Du betrachtest gerade Serie „Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit“ zwischen Zeitgeschichte und zeitgemäßer Deutung

Die historische Miniserie „Eldorado KaDeWe“ greift durchaus wichtige historische Themen auf. Die Folgen des Ersten Weltkriegs, der Mangel an Männern, die wirtschaftliche Unsicherheit und die zunehmende politische Radikalisierung werden angesprochen. Auch die Stellung der Frauen und die gesellschaftlichen Freiräume der 1920er Jahre spielen eine Rolle. Im Mittelpunkt steht jedoch vor allem die Liebesgeschichte zweier Frauen. Das ist grundsätzlich eine interessante und historisch plausible Perspektive, denn die Großstadt Berlin bot damals tatsächlich Räume, in denen sich Frauen jenseits der traditionellen Geschlechterordnung begegnen konnten.

Liebe Redaktion des UniWehrsEL,

Sie fragen gerne danach, was Ihre Leserschaft so außerhalb der U3L und den Seminaren so unternimmt. Im Hitzesommer diesen Jahres 2026 habe ich in der ARD-Mediathek die Serie „Eldorado KaDeWe“ gesehen. Aufmerksam geworden war ich durch mein Interesse an den 1920er Jahren.

Zuvor hatte ich den Roman „Die Polizeiärztin“ gelesen, der vom Leben der ersten Berliner Polizeiärztin erzählt. In etwa 500 Seiten werden dort soziale Strukturen jener Zeit eindringlich sichtbar: die Armut in den Berliner Vierteln, die Lebensumstände mittelloser Frauen und Prostituierter sowie die Arbeit in der Gerichtsmedizin. Dadurch entstand bei mir die Erwartung, auch die Serie könne einen differenzierten Blick auf die Gesellschaft der Weimarer Republik eröffnen.

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Darüber hinaus stellt sich für mich die Frage zum Zusammenhang des Seminars „Chronos, Kairos und Kultur – Wohlbefinden im Spiegel der Zeit“. Chronos versinnbildlicht den Ablauf der Zeit, der Lebenszeit und der daraus abgeleiteten chronologischen Zeit. Mit dem Untertitel „Jetzt ist unsere Zeit“ wird die historische Kulisse genutzt: Es gibt Hinweise auf den Ersten Weltkrieg, die Inflation, gesellschaftliche Umbrüche und den Aufstieg der Nationalsozialisten.

Der „Kairos“, der besondere und günstige Augenblick, den man beim Schopfe greifen muss, zeigt sich in den Freiräumen der Großstadt, in der Lesbenbar, im Kabarett und in den neuen Möglichkeiten weiblicher Selbstbestimmung. Diese Orte wirken zunächst wie Inseln eines modernen Lebensentwurfs.

Doch die Serie deutet diese Freiräume zugleich als Vorboten ihres Untergangs. Die Lesbenbar, die zunächst für Freiheit, Begehren und Kreativität steht, wird später zum Hauptquartier der NSDAP. Damit wird sichtbar, wie schnell kulturelle Offenheit durch politische Gewalt zerstört werden kann. Das ist ein starkes Bild. Allerdings wird der historische Zusammenhang teilweise von stilisierten Partys, Kokainkonsum und erotischen Inszenierungen überlagert.

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elbst bleibt dabei erstaunlicherweise eher Randkulisse. Obwohl es dem Titel seinen Namen gibt, erfährt man über seine konkrete Bedeutung, seine Kundschaft und seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Rolle relativ wenig. Das Kaufhaus dient vor allem als Bühne für spektakuläre Aktionen und Krisen.

Auch manche Details wirken aus meiner heutiger Sicht befremdlich. Ein AfD-Plakat in einer Handlung, die in den 1920er Jahren spielt, kann natürlich nur als bewusste Gegenwartskritik oder als ironischer Kommentar gemeint sein. Dennoch wirkt ein solcher Anachronismus störend, weil er die historische Zeitordnung durchbricht. Gerade wenn eine Serie den Anspruch erhebt, einen Blick auf die Vergangenheit zu werfen, sollte sie sorgfältig zwischen damaligen politischen Verhältnissen und heutigen Kommentaren unterscheiden. Anderseits macht dieser neue Bezug die Serie auch reizvoll. Vielleicht wollte die Regie damit neue Zielgruppen erschließen, die sich sonst eher weniger mit Geschichte befassen? Oder geht es darum zu zeigen, wie mühsame erkämpfte Demokratie in Gefahr geraten kann?

Die Kabarettlieder, die nackten Fotografien und die freizügige Atmosphäre erinnern an das Bild der „Goldenen Zwanziger Jahre“. Besondere Lieder wie „Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen“, „Raus mit den Männern aus dem Reichstag“ und „Zinnoberhut“ vermitteln eine ausgelassene, freche und zugleich politisch aufgeladene Stimmung. Sie verbinden Humor mit Gesellschaftskritik und zeigen, wie das Kabarett jener Zeit mit Geschlechterrollen, Politik und bürgerlichen Moralvorstellungen spielte.

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Der Soundtrack ist insgesamt sehr stark. Als Musikfan kann man sich die Lieder auch ohne die Bilder der Serie anhören, denn sie funktionieren als eigenständige Kabarettnummern. Besonders gefällt mir der ironische Tonfall von „Hart kann er gar nicht genug sein“ oder „Frau, deutsch, gesund“. Diese Lieder sind witzig, bissig und teilweise bewusst überzogen. Sie machen deutlich, dass die Kultur der 1920er Jahre nicht nur aus Luxus, sexueller Freizügigkeit und wilden Partys bestand, sondern auch aus politischer Satire, Selbstbehauptung und den Versuch, überkommene Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit aufzubrechen.

Ich verbinde diese Kabarettkultur deshalb eher mit künstlerischer Freiheit, Frauenrechten und allgemeiner Emanzipation als ausschließlich mit lesbischer Liebe. Gerade darin liegt für mich aber auch eine Schwäche der Serie: Die musikalischen und gesellschaftlichen Freiräume werden weitgehend auf die Geschichte der lesbischen Hauptfiguren bezogen. Dadurch wirkt die kulturelle Vielfalt der Zeit enger, als sie tatsächlich war. Das Kabarett hätte als eigenständiger Ausdruck einer widersprüchlichen Epoche noch stärker im Mittelpunkt stehen können – einer Epoche, in der Lebensfreude, politische Kritik, wirtschaftliche Not und die Angst vor dem gesellschaftlichen Rückfall gleichzeitig nebeneinander existierten.

Die Serie verengt dadurch einen vielschichtigen kulturellen Aufbruch auf einen bestimmten Handlungsschwerpunkt. Das ist aber aus Sicht eines Dramaturgen auch in Ordnung. Eine Liebesgeschichte steht in vielen Stoffen im Mittelpunkt der Handlung. Warum also nicht einfach einmal eine lesbische Liebe als Ankerpunkt für eine Serie zeigen?

Die Serie verengt den vielschichtigen kulturellen Aufbruch der 1920er Jahre dadurch zwar auf einen bestimmten Handlungsschwerpunkt. Aus Sicht eines Dramaturgen ist das jedoch vollkommen legitim. Eine Liebesgeschichte steht in vielen Romanen, Filmen und Serien im Zentrum der Handlung. Warum sollte also nicht einmal eine lesbische Liebe der emotionale Ankerpunkt einer Serie sein? Gerade weil lesbische Beziehungen in historischen Erzählungen lange Zeit kaum sichtbar waren, ist es wichtig, ihnen Raum zu geben und sie nicht nur als Randerscheinung oder tragisches Schicksal darzustellen.

Auch die Literatur kennt zahlreiche Beispiele für Frauen, deren Liebe zu anderen Frauen im Mittelpunkt steht. Die berühmteste historische Bezugsperson ist sicherlich Sappho, die um 600 vor Christus auf der griechischen Insel Lesbos lebte. In ihren Gedichten beschreibt sie die Schönheit, Sehnsucht und Anziehung zwischen Frauen. Ihre Verse sind oft nur fragmentarisch überliefert, wirken aber gerade deshalb unmittelbar und persönlich. Sappho schreibt über Blicke, Nähe, Eifersucht und das überwältigende Gefühl des Begehrens. Ihre Dichtung gehört damit zu den frühesten bekannten literarischen Zeugnissen weiblicher homosexueller Liebe.

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Die Insel Lesbos wurde durch Sappho zum Namensgeber für den Begriff „lesbisch“. Dabei sollte man sich die Insel nicht als ein antikes Paradies ausschließlich lesbischer Liebe vorstellen. Über Sapphos tatsächliches Leben ist nur wenig bekannt. Wahrscheinlich war ihr Umfeld zugleich ein Ort der Bildung, der Musik, des Tanzes und der weiblichen Gemeinschaft. Erst spätere Generationen machten Sappho und Lesbos zu einem Symbol für Frauenliebe und weibliche Selbstbestimmung. Gerade diese Verbindung von Literatur, Musik, Körperlichkeit und Gemeinschaft passt erstaunlich gut zu den kulturellen Räumen, die „Eldorado KaDeWe“ zeigt.

Weitere literarische Beispiele finden sich etwa in Patricia Highsmiths Roman „Carol“. Dort entwickelt sich eine Beziehung zwischen der jungen Therese und der älteren Carol. Der Roman war in den 1950er Jahren ungewöhnlich, weil die lesbische Liebe nicht zwangsläufig mit Schuld, Bestrafung oder Tod endete. Die beiden Frauen werden nicht lediglich als gesellschaftliches Problem dargestellt, sondern als Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Ängsten und Hoffnungen.

Auch in Alice Walkers „Die Farbe Lila“ spielt die Beziehung zwischen Celie und Shug Avery eine wichtige Rolle. Diese Liebe ist nicht einfach romantisch verklärt. Sie entsteht vor dem Hintergrund von Gewalt, Unterdrückung und Abhängigkeit und wird für Celie zu einem wichtigen Schritt auf dem Weg zu Selbstachtung und persönlicher Freiheit. In Jeanette Wintersons Roman „Orangen sind nicht die einzige Frucht“ verliebt sich die junge Jeanette in ein Mädchen und gerät dadurch in Konflikt mit ihrer streng religiösen Umgebung. Ihre Liebe wird zu einer Herausforderung für die gesamte Welt aus Glaubenssätzen, Erziehung und gesellschaftlichen Normen.

Vor diesem Hintergrund ist es also nicht problematisch, dass „Eldorado KaDeWe“ eine lesbische Liebesgeschichte ins Zentrum stellt. Irritiert hat mich eher, dass die Serie diese Liebe so eindeutig als moralisch und geistig überlegen darstellt. Die lesbische Beziehung wird romantisch, poetisch und beinahe intellektuell inszeniert: mit Händchenhalten, Gedichten, Blicken und innerem Begehren. Die heterosexuellen Beziehungen erscheinen dagegen häufig als schmutzige Tauschgeschäfte. Der Mann lädt zum Essen ein, weil er im Gegenzug Sex erwartet.

Auch die Männerfiguren kommen insgesamt schlecht weg. Einer der Männer wird als begeisterter Nationalsozialist dargestellt, der seiner Partnerin die Verhütung verbietet, weil er möglichst viele „Herrenmenschen“ zeugen möchte. Andere Männer leiden unter Kriegstraumata und reagieren extrem gewalttätig, etwa indem sie sich von Dominas auspeitschen lassen. Wieder andere erscheinen als verklemmte, übergewichtige Spießer, die später mit den Nationalsozialisten paktieren. Dadurch entsteht der Eindruck: Hier sind die guten, sensiblen und emanzipierten Frauen – dort die schlechten, dummen oder politisch verkommenen Männer.

Eine lesbische Beziehung muss jedoch nicht automatisch reiner, poetischer oder menschlicher sein als eine heterosexuelle. Sie darf ebenso widersprüchlich, leidenschaftlich, egoistisch, komisch und kompliziert sein. Gerade dadurch würde sie glaubwürdiger wirken. Es wäre überzeugender, die verschiedenen Formen von Liebe nicht gegeneinander auszuspielen, sondern ihre jeweiligen Möglichkeiten und Grenzen zu zeigen.

Mein Eindruck ist deshalb ambivalent: „Eldorado KaDeWe“ ist unterhaltsam, visuell eindrucksvoll und greift wichtige Themen auf. Zugleich bietet die Serie eine stark vereinfachte Welt aus guten Frauen und schlechten Männern. Im Hinblick auf das Seminar „Chronos, Kairos und Kultur – Wohlbefinden im Spiegel der Zeit“ wäre gerade die Frage interessant, ob die dargestellten Freiräume tatsächlich Wohlbefinden und Selbstbestimmung ermöglichen – oder ob sie nur kurze Momente zwischen Kriegstrauma, wirtschaftlicher Not und politischer Bedrohung darstellen.

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Die Serie zeigt, wie verführerisch ein historischer Augenblick sein kann, in dem neue Lebensformen möglich erscheinen. Sie zeigt aber auch, wie schnell dieser Kairos vorbei sein kann, wenn sich der Chronos der Geschichte in Form von Krise, Gewalt und Diktatur durchsetzt.

Liebe Grüße

Izzi Neven

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:26. September 2026
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