Du betrachtest gerade Diskussion zu „Turandot“:  Friedman in der Oper – Gespräch mit Andreas Voßkuhle zu Demokratie

Giacomo Puccinis Turandot lädt zu Diskussionen ein. Thematiken sind auch Diskussioen zu rechten Parteien und der Faszination für das Autoritäre. Dazu spricht Autor und Moderator Michel Friedman mit Andreas Voßkuhle, dem ehemaligen Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts. Thema ist der Zustand unserer Demokratie. Andreas Voßkuhle setzt sich als Publizist und Hochschullehrer vehement für den Erhalt liberaler Strukturen ein und warnt vor der „Abwahl der Deutschen von ihrer eigenen Demokratie“. Der Kulturbotschafter des UniWehrsEL hat zugehört und sich seine eigenen Gedanken gemacht.

Liebe Lesende und Schreibende des UniWehrsEL,

während ich diesen Text schreibe, bleibt ein mulmiges Gefühl. Ausgehend von dem Gespräch an der Oper Frankfurt vom 19. Mai 2026 zwischen dem Publizisten Michel Friedman und dem ehemaligen Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle über Demokratie und Diktatur. Inmitten ihrer nüchternen Begriffe steht Turandot wie eine Warnung und eine Versuchung zugleich. Ihre Allmacht fasziniert den Zuschauer, weil sie das Muster vieler Gegenwartsfiguren spiegelt; charismatische, unberechenbare Führer, die durch überraschende Gesten den Ausnahmezustand normalisieren und ein Klima der Angst zur politischen Routine machen (Stichworte: Trump, Putin). Turandot bietet keine langweilige Rationalität, sondern das Spektakel der Willkür, rätselhaft, provokativ, mit der Lust an Schau und Zerstörung. Sie verwandelt persönliche Kränkung in staatliche Gewalt und macht daraus ein öffentliches Ritual.

In unseren Seminaren zu „Krise und Hoffnung“ und „Unter Spiegeln“ dient Turandot als Prisma, das den Seelenzustand einer Gesellschaft reflektiert. Wie im Spiegel sieht der Betrachter sich selbst; seine Faszination für Autorität, seine Bereitschaft, Brutalität als Narrativ zu akzeptieren, seine Versuchung, Macht als Lösung zu feiern, solange sie aufregend und charismatisch auftritt. Die Oper zwingt den Zuschauer, diese Spiegelung auszuhalten. Nicht nur als exotisches Märchen aus dem fernen China, sondern als Bild unserer Gegenwart, in der politische Inszenierung, Angst und irrationaler Entscheidungsspielraum zur Normalität werden.

In Puccinis Märchenoper Turandot hat das chinesische Volk kein demokratisches Mitspracherecht über die Entscheidungen, die der Kaiser von China auf Wunsch seiner Tochter Turandot trifft. Der Kaiser wird in der Oper oft als alt und schwach dargestellt. Dabei hätte er als einziger die Autorität, den Wünschen seiner Tochter Einhalt zu gebieten. Er tut dies jedoch nicht, aus seiner Zuneigung zu Turandot. Statt Vernunft regiert in dieser Märchenoper das Autoritäre.

Zunächst sei der Unterschied zwischen beiden Begriffen kurz erläutert: Vernunft und Demokratie basieren auf abwägenden, transparenten Prozessen, auf Teilhabe und auf Gesetzen, die Macht begrenzen. Autoritarismus und Diktatur dagegen beruhen auf persönlicher Willkür, auf der Konzentration von Macht in wenigen Händen und auf der Unterdrückung abweichender Stimmen.

In Turandot regiert Turandots Wille. Sie hat die Regeln aufgestellt. Die Bewerber um ihre Hand müssen drei Rätsel lösen. In einem anderen Beitrag haben wir den von Turandot gewählten Weg als persönliche Freiheit betrachtet. Nun wollen wir Turandots Rätselfragen einmal als gesellschaftliche Ordnung und von der Struktur her betrachten. Von außen betrachtet stellt ein Staatsoberhaupt, hier Turandot, eine schier unmögliche Bedingung auf. Die Folge sind Schauprozesse. Fremde Prinzen werden zur Abschreckung und zur Belustigung des chinesischen Volkes hingerichtet. Ihre Köpfe werden auf Speeren aufgespießt und zur Abschreckung vor dem Palast zur Schau gestellt. Dies ist ein ungeheuerlicher Vorgang. Es gibt niemanden, der diesen Wahnsinn Einhalt gebietet. (Image by Guren-The-Thirdeye from Pixabay)

Für den Zuschauer und das Volk gibt es eine persönliche Erklärung für die ungeheuerliche Barbarei im Namen der Turandot: Die Ahne wurde geschändet. Aber ist das tatsächlich ein Rechtfertigungsgrund, männliche Bewerber mit Spießen vor den Mauern der Verbotenen Stadt aufzuhängen? Hat es diese persönliche Kränkung der Turandot durch die Schändung der Ahne wirklich gegeben, oder ist dies nur ein gezielt gesetztes Narrativ, vom Hof verbreitet, um die autoritäre Gewaltausübung durch Turandots Befehl irgendwie zu rechtfertigen? Muss Blut mit Blut gesühnt werden?

Haben nicht auch die gescheiterten Bewerber Familien, Freunde und Verwandte unser Mitleid verdient, die nun durch Turandots Befehl ihren geliebten Sohn verlieren? Ist die Schändung der Ahne so viel mehr wert als die jungen Männer, welche die Rätsel nicht lösen konnten? Haben diese jungen Männer die Ahne geschändet, oder sind sie in naivem Glauben zu Turandot geeilt, weil sie meinten, die Rätsel lösen zu können?

Turandot hat sich keiner demokratischen Wahl stellen müssen. Sie hat ihrem Volk kein Programm vorgelegt, wie sie dessen Leben verbessern will. In der Oper zeigt das Volk sich in martialischen Chorszenen, hat aber am Ende keine Mitsprache an den Entscheidungen Turandots. Turandot entscheidet, was ihr in den Kopf kommt. Das muss nicht logisch sein, es muss nicht für den Hofstaat nachvollziehbar sein. Und dennoch folgen alle ihren selbstaufgestellten Regeln.

Turandot hätte, nachdem der Prinz Calaf entgegen den Erwartungen alle Rätsel gelöst hat, ihre Haltung aufgeben können. Sie hätte die Köpfe der toten Prinzen von den Zinnen der Mauern holen lassen und mit Calaf ohne großes Aufsehen eine neue Ordnung schaffen können; Hochzeit und Abschaffung der Todesstrafe. Calaf versucht, sich in diese Frau hineinzuversetzen; der Zuschauer tut dies ebenfalls, indem er Turandots Storytelling mit der Ehrung der Ahne ernst nimmt und dies sogar als emanzipatorische Leistung gegen eine dominante Männergesellschaft feiert. Doch vielleicht ist dieser Blick auf Turandot falsch. Sie hat den Tod unzähliger Prinzen befohlen, aus einem Gefühl der Rache heraus. Hat sie damit die Lage einer einzigen Chinesin in ihrem Volk verbessert? Nein. Wenn sie Mittäterschaft ausübt, so ist das willkürlich und eine Folge des Wahnsinns, den sie über ihr Volk gebracht hat.

Der Wahnsinn wird in der Arie „Nessun dorma“ (Keiner schlafe) fortgesetzt. Turandot will den Namen von Calaf um jeden Preis erfahren. Dabei schreckt sie nicht vor Terror gegen das eigene Volk zurück. Für Turandot ist die Jagd nach dem Namen ein Spiel; für das Volk ist sie bitterer Ernst. Sie übt absolute Macht aus. Calaf ist reichlich naiv, sich mit einer Diktatorin auf einen Deal einzulassen.

Beschreiben wir abschließend die Kriterien für eine Diktatur anhand von Turandot:

  • 1.       Die Macht liegt in einer Hand und verstummt: Turandot und der schwache Kaiser treffen Entscheidungen ohne wirkliche Kontrolle; die Oper zeigt dies, wenn der Kaiser aus Liebe zur Tochter nicht eingreift, obwohl er als Staatsoberhaupt die Gewalt hätte verhindern können, ein Bild für die Gefährdung demokratischer Kontrolle durch persönliche Bindungen.
  • 2.       Willkür wird zur Staatsraison: Turandots Regel, dass Bewerber drei Rätsel lösen müssen, ist kein Gesetz, sondern ein persönliches Gebot; die Oper macht daraus keine rationale Rechtsordnung, sondern eine demütigende Probe, deren Konsequenz die Todesstrafe ist, ein Beleg dafür, wie persönlicher Willen staatliche Normen ersetzt.
  • 3.       Gewalt als Spektakel: Die öffentlichen Hinrichtungen und die auf Speeren ausgestellten Köpfe der Prinzen werden in der szenischen und textlichen Darstellung zum Schauplatz. Die Oper schildert die Zurschaustellung deutlich und demonstriert, wie Terror zur Inszenierung und Machtsicherung wird.
  • 4.       Rache als Legende und Rechtfertigung: Das Motiv der geschändeten Ahne dient in Libretto und Handlung als moralisches Narrativ, das Turandots Grausamkeit zu legitimieren scheint; die Oper lässt offen, ob die Tat wirklich stattgefunden hat, wodurch die Erzählung selbst als Instrument politischer Legitimation erkennbar wird.
  • 5.       Atmosphäre der Angst und emotionale Entmachtung: Turandots unberechenbares Verhalten, – die Rätsel, die öffentliche Demütigung, das Zerren nach dem Namen in „Nessun dorma“ – erzeugt in Chor und Publikum ein Klima der Furcht; die Oper zeigt, wie Faszination am Spektakel und gleichzeitige Ohnmacht des Volkes konformistisches Schweigen und Unterwerfung begünstigen.

Das Gespräch zwischen Michel Friedman und Andreas Vosskuhle macht in erschreckender Klarheit deutlich, worauf die Oper Turandot den Zuschauer hinweist: Wenn persönliche Willkür, inszenierte Gewalt und ein Legitimationsnarrativ die Regeln der Politik bestimmen, sind die ersten Opfer stets die Schwachen. Liùs Tod ist kein bloßes Opernmotiv, sondern ein konkretes Beispiel dafür, wie Turandots Befehle handfeste, tödliche Folgen für gewöhnliche Menschen haben. Sie stirbt, weil Macht sich zum Zwang verfestigt und kein Schutz mehr wirkt. Das ist die Warnung des Abends und des Gesprächs zugleich: Demokratie verlangt Wachsamkeit, starke Institutionen und zivilen Mut. Wir müssen die Kontrolle über Herrschaftsinstrumente und die Stimme der Vielen verteidigen, bevor das inszenierte Spektakel einer einzelnen Person das politische Handeln willkürlich bestimmt. (Image by pixundfertig from Pixabay)

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL