Psychologie: Ellens Tagebuch, Romane von Siri Hustvedt als anthropologische Hoffnungs- Quellen
Ellen ist Protagonistin hier im UniWehrsEL. Sie liebt Filme und Romane. Gerade liest sie wieder einmal „Was ich liebte“ von Siri Hustvedt und verbindet diesen und weitere der Autorin mit ihrer eigenen Lebenssituation. Sie nutzt Romane als „anthropologische Quellen“. In der Art und Weise wie Hustvedt über Identitätskrisen schreibt, findet Ellen einen Ausdruck für ihre eigenen inneren Spannungen. Ellen findet sich selbst immer wieder in den Büchern von Autoren, die ihr besonders am Herzen liegen. In ihrer Selbstanalyse betrachtet sie ihr Leben nicht als eine Abfolge von Ereignissen, sondern als ein Geflecht aus Intersubjektivität und Erinnerungskultur. Das hilft ihr weiter, denn sie möchte ihr Wissen und ihre Erfahrungen gerne an ihre Schüler weitergeben. Ellen reflektiert und hinterfragt sich selbst: „Beeinflussen die Erwartungen dieser jungen Menschen mein eigenes Selbstbild? Welche Fragmente meiner Vergangenheit bestimmen mein heutiges Handeln im Umgang mit den anderen?“
Schriftsteller repräsentieren ihr Land, ihre Kultur, ihre Zeit und deren Thematiken. Ihre Texte können als anthropologische, sozial-psychologische, historische, literarische Quellen verstanden werden. Texte enthalten auch eine unbewusste, gefühlshafte Ebene, die nonverbal vermittelt wird. Ein Text berührt, wenn die Situationen der handelnden Protagonisten emotional nachvollzogen werden können. Es entstehen Assoziationen, die an andere Texte erinnern oder an eigene Erfahrungen und Erlebnisse anknüpfen.
Für Ellen ist das Lesen ein aktiver Prozess der Integration. Indem sie ihre Situation durch die Brille von Hustvedts Charakteren betrachtet, schafft sie eine schützende Distanz. Ihr gelingt eine Distanzierung, die es ihr ermöglicht, ihre eigenen psychischen Muster im Alltag zu reflektieren und neu zu ordnen. Ellen besitzt Grundkenntnisse der Psychoanalyse, die sie gerne auf die Protagonisten in Romanen anwendet, um damit einen Blick auf ihre eigenen Probleme in einer Aueßnsicht zu werfen.
Sie selbst versteht es als einen zentralen Konflikt in ihrem Leben. Es geht um die Spannung zwischen ihrer intellektuellen Souveränität und einer tiefen inneren Unsicherheit, die sie für sich als „fragmentiertes Selbst“ einordnett. Der Begriff ist ihr bekannt. Sie hat gelesen, er „stammt aus der Selbstpsychologie (auch: Psychoanalytical Self Psychology) und ist eine von Heinz Kohut (1976) begründete Weiterentwicklung psychoanalytischer Konzepte des Narzißmus und des Selbst.“ (Bild von MabelAmber auf Pixabay)
Ellen fühlt sich im Kollegium an ihrer Schule, vor allem von der Direktorin oft übersehen oder falsch interpretiert. Sie hat das Gefühl, dass ihre tiefgründigen Analysen als „zu komplex“ oder „weiblich-emotional“ abgetan werden.
Dies spiegelt den Kampf von Harriet Burden aus Hustvedts Roman „Die gleißende Welt“wider, die ihre Kunst hinter männlichen Masken verstecken musste, um ernst genommen zu werden. (Bild von fotografierende auf Pixabay)
Ellen nutzt Hustvedts Begriffe, um diesen Konflikt für sich zu übersetzen und unterteilt dies für sich in die „Phantomschmerz-Reaktion“ und „Das ‚Andere‘ im Ich“. Das bedeutet, ähnlich wie die Protagonistin in „Die zitternde Frau“ reagiert Ellens Körper auf den Stress der Missachtung. In hitzigen Konferenzen bemerkt sie ein leichtes Zittern in den Händen – ein psychosomatischer Ausdruck ihrer unterdrückten Wut über die patriarchalen Strukturen im Kollegium. Sie fragt sich oft: „Wer spricht hier eigentlich? Ich oder die Erwartung, die man an mich hat?“ Sie nutzt das Konzept der Intersubjektivität, um zu verstehen, dass ihr Selbstgefühl untrennbar mit dem Blick ihrer Kollegen verbunden ist.
Ellen entwickelt Strategien, die Mut machen
Ellen hat für sich gute Strategine entwickelt. Anstatt an Konflikten zu verzweifeln, beschreibt Ellen diese in ihrem Tagebuch. Sie nennt es ihr eigenes „Life-Writing“. Durch das Schreiben werden Fragmente wieder zusammengesetzt, die in ihrem Kopf durcheinandergewirbelt waren. Sie erkennt: „Genau wie in Hustvedts Romanen ist die Wahrheit über einen Menschen oder über Dinge, die ihm unklar sind nie eindeutig, sondern ein ‚Konzert widerstreitender Stimmen’“. Ellen arbeitet dabei systematisch und nutzt The Blazing World (Die gleißende Welt) um sich über ihre Gefühle klar zu werden.
Liebes Tagebuch!
Ich möchte mich mit Harriet Burden (oft „Harry“ genannt) identifizieren. Diese fiktive Protagonistin ist In der Geschichte Hustvedts eine hochintelligente, aber übersehene New Yorker Künstlerin und die Witwe eines berühmten Galeristen. Da sie überzeugt ist, dass ihre Werke aufgrund von Sexismus im Kunstbetrieb ignoriert werden, startet sie ein radikales psychologisches Experiment mit den Kriterien „Masken“, „Erfolg“, und „Konflikt“. Sie stellt ihre Kunstwerke unter den Namen von drei verschiedenen jungen Männern (ihren „Masken“) aus. Während sie als Künstlerin zuvor kaum Beachtung fand, werden dieselben Werke unter männlicher Identität plötzlich gefeiert. Das Experiment gerät außer Kontrolle, als die dritte Maske, ein Künstler namens Rune, behauptet, die Werke stammten tatsächlich von ihm, und Harriet die Anerkennung verweigert.
Ich fühle mich wie Harriet Burden, weil ichmich in meiner akademischen oder pädagogischen Umgebung ebenfalls als „intellektuell unsichtbar“ empfindee. Harriet verkörpert für mich den Zorn auf eine Welt, die das Geschlecht, in meinem Fall meinen Status als einfache Lehrerin und nicht Direktorin an dieser Institution über mein Wissen und Können stellt. Harriet ist mein psychologisches Vorbild für den Umgang mit Machtstrukturen und meines daraus resultierenden Gefühls des Identitätsverlustes.
Ellen schließt ihr Tagebuch mit einem Lächeln, einer guten Emotion, mehr Klarheit üer ihr inneres Gefühl des Schmerzes gefunden zu haben. Sie nimmt wieder das begonnene Bich „Was ich liebte“ von Hustvedt zur Hand.
Die imaginierten Freunde, ein weiterer Hoffnungsstrahl in der Krise
Ellen sinniert vor sich hin. Sie stellt sich gedanklich einen imaginierten Freund vor, dem sie dieses Buch und ihre Gedanken mitteilt. Sie kennt diese Strategie seit ihren Kindheitstagen, wenn Gefühle der Verlassenheit oder Hoffnungslosigkeit in ihr aufkamen. Gelesen hat sie im UniWehrsEL im Beitrag „Kindern Angst nehmen:
Theaterstücke wie „Das Traumfresserchen oder „Mein Freund Harvey“ thematisieren ebenfalls die Bedeutung von imaginären Freunden. Harvey, ein unsichtbarer Hase, hilft dem Protagonisten, seine Ängste und Unsicherheiten zu überwinden. Diese Art von Unterstützung, sei es durch einen imaginären Freund oder durch eine Puppe, kann für Kinder von unschätzbarem Wert sein. Sie ermöglicht es ihnen, ihre Ängste in einem geschützten Raum zu erkunden und zu verarbeiten.“
Ellen denkt an ihr „inneres Kind“, sie hat gehört, »Es handelt sich um eine Metapher, mit der einige Psychotherapeutinnen und -therapeuten arbeiten«. Gedanklich nimmt sie als „große Ellen“ ihre „kleine Ellen an die Hand“ und gibt ihr Mut und Zuversicht. Sie erklärt ihm:
„In Siri Hustvedts wohl bekanntestem Roman „Was ich liebte“ (What I Loved) geht es um die Themen Verlust, psychische Instabilität und die Frage, wie gut wir die Menschen, die wir lieben, wirklich kennen. Für mich bietet dieser Roman eine noch tiefere psychologische Ebene. Es geht ihr um mein Gefühl des „Verlusts der Kontrolle“.“
Sie denkt darüber nach, wie in dem Roman das Leben der Protagonisten durch den plötzlichen Tod eines Kindes und das Abgleiten eines anderen Sohnes (Mark) in Lügen und Kriminalität zerbricht. Ellen bezieht dies auf ihre Situation eigene Lebenssituation: Das Gefühl, dass ihr das „Heile-Welt-Bild“ ihrer pädagogischen Arbeit entgleitet. Sie sieht in ihren Schülern oder in der Institution oft die Züge von Mark – das Maskenhafte, das Manipulative –, was in ihr eine tiefe Melancholie auslöst. Sie selbst versucht, eine psychologische Analyse ihrer Wahrnehmung anhand der Figuren im Roman.
Leo Hertzberg, der Kunsthistoriker im Buch, verliert am Ende sein Augenlicht. Hustvedt nutzt dies als Metapher dafür, wie wir die Welt „sehen“ oder „erfinden“.
Ellen nimmt wieder ihr Tagebuch zur Hand.
Liebes Tagebuch!
Wie oft sind wir in unserem Leben „blind“ für die Realität war, weil wir nur das sehen wollen, was was wir lieben. Ich möchte den psychologischen Ansatz der Intersubjektivität nutzen und dafür einen Satz verwenden:
„Ich sehe dich nicht so, wie du bist, sondern so, wie meine Liebe dich geformt hat.“ Darin erkenne ich einen Eigenanteil an meinen Konflikten im Umgang mit meinen Kollegen und der Direktorin. Habe ich diese Menschen auf einen fiktiven Sockel gestellt und bint nun enttäuscht, dass sie heruntergefallen sind? Ich spüre meinen schmerzhaften Konflikt in meiner Profession als eine Lehrerin, die ihre Ideale verliert!
Bei Hustvedt bleiben Leo und Bill nach den Tragödien verbunden, tragen aber eine schwere Last der Trauer. Dies interpretiere ich als das Gefühl, eine „psychologische Überlebende“ in einem System zu sein, das andere fragmentiert. Ich frage mich (mit Hustvedts Worten): „Wie viel von dem Schmerz der anderen muss ich zu meinem eigenen machen, um noch mitfühlend zu sein, ohne selbst daran zugrunde zu gehen?“
„Wenn ich Siri Hustvedts ‚Was ich liebte‘ lese, erkenne ich mich in Leo Hertzberg wieder. Nicht, weil ich mein Augenlicht verliere, sondern weil ich lernen musste, dass Liebe und Wissen zwei verschiedene Dinge sind. Man kann jemanden – eine Struktur, einen Schüler, ein Ideal – von ganzem Herzen lieben und dennoch völlig falsch liegen in dem, was man in ihm sieht. Dieser psychologische Abgrund, das Erkennen der eigenen Täuschung, ist der Kern meines aktuellen Konflikts.“
Ich begreife. In Siri Hustvedts Welt – und besonders in „Was ich liebte“ – ist die Krise nie das Ende, sondern der Moment, in dem die Wahrheit ans Licht kommt. Für mich wird die Krise zur Chance auf eine „radikale Hoffnung“.
„Radikale Hoffnung“, da bin ich doch in Gdanken zu Jonathan Lear abgeschweift. In seiner Philosophie und psychoanalytischer Theorie erforscht dieser die Geschichte des Volkes der Crow im Angesicht der kulturellen Zerstörung, eine Studie über Verletzlichkeit, die den Kern der conditio humana betrifft.“
Heißt Radikale Hoffnung nicht auch letztlich „Radikale Akzeptanz„, hatte ich mir dies nicht schon einmal überlegt? Wiederum legt Ellen den Stift aus der Hand und lächelt. Habe ich mich nicht schon oft einsam gefühlt (Stell dir vor, es ist Weihnachten und keiner kommt)? War ich mir nicht schon klar darüber, dass ich irrationale Ängste nicht nur im Kontext von Veränderungen in mir trage? (Metathesiophobie).
Vom Zerbrechen und Zusammenfügen: Krise als Neugeburt
In der Psychologie nennt man es eine „existenzielle Erschütterung“. Ellen erlebt im Augenblick gerade wieder genau das, was Leo Hertzberg in „Was ich liebte“ durchmacht: Den Moment, in dem das gewohnte Lebensgerüst für sie subjektiv betrachtet einstürzt. Aber genau hier setzt Hustvedts Philosophie der Hoffnung an. Für Ellen ist die Krise, die sie im Umgang mit sich selbst und gerade durch diese Abwendung von Kollegen und Direktorin erlebt, kein äußeres Ereignis, sondern ein innerer Prozess. Sie erkennt, dass ihre alten Methoden – das reine Funktionieren und das Festhalten an starren Idealen – nicht mehr ausreichen. Hustvedt beschreibt dies als einen Zustand der Vulnerabilität(Verletzlichkeit).
Ellen fühlt sich schutzlos, doch psychologisch gesehen ist dies der einzige Zustand, in dem echte Veränderung möglich ist. In ihr keimt Hoffnung auf, denn sie denkt an „The Shaking Woman“ (Die Zitternde Frau). Sie erinnert sich an Hustvedts Essay über deren eigenes Zittern und begreift: Die Hoffnung liegt nicht darin, dass das Zittern (die Krise) aufhört, sondern darin, es in die eigene Identität zu integrieren. Das bedeutet neue Kraft zu schöpfen, den Dialog als Anker zu nutzen und Intersubjektivität zu performen. Genau wie die tiefen Gespräche zwischen Leo und Bill im Roman, findet
Ellen Hoffnung in der Intersubjektivität – im ehrlichen, unmaskierten Austausch mit anderen, die ebenfalls Krisen durchlebt haben. Sie freut sich auf das Seminar „Krise und Hoffnung„, denn daraus möchte sie Kraft schöpfen und das Gefühl ziehen, gemocht und anerkannt zu werden.
Sie notiert kurz in ihr Tagebuch: „Hustvedt lehrt uns, dass wir nicht trotz, sondern wegen unserer Brüche ganz sind. Die gerade erlebte Krise hat mir die Augen geöffnet: Ich muss nicht die perfekte Lehrerin sein, die alles im Griff hat. Die Hoffnung liegt in der Fragmentierung. Wenn alles zerbricht, entstehen Lücken, durch die zum ersten Mal Licht auf das fällt, was wirklich zählt: Die menschliche Verbindung hinter dem System.“
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