Die Temperaturen steigen in Deutschland teils auf 41 Grad, und mit den heißen Nächten stellt sich die Frage: Wie kann man diese Hitze produktiv verbringen, wenn man nicht Fußball-WM schauen möchte? Ein Blick in die ARD-Mediathek lässt einen manchmal einen echten Edelstein finden: den Film „Maudie“ (2016) über die kanadische Malerin Maud Lewis.
Sehr geehrte Lesende,
Der Film „Maudie“ wirkt wie ein Fenster zu einer Welt, die sich nicht schönreden lässt – und gerade deshalb so tröstlich und stark ist. Im Mittelpunkt steht nicht „romantische Unterhaltung“, sondern Überlebenskunst: jene besondere Kraft, sich den eigenen Platz im Leben zu erkämpfen, wenn die Umstände hart sind, der Körper streikt und die Welt einen kleinhalten will. Sie malte überwiegend idyllische Szenen aus der ländlichen Vergangenheit von Nova Scotia (Kanada). Ihre Motive sind Kutschfahrten, Ochsenkarren und Tiere – besonders berühmt ist sie auch für ihre fröhlichen Katzen. Und genau diese Farben, diese Szenen, diese Wärme wirken im Kopf nach, wenn draußen die Nacht nicht abkühlt.

Das erinnert an einen anderen Außenseiter, den Maler Louis Wain, der auch für seine Katzenbilder, die an skurrile Menschen erinnern, gefeiert. Gegenwärtig versucht der Film „Die wundersame Welt des Louis Wain“ seine Bekanntheit wiederaufzufrischen. Lesen Sie dazu unseren Beitrag „Zwischen Wahn und Wunder„.
Die kanadische Malerin Maud Lewis (1903–1970), zugeordnet zur naiven Kunst (Folk Art), lebt zwischen zwei Welten: draußen Nova Scotia mit erdigen Braun- und Grüntönen, drinnen in ihren Bildern ein Leuchten – blau, rot, und mit einem heiteren Gelb, das wie ein Versprechen wirkt. Dieses Spiel von Wirklichkeit und Vision ist der Kern der Geschichte. Denn Maud sagt es nicht nur mit Worten: Ihre Bilder entspringen Erinnerungen und Träumen. Sie widersprechen ihrem Alltag. Sie machen aus dem, was bedrückt, etwas, das den Betrachter aus seinem Alltag herausführt. Heute haben ihre Werke einen hohen Sammlerwert. So konnte das Originalgemälde „Black Truck“ 2022 einen Rekordpreis von 350.000 US-Dollar auf dem Kunstmarkt erzielen. Das steht in scharfem Kontrast zu den Lebensumständen, denen die Künstlerin ausgesetzt war: Zu Lebzeiten verkaufte sie ihre kleinen Gemälde oft nur für ein paar Dollar.

Genau darin liegt die Überlebenskunst, die mich als Seminarbezug „Krise und Hoffnung – Überlebenskunst in bewegten Zeiten“ sofort erreicht hat: Krise ist nicht nur das, was passiert; Krise ist auch der Moment, in dem etwas Wesentliches im Menschen droht, verloren zu gehen. Und Hoffnung ist nicht blinder Optimismus, sondern eine Tätigkeit: das tägliche Zurückholen von Licht in den eigenen Raum. Im Film beginnt dieser Prozess in Everetts holzarmem Dunkel, in dem zunächst „kein Tupfen Farbe“ ist. Maud kämpft sich Schritt für Schritt in die Enge hinein: sie bemalt Wände und Fenster mit Blumen und Tieren, bis das Haus mehr wird als ein Ort, bis alle düsteren Schatten daraus verschwunden sind. Nicht, weil Krankheit plötzlich verschwindet, sondern weil Bedeutungen neu gesetzt werden.
Maud eine unscheinbare Frau?
Maud Dowley, eine unscheinbare, kleingewachsene Frau von Mitte 30, lebt in den 1930er Jahren bei ihrer Tante Ida in einem kleinen Dorf in Neuschottland (Kanada). Sie leidet unter juveniler Arthritis, die ihre Gelenke stark verformt und sie körperlich stark einschränkt. In dieser Enge wird Überlebenskunst für sie mehr als ein Wort: eine tägliche Entscheidung, sich nicht wegdrücken zu lassen, auch wenn der Körper sie ausbremst, auch wenn andere über sie bestimmen. Ihr Hobby, das Malen, ist dabei ihr stillster Widerstand. Es gelingt ihr nur langsam, oft unter Schmerzen, und doch schafft es etwas, das sonst im Alltag fehlt: Sinn.
Als ihr Bruder Charles ihr erzählt, dass er das Elternhaus verkauft hat, trifft sie das wie ein zweiter Verlust. Sie fühlt sich bei Ida unwohl, erledigt die Hausarbeit mehr schlecht als recht und wird von der Tante ausgelacht und als naiv gescholten, als Maud beharrlich behauptet, eine Stelle zu suchen und sich selbst versorgen zu können. Genau diese Hartnäckigkeit – trotz jeder Zurückweisung – ist ihre erste Form von Überlebenskunst: nicht erst hoffen, bis jemand Mitleid hat, sondern handeln, auch wenn niemand es leicht macht.
Maud findet schließlich eine Anzeige des Fischhändlers und Trödlers Everett Lewis. Er sucht eine Haushaltshilfe, die mit im Haus wohnt. Maud muss ihn sehr überreden und bekommt den Job tatsächlich. Everett ist wortkarg und mürrisch, lebt mit zwei Hunden in einem abgelegenen Häuschen mit nur einem Raum. Über dem Raum liegt das einzige Bett, das sich Maud und Everett teilen müssen. Die Bedingungen sind hart, und schon nach zwei Tagen wirft Everett sie hinaus, enttäuscht von ihren „Haushaltskünsten“ und von ihrer Forderung nach Lohn. Doch Maud kann nicht einfach weg. Also reiht sie sich nicht ein, sondern versucht weiter: Sie reißt sich zusammen, erledigt die Arbeit so gut sie kann, schafft es sogar, ein Huhn zu schlachten und Hühnersuppe zu kochen. Mit der Mahlzeit kommt auch ein Rest Respekt in Everetts harte Welt, bis er ihr seine Rangordnung unmissverständlich macht: erst er, dann Hunde, dann Hühner – „und dann erst du“.
Als Ida davon erfährt, dass Maud bei Everett lebt, schlägt die Angst in Wut um. Ida erinnert Maud an eine Vergangenheit, die sie am liebsten verdrängen würde: als junge Frau wurde sie schwanger, brachte ein deformiertes Kind zur Welt, das bei der Geburt starb; so hat es die Familie erzählt. Dazu kommt das Dorfklima: Als Everett Besuch hat, macht ein Freund anzügliche Bemerkungen über ihr Zusammenleben. Maud versucht, witzig zu bleiben, doch Everett reagiert mit einer heftigen Ohrfeige. In Momenten wie diesen zeigt sich Überlebenskunst nicht als „immer freundlich“, sondern als Fähigkeit, trotz Erniedrigung den eigenen Kompass nicht zu verlieren.
Maud beginnt, an ganz kleinen Stellen Farbe zu setzen – mit den wenigen Mitteln, die sie zufällig findet. Eine Farbdose, die im Haus auftaucht, wird zum Anfang. Zuerst malt sie Vögel und Blumen an karge Innenwände. Everett duldet das, macht spöttische Bemerkungen, aber er kann nicht verhindern, dass sich etwas verändert. Später bemalt sie Holztafeln, die Everett bei seiner Trödlertätigkeit sammelt. Und Schritt für Schritt wird aus dem Nebeneinander ein Miteinander: Nicht, weil Everett plötzlich sanft wird, sondern weil Maud eine Beharrlichkeit entwickelt, die den Widerstand von Everett bricht. Nächtliche Annäherungsversuche von Everett bleiben zunächst ohne Erfolg; Maud bestimmt, was sie zulässt. Auch darin liegt Überlebenskunst: Grenzen zu setzen.
Der Wendepunkt
Ein Wendepunkt kommt in Person von Sandra. Sie ist eine feine Dame aus der näheren Umgebung, kommt aus New York, hat ein eigenes Auto und beschwert sich eines Tages über eine fehlende Fischlieferung. Zwischen Sandra und Maud entsteht sofort eine besondere Beziehung. Sandra sieht, was Maud malt, und findet Gefallen daran. Sie bringt zudem Struktur in Everetts Welt: Maud überredet Everett, eine rudimentäre Buchhaltung einzuführen, die Sandra beim Abliefern der Fische später weiter ins Gespräch zieht. Dabei wird erneut über Mauds Malerei gesprochen, und es kommt zum Verkauf: ein Bild für fünf Dollar. Für Everett ist das zunächst seltsam, dass jemand die Bilder von Maud kaufen will. Später ermuntert er Maud, mehr zu malen und zu verkaufen.

Überlebenskunst zeigt sich hier in ihrer ureigenen Form: Maud schafft Einkommen nicht durch Hoffnung, sondern durch Produktion – Bild für Bild. Sie stellen ein Werbeschild an die Straße, und nach und nach werden ihre Karten und Gemälde ein bescheidener Nebenverdienst. Der Alltag bleibt arm. Aber er wird besser tragbar, weil er nicht mehr nur aus Entbehrung besteht, sondern aus einer Geschäftsidee, die funktioniert. Maud malt naiv, oft direkt aus der Tube, unvermischte Farben, doch sie hat ein Talent für Komposition. Menschen mögen ihre Bilder, weil sie ihnen etwas geben: eine andere Art auf die Welt zu blicken.
Als Maud Everett zunehmend bedrängt, ihn zu heiraten, geht es auch um Sicherheit und Würde. In der Zwischenzeit schlafen sie miteinander, doch sie verhüten konsequent. Maud möchte nie wieder in eine Situation geraten, die ihr Leben zerstören könnte. Everett sträubt sich lange, gibt dann aber widerwillig nach, heiratet sie. Am Leben ändert sich wenig; er betrachtet Maud weiter zuerst als seine Haushälterin. Doch Maud hat gelernt, dass „viel ändern“ nicht immer „sofort“ bedeutet. Überlebenskunst ist auch das Aushalten von Zwischenschritten, ohne sein Ziel aufzugeben.
Maud malt das Haus nach und nach aus und verkauft immer wieder Bilder. Ihre Bekanntheit als Volkskünstlerin wächst, bis Charles eines Tages auftaucht, Maud ein Bild abkauft und sich als Manager andienen will, doch Maud schickt ihn weg. Sie bleibt Herrin über ihre Arbeit.
Der entscheidende Moment kommt schließlich nicht aus dem Dorf, sondern aus der Macht: Der damalige US-Vizepräsident Richard Nixon bestellt ein Bild. Das kanadische Fernsehen sendet einen Beitrag über das Paar. Everett gerät in eine Krise, entwickelt sogar Minderwertigkeitsgefühle. Überlebenskunst hat hier eine zweite Seite: das Bewusstsein, dass Ruhm nicht automatisch Frieden bringt. Maud versucht, Everett nicht ‚klein zu machen‘, sondern ihn wieder einzufangen. Dennoch bleibt das innere Gleichgewicht brüchig.
Besondere Menschen, die sich ihren Platz im Leben erkämpfen
„Maudie“ zeigt besondere Menschen, die sich ihren Platz im Leben erkämpfen müssen – nicht durch laute Siege, sondern durch unermüdliche Gestaltungskraft. Ihre Armut, ihre körperliche Einschränkung und ihr Außenseiterinnen-Status werden nicht romantisiert, aber sie werden auch nicht zum Endpunkt gemacht. Mauds Mut liegt gerade im Langsamen: in langsamen Bewegungen, in Blicken, die erzählen, ohne zu erklären. Und in der Begegnung mit Everett (ein Mann, der Gefühle lange konsequent verweigert), der nach und nach lernt, dass Nähe nicht Entwaffnung, sondern Heilung sein kann. Kein klassischer Liebesfilm, sondern eine Geschichte darüber, wie zwei Menschen einander öffnen – ohne dass dafür die Welt plötzlich „leicht“ wird.

„Die Entdeckung der Langsamkeit“ ist Titel und Inhalt des Roman von Sten Nadolny. Wieder geht es um einen Außenseiter, der sich zum tragischen Helden entwickelt. Nadolny erzählt die Geschichte des Seefahrers und Entdeckers John Franklin, und davon, wie eine Schwäche zur Stärke wird – genau dies erinnert an Maudie. Genau wie sie kompensiert John Franklin Langsamkeit durch Übung, Konzentration, Zielstrebigkeit und Ausdauer. Zeit wird zu Eigenzeit, Langsamkeit zur inneren Ruhe und damit zum Gegenpol gegen die Beschleunigung des aufkommenden technischen Zeitalters. Und in Franklins Fall, setzt „ein pazifistisches Langsam-Aufeinander-Zugehen gegen kriegerischen Elan“.
Für mich ist die wichtigste Botschaft von „Maudie“: Überlebenskunst braucht nicht immer große Gesten. Sie braucht Durchhaltevermögen, Träume, Arbeit am Inneren – und oft eine ganz konkrete Handlung im Äußeren. Maud malt. Sie schafft. Sie macht aus dem Inneren etwas Sichtbares. Und damit: aus Einsamkeit einen Lebensraum.
Darum lohnt sich der Film nicht nur als Biografie, sondern als Erfahrung; als Erinnerung daran, dass Hoffnung in bewegten Zeiten nicht einfach daherkommt, sondern durch den Menschen im Alltag gemacht wird: Schritt für Schritt, Tag für Tag.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL



