Du betrachtest gerade Filmbesprechung „Die Odyssee“ (2026) Christopher Nolan – Die Heimkehr eines traumatisierten Helden

Die Kritiken zu Christopher Nolans Odyssee (wir erwähnten ihn bereits im Beitrag Filme wie „Die Odyssee“ und „Prestige“) sind durchaus gespalten. So kann man nachlesen Christopher Nolans Monumentalfilm Die Odyssee (The Odyssey, 2026) mit Matt Damon als Odysseus, Anne Hathaway als Penelope und Zendaya als Athene radikalisiere den antiken Mythos zu einem psychologischen Trauma- und Kriegsfilm. Anstatt einer bunten Abenteuerreise zeige Nolan eine düstere, melancholische Bestandsaufnahme von Schuld, Erinnerung und den seelischen Narben des Trojanischen Krieges.

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Typisch für Nolan und Homers Vorlage folgend, verweigert sich der Film einer linearen Chronologie. Die Irrfahrten und Erlebnisse von Odysseus werden nicht einfach nacheinander abgehakt. Sie wirken wie traumatisierte Erinnerungsfetzen, die aus dem Unterbewusstsein des Heimkehrers an die Oberfläche spülen. Die Handlung springt fluid zwischen den Freiern im heimischen Ithaka (um Antinoos, gespielt von Robert Pattinson), Telemachos’ Suche nach dem Vater und den grausamen Echos des trojanischen Krieges hin und her. Erst am Ende schlingen sich diese Zeitebenen schlüssig ineinander.

Nolan bricht mit der Tradition vorheriger Verfilmungen, die sich auf das phantastische Fabulieren konzentrierten. Odysseus Heimkehr wird zu einer Obsession.

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Wie in Interstellar (unser Beitrag Nolans „Interstellar“ – Grundprinzipen des ‚American Way of Life‘ – nur ein Ideal?) kämpft ein Mann aus den tiefsten, zerstörerischen Ebenen (hier dem metaphorischen und physischen Hades des Krieges) den harten Weg zurück zu seiner Familie.

Im Fokus stehen die Kriegsfolgen. Thematisch knüpft der Film damit an Oppenheimer (unser Beitrag Nolans Oppenheimer: Die Zündung der Atombombe – Exzess, Wahn, moralische Frage?) an. Es geht um die Frage, wie sich kollektive und individuelle Gewalt in die Körper und Seelen der Soldaten einschreibt. Odysseus ist kein strahlender, unfehlbarer König, sondern ein „complicated man“ (komplizierter Mann), schwer gezeichnet von seinen eigenen Taten.

Eine vertiefte Analyse von Christopher Nolans Film Die Odyssee (2026) offenbart fundamentale Abweichungen zu Homers antiker Textvorlage.

Während Homer eine epische Abenteuersaga mit göttlicher Fügung und listigen Helden verfasste, verwandelt Nolan das Werk in ein pessimistisches Sühne-Drama. (Zur Frage, was eigentlich ein Held ist, gab es im Jahr 2016 eine Ausstellung im Frankfurter Städel „Von Siegern und Verlierern“. Vor 50 Jahren schuf Georg Baselitz Bilder von „Helden“ – die so gar nicht danach aussehen).

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Klassische Philologen und Kritiker vergleichen Nolans Deutung oft mit Dantes Inferno (findet auch Erwähnung in unserem Beitrag „Solastalgia„) – eine langsame Sühne für die Kriegsverbrechen in Troja, bei der List als seelische Last bestraft wird.

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Die Kyklopen-Episode (Polyphem)

  • Homers Vorlage: Odysseus besiegt den Riesen Polyphem durch überragenden Intellekt. Er betrinkt ihn, nennt sich listig „Niemand“ und entkommt mit seinen Männern, indem sie sich unter dem Bauch von Schafen festklammern. Es ist die Sternstunde des antiken Metis (der listigen Klugheit).
  • Nolans Umsetzung: Nolan bricht radikal mit dem humorvollen Abenteuer-Charakter. Der Trick mit dem Namen „Niemand“ wird komplett gestrichen. Die Flucht ist nicht glanzvoll: Die Männer kriechen im Schlamm auf allen Vieren aus der Höhle. Nolan entzaubert den Mythos zugunsten eines brutalen, realistischen Überlebenskampfes, in dem der Held physisch und psychisch gedemütigt wird.

Die Zauberin Kirke (Circe)

  • Homers Vorlage: Kirke wird als betörende, göttliche Verführerin und klassische Hexe dargestellt. Sie verwandelt Odysseus‘ Männer mittels Magie in Schweine, woraufhin Hermes eingreifen muss, um Odysseus mit dem Kraut Moly zu schützen.
  • Nolans Umsetzung: Die von Samantha Morton gespielte Kirke verliert ihr glitzerndes Fantasy-Gewand. Sie wird als sehr häusliche, beinahe frühneuzeitliche Hexe inszeniert. Nolan streicht den Gott Hermes als Helfer. Stattdessen nutzt Odysseus (Matt Damon) hier erstmals seine reine Überzeugungskraft, um die Männer zu retten, die er aus eigener psychologischer Beobachtung als „Schweine“ (eine Metapher für ihre moralische Verrohung im Krieg) entlarvt hat.

Die Nymphe Kalypso und das Motiv der Verführung

  • Homers Vorlage: Kalypso hält Odysseus sieben Jahre auf ihrer Insel gefangen und zwingt ihn zu einer sexuellen Beziehung. Die sexuelle Versuchung und die Verweigerung der Freiheit stehen im Fokus.
  • Nolans Umsetzung: Nolan streicht jegliche erotische Komponente und Nacktheit aus der Dynamik. Charlize Therons Kalypso fungiert nicht als lüsterne Kerkermeisterin. Sie ist eine melancholische Therapeutengestalt, die dem traumatisierten Odysseus hilft, seine verlorenen und verdrängten Kriegserinnerungen zu rekonstruieren. Die Ablehnung ihrer angebotenen Unsterblichkeit wird zu einer rein existenziellen Willensentscheidung für das sterbliche Leben.

Penelope und das Finale auf Ithaka

  • Homers Vorlage: Penelope hält sich die gierigen Freier durch eine bewusste List (das Weben und Auftrennen des Totentuches) vom Leib. Als Odysseus heimkehrt, tötet er die Freier in einem heroischen, von Athene unterstützten Gemetzel und beweist seine Identität durch das Geheimnis ihres gemeinsamen Bettes.
  • Nolans Umsetzung: Penelope (Anne Hathaway) verliert im Film etwas von ihrer taktischen Dominanz aus dem Buch, gewinnt aber an tragischer Tiefe. Im Finale darf Telemachos (Tom Holland) wegen des Gastrechts nicht aktiv angreifen, während Odysseus mit Pfeilwunden kollabiert. Die Wiedererkennung erfolgt nicht über das Bett, sondern über eine Anstecknadel, woraufhin Odysseus in ihren Armen zusammenbricht. Statt eines triumphalen Endes übergibt er die Krone an Telemachos und flieht traumatisiert per Schiff gen Westen, um Frieden mit den Toten zu schließen.

Nolan bricht auch mit der gängigen Kinotradition, das Trojanische Pferd als ruhmreichen, genialen Triumph zu zeigen. Stattdessen nutzt er die Sequenz als metaphorischen Sündenfall. Gedeutet werden kann dies als klaustrophobische Enge: Die Kamera verweilt quälend lang im hölzernen Bauch. Anstatt heroischer Krieger inszeniert Nolan Odysseus (Matt Damon) und seine Männer in extremer Dunkelheit. Es wirkt wie eine Vorhölle, in der das Atmen schwerfällt und die Mechanik des Todes spürbar wird. Das Augenmerk liegt auf der beklemmenden Logistik – dem dumpfen, rhythmischen Schleifen des Pferdes, das von den ahnungslosen Trojanern den Hügel hinaufgezogen wird.

Beklemmend ist das brennende Inferno. Als das Massaker beginnt, verweigert Nolan ästhetisierte Action. Die Kamera fängt stürzende, brennende Paläste in Troja und die gesichtslosen Opfer ein, was die moralische Schuld zementiert, die Odysseus die nächsten zehn Jahre als Trauma verfolgen wird. Das Pferd bleibt im Sand zurück wie ein unheimliches Mahnmal der Zerstörung.

Die intellektuelle Fehde: Die Kritik von Übersetzerin Emily Wilson

Obwohl Christopher Nolan Wilsons gefeierte Homer-Übersetzung von 2017 explizit als Inspiration für seinen „komplizierten Mann“ nannte, entbrannte nach Kinostart eine hitzige Debatte. Emily Wilson verriss Nolans Drehbuch in Essays für den London Review of Books und The Atlantic als „emotional leer“. Wilson kritisiert vor allem die Diskrepanz zwischen Wort und Bild sowie die Darstellung der Figuren.

Nolan zeige Objekte statt Menschen: Wilson wirft Nolan vor, die Kamera interessiere sich primär für die Logistik und Mechanik von Objekten im Raum statt für psychologische Tiefe. Ein Beispiel ist das Finale auf Ithaka: Statt des menschlichen Dramas fixiere sich die Kamera minutenlang darauf, wie Waffen durch eine Deckenluke herabgelassen werden.

Kritiken gibt es auch zu den weiblichen Charakteren.  Zwar loben einige Kritiker, dass Nolan den Frauen (wie Penelope gespielt von Anne Hathaway) mehr Wut und Handlungsspielraum zugesteht als in früheren Werken, Wilson kritisiert jedoch das Fehlen echter Sinnlichkeit. Dass Affären mit Kirke oder Kalypso (gespielt von Charlize Theron) komplett gestrichen oder durch den Einsatz von dämpfendem Lotus entsexualisiert wurden, nimmt der Vorlage laut Wilson ihre vitale, fleischliche Ironie.

Das 70mm-IMAX-Spektakel gerät zu einem Statussymbol

Für Cineasten wird der Kinobesuch zu einer Pilgerreise. Nolan drehte das dreistündige Epos komplett auf echtem IMAX-Zelluloid. Die Hades-Szenen wurden in Island gedreht. Die Szenen, in denen Odysseus das Totenreich betritt, wurden unter extremen Bedingungen im isländischen Sommer gedreht. Das unheimliche, matte Licht der Mitternachtssonne entfaltet auf den riesigen IMAX-Leinwänden eine trostlose, überwältigende Wucht, die sich physisch auf den Zuschauer überträgt. Der Kontrast zwischen den messerscharfen, sonnendurchfluteten Küstenaufnahmen Griechenlands und der kargen, stürmischen Isolation auf den Inseln erzeugt eine visuelle Dynamik, die auf Standard-Kinoleinwänden oder im Streaming verloren geht. Das Format macht die Einsamkeit des Ozeans visuell spürbar.

Die Dekonstruktion des „Polytropos“: Matt Damons Charakterisierung

Der altgriechische Begriff „polýtropos“ (wörtlich: der vielgewendete, vielgewanderte oder listenreiche) ist das zentrale Epitheton, mit dem Homer seine Hauptfigur einführt. In früheren Verfilmungen stand dies für ein charmantes, verschmitztes Genie. Christopher Nolan und Matt Damon dekonstruieren diese Eigenschaft jedoch radikal:

Das wird deutlich an der  Last der Lüge. Für Nolan bedeutet polýtropos nicht spielerische Schläue, sondern die fatale Fähigkeit zur permanenten moralischen Flexibilität. Damons Odysseus nutzt die List nicht als glanzvolle Waffe, sondern als seelisches Gift, das ihn zunehmend von seinen Männern und seiner eigenen Identität entfremdet. Es gibt keinen strahlenden Helden (auch unser Beitrag „Nachdenkliches zum Helden„).

Damon verkörpert keinen antiken Halbgott. Er zeigt einen gealterten, gebrochenen Taktiker, dessen „Vielseitigkeit“ zur Überlebensstrategie in einer kollabierenden Welt geworden ist. Seine Intelligenz schützt ihn nicht vor Traumata; sie verlängert lediglich seine Qualen. Er wird zum Prototyp des modernen, psychologisch zerrissenen Menschen, der heillos überfordert ist.

Die Hades-Sequenz: Dreharbeiten unter der isländischen Mitternachtssonne

Um das Totenreich (Hades) filmisch umzusetzen, verweigerte Nolan wie gewohnt den Einsatz von Greenscreens oder digitalen Effekten. Stattdessen verlegte er den Dreh in die kargen Vulkanlandschaften Islands. Gedreht wurde im isländischen Hochsommer während der Mitternachtssonne. Das Resultat auf der Leinwand ist ein permanentes, unheimlich mattes und diffuses Zwielicht. Es gibt im Hades keine harten Schatten und kein echtes Dunkel. Diese endlose, bleiche Dämmerung fängt die existenzielle Monotonie und Trostlosigkeit des antiken Schattenreichs visuell perfekt ein. Die Darsteller agierten in realen, eisigen Aschewüsten und Schwefelfeldern. Die Erschöpfung in Damons Gesicht ist echt – verstärkt durch extrem fordernde Dreharbeiten. Nolan peitschte die Crew durch die raue Natur, um die physische Schwere der Reise spürbar zu machen, bei der Odysseus sprichwörtlich durch den Schlamm kriechen muss

Zur düsteren Stimmung trägt auch Ludwig Göranssons IMAX-Soundtrack bei. Nach Oppenheimer setzt Nolan seine Zusammenarbeit mit dem oscarprämierten Komponisten Ludwig Göransson fort. Für Die Odyssee hat Göransson eine auditive Kulisse geschaffen, die speziell für das überwältigende IMAX-Soundsystem abgemischt wurde. Verzichtet wurde auf orchestralen Bombast. Statt klassischer, heroischer Bläsersätze dominiert ein flirrender, mechanisch-archaischer Score. Göransson nutzt verzerrte, antike Saiteninstrumente gepaart mit tiefen, synthetischen Sub-Bässen, die den Kinosaal physisch zum Beben bringen.

Das Rauschen des Ozeans und das Ächzen der Schiffsplanken wurden tontechnisch so mit der Musik verwoben, dass die Zuschauer im IMAX-Saal das Gefühl bekommen, selbst von den Wellen erdrückt zu werden. Der Ton funktioniert hier wie ein eigener Charakter – unbarmherzig, laut und klaustrophobisch, was perfekt mit den gigantischen, auf analogem 70mm-Film gedrehten Bildern harmoniert.

Das Gastrecht (Xenia) gerät zum gesellschaftlichen Kollaps. In der antiken Welt Homers war die Xenia (das heilige Gesetz der Gastfreundschaft) die wichtigste Säule der Zivilisation – geschützt von Zeus höchstpersönlich. Christopher Nolan nutzt den Bruch dieses Kodex als zentrales erzählerisches Element für den Kollaps der gesellschaftlichen Ordnung. Er pevertiert das Recht. Die Freier im Palast von Ithaka (angeführt von Robert Pattinsons Antinoos) nutzen das Gastrecht aus, um das Königreich von innen heraus auszuweiden. Nolan inszeniert dies nicht als bloße Unhöflichkeit, sondern als anarchistischen Sittenverfall. Es bricht das ein, was Nolan in Interviews als die Bedrohung durch die geschichtlichen „Seevölker“ beschreibt – der schleichende Übergang zum Zusammenbruch der Bronzezeit.

Daraus resultiert auch das Dilemma im Finale. Das Finale radikalisiert dieses Thema auf dramatische Weise. Während Odysseus (Matt Damon) mit Pfeil und Bogen die Freier attackiert, ist es Telemachos (Tom Holland) aufgrund des religiösen Gastrechts paradoxerweise verboten, aktiv in den Kampf einzugreifen. Erst als die Situation eskaliert, bricht die moralische Grenze komplett zusammen.

Wie bereits erwähnt entwickelte sich der 172 Minuten lange 250-Millionen-Dollar-Film rasant zu einem kontroversen Phänomen. Nach nur drei Wochen im Kino spielte das Epos weltweit fast eine Milliarde US-Dollar ein. Vor allem die IMAX-70mm-Spezialvorstellungen waren über Monate hinweg restlos ausverkauft. Während der Film auf Plattformen wie Rotten Tomatoes eine phänomenale Kritikerwertung von 94 % hält, reagierte das Publikum extrem polarisiert. Wie der Spiegel treffend zusammenfasste, ist es ein Film, den man entweder abgöttisch liebt oder hasst. Einigen Zuschauern ist Nolans unterkühlte, psychoanalytische Herangehensweise zu schwerfällig und „emotional leer“ (eine Kritik, die auch Übersetzerin Emily Wilson teilt). Für Cineasten hingegen gilt das visuell-brutale Meisterwerk schon jetzt als die ultimative Wiederbelebung des klassischen Monumentalkinos.

Zum Schluss noch ein Wort zum Sounddesign von Die Odyssee. Dies sorgt seit dem Kinostart weltweit und auch im CineStar Frankfurt für massive Beschwerden unter Kinogängern. Sowohl in den sozialen Medien als auch in gängigen Filmforen wie Reddit wird der Ton heftig moniert. Die Kritikpunkte von Besuchern decken sich exakt mit meinen eigenen Eindrücken: Viele Zuschauer berichten, dass Die Odyssee der lauteste Film ist, den sie je im Kino gesehen haben. In den Foren beschweren sich Besucher darüber, dass die Sitze durch den Bass permanent vibrieren und der extreme Soundpegel bei Actionszenen – wie dem Sturm oder dem Schrei des Polyphem – regelrecht in den Ohren wehtut. Zahlreiche Kommentare bestätigen, dass es fast unmöglich ist, Matt Damons Monologe oder die Worte der Fabelwesen (wie des Kyklopen) akustisch zu verstehen. Der packende Score von Ludwig Göransson und die Soundeffekte übertönen das gesprochene Wort so stark, dass selbst englische Muttersprachler zugeben, ohne Untertitel den Faden zu verlieren. Den Film im Cinestar in Frankfurt im Original ohne Untertitel drei Stunden lang zu sehen und zu verstehen gelingt nur, wenn man die Odyssee wirklich gut kennt.