Du betrachtest gerade Lesung über Ingeborg Bachmann „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“

Zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann gab es im Literaturhaus Darmstadt eine Lesung von Andrea Stoll, die über die Künstlerin promovierte. Angereichert mit Texten, Gedichten und Briefen entstand ein Abend über Liebe, Einsamkeit und die Kraft der Sprache. Stoll beleuchtete das unübersehbare Spektrum Bachmann’scher Ambivalenzen von seinen Ursprüngen her und zeigte auf, wie diese ikonische Dichterin in eine Spirale von Selbstinszenierung und Selbstzerstörung geraten konnte.

Liebes UniWehrsEL,

der Abend im Literaturhaus Darmstadt – „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ – lässt mich nicht mehr los. Die Darmstädter Schauspielerin Karin Klein, mit klarer Stimme und feinem Atem, setzte Ingeborg Bachmanns Verse und Prosatexte sehr gut in Szene: jedes Wort bekam Gewicht, jede Pause eine Bedeutung.

Karin Klein las u. a. auch zum Weltfrauentag am 08.03.25. Es ging um die Schriftstellerin Elsa Asenijeff und ebenfalls einer Lesung aus ihrem letzten Gedichtbands „Aufschrei“ – Freie Rhythmen am Staatstheater Darmstadt; meisterhaft vorgetragen von der Schauspielerin Karin Klein.

Die Literaturkritikerin und Resortleiterin des Feuilletons der FAZ Sandra Kegel, die das Gespräch mit Andrea Stoll führte, leitete präzise durch die Biografie. Stoll selbst erwies sich nicht nur als Forschende, sondern als exzellente Erzählerin und große Kennerin der Ingeborg Bachmann: wer ihr zuhört, spürt die Leidenschaft für die Quelle, den langen Blick in Archiv und Tagebuch, und eine Autorin, die Bachmanns Leben mit ehrlicher Empathie und kritischer Schärfe zusammenführt. Sie hat in Wien und Mainz Germanistik, Philosophie und Publizistik studiert und mit einer Arbeit über Ingeborg Bachmann promoviert.

Andrea Stolls Bilder aus der Biografie „Zwei Menschen sind in mir„, pünktlich erschienen zum 100. Geburtstag der Autorin Ingeborg Bachmann, hallten beim Zuhörer nach, während Karin Klein vortrug: Der Vater Matthias zeichnet sich in Stolls Biografie als widersprüchliche, schattenhafte Figur: zum einen der zärtliche, aufsteigende Bildungsbürger, der seiner Tochter italienische Vokabeln beibrachte und sie zur «gelehrigsten Schülerin» machte; zum anderen der frühe NS-Parteigänger, der 1932 heimlich in die illegalen Reihen der Partei eintrat. Stoll zeigt, wie dieser Zwiespalt – der fürsorgliche Vaterhausmensch neben dem politisch kompromittierten Mann – als tiefer Riss durch Bachmanns Leben und Werk geht. Die Entdeckung der Parteimitgliedschaft nach dem Krieg wird für die junge Ingeborg zur Erschütterung, die ihre Sprachwelt zersplittert und das Schreiben zur existenziellen Zuflucht macht.

In Darmstadt wurde beim Gespräch deutlich, wie Stoll diesen Vater nicht als bloße biografische Fußnote liest, sondern als prägende, ambivalente Herkunftsfigur, die Bachmanns Misstrauen gegenüber Nähe und Autorität sowie ihr literarisches Ringen um Identität mitbegründet. Als Bruch mit dem Vater hat Ingeborg Bachmann den Kontakt zu jüdischen Männern früh gesucht, z.B. Jack Henisch einem englischen Besatzungsoffizier und ist 1948 auf Paul Celan getroffen. Sie hatte eine enorme Anziehungskraft auf ihn ausgeübt. Er war 6 Jahre älter und hatte eine furchtbare Zeit hinter sich. Er war ein bitterarmer Flüchtling mit nur seinen Gedichten im Gepäck. Die beiden verband eine tiefe poetische Freundschaft. Für die Beziehung war die unterschiedliche Herkunft sehr problematisch. Auf der einen Seite die Tätertochter Bachmann auf der anderen Seite der Opfer-Sohn. Dadurch war er sehr empfindlich. Ein falsches Wort führte zu großen Spannungen.

Bachmann hat versucht sich an männlichen Vorbildern zu orientieren, die sie aus ihrem Gefühlschaos herausführen, die nicht wie der Vater sind. Sie brauchte Männer als Türöffner zum Wiener Kulturbetrieb, wollte aber auch ihre Eigenständigkeit bewahren. Das führt zu einer großen inneren Zerrissenheit. Sie konnte lange nur aus einer männlichen Perspektive schreiben. Mit dem Roman Malina schreibt Ingeborg Bachmann „die denkbar ungewöhnlichste Dreiecksgeschichte: weil zwei der Beteiligten in Wahrheit eine Person sind, ›eins sind‹ und doch jede Person ›doppelt‹ ist.“

Malina konnte man in den Frankfurter Kammerspielen für die Bühne bearbeitet von Lilja Rupprecht und Katrin Spira 2021 bewundern. (Image by geralt from Pixabay)

Zum Inhalt kann man nachlesen: „Es endet mit einem lautlosen Knall: »Es war Mord!« ist der berühmt gewordene Schlusssatz Ingeborg Bachmanns 1971 veröffentlichten Roman, mit dem die namenlose Ich-Erzählerin in einem Spalt der Wand ihrer Wiener Wohnung verschwindet. Vordergründig geht es in drei großen Kapiteln um die Dreiecksgeschichte zwischen der Erzählerin, dem viel reisenden Ungarn Ivan und dem braven Historiker Malina. Zu ihnen kommt »Der dritte Mann«, eine grausame, die Tochter zerstörende Vaterfigur. Persönliche und historische Erfahrungen Bachmanns durchweben den Text: Die gescheiterten Liebesbeziehungen zu Paul Celan und Max Frisch schimmern ebenso durch wie die Person von Bachmanns Vater, der 1932 in die NSDAP eingetreten war. Doch »Malina« ist keine Autobiografie. Die Figuren bleiben abstrakt und scharfsinnig. Im Zentrum steht die Frau, die sich bissig-humorvoll zu behaupten weiß, um im nächsten Moment dorthin zu gehen, wo die Worte schwer, fast unsagbar werden: zu den eigenen Ängsten und Traumata, aber auch dorthin, wo die Sehnsucht liegt, frei zu lieben und zu begehren.“

Ihr persönlicher Freiheitsentwurf radikalisierte sich im Lauf der Jahre – und doch zahlte sie einen hohen Preis. Paul Celan, Hans Werner Henze und Max Frisch traten als die Männer in ihr Leben, die es tief durchzogen und verwundeten. Andrea Stoll zeichnet diese Beziehungen mit einer schonungslosen Zärtlichkeit nach: Henze, der ihre Nähe suchte und zugleich Frisch mit Misstrauen betrachtete; Frisch, dessen Macht über sie nicht nur intellektuell, sondern auch körperlich und verletzend wirkte; Celan, der ihr einen Heiratsantrag machte, den sie nicht zu tragen vermochte – und dessen späterer Freitod wie ein offener Bruch in ihr stehenblieb.

Andorra“ von Max Frisch, das wir auch in einem Beitrag im UniWehrsEL vorstellten, zählt zu den Literaturklassikern. In einem fiktiven Staat leben Kleinbürger mit Klischeevorstellungen, die den Angriff der ihnen überlegenen „Schwarzen“ fürchten. Ein Stück, 1946 in den Tagebüchern von Max Frisch begonnen, 1961 uraufgeführt, und in seiner Aktualität nach wie vor ungebrochen.

Stoll beschreibt, wie Bachmann versuchte, sich inmitten dieser Männerwelt zu behaupten: nicht als bloßes Objekt ihrer Zuneigungen, sondern als denkende, fühlende Stimme, die zugleich Sehnsucht nach Unabhängigkeit und die Angst vor Verlassensein in sich trug. Die Beziehungen erscheinen hier nicht als romantische Episoden, sondern als Antriebskräfte, die ihre Kunst nährten und zugleich aushöhlten. Celans Nähe war zugleich Nähe zum Unaussprechlichen; Frischs Verhalten hinterließ Narben, die sich in ihren Texten spiegeln; Henze blieb der begabte, ambivalente Zeuge an ihrer Seite.

In den letzten Kapiteln lässt Stoll Bachmanns Ende nicht als bloßes Faktum stehen, sondern als traurige Zuspitzung eines Lebens, das immer zwischen Anspruch und Verzweiflung schwankte. „Malina“ erscheint als mutige Preisgabe des eigenen Abgrunds, ein Werk, das aus der Tiefe einer zerrissenen Seele hervorgeht. Stoll zeigt eindringlich, wie die frühen moralischen Ideale des Vaters, die Unterordnung unter literarische Förderer und die philosophischen Einflüsse, allen voran Heidegger, ein inneres Ich-Ideal formten, dem Bachmann sich schließlich selbst zu opfern drohte. Zwischen künstlerischer Größe und persönlicher Zerbrechlichkeit entfaltet sich hier das Drama eines Lebens — und Stolls Sprache macht es für den Leser fühlbar.

Über Heidegger können Sie auch in unserem Beitrag „Das Tierische im Menschen“ Interessantes finden.

Im Gespräch legte sie offen, wie die neu edierten Tagebücher und Briefwechsel Legende und Wirklichkeit trennen und neue Einsichten ermöglichen. Diese Verbundenheit zur Materie war spürbar: Stoll erläuterte behutsam, aber bestimmt, wie Motive wie der zwiespältige Vater, die Erfahrung des Kriegs und die Begegnung mit Paul Celan das Werk nicht nur biografisch prägen, sondern literarisch beeinflussten.

Stolls Rekonstruktion – das Aufeinandertreffen mit Paul Celan, die Ambivalenz gegenüber ihrem Vater, die spaltende Geschichte der Nachkriegsjahre in der Bundesrepublik – gewann durch die Lesung einen eigenen Nachhall. Wenn Karin Klein die Zeilen sprach, wurden die Risse, die Bachmanns innere Welt durchziehen, hörbar: die Suche nach Nähe und zugleich die Abwehr derselben, die Verwandlung von Trauma in Schreibkraft. Die Lesung zeigte, wie Sprache bei Bachmann nicht nur ästhetische Form ist, sondern Überlebensraum, Widerstand und Selbstvergewisserung.

Andrea Stolls nüchterne Klarheit im Buch und Sandra Kegels präzise, manchmal scharfsinnige Fragen lieferten zusammen mit Karin Kleins Interpretation ein dichtes Geflecht aus Fakten, Gefühl für die damalige Zeit. Besonders bewegte mich Stolls Darstellung der mittleren Jahre; die Ruhelosigkeit zwischen Rom, Neapel, Zürich und Berlin, die Symbiose mit Hans Werner Henze und die schmerzliche Entfremdung durch Max Frisch. Stolls Ton blieb dabei nie distanziert-spektakulär; er war kritisch, aber stets dem Verständnis verpflichtet. Die späteren Jahre, die Abhängigkeiten, der langsame Verlust des Halts, all das fiel an diesem Abend nicht als bloße Lebensgeschichte aus, sondern als tragische Folge einer Seele, die zu viel von sich forderte.

Die Lesung im Literaturhaus Darmstadt machte eines klar: Ingeborg Bachmann bleibt unvermeidlich komplex, und Andrea Stolls Biografie ist ein Instrument, sie besser zu verstehen. Doch das unmittelbarste Erlebnis war die Stimme – die Stimme Karin Kleins, die Ingeborg Bachmans Texte nicht nur vortrug, sondern erlebbar machte. So wurde die Frage, die Stoll stellt, was meint Bachmann, wenn sie schreibt „Zwei Menschen sind in mir“, spürbar: als Zwiesprache, als Zwiespalt, als das Ringen zweier Kräfte im Inneren einer Dichterin, die bis zuletzt nach einer Form suchte, ihr Leben zu ordnen. (Image by guvo59 from Pixabay)

Ich verlasse den Saal mit der Gewissheit, dass solche Abende notwendig sind: sie konfrontieren uns mit der Brüchigkeit großer Leben und zeigen zugleich die unerschütterliche Kraft der Sprache.

Mit freundlichen Grüßen

Elisabeth

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:3. Juni 2026
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