Du betrachtest gerade Selbstportraits: Lovis Corinth – ein Vorfahre der heutigen Selfiekultur?

Das Seminar „Unter Spiegeln“ regt dazu an, Selbstporträts nicht nur als Bildnis, sondern als komplexe Praxis des Sich‑Zeigens zu lesen: Spiegel, Atelierfenster, Requisiten und Kleidung sind nicht bloß Mittel der Darstellung, sie sind Bedeutungsträger. In dieser Perspektive erscheint Lovis Corinth weniger als bloßer Vorläufer der Selfie‑Kultur und vielmehr als ein frühes Beispiel dafür, wie Künstler Identität aktiv inszenieren, mit allen Mitteln, die ihre Zeit zuließ.

Lies mich, oh Leser, denn nur selten komme ich auf diese Welt zurück!

So heißt ein Buch, das leider zur Zeit vergriffen, aber immer noch in meinem Bücherschrank zu finden ist. Rolf-Jürgen Meise schrieb es 2004. Er verbrachte 7 Jahre lang im Bildersaal der großen Weltliteratur und sammelte Gedanken und Ideen. So auch die dem „Allgemeinen Leben“ zugeordnete „Würde“. Unter diesem Sichwort findet man ein Zitat von Sir Kenneth Clark, der über das Selbstportrait des Leonardo da Vinci folgende Worte gefunden hat: „Dieses große, durchfurchte Gebirge eines Gesichts mit seiner edlen Stirn, seinen beherrschenden tiefliegenden Augen und dem wallenden Bart gleicht den Gesichtern großer, alter Männer des 19. Jahrhundert … Die Zeit mit ihrem Drama menschlichen Leidens hat sie alle auf eine gemeinsame Stufe der Ehrwürdigkeit gestellt.“  

Heute genügt ein Griff zum Smartphone, ein Klick, manchmal ein Filter: Binnen Minuten entsteht ein Bild, das Empfindung, Pose und Intention transportiert — oft jedoch flüchtig, schnell revidierbar und für ein großes Publikum bestimmt. Im Gegensatz dazu bedeutete Selbstbildnis im Atelier eine andere Form von Mühe und Kontrolle: Modellieren von Licht, sorgfältige Komposition, wiederholte Skizzen, die Auswahl von Requisiten, das Aufstellen eines Spiegels oder das Arbeiten nach Fotografien. Ein Ölgemälde konnte von Dutzenden bis zu Hunderten Arbeitsstunden leben — Vorstudien, Untermalung, Lasuren und Detailarbeit summierten sich über Wochen bis Monate. Diese Langsamkeit verlieh dem Resultat Gewicht und eine andere Qualität der Selbstreflexion.

Lovis Corinth lieferte schon einmal Gesprächsstoff hier im UniWehrsEL in unserem Beitrag „Einer, der auszog, Rausch, Ekstase und das Dionysische zu malen„.

Da eröffnete  Corinths anregende „deftige Sinneslust“ nochmals einen erweiterten Blick zum Gott Bacchus. Im Georg-Schäfer-Museum in Schweinfurt begeisterte ein Selbstporträt des Malers Lovis Corinth. Er stellt sich selbst als Gott des Weins Bacchus dar. Ein Selbstportrait, natürlich im Rausch, mit Weinlaub im Haar. Corinth hatte auf diesem Bild keinen „Six-Pack“, sondern einen dicken Bauch, war also nahe am Pan dran. Wieder einmal eine Variante seines beliebten Motivs der sexuellen Lust und Lebensfreude, bekannt durch seine leicht bekleideten „Bacchantinnen“. (Bild von Bacchus von Eveline de Bruin auf Pixabay)

Corinths Selbstporträts liefern reiches Material für solche Deutungen. Auch das Selbstbildnis mit Skelett ist emblematisch: Der Maler steht neben einem an einem Gestell aufgehängten Skelett vor dem großen Atelierfenster, das den Blick über Schwabing mit rosa‑violetten Tönen freigibt. Das blassblau karierte Hemd, das Skelett als Vanitas‑Motiv, das Fenster als Durchblick in Zeit und Ort; all das macht das Bild zu einer ausgeklügelten Inszenierung von Vergänglichkeit, Alltagsrealität und künstlerischer Selbstverortung. Ebenfalls auffällig sind die direkten Blickkontakte in anderen Selbstbildnissen: Corinth im weißen Kittel vor Palette und Staffelei, die grüne Tür und der Widder‑Schädel als Bühne seiner Künstleridentität. Solche Details erzählen nicht nur vom Handwerk, sondern von Selbstverständnis, Wissensinteresse, Vitalität und der bewussten Konstruktion eines Künstler‑Mythos.

Das Motiv „Selbst und Partner“ – etwa das Bild mit Charlotte Berend von 1902 erinnert an Rembrandts Verbindung zu Saskia: Hier wird Selbstporträt zur Beziehungsschrift, zur Darstellung von Nähe, Rolle und Zärtlichkeit. Wenn sie tatsächlich stimmt, Charlotte Berend‑Corinths Beobachtung zur vermeintlichen Ähnlichkeit Corinths mit Bismarck, dann fügt sich eine weitere Schicht hinzu: Ähnlichkeit mit einer historischen Autoritätsperson kann als charmante, absichtsvolle Selbstverankerung wirken; sie zeigt, wie Selbstdarstellung auch im Blick auf öffentliche Figuren und Bewunderung gelesen werden kann. Gemalt hat Corinth jedenfalls ein Bild von Otto von Bismarck.

War Corinth also „ein Vorfahre der heutigen Selfiekultur“? Zum Selfie können Sie gerne unseren Beitrag über „Face2Face“ lesen. Denn da wird gefragt, was ein Porträt in der Kunst alles bedeuten könnte, gerade im Zeitalter von Instagram und Milliarden Selfies. Die Sonderausstellung Face2 Face im Landesmuseum Darmstadt zeiget, wie ein Gesicht erst durch den Blick des Betrachters zum echten Kommunikationsmedium wird.

Ja und nein. Er teilte mit heutigen Selbstdarstellern das Bedürfnis, Identität bewusst zu formen und ein Bild von sich der Welt zu geben. Aber die Mittel, die Zeitlichkeit und die Intention unterscheiden sich: Corinths Selbstportraits sind sorgfältig komponierte, zeitaufwendige Werke, getragen von handwerklicher Tiefe und symbolischer Dichte; moderne Selfies sind oft schnell, vielfältig reproduzierbar und mediatisiert. Beide Praktiken sind Ausdruck derselben Grundtendenz; dem Bedürfnis, sich selbst zu sehen und gesehen zu werden, aber sie operieren in unterschiedlichen technischen, sozialen und ästhetischen Horizonten. (https://sammlung.staedelmuseum.de/de/person/corinth-lovis)

Abschließend lässt sich sagen: Corinths Selbstbildnisse zeigen einen Künstler, der sich als Handwerker, Intellektueller und Mensch inszeniert, mit Bewusstsein für Vergänglichkeit, sozialer Position und künstlerischem Ritual. Ihre Detailliertheit und die damit verbundene Arbeitszeit geben dem Bild Gewicht und Tiefe, die sich mit einem Minuten‑Schnappschuss kaum erzielen lassen. Beides sind Formen von Selbstinszenierung; Corinths Werke sind jedoch Mahnung, dass Selbstdarstellung auch Arbeitsprozess, Reflexion und kulturelle Verortung sein kann, nicht nur sofortige Geste.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:4. Juni 2026
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