Johanna Wehners Inszenierung von Thomas Manns Buddenbrooks am Schauspiel Frankfurt ist ein großer Theaterabend. Sie ist eine schonungslose, zugleich zärtliche Feinschärfung an einem Text, der seit 125 Jahren unsere Vorstellungen von Bürgertum, Familie und Wohlstand formt. Im Seminar Krise und Hoffnung. Über Lebenskunst in bewegten Zeiten ist die Verbindung zu den Frankfurter Buddenbrooks die Kernfrage: Was ist der Sinn des Lebens, wenn Traditionen zerbröseln und Sicherheit nur noch als Fassade existiert? Gleich zu Beginn stellt die Inszenierung dem Publikum genau diese Frage. Acht Schauspieler*innen antworten in kurzen, prägnanten Einwürfen wie etwa Erfolg, Schokolade, Geld, Glück.
Liebes UniWehrsEL,
Die Inszenierung erzählt fast den ganzen Roman „Die Buddenbrooks„- von der Blüte der Handelsfirma über Bruderzwist und Liebesversuche bis zum qualvollen Ende der Familienlinie – und reduziert dabei das Überflüssige auf ein Minimum. Das macht sie stark als vier Generationengeschichte: In knapp drei Stunden wird sichtbar, wie Wohlstand errungen, bewahrt und schließlich zerstört wird. Der Höhepunkt des Wohlstands liegt bereits zu Beginn; danach folgen Melancholie und die Angst vor der Zukunft. Diese Chronik zeigt, wie fragil materieller Erfolg ist und wie sehr ein wehmütiger Blick auf die Vergangenheit das Handeln der Gegenwart prägt.

Thomas Mann (wir erinnern an dieser Stelle auch an die Lesung von Dieter Borchmeyer) zeichnet ein Panorama unterschiedlichster Charaktere und zeigt, wie sie mit Erwartungsdruck umgehen. Tonys arrangierte Ehe mit dem Kaufmann Grünlich, Thomas’ Versuche, das Familienunternehmen zu modernisieren, und Christians unkonventioneller Lebensstil erscheinen in Wehners Bühne nicht als ausgearbeitete Nebenhandlungen, sondern als markante Episoden, die exemplarisch die Zwänge und Bruchlinien einer bürgerlichen Existenz offenlegen. In der Filmfassung spitzt sich alles auf den Bruderzwist zu und bildet dort den erzählerischen Höhepunkt. So treten unterschiedliche Lebensstile deutlich hervor: Thomas als Verkörperung der Leistungsgesellschaft — stets unzufrieden, gehetzt und überaktiv, nach außen erfolgreich, innen aber vom Blick in die Vergangenheit gebrochen.
Christian als Gegenentwurf, Theater- und Genussmensch, stets kränklich, dem das bürgerliche Wirtschaften fremd bleibt. Christian ist von Langweile angetrieben Diese Gegenüberstellung macht sichtbar, wie verschieden auf Druck und Erwartung reagiert wird.. Diese Gegensätze entblößen eine Kritik an kapitalistischen Wertmaßstäben: Erfolg wird am wirtschaftlichen Fortbestand gemessen, Menschlichkeit und Muße bleiben marginalisiert.
Toni erscheint vor ihrer ersten Ehe noch mit Prinzessinnengehabe, träumt sich selbst in anderen Sphären; ihre kurze Romanze mit einem kommunistischen Studenten ist mehr Einbildung und überhöhung des Mannes als echte Liebe. Später die Verbindung mit dem zupackenden Bayern als zweiter Ehemann zeigen, dass Glück nur flüchtig erreichbar ist. Erwartungen der Umgebung – sozialer Druck, Standesbewusstsein, Erbanspruch – beeinflussen das Glück der Buddenbrocks maßgeblich. Thomas legt großen Wert auf die Meinung seiner Umgebung; für ihn ist der kränkelnde, musisch begabte Sohn Christian eine tiefe Enttäuschung, weil dieser nicht das Abbild eines starken Mannes und verlässlichen Nachfolgers abgibt.
In Wehners Bühnenfassung hingegen ist der Bruderkonflikt nur ein Moment unter vielen, nicht der zentrale Schlussakkord. Anders als in filmischen Adaptionen, die das Geschehen oft linear und psychologisch ausleuchten – etwa jene Versionen, in denen die Buddenbrocks als Film von 2008 die Geschichte einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie in der Hansestadt Lübeck im 19. Jahrhundert erzählen – setzt die Bühne auf Verdichtung: Personen, Motive und Sprachformeln werden als Leitmotive gefasst und mehrschichtig verwoben.
Die Inszenierung fragt weiter: Was gehört zum Glück im Leben dazu? Ist der Mensch nicht nur ein Glied einer Kette – ein einfaches Teil in einem System aus Familie, Firma und Stand? Oder kann er aus dieser Kette herausfallen, seinen Platz verlieren oder bewusst verlassen? Wehner lässt diese Alternativen offen: Die Schauspieler*innen wechseln fließend zwischen Erzähler- und Figurenrollen, sodass individuelle Sehnsüchte (Glück, Erfolg, Sicherheit) und die sozialen Bindungen (Pflicht, Erbe, Erwartung) gleichwertig sichtbar werden. Dadurch entsteht die ambivalente Erkenntnis, dass persönliche Wünsche stets mit systemischen Zwängen verknüpft sind – und dass ein Ausstieg aus der Kette möglich, aber existenziell riskant ist.
Besonders eindrücklich ist Wehners Entscheidung, die Sprache und die Leitmotive Manns sprechen zu lassen – ohne mediale Überfrachtung, ohne Effekthascherei. In dieser Zurückhaltung liegt auch eine ironische Kraft: Szenen wie die Beschreibung der goldenen Kotletten des Grünlich werden nicht als bloße Kostümierung vergangener Dekadenz abgetan, sondern als groteske Spiegelung eines Denkens, das glaubt, Besitz und Schein würden Bestand verleihen.
Solche Bilder hinterlassen den bitteren Nachgeschmack, dass goldene Worte aus der Familienchronik – etwa das Gebot: „Sey mit Lust bey den Geschäften am Tage aber mache nur solche, dass wir bey Nacht ruhig schlafen können.“- zwar moralischen Anspruch formulieren, in der Praxis aber kaum als Garant für dauerhaften Bestand dienen. Wie ist der Wohlstand zu halten?
Für unser Seminar ist die Inszenierung ein Lehrstück: Lebenskunst in bewegten Zeiten bedeutet nicht nur, materielle Sicherheit zu organisieren, sondern auch die Fähigkeit, das Narrativ der eigenen Vergangenheit zu hinterfragen und Zukunftsängste produktiv zu verwandeln.
Die Buddenbrooks lehren den Zuschauer Warnung und Mahnung gleichermaßen — und zeigen zugleich, wie trügerisch die Hoffnung ist, man könne Vergangenheit konservieren wie ein Familienporträt an der Wand. Wehners minimalistische, textgetreue Lesart öffnet den Raum, diese Lektion nachzuspüren.
Für unser Seminar Über Lebenskunst in bewegten Zeiten bietet Wehners Buddenbrooks einen präzisen Impuls: Nicht nur individuelle Gelassenheit oder ökonomische Klugheit sind gefragt, sondern die Fähigkeit, die eigenen Lebensentwürfe kritisch gegenüber kollektiven Erwartungshaltungen der Gesellschaft zu reflektieren. Der Abend zeigt, wie Leistungsgesellschaft und Kapitalismus Identität formen, wie die Last der Vergangenheit junge Leben erdrückt und wie flüchtig Glück bleibt, wenn es nur am äußeren Ansehen gemessen wird.
Das Seminar kann daraus drei handlungsorientierte Lehren ziehen: erstens die Praxis der Selbstreflexion gegenüber familiären Erfolgserzählungen; zweitens die Suche nach Formen des Glücks, die nicht allein an Erfolg und Besitz gebunden sind; drittens die Frage nach solidarischen Wegen, Wohlstand dauerhaft und menschlich zu gestalten. So wird aus der szenischen Familienchronik ein praktischer Prüfstein für Lebenskunst in unserer Zeit.
Mit freundlichen Grüßen
Simon Syntax

