Du betrachtest gerade Oper Prokofjew „Die Liebe zu den drei Orangen“ vs. Oscar Wildes „Ernst ist alles“: Chronos, Kairos, gesellschaftliche Dynamik

Spannend klingt die Ankündigung der Oper Frankfurt zu „Die Liebe zu den drei Orangen“. Ein verzauberter depressiver Prinz, der nur noch in schlechten Reimen reden kann und nur durch Lachen geheilt werden kann. Sergei Prokofjew schrieb im Alter von 28 dieses Märchenspiel, als er nach der Oktoberrevolution aus Russland über Japan in die USA emigrierte, nach einer Commedia-dell’arte-Vorlage des Italieners Carlo Gozzi. Der Gegenentwurf scheint Oscar Wildes Ernst ist alles (The Importance of Being Earnest). Unser Kulturbotschafter des UniWehrsEL hat die gesellschaftskritische Dynamik im Umgang mit Chronos und Kairos für uns herausgearbeitet.

Liebe Freunde des UniWehrsEL,

im Februar 2027 kommt „Die Liebe zu den drei Orangen endlich wieder an die Oper Frankfurt. Als ich auf das Seminarthema Chronos, Kairos und Kultur – Wohlbefinden im Spiegel der Zeit aufmerksam wurde, dachte ich sofort wieder an diese besondere Oper von Sergey Prokofiev, denn in der vorgestellten Logik der Heilung geht es um etwas, das zunächst widersprüchlich klingt. Die männliche Hauptfigur, der Prinz, leidet an unheilbaren hypochondrischen Depressionen. Als Heilmittel gegen die Krankheit gibt es nur eins: verordnetes Lachen.

Lachen als Lösung gegen die Ernsthaftigkeit?

Der König gibt dem Spaßmacher Truffaldino den Auftrag, Feste mit Maskeraden und lustigen Schwänken zu arrangieren, die den Prinzen zum Lachen bringen könnten. Das seelische Wohlbefinden des Prinzen ist offenkundig gestört. Seine Ernsthaftigkeit wird vom König als Krankheit angesehen. Folglich soll der Prinz zum zwanghaften Lachen gebracht werden.

Sein Verhalten soll also neu justiert werden: Aus einem ersten Menschen soll ein Spaßvogel werden. Warum muss der Prinz überhaupt „umgestellt“ werden, statt verstanden zu werden? Ist sein Wohlbefinden nur ein Krankheitsbild oder hängt es an Erwartungen? Wann kann im Leben eines Menschen ein Kairos-Moment entstehen, in dem sich alles plötzlich wendet?

Anknüpfend an das Seminar „Chronos, Kairos und Kultur – Wohlbefinden im Spiegel der Zeit“ erscheint mir „Die Liebe zu den drei Orangen“ wie eine theatral zugespitzte Antwort auf die Frage: was ist ein gutes erstrebenswertes Leben?

Der Prinz wird nicht einfach krank, sondern er gerät in eine gestörte Zeitlichkeit: Chronos, die Taktung seines Alltags und der Anspruch an ihn, ernst, folgsam, funktionierend zu sein, widerspricht seiner inneren Natur. Kairos, der günstige Augenblick, in dem sich etwas wenden könnte, scheint ihm verwehrt.

Dann kippt die Szene ins Groteske, sein Körper reagiert und Lachen folgt nicht länger der Erziehung, sondern wird zur Befreiung.  Die Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“ macht sichtbar, dass Wohlbefinden und Psyche eng miteinander verbunden sind und das Gefühl der Lebensqualität bestimmen. Gesellschaftliche Herausforderungen wie der permanente Leistungsdruck, unter den der Prinz gerät, fordern seine psychische Gesundheit heraus.  Denkbar, dass Stress, Angstzustände und Depressionen dazu geführt haben, ihm buchstäblich das Lachen zu verleiten.

Der Hof versucht, seelische Unruhe wie ein technisches Problem zu behandeln, mit Therapieroutinen, Rezepten und einer Art Zwangs-Umbau.

Rechis knallbuntes Fest für die Liebe zu den drei Orangen

Ich habe „Die Liebe zu den drei Orangen“ am Staatstheater Mainz in 2019 gesehen. Die Regie von Juan Anton Rechi legte die Oper als knallbuntes Fest an. Damals trafen Realität und Theater aufeinander und schufen eine Metaebene. Der Hofstaat am Anfang wurde durch die verrückten Kostüme zu einem Ort für Tragiker, Komiker, sonderbarer Figuren und Hohlköpfen. Die Bühne war ein angedeutetes Krankenhaus, ein Ort für einen grotesken Therapieversuch. Dabei spielte die Inszenierung auf gängige Lösungen der Therapie an: Atemtechnik, Kräutermittel, „Lach-Joga“. All dies sollte den Prinzen von seiner melancholischen Stimmung befreien. Alles war überzeichnet und wild;  dennoch knüpfte die Regie an die Commedia-dell-Arte an.

Aber alles ist vergebens. Erst als die Zauberin Fata Morgana erscheint, die mit Truffaldino in ein Handgemenge gerät und daraufhin unglücklich auf den Rücken fällt, lacht der Prinz bis zur Erschöpfung über die groteske Szene. Die Hofgesellschaft jubelt, Fata Morgana hingegen verflucht den Prinzen: ab sofort in drei Orangen verliebt zu sein und keine Ruhe zu finden, bis er sie besitze. Eine unstillbare Sehnsucht ergreift den Prinzen, der sich auf die abenteuerliche Suche nach den drei Orangen begibt.

Two face man Image by ambroo from Pixabay

Gegenentwurf Oscar Wilds „Ernst sein ist alles“

Ein Gegenentwurf dazu findet sich in Oscar Wildes Komödie „Ernst sein ist alles“ (Original The Importance of Being Ernest, 1895). Im viktorianischen Zeitalter ist Ernsthaftigkeit eine Tugend. Oscar Wildes Komödie handelt von den Liebschaften der Herren John Worthing, genannt „Jack“ (Colin Firth) und Algernon Moncrieff, genannt „Algry“ (Rupert Everett). Ihr Plan, mal ganz ungestört jemand anderes zu sein. Wenn Jack genug vom Landleben hat, lässt er in London als sein fiktiver Bruder Ernest die Gläser klirren. Algernon im Gegenzug hat einen Freund auf dem Land – Ernest – erfunden, um dort abseits vom Stadtleben die Ruhe genießen zu können. Problematisch wird das Doppelleben der beiden aber, als sie sich in zwei Damen verlieben, welche sie nur als „Ernest“ in ihrer Zweit-Identität kennen. Zurzeit ist die Komödie in der Arte Mediathek abrufbar.

Auch wenn Oscar Wildes Ernst ist alles (The Importance of Being Earnest) und Carlo Gozzis (bzw. Sergej Prokofjews) Die Liebe zu den drei Orangen aus völlig unterschiedlichen Epochen und Kulturkreisen stammen, teilen sie im Kern dieselbe gesellschaftskritische Dynamik im Umgang mit Chronos und Kairos. Beide Stücke nutzen die Absurdität und die Flucht vor der Realität, um eine Gesellschaft zu attackieren, die in ihren starren Regeln (Chronos) erstickt.

1. Das Problem: Die Erstarrung im gesellschaftlichen Takt (Chronos)

In beiden Werken leidet die Hauptfigur unter den erdrückenden, fast schon krankmachenden Erwartungen der Gesellschaft:

  • Bei Oscar Wilde: Jack Worthing leidet unter dem Korsett der viktorianischen Moral. Er muss permanent den pflichtbewussten, humorlosen Vormund spielen, um den gesellschaftlichen Erwartungen (Chronos) zu genügen.
  • In den Drei Orangen: Der Prinz ist sterbenskrank – er leidet an einer tiefen, unheilbaren Hypochondrie und Melancholie. Das ist die ultimative Metapher für ein Leben, das im starren, freudlosen Funktionieren (Chronos) erstarrt ist. Der Hof versucht verzweifelt, ihn nach Plan und Zeitplan zu heilen, scheitert aber an der eigenen Rigidität.

2. Die Lösung: Die Flucht in das Absurde (Kairos)

Um aus diesem Chronos-Korsett auszubrechen, hilft in beiden Stücken kein rationaler Plan, sondern nur das radikale Nutzen des unvorhersehbaren Augenblicks (Kairos) und das Aufsuchen einer Parallelwelt:

  • Bei Oscar Wilde („Bunburying“): Jack erfindet das Alter Ego „Ernst“, um im richtigen Moment (Kairos) spontan nach London fliehen und das Leben genießen zu können. Die Flucht in die Fiktion ist seine Rettung vor der sozialen Uhr.
  • In den Drei Orangen (Der Orangen-Fluch): Der Prinz wird von der bösen Fee verflucht, sich unsterblich in „drei Orangen“ zu verlieben. Was wie eine Strafe klingt, erweist sich als genialer Kairos-Moment: Es reißt den Prinzen augenblicklich aus seiner Depression. Er verlässt den starren Hofstaat, zieht in die Welt hinaus, erlebt Abenteuer im Hier und Jetzt und findet in einer der Orangen seine wahre Liebe. Der absurde Fluch bricht das Chronos-Gefängnis auf.

3. Das Lachen als Befreiungsschlag

Beide Autoren nutzen das Theater als Metakritik an einer überregulierten Elite:

  • Wilde nutzt geschliffene Paradoxien und gesellschaftlichen Nonsens, um die Oberschicht der Lächerlichkeit preiszugeben.
  • Gozzi/Prokofjew nutzen das derbe, explosive Lachen der Commedia dell’arte. Der Prinz wird gesund, weil er im unpassensten Moment (Kairos) laut loslacht, als die böse Fee hinfällt.
KriteriumErnst ist alles (Wilde)Die Liebe zu den drei Orangen (Gozzi/Prokofjew)
Chronos-GefängnisViktorianische Etikette und PflichtenDer depressive, erstarrte königliche Hofstaat
Der Kairos-AuslöserDas Erfinden eines erfundenen Bruders („Bunburying“)Ein plötzlicher Lachanfall und ein absurder Zauberfluch
Die FluchtweltDas geheime Doppelleben in der Stadt/auf dem LandEine surreale Märchenwelt voller lebendiger Riesenorangen
Das ZielBefreiung vom Zwang, immer „ernst“ sein zu müssenHeilung von der Melancholie durch die Wiederentdeckung der Lebensfreude

Mein Fazit: Beide Stücke zeigen, dass eine Gesellschaft, die nur nach den starren Regeln von Chronos funktioniert, die Menschen krank oder unglücklich macht. Die Rettung liegt bei beiden im Kairos – dem Mut, den rationalen Verstand auszuschalten, den Moment zu ergreifen und sich in das absolute, rettende Chaos (sei es durch eine Lüge über einen Bruder oder die Liebe zu einer Frucht) zu stürzen.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL