Du betrachtest gerade Wiederaufnahme Oper Frankfurt „Die Kluge“: ein Blick auf die drei Strolche; Betrüger oder Überlebenskünstler?

An der Oper Frankfurt finden Doppelabende statt wie „Der Zar lässt sich fotografieren“ (unser Beitrag unter »Das Märchen ist die verspielte Tochter des Mythos«) von Kurt Weill (1900-1950) in Kombination mit „Die Kluge“ von Carl Orff (1895-1982). Orffs Geschichte vom König und der klugen Frau in zwölf Szenen wurde am 20. Februar 1943 im Opernhaus Frankfurt zur Uraufführung gebracht und erfuhr hier zuletzt am 30. Oktober 1957 eine Neuinszenierung durch Hans Hartleb. Der auf Grimms Märchen basierende Text zu Die Kluge stammt aus der Feder des Komponisten selbst, der zuvor mit Carmina Burana eines der bedeutendsten Chorwerke des 20. Jahrhunderts geschaffen hatte.

Liebe UniWehrsEL-Leser,

bei der Wiederaufnahme von Carl Orffs „Die Kluge“ sind mir neben den großen Figuren vor allem die drei kleinen Strolche – der erste, der zweite und der dritte Strolch – als liebenswerte Nebenfiguren besonders aufgefallen.

„Oh, hätt ich meiner Tochter nur geglaubt!“ mit diesem Gedanken und vor allem mit dem Satz „Denn wer viel hat, hat auch die Macht…“ macht Carl Orff die Gesetzmäßigkeiten einer Märchenwelt hörbar, in der Recht letztlich von Gewalt überlagert wird. In den Worten des Werks klingt dabei nicht nur Anklage gegen Ungerechtigkeit, sondern auch eine bitter-praktische Erkenntnis:

In bewegten Zeiten entscheidet weniger die Moral als die Lage und wer überleben will, muss verstehen, wie Macht funktioniert und wo sie wankt. „Tyrannis führt das Zepter!“, heißt es weiter, und genau hier beginnt für mich die Verbindung zum Thema des Sommersemester 26 an der U3L „Überlebenskunst in bewegten Zeiten“.

Und genau dieser historische Moment, in dem Orffs Fragen über Macht, Recht und Wahrheit überhaupt erst auf die Bühne gelangen konnten, macht den Blick auf das Werk noch unbequemer. Kaum zu fassen, dass die Premiere in der NS-Diktatur stattfand – kurz vor dem Ende, zwei Tage vor der Hinrichtung der Geschwister Scholl und nur wenige Wochen nach der Niederlage von Stalingrad. Während sich für viele bereits abzeichnete, dass Deutschland den Krieg nicht mehr gewinnen würde und das Regime dem Untergang entgegensah, setzte Joseph Goebbels mit Propaganda und Kultur ganz bewusst auf das, was tröstet, ablenkt und bindet: Unterhaltung.

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Gerade die Oper passte dafür besonders gut, auch, weil Hitler selbst die Wagner-Festspiele in Bayreuth feierte.

Die Uraufführung und die Inszenierung durch Günther Rennert, der 1946 Intendant der Hamburgischen Staatsoper wurde, wirken dadurch wie ein doppelter Fokus: Ablenkung als Mittel der Macht – und gleichzeitig eine Bühne, die das Unbequeme nicht ausspart, sondern mit  einem scheinbar zeitlosen Märchen der Gebrüder Grimm tarnt.

Wenn man dann die drei kleinen Strolche – den Ersten, Zweiten und Dritten – anschaut, wirken sie auf den ersten Blick wie Nebenfiguren zum Zeitvertreib: gesetzlos, frech, scheinbar nur auf Vorteil bedacht. Doch gerade diese scheinbare Nutzlosigkeit macht sie interessant. Ihre Komik, ihr Kommentieren des Geschehens, ihr Spott auf menschliche Schwächen und die Ungerechtigkeit der Welt sind nicht bloß eine Auflockerung der Handlung, sondern eine Art Überlebenshaltung: den Ernst nicht glauben, bevor er nicht überprüft ist; Regeln zu sehen, ohne sich ihnen zu unterwerfen.

Sie sind laut, frech und scheinbar gesetzlos; und doch haben sie etwas an sich, das mehr ist als bloßes Opern-Entertainment (Beispiel Ringburg 2009). Ihre „Philosophie“ ist nicht fein und nicht sittlich; aber sie ist lebensnah. Im Verlauf der Oper verstricken sich die drei Strolche in einen bizarren Streitfall, mit ihrem Gerede und Gezänk sorgen sie dafür das ein rechtschaffener Eseltreiber seinen Esel verliert: Ein Esel- und ein Maultiertreiber liefern sich einander widersprechende Anschuldigungen, und genau in diese chaotische Situation mischen sich der erste, der zweite und der dritte Strolch als „gekaufte“ Zeugen ein. Sie schieben ihre Version der Wahrheit dazwischen – gewitzt, selbstsicher und ohne jede Spur von Skrupel.

Was wie zufällige Nebenbemerkungen beginnt, entpuppt sich als gezielt eingesetzter Betrug: Die Strolche liefern eine falsche Zeugenaussage ab, die den Streit im entscheidenden Moment in eine für den ehrlichen Eseltreiber falsche Richtung lenkt. Aufgrund der Falschaussage trifft der König die falsche Entscheidung.

Sie schaffen eine ironische Distanz zu der Willkür des Königs: Sie kommentieren das Geschehen, singen und sprechen über Schlechtigkeit der Welt, menschliche Schwächen und die Ungerechtigkeit. Genau darin steckt für mich der eigentliche Reiz: Die drei Strolche wirken wie Menschen, die gelernt haben, sich anzupassen an ein System, was von dem König allein bestimmt wird. Er entscheidet über Recht und Gesetz. Moral ist also nicht nur eine Frage der Haltung, sondern auch des Geldes. Die drei Strolche greifen ein Thema auf, dass sonst gerne hinter einer Formel verschwindet wie hältst du es mit der Moral? Und sie tun es aus der Unterschicht heraus, aus der man das Recht selten als Schutz erlebt, sondern eher als Machtinstrument gegen sich selbst.

In Anknüpfung an das Seminar „Überlebenskunst in bewegten Zeiten“ habe ich beim Zuschauen an etwas gedacht, das schwer auf den ersten Blick zu benennen ist: Überleben ist nicht immer das heroische „Durchhalten“. Manchmal ist es das schnelle Erkennen der Lage; das Mitgehen, das Ausprobieren, das Genießen, solange der Moment offen ist. Und genau so wirken die drei Strolche. Ihre Motivation ist denkbar simpel: Bestechungsgeld ausgeben für Bier und ein großes Gelage. Die Frage liegt auf der Hand: Sind sie bloß Taugenichtse, die sich bestechen lassen? Oder sind sie Überlebenskünstler, weil sie den Moment nehmen, bevor er ihnen entgleitet?

Denn während die Figur die „Kluge“ für Wahrheit und Gerechtigkeit steht, leben die Strolche vor allem im Hier und Jetzt. Das einfache Volk, das „Gelage“ statt Zukunftspläne kennt, sorgt sich offenbar wenig über das, was morgen kommt. Es ist diese Härte des Alltags, die Orff nicht romantisiert, sondern ausstellt: Wer wenig hat, hat wenig zu verlieren. Er kann leichter im Augenblick leben – und muss vielleicht auch nicht so lange moralisch erklären, warum. Selbst dass ihr Geld für Bier durch eine falsche Zeugenaussage erkauft wurde, scheint die Strolche nicht zu stören. Für mich ist das kein Freispruch, aber eine Diagnose: In welcher Gesellschaftsschicht stellt sich Moral überhaupt noch als durchsetzbare Handlungsform dar? Wo Recht nur dort „gilt“, wo Macht ist, wird Moral schnell zu Luxus.

Die drei Strolche sind also nicht unbedingt „moralisch vorbildlich“. Aber sie sind ehrlich in ihrer Art, die Regeln zu sehen: „Denn wer viel hat, hat auch die Macht, und wer die Macht hat, hat das Recht, und wer das Recht hat, beugt es auch, denn über allem herrscht Gewalt,“ so das lautet berühmte Zitat der drei kleinen Strolche. Das klingt wie eine bittere Lebensweisheit – und gleichzeitig wie Spott, als müsste man sich selbst vor der Hoffnung schützen, dass Gerechtigkeit automatisch geschieht. Vielleicht ist genau das ihre Überlebenskunst: nicht daran zu glauben, dass die Welt gerecht ist, sondern mit dem zu arbeiten, was sich in ihr bewegt.

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Ganz anders die Figur der Klugen: Sie verkörpert eine andere Strategie. Sie stellt nicht nur Fragen an die Gerechtigkeit – sie greift ein. Wo die Strolche die Lage kommentieren und verkürzen, verhandelt die Kluge bis in den Kern: mit Intelligenz, mit Wissen um den Wert dessen, was man „mitnehmen darf“, und mit einem klaren Blick dafür, was Wahrheit bedeutet.

Wenn der König sie verstoßen will, weil sie sich in einen Rechtsstreit eingemischt hat, nimmt sie ihre Kiste mit dem „Liebsten und Besten“ – und macht damit sichtbar, dass ihr Verstand mehr ist als eine Spielerei, die der König liebt. Sie setzt nicht auf den Moment um des Augenblicks willen, sondern auf die Wirkung, die der Moment haben kann: als Beweis, als Wendung, als Siegerstrategie.

Und vielleicht liegt in diesem Gegensatz die eigentliche Bildungschance für unser Seminar: Überlebenskunst besteht nicht nur darin, sich durchzuschlängeln, sondern auch darin, zu unterscheiden, wann das „Hier und Jetzt“ ein Ausweg ist – und wann es eine Falle bleibt. Die drei Strolche genießen den Moment. Die Kluge verwandelt den Moment in Entscheidungsmacht.

Mich hat dabei am meisten beschäftigt, ob man die drei Strolche „Narren“ (unser Beitrag zu „Narren in der Oper„) nennen darf. Für mich sind sie eher Menschen, die gelernt haben, dass die Welt sich nicht nach ihnen richtet. Sie spielen nicht das Spiel der höheren Moral mit; sie spielen das Spiel der Chancen; und machen daraus ihre Weise von Freiheit. Verwerflich sind ihre Mittel, ohne Frage. Aber als Figuren der Unterschicht zeigen sie eine Wahrheit, die man in bewegten Zeiten kaum wegdiskutieren kann: Wer keine Sicherheit hat, sucht Handlungsspielraum – und manchmal ist der kleinste verfügbare Raum eben ein Biergelage.

So betrachtet sind die drei Strolche für mich keine reinen Narren. In ihrer Lust am Moment, in ihrer Art, mit Bestechung und ohne Berücksichtigung der Konsequenzen zu „arbeiten“, zeigen sie eine Welt, in der Überlebenskunst heißt: nicht naiv sein, nicht warten, sondern handeln.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:11. Juli 2026
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