Du betrachtest gerade Die Philosophin Joke Hermsen und ihre Gedanken zu Chronos, Kairos und seelischem Wohlbefinden

Die niederländische Philosophin Joke J. Hermsen argumentiert, dass unser seelisches Wohlbefinden in der modernen Gesellschaft durch ein verzerrtes Zeitempfinden und den permanenten Zwang zur Optimierung massiv gefährdet ist. In ihren prägenden Werken wie „Kairos. Vom Leben im richtigen Augenblick“ (Literatur im WiSe 26/27) und „Melancholie in unsicheren Zeiten“ (Literatur unseres Seminars im SoSe 22) beleuchtet sie das menschliche Befinden im Spiegel zweier gegensätzlicher Zeitkonzepte: Chronos und Kairos.

Bild mit Hilfe von KI von E. W.

Ihr zentraler Ansatz der Vorherrschaft von Chronos als Krankheitsursache teilt sich in folgende Kerngedanken auf:

  • Diktatur der Uhrzeit: Hermsen beschreibt, dass die moderne Welt fast ausschließlich von Chronos beherrscht wird – der messbaren, linearen Zeit, die unerbittlich voranschreitet.
  • Die „depressive Gesellschaft“: Die ständige Taktung, Effizienzsteigerung und Erreichbarkeit führen laut Hermsen zu kollektiver Überforderung, Angst und Erschöpfung.
  • Verlust von Pausen: Weil wir jede Sekunde produktiv nutzen wollen, geht der Raum für Besinnung und echtes inneres Wohlbefinden verloren.

Kairos als Schlüssel zum Wohlbefinden:

zum Wohlbefinden Image by geralt from Pixabay

Zusammenfassend sagt Hermsen, dass Wohlbefinden im Spiegel unserer Zeit nur gelingen kann, wenn wir uns aus den Fesseln der rein ökonomisch getakteten Uhrzeit (Chronos) befreien und wieder lernen, im qualitativen, selbstbestimmten Augenblick (Kairos) zu verweilen.

Image by jstarj from Pixabay zu großen Denkern

Joke Hermsen stützt sich in ihrer Argumentation vor allem auf Denker:innen, Künstler und Dichter, die sich intensiv mit Zeit (Chronos, Kairos) und Melancholie auseinandergesetzt haben:

Philosophie: Hannah Arendt. Zu nennen sind insbesondere ihre Konzepte zu „nunc stans“ als „stehendes jetzt“ oder „Natalität“ für Neubeginn. In der modernen Philosophie hat Hannah Arendt mit dem Begriff der „Natalität“ oder „Gebürtlichkeit“ den Gedanken stark gemacht, dass jedes Kind die Chance eines radikalen Neuanfangs verkörpert, aber auch im Erwachsenenleben liegt diese Chance geborgen.

Darüber hinaus bedient sich Hermsen der Ideen von Ernst Bloch, Friedrich Nietzsche (dazu auch unser Beitrag zu Philosophie im Alltag Ellens Ansichten und Einsichten). Auch Martin Heidegger, den wir im Kontext von der Oper „Written on skin“ erwähnten, kommt zu Wort. Martin Heidegger war Nationalsozialist, Antisemit – und der einflussreichste Philosoph des 20. Jahrhunderts. Vor 50 Jahren starb er. Sollten wir ihn weiter lesen? Unbedingt, trotz allem, sagt Literaturwissenschaftler Oliver Jahraus im DLF.

In Literatur & Poesie greift sie unter anderem auf Virginia Woolf, wie in unserem Beitrag „Kennen Sie Virginia Stephen“ zurück. Im Jahre 1907, im Alter von fünfundzwanzig sagte die junge Schriftstellerin zu sich selbst: „Ich werde entweder unglücklich oder glücklich sein, mich wortreich und sentimental verbreiten oder aber ein solches Englisch schreiben, dass die Seiten einmal Funken sprühen». Und genau dies geschah dann, sie wurde zu einer der größten Schriftstellerinnen aller Zeiten; ihr Name: Virginia Woolf.

Auch Fernando Pessoa nennt sie. Der bedeutendste portugiesische Lyriker dieses Jahrhunderts erscheint als ein unscheinbarer Angestellter, der in seiner Freizeit Gedichte schrieb und der sich geheimnisvoll unter einer Vielzahl von Heteronymen versteckt hat.

Ingeborg Bachmann ist für Hermsen eine bedeutende Protagonistin. Sie fand auch im UniWehrsEL Erwähnung durch eine Lesung im Literaturhaus Darmstadt. Unter anderem wurde deutlich: Bachmann hat versucht sich an männlichen Vorbildern zu orientieren, die sie aus ihrem Gefühlschaos herausführen, die nicht wie der Vater sind. Sie brauchte Männer als Türöffner zum Wiener Kulturbetrieb, wollte aber auch ihre Eigenständigkeit bewahren. Das führt zu einer großen inneren Zerrissenheit. Sie konnte lange nur aus einer männlichen Perspektive schreiben.

geralt from Pixabay zum Theaterstück Malina

Mit dem Roman Malina schreibt Ingeborg Bachmann „die denkbar ungewöhnlichste Dreiecksgeschichte: weil zwei der Beteiligten in Wahrheit eine Person sind, ›eins sind‹ und doch jede Person ›doppelt‹ ist.“

Auch Rainer Maria Rilke fasziniert Hermsen gleichermaßn wie einen UniWehrsEL Schreiber, der ihm durch den Beitrag „Rilke und der Panther“ die Ehre erwies.

Wenn Sie nun eigene Anregungen haben, welche Figuren in Film und Fernsehen oder auch Oper bei Ihnen Assoziationen zu Wohlbefinden auslösen, dann schreiben Sie uns bitte https://www.elkewehrs.de .