Angeregt durch Edith Mandlers Gedanken zu „Was heißt daheim sein“ wird der Faden im UniWehrsEL weitergesponnen. Es gibt ein herausragendes Beispiel in der zeitgenössischen Literatur, das dieses Zusammenspiel von „daheim“, Chronos und Kairos ins Zentrum rückt. Das eindringlichste Werk dazu stammt von der deutschen Büchner-Preisträgerin Jenny Erpenbeck mit ihrem prämierten Roman Kairos.

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Über Jenny Erpenbecks bedeutenden Roman schrieben wir bereits im Kontext von „Wahr oder Lüge. Über Chronos, Kairos und Anpassungsdruck“. Nun spinnen wir unseren Faden weiter und interpretieren ihre Aussage im Zusammenhang zum Begriff des „Daheims“. Bei Jenny Erpenbeck wird Kairos zum zerstörten Daheim im Zeitstrom. In ihrem Roman erzählt Erpenbeck die intensive, aber destruktive Liebesgeschichte zwischen der jungen Katharina und dem älteren Hans im Ost-Berlin der späten DDR-Jahre. Literaturwissenschaftliche Analysen zeigen, wie die Autorin das Erleben von Heimat und Daheim-Sein exakt über die beiden griechischen Zeitgötter aufspannt:
Der Kairos-Moment (Das Ankommen): Zu Beginn erleben die beiden Liebenden einen Kairos – den perfekten, magischen Augenblick, in dem die Zeit stillzustehen scheint. In diesem Moment der absoluten Gegenwart fühlen sie sich im anderen und in ihrer Welt bedingungslos daheim. Es ist eine emotionale Heimat, die unabhägig von der äußeren Realität existiert. Die Chronos-Zone (Das Ersticken): Doch der Alltag holt sie ein. Chronos, die unbarmherzige, lineare Uhrzeit, regiert. Hans versucht, den perfekten Moment festzuhalten, zu kontrollieren und zu strukturieren. Dadurch verwandelt sich das „Daheim“ in eine serielle Routine, in Prüfungen und ein Gefängnis. Das glückliche Daheim-Gefühl versinkt unter dem Gewicht von Chronos.
Das Daheim verstehen und Chronos-Räume radikal begrenzen
Das Chronos-Daheim kann als das physische Zuhause verstanden werden, in dem die Uhr tickt, der Alltag verwaltet wird und die Zeit vergeht. Dagegen steht das Kairos-Daheim; das emotionale und universelle Daheim. Der flüchtige Augenblick des vollkommenen Glücks (in der Kunst, der Liebe oder der Natur), in dem man sich im Hier und Jetzt zu 100 % aufgehoben und „angekommen“ fühlt.
Ein persönliches „Kairos-Daheim“ im Alltag zu finden bedeutet philosophisch, die Tyrannei des Uhrtaktes (Chronos) bewusst zu durchbrechen, um im qualitativen Moment (Kairos) ganz bei sich selbst anzukommen. Es ist der Wechsel von einer rein organisatorischen Existenz hin zu einer tiefen, inneren Beheimatung.
Chronos ist der unerbittliche Taktgeber unseres Lebens: Termine, Deadlines, Wecker und die To-Do-Liste, die wir ständig abarbeiten. Chronos macht uns innerlich heimatlos, weil er uns immer in die Zukunft oder die Vergangenheit treibt – wir planen das Nächste oder bewerten das Letzte. Um ein „Kairos-Daheim“ zu betreten, müssen wir bewusste Schutzräume schaffen, in denen Chronos Hausverbot hat. Das bedeutet: Feste Zeiten ohne Smartphones, ohne Uhren und ohne ein festes Ziel. Ein spaziergangähnliches Umherstreifen („Flanieren“) oder ein reines Verweilen auf dem Sofa, ohne dabei produktiv sein zu wollen.
„Präsenz statt Frequenz“ (Eintreten in den Kairos) – Rituale als Schwellen zum „Daheim“ nutzen
Kairos lässt sich nicht erzwingen, man kann ihn nicht im Kalender eintragen. Er wird in der Philosophie oft als der Gott mit dem Haarschopf an der Stirn und dem kahlen Hinterkopf dargestellt: Man kann ihn nur im Vorbeigehen, im exakten Moment des ‚Jetzt‘, beim Schopfe packen: Wenn wir etwas tun, tun wir nur dieses eine.

Beim Kaffeetrinken nicht nebenbei Nachrichten lesen; beim Gespräch mit dem Partner nicht an die Arbeit am nächsten Morgen denken. Sobald die Aufmerksamkeit zu 100 % im aktuellen Sinneseindruck verankert ist, dehnt sich die Zeit psychologisch aus. Aus Chronos-Sekunden wird Kairos-Qualität.
Der Benediktinermönch Anselm Grün betont in seinen spirituellen Alltagsratgebern, wie wichtig Rituale sind, um bei sich selbst zu Hause zu sein. Ein Ritual ist eine Handlung, die der Zeit ihre rein funktionale Ebene nimmt. Es markiert die Grenze zwischen dem unruhigen Draußen (Chronos) und dem sicheren Drinnen (Kairos).
In der Praxis bedeutet dies: Das Etablieren einer bewusste „Türschwelle“ beim Nachhausekommen. Das kann das bewusste Ausziehen der Straßenschuhe, das Anzünden einer Kerze oder das dreiminütige stille Sitzen im Sessel sein. Dieses Ritual signalisiert der Seele: Du musst nicht mehr rennen. Du bist jetzt daheim.
Die Erlaubnis zum „Zweckfreien Sein“: Unser Gehirn ist im Chronos-Modus permanent darauf getrimmt, Probleme zu lösen und Ergebnisse zu produzieren. Ein inneres Daheim entsteht jedoch erst, wenn dieser Leistungsdruck abfällt. Das antike Konzept der Muße (Schole im Griechischen, woraus ironischerweise unser Wort Schule entstand) meint genau das: die Beschäftigung mit Dingen um ihrer selbst willen.
Das heißt in der Praxis: Sich Tätigkeiten widmen, die absolut keinem Zweck dienen. Zeichnen, ohne gut darin sein zu müssen; Musik hören, ohne nebenbei aufzuräumen; ein Buch lesen, nur um der Geschichte willen. Hier schlägt die Quantität der Zeit in Lebensqualität um.
Chronos fragt: Wie viel Uhr ist es und was muss ich noch tun?
Kairos fragt: Welche Bedeutung hat dieser Augenblick und wer bin ich jetzt gerade?
Wer lernt, im Laufe des Tages immer wieder von der Chronos-Frage auf die Kairos-Frage umzuschalten, baut sich ein mobiles, unzerstörbares Daheim, das er an jeden Ort der Welt mitnehmen kann.
Der bekannte deutsche Soziologe und Zeitforscher Hartmut Rosa (bekannt für seine Werke „Beschleunigung“ und „Resonanz“) würde diesem Konzept eines „Kairos-Daheim“ begeistert zustimmen, es aber soziologisch schärfer formulieren.
Anstatt von Kairos und Chronos spricht Rosa von der Dynamik zwischen „Beschleunigungsdruck“ und „Resonanz“. Für ihn ist „Daheim“ kein geografischer Ort, sondern das Ergebnis einer gelingenden, lebendigen Weltbeziehung.
Würde man ihn interviewen, wie man im Alltag sein persönliches Daheim findet, würde seine Antwort auf drei zentralen Thesen basieren:
Chronos ist der Motor der „Entfremdung“: Rosa diagnostiziert, dass die moderne Gesellschaft sich permanent beschleunigen und steigern muss, um ihren Status überhaupt zu erhalten. Dieser Zwang macht uns laut Rosa unweigerlich „weltblind“ und „taub“. Was er dazu sagt: Wenn du im Alltag nur To-Do-Listen abhakst (Chronos), gerätst du in einen Zustand der Entfremdung. Du funktionierst zwar, aber die Welt bleibt stumm. Dein Zuhause wird zur bloßen „Logistikzentrale“, in der du deine Batterien auflädst, um am nächsten Tag wieder zu funktionieren. Du bist dort physisch anwesend, aber nicht daheim.
Das „Kairos-Daheim“ ist ein Resonanzraum: Für Rosa ist das wahre Daheim-Gefühl identisch mit dem Erleben von Resonanz. Resonanz entsteht, wenn wir von einer Sache, einem Menschen oder einer Tätigkeit tief berührt werden (Affizierung) und darauf antworten können (Antwortbereitschaft). Was er dazu sagt: Ein „Kairos-Daheim“ im Alltag erfährst du in dem Moment, in dem die Welt anfängt, zu dir zu sprechen. Das kann beim Hören eines bestimmten Musikstücks passieren (Rosa sagt oft, dass Musik seine persönliche Heimat ist), beim intensiven Kochen oder im Blickkontakt mit einem geliebten Menschen. In diesem Augenblick transformiert sich die Zeit: Sie wird nicht mehr verbraucht, sondern intensiv erlebt.
Die Warnung: Kairos ist unverfügbar: Hier würde Rosa eine ganz entscheidende Einschränkung machen, die typische Achtsamkeitsratgeber oft verschweigen. Er warnt vor dem Versuch, das „Kairos-Daheim“ technisch oder durch Selbstoptimierung erzwingen zu wollen. Echte Resonanz besitzt laut Rosa das Merkmal der Unverfügbarkeit. Was er dazu sagt: Du kannst dir keinen „Resonanz-Moment“ für Dienstag um 16:00 Uhr in den Kalender eintragen. Wenn du versuchst, das Kairos-Gefühl durch die perfekte Yoga-Matte, die perfekte Meditations-App oder ein exakt durchgeplantes Abendessen zu erzwingen, machst du es wieder zu einem Chronos-Projekt. Es wird konsumierbar und verliert seine Seele.
Rosas Fazit für deinen Alltag: Um ein inneres Daheim zu finden, musst du laut Rosa nicht die Welt anhalten oder in den Wald ziehen. Du musst eine „dispositionale Resonanzbereitschaft“ entwickeln. Das bedeutet schlicht: die Bereitschaft, dich vom Moment unverhofft anrufen und berühren zu lassen, ohne sofort zu fragen, was es dir bringt.
„Heimat ist kein geschlossener Raum, sondern ein offener Resonanzraum, in dem wir das Gefühl haben, dass uns die Welt antwortet.“


