Ein Beitrag von Nahid Ensafpour
Im Rahmen unseres Seminars „Unter Spiegeln“ hat Nahid Ensafpour nicht nur ein wunderbares Referat für uns gehalten, sondern dies auch den Lesern des UniWehrsEL zugänglich gemacht. Dazu hat sie in den letzten Tagen intensiv über die Metapher des Spiegel(n)s in der jüdischen, christlichen und islamischen Mystik recherchiert und nun diesen Artikel verfasst. In dem Artikel hat sie zudem Links zur Musik der drei mystischen Traditionen eingefügt. Außerdem hat sie einige Beispiele aus den Predigten von Meister Eckhart sowie zweisprachige Gedichte von Rumi aufgenommen. Bei Fragen können Sie uns gerne kontaktieren. Herzlichen Dank dafür!
Der Spiegel als Ausdruck des Unaussprechlichen
Alle großen Religionen besitzen neben ihren institutionellen Formen, Dogmen, Ritualen und Lehrsystemen – auch eine spirituelle oder mystische Dimension. Diese Mystik bildet gewissermaßen die innere Seele der Religion. Das Wort „Mystik“ stammt vom griechischen myein („die Augen schließen“) und verweist auf ein verborgenes Wissen, das nicht allein durch Denken oder Lehre, sondern durch Erfahrung erschlossen wird. Mystik meint die unmittelbare Erfahrung Gottes, die über begriffliche Sprache hinausgeht.
Sie ist häufig ein Protest gegen eine veräußerlichte Religion. Deswegen gehört zur Geschichte der Mystik auch die Verfolgung ihrer Anhänger. Dennoch erneuern sie die Religion von innen heraus: Sie halten die Sehnsucht nach Gott und die Liebe zum Göttlichen lebendig. Andreas Ebert beschreibt Mystik daher als „Erfahrungsseite des Glaubens“. Im Zentrum steht die unio mystica, die Vereinigung des Menschen mit Gott, ein Geschehen, das zugleich Erkenntnis und Liebe umfasst.
Da diese Erfahrung kaum sprachlich ausdrückbar ist, bedienen sich Mystiker häufig symbolischer Bilder. Eines der bedeutendsten Bilder ist die Metapher des Spiegels. Der Spiegel steht in jüdischer, christlicher und islamischer Mystik für die Seele, das Herz oder den inneren Menschen, der gereinigt werden muss, um das Göttliche widerzuspiegeln.
Der Spiegel in der islamischen Mystik
Die islamische Mystik, der Sufismus (taṣawwuf), entstand bereits im 7. und 8. Jahrhundert als Gegenbewegung zu Reichtum und Verweltlichung im expandierenden islamischen Reich. Die frühen Sufis lebten asketisch, widmeten sich Gebet, Meditation und ethischer Selbstvervollkommnung. Der Begriff „Sufi“ wird meist vom arabischen ṣūf („Wolle“) abgeleitet und verweist auf das einfache Wollgewand der Asketen. Andere Deutungen führen ihn auf ṣafāʾ („Reinheit“) oder sogar auf das griechische sophos („Weisheit“) zurück. Im Zentrum des Sufismus steht der Weg (ṭarīqa) zu Gott. Dieser Weg verlangt Hingabe, Selbstüberwindung und die Läuterung des Herzens. Besonders wichtig ist dabei die Vorstellung des „Herzensspiegels“. Annemarie Schimmel beschreibt, dass das Herz wie ein Spiegel gereinigt und „blank poliert“ werden müsse, damit es das göttliche Licht aufnehmen könne. Solange das Herz von Egoismus, Begierden oder Weltlichkeit verdunkelt ist, kann es die Wahrheit Gottes nicht widerspiegeln.
Die Spiegelmetapher zeigt hier zweierlei: Zum einen ist der Mensch nicht selbst Lichtquelle, sondern Empfänger des göttlichen Lichts. Zum anderen wird Erkenntnis nicht durch den Verstand allein gewonnen, sondern durch innere Reinigung und Liebe. Für viele Sufis ist die Liebe das höchste Erkenntnisorgan. Das Herz übersteigt den bloßen Intellekt.
Der große persische Mystiker und der persische Poet Maulānā Ǧalāluddīn Rūmī (جلال الدين رومي مولانا) brachte diese Sehnsucht poetisch zum Ausdruck. Seine Verse sprechen vom Aufgehen des Menschen im göttlichen Meer, in dem das individuelle Selbst wie ein Tropfen verschwindet. Musik, Tanz und Dichtung werden dabei zu Mitteln mystischer Erfahrung. Besonders bekannt ist das Ritual der tanzenden Derwische des Mevlevi-Ordens, bei dem sich die Gläubigen im rhythmischen Drehen symbolisch auf Gott hin ausrichten: Sama Tanz.
Auch die Lehre des Mystikers Ibn Arabi greift die Spiegelmetapher auf. Nach seiner Vorstellung wollte Gott erkannt werden und erschuf deshalb die Welt. Die Schöpfung wird dadurch selbst zum Spiegel göttlicher Selbstoffenbarung. In jedem Menschen kann sich etwas von Gott widerspiegeln, wenn das Herz gereinigt wird.
Im Folgenden werden einige Gedichte von Dschalal ad-Din Rumi im persischen Originaltext mit deutscher Übersetzung vorgestellt:
Rumi:
„Wenn der Spiegel des Herzens klar und rein wird,
siehst du Bilder jenseits von Wasser und Erde.
Du erkennst sowohl das Bild als auch den Maler,
und findest zugleich den Weg vom Teppich bis zum Himmelsthron.“
آینهٔ دل چون شود صافی و پاک
نقشها بینی برون از آب و خاک
هم ببینی نقش و هم نقاش را
هم ز فرش آیی و هم بر عرش را
Rumi:
„Weißt du, warum dein Spiegel nichts offenbart?
Weil der Rost noch nicht von seinem Antlitz entfernt ist.
Den Rost des Körpers kann der Spiegel des Herzens reinigen,
doch den Rost des Herzens kann der Körper nicht tilgen.
„Ist der Spiegel erst von seinem Belag gereinigt,
spiegelt er nichts Falsches und nichts Verzogenes mehr wider.“.“
آینت دانی چرا غمّاز نیست؟
زانکه زنگار از رُخش ممتاز نیست
زنگِ تن را آینهٔ دل پاک کرد
لیک زنگِ دل ز تن نتوان سترد
روی آینه، چون زنگار بزدایَد
میلِ کژّی را و کژی را ننماید
„Der Spiegel der Seele ist zum strahlenden Antlitz von dir geworden.
Meine Seele und deine Seele – wir beide waren immer eins.
Als der Schlamm sich setzte, wurde das Wasser klar;
nun ist verschwunden, was zwischen ‚mein‘ und ‚dein‘ stand.“
آینهٔ جان شده چهرهٔ تابان تو
هر دو یکی بودهایم، جان من و جان تو
گِل چو به پستی نشست آب کنون روشنست
رفت کنون از میان آنِ من و آنِ تو
Rumi: the Poem that finds your lost soul – Sufi Tanz
Der Spiegel in der christlichen Mystik
Andreas Ebert: Christliche Mystik:
Auch die christliche Mystik kennt die Vorstellung eines inneren Spiegels. Bereits der Apostel Paulus von Tarsus beschreibt eine tiefe mystische Erfahrung, wenn er schreibt: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). Der Mensch wird dabei zum Ort göttlicher Gegenwart. Die Kirche wird bereits bei Paulus als „mystischer Leib“ verstanden, in dem alle geheimnisvoll miteinander und mit Christus verbunden sind.
Mystische Erfahrungen und Vorstellungen prägten besonders das frühe Mönchtum der sogenannten „Wüstenväter“ und „Wüstenmütter“. Evagrius Pontikus, ein christlicher Mönch (345 in Ibora, Pontos; † 399 in Ägypten), entwickelte dabei die Vorstellung eines geistlichen Aufstiegs: Der gefallene menschliche Geist kehrt schrittweise zur Einheit mit dem göttlichen Geist zurück. Höhepunkt dieses Weges ist die innere Schau des Geheimnisses der göttlichen Dreifaltigkeit, in der der Mensch ganz in Gott aufgenommen wird. Rund 150 Jahre nach seinem Tod wurden seine Lehren jedoch als ketzerisch verurteilt, da man befürchtete, sie würden die Grenze zwischen Christus und dem glaubenden Menschen auflösen.
Dieser Verdacht begleitete viele Mystiker auch in späteren Jahrhunderten. So wurde selbst Meister Eckhart nach seinem Tod verurteilt. Er vertrat die Auffassung, dass es im tiefsten Inneren der Seele einen Bereich gibt, in dem die Trennung zwischen Schöpfer und Geschöpf überwunden werden kann. Durch die Abkehr von äußeren Bindungen werde die „Geburt Gottes“ in der Seele möglich.
Auch Martin Luther stand der Mystik zunächst teilweise offen gegenüber. Ihn sprach besonders an, dass sie die völlige Abhängigkeit des Menschen von Gott betont und Glauben nicht als Ergebnis bloßer Spekulation, sondern als persönliche Erfahrung versteht. Sein berühmtes „Turmerlebnis“, in dem ihn die Erkenntnis von Gottes bedingungsloser Liebe tief ergriff, weist selbst mystische Züge auf. Später wandte sich Luther jedoch entschieden gegen die sogenannten Täufer wie Andreas Karlstadt und Thomas Müntzer, die sich auf unmittelbare Gotteserfahrungen unabhängig von der Bibel beriefen. Für Luther war dies gefährliche „Schwärmerei“. Nach seiner Auffassung ist Gottes Geist untrennbar an das biblische Wort und die Predigt gebunden. Deshalb hatten mystische Strömungen im Luthertum lange einen schweren Stand. Erst der Pietismus, der Wert auf persönliche Bekehrung und ein praktisches, geheiligtes Christentum legte, griff mystische Traditionen erneut auf. Besonders hervorzuheben ist dabei der Liederdichter Gerhard Tersteegen, der an die Gedanken des mittelalterlichen Mystikers Johannes Tauler anknüpfte. Tauler lehrte, dass das göttliche Wort im innersten Grund der Seele geboren werde.
Im Folgenden finden sich einige Beispiele aus den Predigten von Meister Eckhart:
Das Auge, in dem ich Gott sehe:
„Das Auge, in dem ich Gott sehe, das ist dasselbe Auge,
darin mich Gott sieht; mein Auge und Gottes Auge, das ist ein Auge
und ein Sehen und ein Erkennen und ein Lieben.“
Meister Eckhart (um 1260-1328), deutscher Theologe und Mystiker
„Fiele der Spiegel hin, dann verginge das Bild“
Man stellt die Frage, wo das Sein des Bildes ganz eigentlich sei: im Spiegel oder in dem, wovon es ausgeht? Eigentlich ist es in dem, wovon es ausgeht. Dieses Bild ist in mir, von mir und zu mir. Solange der Spiegel meinem Antlitz gegenübersteht, ist mein Bild darin: Fiele der Spiegel hin, so verginge das Bild.
Meister Eckhart, Predigt 10 7
Meister Eckhart: Gottes Sohn ist ein reiner Spiegel ohne Flecken:
„Als Gottes Sohn auf die Erde kam, der ein „reiner Spiegel ohne Flecken ist, und ein Antlitz und Bild des himmlischen Vaters“, an welchem man gänzlich Gottes Willen ablesen kann: der brachte … in die menschliche Natur auf Erden Unschuld und Lauterkeit. Salomon sagt zu Christus: „Er ist ein reiner Spiegel ohne Flecken.“
Meister Eckhart, Predigt 85 11
Der Spiegel in der jüdischen Mystik
Auch die jüdische Mystik, die Kabbala, beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen Gott, Welt und menschlicher Seele. Die Kabbala entstand im Mittelalter, insbesondere im 13. Jahrhundert in Spanien und Südfrankreich, und verbindet jüdische Traditionen mit älteren mystischen Vorstellungen.
Der Begriff „Kabbala“ leitet sich vom hebräischen Wort kibel („empfangen“) ab. Die göttliche Wahrheit wird nicht rational konstruiert, sondern empfangen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Gott die Welt erschaffen hat und wie der Mensch sich zum Göttlichen verhält.
Nach kabbalistischer Vorstellung trägt jeder Mensch einen göttlichen Funken in sich. Die Seele stammt aus Gott selbst; sie ist gleichsam ein Spiegel göttlichen Lebens. Durch Gebet, Meditation und geistige Sammlung versucht der Mensch, seine Seele auf Gott auszurichten und sich mit den göttlichen Welten zu verbinden.
Der Judaist Klaus Davidowicz beschreibt die Kabbala als Weg, die Seele auf Gott hin auszurichten, um eine Vereinigung mit dem Göttlichen zu erfahren. Wie im Christentum und Sufismus wird die Seele dabei als Ort der Begegnung verstanden.
Die Spiegelmetapher erscheint hier besonders in der Vorstellung, dass der Mensch ein Abbild göttlicher Wirklichkeit ist. Die Seele reflektiert den göttlichen Ursprung, kann jedoch durch die materielle Welt verdunkelt werden. Mystische Praxis bedeutet daher Reinigung, Sammlung und Rückkehr zur göttlichen Quelle.
Aus dem Sohar (Das Buch des Glanzes)
Das Hauptwerk der klassischen Kabbala aus dem 13. Jahrhundert (maßgeblich verbreitet durch den Mystiker Moses de Leon) ist voller visionärer Allegorien:
„Es gibt keinen Ort, an dem Er nicht gefunden wird. Er ist der verborgene Eine, der in der Tiefe des Niveaus (des Seins) verborgen ist, und Er erfüllt alles.“
„Der Atem des Menschen ist der verborgenste Teil seines Wesens, aber durch die Glieder des Körpers wird er erkannt und doch nicht erkannt. So ist auch der Heilige, Gelobte Er: bekannt und unbekannt.“
Musik: Kabbalah Meditation 1, Earth (Malkuth)
Gemeinsame Motive der Mystik
Trotz einiger Unterschiede zeigen die mystischen Traditionen bemerkenswerte Gemeinsamkeiten. Sowohl im Sufismus als auch in der christlichen Mystik und der Kabbala wird die Seele als ein Ort verstanden, an dem Gott erfahrbar werden kann. Die Metapher des Spiegels verbindet diese Traditionen: Der Mensch muss innerlich gereinigt werden, damit sich das Göttliche in ihm spiegeln kann.
Die Mystik aller drei Religionen betont außerdem:
-die Bedeutung der Liebe als Weg zu Gott,
-die Begrenztheit rationaler Erkenntnis,
-die Erfahrung innerer Transformation,
-sowie die Einheit von Erkenntnis und Hingabe.
Dabei bleibt Gott immer zugleich nah und verborgen. Der Spiegel zeigt niemals Gott selbst, sondern nur sein Bild. Gerade darin liegt die Kraft dieser Metapher: Sie macht erfahrbar, dass das Göttliche nicht vollständig ausgesprochen oder begriffen werden kann.
Fazit

Die Metapher des Spiegels gehört zu den eindrucksvollsten Symbolen religiöser Mystik. In Judentum, Christentum und Islam verweist sie auf die Sehnsucht des Menschen nach unmittelbarer Gotteserfahrung. Der Spiegel steht für das Herz, die Seele oder den inneren Menschen, der gereinigt werden muss, um das göttliche Licht zu empfangen. (Bild von Ztasel auf Pixabay)
Mystik überschreitet dabei die Grenzen dogmatischer Systeme. Sie eröffnet einen Raum gemeinsamer religiöser Erfahrung, ohne die Unterschiede der Traditionen aufzuheben. Gerade weil das Göttliche unaussprechlich bleibt, greifen Mystiker zu Bildern wie Licht, Meer oder Spiegel.
