Du betrachtest gerade Alltagspsychologie: Ellens Freundschaft, Compassion Fatigue, ein potentielles Morgen

Ellen liebt Bücher, Filme und das Theater. Daraus zieht sie ihre philosophischen und psychologischen Lehren. Sie ist aber auch stolz auf „ewige Freundschaften“. Es gibt Freundinnen, die sie schon seit ihrer Schulzeit schätzen gelernt hat. Davon erzählt sie gerne anderen. Das sieht sie als ihren Ankerpunkt. Dann kommt eines Tages der Bruch. Alles war gut in ihren Augen, bis ihre Freundin Izzi ihr sozusagen aus ‚heiterem Himmel‘ die Rechnung präsentierte.

Izzi meldet sich plötzlich nicht mehr. Reagiert weder auf Whatsapp noch auf Telefonate. Ellen macht sich große Sorgen, „denn sie beide marschieren auf die 70 zu und da kann doch jeden Tag etwas Unangenehmes passieren“, denkt sie, als es wieder kein Lebenszeichen von ihrer Freundin gibt. Dann kommt plötzlich die Antwort auf dem Smartphone: „Unsere Freundschaft ist seit Jahren einseitig. Ich fahre zu Dir. Ich lade Dich ein. Was tust Du eigentlich für mich?“ (Bild von geralt auf Pixabay)

Ellen spürt Wut und Scham gleichzeitig. „Izzi rechnet ab. Nicht nur in Geld, sondern auch irgendwie in Lebenszeit. Sie zählt die Kilometer auf, die Autobahnfahrten im Regen, während ich zu Hause wartete. Jedes Mal, wenn ich sagte ‚Wie schön, dass du da bist‘, hörte Izzi nur heraus ‚Schön, dass du die Arbeit gemacht hast.‘“

„Was soll ich bloß jetzt tun“, zweifelt sie. „Wenn ich jetzt zu Izzi fahre und mit teuren Geschenken einlaufe, dann fühlt sich das für uns beide hohl an. Das ist kein Geschenk mehr, sondern eine Ratenzahlung.“ Ellen überlegt, welches wohl das richtige symbolische Geschenk wäre:

„Ein Tacho? (Bild von Pexels auf Pixabay) Ein Bild für die gefahrenen Kilometer, die zwischen uns stehen? Oder eine Speisekarte? Symbol für die teuren von Izzi bezahlten Essen, die jetzt bitter schmecken?“ Ellen stützt den Kopf auf ihre Hand und erinnert sich an ihre eigenen Komplimente: „Du bist so großzügig! Es ist ein toller Freundschaftsbeweis, dass Du immer zu mir gefahren kommst!“ Sie erkennt wie höhnisch diese Worte in Izzis Ohren geklungen haben müssen, weil von ihrer Seite keine Taten folgten.

Ellen sitzt am Fenster und beobachtet, wie der Regen die Konturen der Welt verwischt, genau wie Izzis Worte ihr Lebensbild verwischt haben. Zwanzig Jahre lang war ihre Freundschaft wie ein warmes Sofa gewesen, in dem Ellen in der weichsten Ecke saß. Jetzt, nach diesem einen Telefonat zwischen ihnen beiden, war es ihr, als sei plötzlich das Dach abgedeckt. Der Regen fälltl ungehindert auf alles, was sie für sicher gehalten hatte.

„Bequemlichkeit“, hatte Izzi gesagt. Das Wort war laut gefallen, es hatte das Gewicht von Blei. Es war kein Vorwurf, es war eine Bilanzierung. Zwanzig Jahre gefahrene Kilometer, zwanzig Jahre Einladungen, die Izzi als Investition und Ellen als Geschenk verbucht hatte.

Ellen geift nach der Feder. Sie liegt schwer in ihrer Hand, als müsste sie das gesamte Gewicht der versäumten Kilometer mitziehen. Sie schreibt einen Brief an ihre Freundin, den sie vielleicht nie abschicken wird.

Liebe Izzi,

„Ich habe Deine Großzügigkeit besungen“, schreibt Ellen auf das weiße Papier, und die Tinte sickert tief in die Fasern. „Ich habe Dir Denkmäler aus Worten gebaut, während Du Stein auf Stein aus echtem Handeln geschichtet hast. Ich war die Dichterin unserer Freundschaft, Du hast Dich als Packesel gefühlt. Psychologisch war es eine klassische Diskrepanz: Ich bildete mir ein, die Währung unserer Freundschaft vermeintlich in Emotionen zu bezahlen, Du hast sie durch praktischen Einsatz vergütet. Ein Wechselkursfehler, der über Jahrzehnte unentdeckt geblieben ist, bis das Konto Deiner Geduld am Nullpunkt ankam.“

Ellen hält inne. Die gefühlte innere Leere ist nicht das Fehlen von Gefühlen, es ist die plötzliche Abwesenheit von Sinn. Wenn die Vergangenheit eine Lüge war – oder zumindest eine Fehlinterpretation –, wer war sie dann in der Gegenwart? Eine Diebin von Lebenszeit? Eine Parasitin der Zuneigung?

Die Feder kratzt über das Papier. Es kommt ihr vor wie ein schmerzhafter Prozess der Häutung. „Die Schuld ist ein schwarzes Loch“, fließt es aus der Feder. „Sie saugt das Licht der Erinnerung auf. Wenn ich jetzt zu Dir fahre, lenke ich kein Auto. Ich lenke einen Bußwagen. Und Du sitzt dort und wartet nicht auf mich, sondern auf die Tilgung einer Schuld, die ich niemals ganz begleichen kann.“

Aber während sie schreibt, spürt Ellen ein winziges Zittern von Hoffnung. Die Feder lügt nicht. Sie zwingt Ellen, die Hässlichkeit der eigenen Bequemlichkeit anzusehen, ohne sie mit lyrischem Puderzucker zu bestreuen. „Vielleicht“, denkt sie, „ist die Wahrheit – so bitter sie auch schmeckt – der einzige Boden, auf dem kein Unkraut der Enttäuschung mehr wächst. Ich werde nicht versuchen, die vergangenen 20 Jahre zu heilen. Ich werde versuchen, die erste Stunde einer neuen Zeitrechnung zu schreiben. Ohne die Erwartung, dass Izzi liest, was ich hier zu Papier bringe. Nur für mich. Um die Leere mit Tinte zu füllen, bis sie sich wieder schließt.“

Ellen liest das Geschriebene und findet sich selbst als zu pathetisch. „Mir liegt es doch eigentlich viel mehr, eine Situation als kühle, aber schmerzhafte Diagnose zu betrachten.“ Sie nimmt einen Kugelschreiber und drückt fest auf:

Hallo, Izzi,

„Dein Fahren ist ein toller Freundschaftsbeweis, das habe ich oft gesagt. Jetzt hast Du mir die Abrechnung präsentiert. Keine Wut, eher eine klinische Aufzählung von Defiziten. 20 Jahre, in denen die Fahrtrichtung fast immer dieselbe war: zu mir. Deine Großzügigkeit hat sich für Dich als eine Einbahnstraße herausgestellt.

Ich weiß, Du hast recht! Die psychologische Wahrheit ist simpel und hässlich: Ich hatte mch in der Rolle der Bewunderten eingerichtet. Ich habe statt mit Taten mit Komplimenten bezahlt – eine billige Währung, die nur den Geber entlastet, den Empfänger aber hungrig lässt.“ Gedankenverloren macht sie eine kurze Pause.

„Ich habe die Signale gehört“, schreibt sie. „Sie waren da. Ein kurzes Zögern am Telefon, eine Bemerkung über die Spritpreise, die Frage, ob ich den Weg zu ihr noch kenne. Ich habe sie gehört und mich entschieden, sie als unwichtig zu archivieren.“

Ellen merkt selbst, es war nicht der Vorwurf von außen, es war der Zusammenbruch ihres Selbstbildes von innen. Sie war nicht die empathische Freundin, für die sie sich gehalten hatte. Sie war die Nutznießerin eines Systems, das sie selbst mit erschaffen hatte.

Die „Gegenleistungen“, die sie jetzt erbringen könnte, würden sich für sie anfühlen wie Schadensersatzforderungen. „Wiedergutmachung ist mechanisch“, notierte sie. „Versöhnung ist organisch. Man kann das eine tun, ohne das andere zu fühlen.“

Ellen merkt, sie schreibt nicht an Izzi, sondern an sich selbst, über ihren eigenen Widerstand, die Schuld einfach auszuhalten, ohne sie sofort wegerklären zu müssen. Sie fühlt Leere, es gibt einen Raum, den die Wahrheit braucht, bevor etwas Neues darin wachsen kann.

Sie zieht das Resumee: „Psychologisch gesehen hat Izzi als „Beziehungs-Bankier“ agiert. Sie hat investiert, aber nie die Zinsen eingefordert. Irgendwann ist das „Konto“ für sie so sehr im Minus, dass sie bankrott geht – und emotional explodiert. Es gab keine Reziprozität. Das soziale Gesetz der Gegenseitigkeit besagt, dass wir uns unwohl fühlen, wenn Geben und Nehmen nicht im Lot sind. Du hast dieses Unwohlsein durch deine verbalen Komplimente („Freundschaftsbeweis“) betäubt, während sie es durch ihr Handeln gesteigert hat. Gewohnheit hat sich in diese Beziehung eingeschlichen. Nach 20 Jahren ist unser Verhalten ein Skript. Ich bin in der Rolle der Empfangenden erstarrt, sie in der Rolle der Gebenden. Solche Rollen zu brechen, löst bei beiden tiefe Krisen aus – bei ihr Wut, bei mir die besagte innere Leere.“

Ellen braucht jetzt für sich literarische Vorbilder. Sie schaut nach, ob es dort tatsächlich eine klassische Versöhnung geben kann. Für Ellen spiegeln sie die psychologische Realität wider, dass manche Brüche nach Jahrzehnten final sind oder zumindest eine Narbe hinterlassen, die nie ganz verheilt.

Ellen findet Werke, die fast exakt diese Dynamik einer lebenslangen, ungleichen Freundschaft beschreiben: Meine geniale Freundin“ (Elena Ferrante): Die vierteilige neapolitanische Saga ist das Standardwerk über lebenslange Frauenfreundschaften. Sie findet Parallelen. Die Protagonistinnen Lila und Elena sind über 60 Jahre verbunden. Es geht ständig um Neid, Dankbarkeit, heimliches Aufrechnen und das Gefühl, dass die eine immer im Schatten der Bemühungen der anderen steht. Ellen erkennt für sich: Freundschaft ist oft ein Kampf um Autonomie. Verletzungen brodeln oft Jahrzehnte unter der Oberfläche. (Bild von Tilixia-Summer auf Pixabay) Ellen schlägt das Ende nach. Die beiden Freundinnen sind im hohen Alter. Lila verschwindet spurlos und löscht jede Spur ihrer Existenz aus ihrem Leben. Elena („welche Namensgleichheit“, denkt Ellen) schreibt ihre gemeinsame Geschichte auf, um Lila festzuhalten – ein Akt des Widerstands und der Trauer. „Zieht man daraus eine Bilanz“, sinniert Ellen, „dann endet diese Freundschaft in einer Mischung aus Abhängigkeit, Rivalität und Verlust. Nichts wird „gut“, aber alles wurde gesagt.“

Ellen erinnert sich an einen Film. In The Banshees of Inisherin“ (2022) geht es um zwei Männer. Deren Psychologie passt perfekt auf ihre gefühlte „Leere“. Einer der beiden Freunde (Colm) sagt von heute auf morgen: „Ich mag dich einfach nicht mehr“, weil er das Gefühl hat, die Jahre mit der Bequemlichkeit und dem „belanglosen Geschwätz“ des anderen verschwendet zu haben. (Bild von EGI_png auf Pixabay) Ellen entdeckt für sich die Parallele. Der Film zeigt die brutale Seite, wenn einer aus der gemeinsamen Routine ausbricht und der andere völlig fassungslos und innerlich leer zurückbleibt, weil die alte Welt nicht mehr existiert. „Wie war doch gleich das Ende“, sinniert sie: „Nach einem blutigen und absurden Streit stehen beide Männer am Strand und blicken auf das brennende Haus des einen. Colm dankt Pádraic dafür, dass er sich um seinen Hund gekümmert hat. Pádraic antwortet nur: ‚Jederzeit‘. Es war mir klar, sie werden nie wieder Freunde, aber durch ihren Schmerz bleiben sie für immer aneinander gebunden. Es ist eine Pattsituation.“

Ellen steht auf und geht zu ihrem Bücherregal. Sie nimmt das Buch Der Gott der kleinen Dinge“ (Arundhati Roy) heraus. Sie erinnert sich an den Inhalt: „Hier geht es um die „Gesetze der Liebe“ – wer geliebt werden darf, wie viel und wie lange .Es beschreibt meisterhaft, wie kleine Nachlässigkeiten über Jahre hinweg zu einer emotionalen Lawine werden können, die am Ende alles begräbt.“

Und Ellen versteht jetzt, warum sie sich psychologisch gesehen „leer“ fühlt. Sie weiß, man nennt es Compassion Fatigue (Mitgefühls-Erschöpfung), eine Form von moralischem Burnout. Sie versteht für sich: „Du hast deine Schuld anerkannt. Du kannst versuchen, es wiedergutzumachen. Du merkst, dass du die 20 Jahre nicht löschen kannst. Die Leere ist ein Schutz deines Gehirns vor der massiven Entwertung deiner eigenen Vergangenheit. Wenn alles, was du als „schöne Freundschaft“ erlebt hast, plötzlich als „Ausnutzen“ umgedeutet wird, verliert deine eigene Biografie an Boden.

Ellen sitzt alleine auf ihrem Sofa. Ein Gedanke schieß ihr durch den Kopf. In ‚Der Gott der kleinen Dinge‘ endet die Geschichte, wenn ich mich recht erinnere, mit dem Wort ,Tomorrow‘ (Morgen). Hat nicht auch Scarlett im Film ‚Vom Winde verweht‘ gesagt, ‚Denn morgen ist ein neuer Tag‘? Bedeutet das nicht, trotz dieser gerade gemachten negativen Erfahrung, zuversichtlich und hoffnungsvoll zu bleiben? Weil man alles was schief gelaufen ist, morgen schon mit ganz anderen Augen sehen kann? (Bild von lmaresz auf Pixabay)

Am Ende ihrer Überlegungen fragt sich Ellen, ob ihr die LeserInnen des UniWehrsEL nicht mit ihrer eigenen Erfahrung weiterhelfen könnten. Darum bittet Sie unter Kontakt zu Kommentaren: Muss man Asymmetrie aushalten können? Ist Erkenntnis in einer Freundschaft wichtiger als Harmonie? Liegt Hoffnung in der Fähigkeit, die Wahrheit auszuhalten?