Du betrachtest gerade „Die Affäre auf der Straße nach Monaco“ am Schauspiel Frankfurt – Stadtforschung oder einfach mal chillen

„Eine skurrile Truppe von Theatermacher:innen begibt sich auch auf eine Spurensuche, um der Frage nach der Geschichte und den Geschichten Frankfurts auf den weit verzweigten Haupt- und Nebenstraßen, Handelswegen, Alleen und Gassen der Stadt nachzugehen“, erfährt man im Text zum Schauspiel ‚Die Affäre auf der Straße nach Monaco‚.

Liebe Lesende des UniWehrsEL,

Bild Umschlag Buch Projektlabor Helmut Röll

Die Frankfurter Spurensuche lässt sich zunächst gut nachvollziehen, wenn man an die Projektgruppe ÜberLebensKunst und ihre Teilprojekte Stadtforschung in Frankfurt denkt. Doch anders als im erfolgreichen Projekt an der U3L, das sogar mit der Herausgabe eines Buches „Frankfurter Augen-Blicke“ gekrönt wurde, erweist sich bei den Theatermachern der Versuch, die Heterogenität des Urbanen in ein greifbares Narrativ zu fassen, als Sackgasse.

Doch beginnen wir einmal mit Grundüberlegungen. Wer ist Teil des Stadtbildes oder anders gefragt wer ist ein Teil der Gesellschaft? Wer bleibt außen vor? Eine Stadt besteht aus vielen unterschiedlichen Menschen; wer meint, eine Stadt in ein einheitliches Bild pressen zu können, irrt – der Versuch, alles gleichzumachen, muss scheitern.

Die ideale Hausfrau Bild von ThankYouFantasyPictures auf Pixabay

Vielfalt macht Stadt aus; nur in ihren Brüchen zeigen sich Begegnung, Konflikt und Hoffnung. Wie der Versuch eines scheinbar perfekten Orts bzw. Stadtbilds in der Praxis aussehen könnte hat der Leser bereits in den „Frauen von Stepford“ am Staatstheater Darmstadt kennengelernt.

Einen heiteren Abend über soziale Gegensätze in der Stadtgesellschaft zu gestalten, ist kein leichtes Unterfangen. Dem Stück gelingt die Gratwanderung furios: Mit der fröhlichen Musik aus Disneys Aristocats wird das Publikum zu Beginn in eine positive Stimmung versetzt – ein cleverer Schachzug, um es sich gewogen zu machen, bevor ernste Fragen gestellt werden.

Auf dem geschlossenen Bühnenvorhang ist eine Fotografie von Louis Daguerre des menschenleeren Boulevard du Temple (1838) aufgedruckt – ein Bühnenbildmotiv, das das Stadtbildthema historisch beleuchtet. Lediglich ein Schuhputzer und sein Kunde ist auf dem Foto zu erkennen. Der Vorhang zeigt eine entschleunigte Welt ohne Mobilität. Es ist aber nur eine konstruierte Bildwirklichkeit. Das Bild fragt nach dem Sichtbaren und Unsichtbarem im Stadtbild. Nele Stuhler und Jan Koslowski haben sich zuvor schon mit dem Thema Essen in „Der kleine Snack“ beschäftigt (kam auch das Frankfurter Würstchen vor) – jetzt nehmen sie sich das heiß diskutierte Thema Stadtbild vor.

Gestaltung des Bildes der Rückseite von Projektlabor ÜberLebensKunst Christel Enders

Für das Seminar „Krise und HoffnungÜber Lebenskunst in bewegten Zeiten„, in dem auch das Projektlabor ÜberLebensKunst zur Sprache kommt, bietet die Aufführung Die Affäre auf der Straße nach Monaco reichlich Anschauungsmaterial. Hier ließ sich überprüfen, wie Inszenierungsstrategien Stadtraum denken, wie Proben als Labor für gesellschaftliche Praxis funktionieren und wie Theater selbst zu einem Ort kollektiver Resilienz werden kann. Die Produktion regte den Zuschauer an, die Rolle künstlerischer Interventionen in Krisenzeiten nicht als bloße Symbolpolitik, sondern als konkretes Experimentierfeld zu begreifen.

Der Boulevard als Auftakt

Die Komödie die Affäre Rue de Lourcine (1856) von Labiche dient hier als ironischer Ausgangspunkt: Doch am Anfang steht ein Monolog der vermeintlichen Regisseurin Migraine Petit L´Enfant (Antonia Kloss) über das Chillen. Chillen bedeut umgangsprachlich sich zu entspannen, auszuruhen oder zu faulenzen. Der Begriff stammt aus dem Englischen (chill = abkühlen, entspannen) und wird in der Jugendsprache verwendet. Es könnte auch mit dem Wort „Nichtstun“ übersetzt werden. Koslowski und Stuhler entkernen die Boulevardmechanik der Verwechslung und verschieben sie in ein Probenchaos – der Autor ist plötzlich ein Kind, das Ensemble probt ein Stück ohne Text, und der Alltag draußen ist durch Streiks und Vereinzelung aus den Fugen geraten. Der Streik spielt auf den Streik bei den öffentlichen Verkehrsmitteln an. Diese Spielweise macht den historischen Titel zum Spiegel für Gegenwartsfragen: Verantwortung, Identität und die Sehnsucht nach Gemeinschaft.

Das Schauspielensemble beschreibt in einer Passage den Kern des Boulevards. Mit Boulevard kann nicht nur die Boulevardkömödie gemeint sein, sondern auch der Gehweg. Im Theaterjargon ist mit dem Boulevard eine Komödie bezeichnet, die mit den Erwartungen des Publikums spielt und stets neue Überraschungen für das Publikum bereithält. Als die Gruppe die imaginäre Münchner Straße

Imaginarion Münchner Straße Frankfurt Kai Wehrs

entlang zum Schauspiel Frankfurt ging, sahen die Spieler nicht nur Pflaster und Fassaden, sondern eine ganze Erzählung: Plank‑Café, das Kult‑Kiosk Yok Yok, der Weg vom Hauptbahnhof zum Theater – Orte, die im Stück zu Projektionsflächen werden für eine Stadt, in der Menschen zunehmend drinnen vor Endgeräten vereinzelt sind.

Handlung, Figuren als Abbild einer Stadtgesellschaft

Die Handlung – oder besser: das Spiel mit Handlung – beginnt mit einer ulkigen Truppe um die affektiert ahnungslose Regisseurin Jenny M. Künkel (Melanie Straub), die ein Stück ohne Text probt, während im „richtigen Leben“ Generalstreik herrscht und der öffentliche Nahverkehr streikt. Der angebliche Autor ist kein toter Genie‑Mythos (kleine Anspielung auf Goethe), sondern ein Kind (Antonia Kloss oder Lia Saalmüller), eine rätselhafte Verlagerung von Verantwortung, die die Bühne zur Werkstatt demokratischer Kompetenz macht.

Figuren wie der klebrig besserwisserische Dramaturg Gans Klevrig (Miguel Klein Medina), der parfümierte Kostümbildner Yves van de Schnittchen (Christoph Pütthoff), die sonnige Ostdeutsche‑Regina Vacui (Nina Wolf) und der melancholisch blickende Lichtdesigner Justin Time (Mark Tumba) treten als Typen der Komödie auf, die zugleich das Stadtbild Frankfurts bloßstellen und gleichzeitig gedanklich neu zusammensetzen. In rund neunzig aufregenden Minuten reden Koslowski und Stuhler über Straßen‑ und Theateralltag mit der grauen Gegenwart, rufen Frankfurter Orte wieder wach und verflechten Boulevardmechanik mit Selbstreflexion einer Stadtgesellschaft. Zwar taucht Monaco als Sehnsuchtsort in den Gesprächen der Figuren auf aber letztlich dreht sich der Abend um Frankfurt und auch die Stadt Darmstadt wird für den ein oder anderen Gag als Gegenpol erwähnt.

Sprache, Humor und wechselnde Outfits führen zu verschiedenen imaginären Orten

Die Sprache des Abends ist ein Geflecht aus feinsinnigem Humor, einer absurden Probensituation und poetischen Gedanken über Stadtbilder. Koslowski und Stuhler arbeiten mit vielen Anspielungen, Ironie und Selbstreflektion, sodass das Lachen oft ein doppeltes ist: Es unterhält und entlarvt zugleich.

Svenja Gassen unterzieht den Schauspielern schnell wechselnde verschiedene Outfits an. Manchmal sehen die Kostüme nach cooler Straßewear aus, manchmal erinnern sie an das alte Rom oder das Frankfurt der 1970er Jahre als Anspielung auf alte Filme. Das macht den Abend abwechslungsreich. Mit wenigen Kleidungsstücken und Gesten wechseln die Szenen zwischen Gegenwart und römischem Flair.

Musikalisch wird von Italo‑Pop, über das lippensynchrone Musicalnummern mit absichtlich blechernen Micky‑Maus‑Stimmen wird dem Publikum so Einiges geboten, all das schafft einen humorvollen Blick auf ernste Themen ums Bahnhofsviertel Frankfurt wie Drogenszene, Bordelle, umkämpfter Wohnungsmarkt leichter zugänglich macht. Dass nicht alles perfekt sitzt — holprige Übersetzungen, gelegentliche scheinbare Texthänger — wirkt hier nicht als Mangel, sondern als Teil des Konzepts: Scheitern wird zur produktiven Kraft, zur Erinnerung daran, dass Veränderung oft improvisiert und unvollkommen beginnt.

Krise, Kreativität und Resilienz

Gerade in Zeiten, die von Krise, Unsicherheit und Leistungsdruck geprägt sind, liest sich der Abend als Plädoyer für eine andere Haltung: Chillen als Widerstandsform, als kollektive Praxis gegen Vereinzelung und ständige Erreichbarkeit. Wo Infrastruktur versagt — Generalstreik, ÖPNV‑Ausfall — eröffnet das Theater temporäre Räume für Gemeinschaft und kreatives Austesten. Statt fertiger Lösungen serviert die Inszenierung Denkansätze: Humor als Widerstand, Proben als Experimentierraum für neue Zusammenhaltsformen, kollektive Muße als Ressource für Resilienz. Diese Vorschläge sind pragmatisch genug, um im Alltag nachzuwirken, und zugleich utopisch genug, um Hoffnung zu nähren.

Am Ende, wenn die Truppe auf Rollschuhen vorfährt und die Bühne als Ort des Chillens für sich beansprucht, bleibt ein warmes Gefühl der Ermutigung: Nicht Resignation, sondern die Fähigkeit, in bewegten Zeiten neu zu erfinden. Für das Seminar wie fürs Publikum bietet der Abend wertvolle Impulse — nicht als Lehrstück mit fertiger Moral, sondern als Einladung, Chillen als Lebenskunst zu üben und Hoffnung als aktive Praxis zu begreifen.

Liebe Grüße

 I. Burn