wenn diese fehlen, reagieren Menschen unterschiedlich — mit Resignation, mit kreativem Widerstand, oder eben mit Eskapismus. Die drei Frauen wählen letzteres: Sie inszenieren sich neu, spielen Rollen, erfinden identitätsstiftende Abenteuer. Das ist einerseits bewundernswert, weil es Lebenskunst demonstriert; andererseits bleibt offen, ob solche Individuallösungen die eigentlichen Krisen wirklich verarbeiten oder nur für kurze Heiterkeit beim Zuschauer sorgen. Hier sei ein Verweis auf das Stück Nein zum Geld – Jetzt oder nie angebracht.

Die Bühne zeigt drei Frauen, die sich nichts sehnlicher wünschen als ein letztes großes Abenteuer: eine Kreuzfahrt (wie in unserem Beitrag Mehr vom Meer) bei praller Sonne und bunten Cocktails.

Meta, Lilli und Carla sind dabei mehr als nur komische Figuren; sie stehen für eine zentrale Fragestellung des Seminars zu Krise und Hoffnung und der Kunst des Überlebens gerade in schwierigen Zeiten:

Wie viel Lebensqualität lässt sich mit Geld kaufen — und wie gelingt ein ‚gutes Leben‘, wenn die finanziellen Voraussetzungen nicht gegeben sind?

Die Regie von Krystyn Tuschhoff führt das Stück temporeich und mit deutlichem Hang zur Komik; viele Szenenwechsel und slapstickhafte Einfälle tragen die Inszenierung, doch gerade dieser Stil lässt die Figuren oft holzschnittartig erscheinen. Beate Kiupel als Lilli, Meike Meiners als Meta und Verena Peters als Carla werden dem Publikum in schnellen, klischeehaften Zügen vorgestellt: Lilli als die zickige Mittlere, Meta mit der Angst vor einem unkontrollierten, plötzlichen Tod und Carla als die Sterbende, deren Diagnose beim Arzt — Krebs mit nur noch wenigen Monaten Lebenszeit – ihren Wunsch, noch einmal auf die ersehnte Kreuzfahrt zu gehen, – dramatisch beschleunigt.

In der inhaltlichen Verdichtung wirkt die Drehung zur Kriminalkomödie wie ein Wendepunkt: Das heimliche Klauen im Supermarkt wird zunächst als vermeintliches Kavaliersdelikt inszeniert, ein listiger Trick, um Geld für die Reise zusammenzukratzen. Doch die anschließende moralische Verwischung, wenn die gestohlenen Waren — von Zigaretten bis Alkohol — im Seniorenheim weiterverkauft werden, wirft ernsthafte Fragen auf. Hier gerät Komik in Konflikt mit Verantwortung: Beschleunigt der Weiterverkauf von Suchtmitteln womöglich den Tod mancher Heimbewohner? Werden Regeln und Fürsorge missachtet, weil die Protagonistinnen in ihrer eigenen Not gefangen sind?

Die Komik lebt davon, gesellschaftliche Rollen zu überzeichnen: Die alleinerziehende Mittvierzigerin, die zwei Kinder großzieht, in einem maroden Haus lebt und dem Nervenzusammenbruch nahe ist, empfindet die alte Mutter Lilli zunächst als zusätzliche Belastung. Und doch ist die rüstige Seniorin ihr Ruhepol; sie lässt die Mutter ohne Miete bei sich wohnen. Das wäre ein Stoff für Solidarität, würde nicht zugleich ein anderer klischeehafter Sohn die Mutter Carla überreden, das Haus auf ihn zu überschreiben und jetzt Miete zu verlangen; er ist als böser Kapitalist gezeichnet. Die Seniorenbetreuerin erscheint mannstoll und vernachlässigt ihre Fürsorgepflichten. Ein Banker mittleren Alters schließlich demonstriert arrogantes Verhalten: Er nimmt das ergaunerte Geld an und vergisst es zu buchen, weil just in diesem Moment ein Banküberfall stattfindet; ein Musterbeispiel für moralischen Leichtsinn in Machtpositionen.

Die drei Heldinnen setzen nach dem ersten Verlust der Ersparnisse zum Gegenangriff an (Image by stux from Pixabay): Anstatt die Lage solidarisch zu lösen, planen sie selbst einen Banküberfall, um das Geld umzuverteilen und dem arroganten Bankangestellten eine Lehre zu erteilen. Dieses Verhalten ist weder solidarisch noch verantwortungsvoll; es belohnt List und Egoismus und spielt Generationen gegeneinander aus. Die Komödie zeichnet die „coolen Senioren“ gegen genervte Mittvierziger und ordnungshütende Erwerbstätige aus; eine Gegenüberstellung, die Verbindung unmöglich macht und Polarisierung befördert. Ein Konflikt wird hier in Szene gesetzt. Ein Wir gegen die Anderen.

Der Film aus dem Jahr 2000 skizzierte bereits einen Generationenkonflikt. Betrachtet aus dem Jahr 2026 zeigt wie ein frühes kulturelles Lehrstück wirkt: Wenn ‚Trickreichsein‘ belohnt wird und unsoziales Verhalten als akzeptabel dargestellt wird, stellt sich die Frage:

Tragen solche Erzählungen zur Verinnerlichung egoistischer Normen bei?

Besonders problematisch ist die Zuspitzung auf stereotype Konflikte zwischen Generationen: Die „coolen Senioren“, die sich mit List und Frechheit ihre Träume erkaufen wollen, werden in Gegensatz zu genervten Mittvierzigern und dummen Vertretern der Ordnung (ermittelnde Polizisten) gesetzt. Statt Brücken zwischen den Altersgruppen zu bauen, nutzt die Komödie die Generationenkluft als komödiantisches Instrument — das Ältere gegen das Erwerbsfähige ausgespielt wird. Diese Gegenüberstellung verpasst eine Chance: Wo Verbindung und Solidarität denkbar wären, entsteht eine Polarisierung, die soziale Spannungen eher bestätigt als überwindet.

Psychologisch lassen sich aus dem Verhalten der Figuren mehrere Schlüsse ziehen. Carla handelt aus existenzieller Verzweiflung: Konfrontiert mit der Endlichkeit beschleunigt die Aussicht auf Tod ihre Suche nach Sinn und ästhetischen Erfahrungen — die Kreuzfahrt wird zur letzten Möglichkeit, Autonomie und Lebensfreude zu behaupten. Meta zeigt die Angst vor Kontrollverlust: Ihr Verhalten ist präventiv, versucht, das Unvorhersehbare durch Planung und Handlung zu kompensieren. Lilli, in der Mitte, fungiert als Bindeglied, das zwischen Fürsorge und Egoismus pendelt. Das kollektive Abgleiten in Kriminalität kann als maladaptive Bewältigungsstrategie gelesen werden: Wenn institutionelle Sicherungen fehlen oder als ungerecht erlebt werden, neigen Menschen dazu, Regeln zu brechen, um symbolische Gerechtigkeit herzustellen.

Dass die drei Frauen im Gefängnis landen und die Kreuzfahrt damit endgültig scheitert, ist die moralische Kehrseite dieser Lesart: Nicht das Geld, sondern tausend Flausen im Kopf bleiben. (Image by OpenClipart-Vectors from Pixabay)

Das Ende zeichnet eine Art letzte, satirische Geste: Die todkranke Carla — Verena Peters — wird nach dem Absitzen der Haftstrafen ihrer beiden Freundinnen in einer symbolischen Handlung in der Urne auf einen Bootsausflug mitgenommen. Diese Geste ist weniger Versöhnung als sentimentale Kompensation; das Skript von Ruth Thoma und Lars Büchel löst nicht gesellschaftliche Probleme wie Altersarmut wirklich, es spaltet: Es nutzt Komik, um soziale Konflikte zu dramatisieren, ohne konstruktive Lösungen anzubieten. Wenn schon im Jahr 2000 unsoziales, regelbrechendes Verhalten narrative Zustimmung findet, ist die Frage berechtigt, ob die Gesellschaft das als Modell übernommen hat — und ob die heutige Selbstbezogenheit des Einzelnen nicht auch eine kulturelle Folge solcher Filmvorlagen aus 2000 ist.

Der angedeutete Konflikt zwischen „Boomern“ und „Gen Z“ zieht sich wie ein stiller Riss durch die Inszenierung und sollte nicht als bloßer Klamauk abgetan werden. Die Komödie konstruiert ein Bild, in dem ältere Figuren als „cool“, listig und empfänglich für Abenteuer gezeichnet werden, während die mittleren Generationen — repräsentiert durch genervte Alleinerziehende, opportunistische Söhne und arrogante Banker — als pragmatisch egoistisch, überfordert oder kalt erscheinen. Gen Z tritt hier zwar nicht als eigene Figuren in Erscheinung, doch die Erzählstruktur reproduziert das Muster, das heute oft in Zeitungen als Generationenkonflikt zwischen traditionellen, wohlstandserhaltenden Boomern und einer jüngeren, sozialkritischen oder desillusionierten Gen Z aufgezeigt wird: Die Älteren werden romantisiert, die Erwerbstätigen dämonisiert. Für gegenseitige Hilfe und Verständnis zwischen den Generationen findet sich kein Platz.

Diese Ambivalenz macht die Figuren nicht nur zu komischen Typen, sondern auch zu tragischen Gestalten. Verena Peters’ Carla handelt aus der unmittelbaren Existenzangst einer Sterbenden; Meike Meiners’ Meta lebt mit der ständigen Furcht vor einem plötzlichen Ende; Beate Kiupel als Lilli steht zwischen diesen Polen und verkörpert das Ringen um Normalität und Verantwortungsbewusstsein. Dass die Figuren dennoch oft skizzenhaft bleiben — mehr Symbol als voll ausgearbeitete Menschen — schwächt die emotionale Bindung, gerade wenn es um das Thema Tod geht. Die Inszenierung stellt damit unausgesprochene, aber drängende Fragen:

Wozu gibt es Regeln in einer Gemeinschaft, wenn individuelle Not sie ad absurdum führt? Wann hört Verständnis auf und wann beginnt das gefährliche Übergehen von Fürsorgepflichten? Und ist es vertretbar, dass eine Komödie Altersarmut, Krankheit und Tod zur bloßen Folie macht, anstatt Wege zu solidarischem Handeln und echten Lösungen sichtbar zu machen?

Tuschhoffs Regieführung liefert Szenen voller Witz und Energie, doch gerade bei der Behandlung des Todes und der ethischen Grenze zwischen Notwehr und kriminellem Handeln bleibt die Aufführung oft unverbindlich.

Die Inszenierung spielt geschickt mit Slapstick und komödiantischen Einfällen, doch gerade dadurch bleibt die ersehnte emotionale Tiefe oft an der Oberfläche. Das ist schade, weil die Filmvorlage zentrale, existenzielle Fragen verhandelt: Selbstbestimmung im Alter, die Bedeutung von Freundschaft, und was ein lebenswertes Leben ausmacht. Diese Fragen gehören zur (Über-)Lebenskunst: sie zwingen uns, Prioritäten zu setzen, kreativ zu werden und den Mut zu haben, gegen Einschränkungen anzukämpfen — ohne den Blick für die moralischen Konsequenzen zu verlieren.

Eskapismus tritt hier in zwei Formen auf. Einerseits der harmlose, lebensbejahende Fluchtversuch: die Vision von Sonne, Tanz und Ferien, die den Frauen ermöglicht, für einen Moment dem tristen Alltag zu entfliehen. Andererseits zeigt sich Eskapismus als problematische Ausweichstrategie, wenn er in Betrug und Kriminalität mündet. Der Weg, den Meta, Lilli und Carla wählen — erst kleinkriminelle Tricks, dann sogar ein Banküberfall — offenbart, wie Verzweiflung existenzielle Sehnsüchte korrumpieren kann. Das Stück stellt damit auch die Frage, ob gesellschaftliche Strukturen, die Altersarmut begünstigen, nicht selbst Eskapismus provozieren, weil sie legitime Wege zu einem würdigen Alter versperren.

Eskapismus oder Weltflucht beschrieb der DLF im Kontext der Filme „The Good Night“ (Komödie über eine männliche midlife crises) und „Into the Wild“ (sein Geld spenden und sich auf die Suche nach dem Selbst begeben). (Image by BedexpStock from Pixabay)

Zitiert wird der norwegische Psychologe Frode Stenseng und seine Unterscheidung dieser Weltflucht. Einmal in eine negative „Selbst-Unterdrückung“ – der Mensch flieht vor unangenehmen Gedanken und Gefühlen im Zusammenhang mit veränderten Lebensbedingungen – wie die drei alten Damen es gerne tun würden. Oder in der positiven Form der „Selbst-Erweiterung“ entdeckt der Mensch in sich selbst etwas Neues. Soll dies, im Beispiel der alten Damen, der neue Hang zur Kriminalität im Alter sein?

Die Freude im Leben, so eine wesentliche Erkenntnis, erwächst aus menschlichen Beziehungen, aber sie liegt auch in allen Dingen, die wir fähig sind zu erfahren. Die Menschen müssen nur in der Lage sein, ihre Sichtweise auf diese Dinge zu verändern. Das klingt idealistisch, trifft aber auf das, was Ernst Bloch meint zu, wenn er in seinem Hauptwerk. „Das Prinzip Hoffnung“ schreibt „Hier zeichnet sich ein größeres Bild in die Luft, ein wünschend überlegtes“. Damit meinte der Philosoph, ein Mensch, der Weltflucht begehe, könne zwar aus der Warte einer technologisch-rationalen Gesellschaft als „unreif“ erscheinen, aber zugleich einen Impuls zum radikalen gesellschaftlichen Wandel geben. Alles sei von Bedeutung, was die „Feuersäule der Utopie“ vorm Erlöschen bewahre.

Was man selbst tun kann, um das Prinzip Hoffnung im Alltagsleben umzusetzen, beschrieben wir im gleichlautenden Beitrag und lieferten dazu auch eine einprägsame Geschichte rund um einen angeketteten Elefanten.

Mein Fazit

Die theatralische Umsetzung punktet mit temporeichem Spiel, komischen Regieideen und einem starken Ensemble, das besonders in den Nebenrollen glänzt. Gerade die komischen Szenen (etwa das Abspielen des Überwachungsvideos als Live-Slapstick) wirken befreiend und unterhaltsam. Dennoch bleibt das Gefühl, dass der nötige emotionale Zugang zu den Figuren nicht immer gelingt; und damit ein wichtiges Element der Lebenskunst-Debatte: Empathie und Verständnis für die Nöte älterer Menschen.

Die Folge ist eine zweifache Wirkung: Kurzfristig erzeugt das Lachen Nähe und Identifikation mit den Protagonistinnen; langfristig aber kann die Wiederholung solcher Erzählungen kulturell dazu beitragen, dass egoistisches Verhalten als clever und legitim erscheint, während strukturelle Reformen marginalisiert werden.

Gerade im Seminar zur Überlebenskunst in bewegten Zeiten ließe sich daraus eine Lehre ziehen: Anstelle von Polarisierung braucht es narrative Formen, die Verbindung ermöglichen – Geschichten, in denen Solidarität über Generationen hinweg denkbar und praktisch wird. Theater könnte Brücken bauen, indem es nicht nur Unterschiedlichkeiten betont, sondern auch gemeinsame Verletzlichkeiten und Interessen sichtbar macht. Andernfalls liefert die Komödie ein frühes, ambivalentes Beispiel dafür, wie Filme gesellschaftliche Normen prägen: Wenn im Jahr 2000 listiges Regelbrechen noch als amüsante Lösung präsentiert wurde, fragt sich der Zuschauer heute, ob die 2026 sichtbare gesellschaftliche Selbstbezogenheit nicht auch filmisch vorgeprägt wurde.

Liebe Grüße

Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:2. Mai 2026
  • Lesedauer:11 Min. Lesezeit