XXXVII „Tatort Frankfurt. Welche Rolle spielt die Magie der Musik?“ Handlungsorte Darmstadt und Frankfurt
Wir ehren mit diesem Fall alle David Bowie Fans, allen voran unseren Ermittler Kommissar Ritter, und blicken zurück auf eine gelungene Vorstellung von Lazarus am Staatstheater Darmstadt! Hat Ihnen die Folge XXXVI gefallen, dann werden Sie sich freuen, wenn sie jetzt durch einen anderen Schreibenden aus der Schreibwerkstatt zum Tatort Frankfurt und der Magie der Musik fortgesetzt wird. Und gerne können Sie auch die Abstracts zu dieser Serie lesen, um auch selbst die Handlung fortzusetzen.
Handlung im Staatstheater Darmstadt. Fortsetzung M. E.: Das Staatstheater Darmstadt als Schauplatz: Bowie’sche Töne, flirrende Projektionen und 36 Grad Hitze. In dieser Bearbeitung wird die Lazarus‑Inszenierung zur Kulisse eines Mordfalls – eine Darstellerin im Teenager-Kostüm stirbt mitten in der Vorstellung, Augenzeugen berichten von einer bedrohlichen Gestalt im Katzenkostüm, und die vertrauten Rollen von Opernkenner Burn und dem Bowie-Fan Ritter kehren sich um. Hier schmilzt nicht nur das Eis, sondern auch jede Bühnengewissheit. Ein Mord, eine Katzengestalt und ein Opernkenner, dem die Souveränität zu eng wird wie sein Anzug – und Ritter, der Bowie‑Fan, der mehr Coolness als die Kriminalistik erlaubt mitbringt.
Szene zu Ermittlungen: Backstage, 36 Grad. Schweißperlen, Kostüme, ein Wasserglas, das mehr Dampf abgibt, als der nachfolgende Dialog.
Ritter: (schmunzelt) Wer hat das Mädchen zuletzt gesehen – bevor die Vorstellung zur Leichen‑Premiere wurde?
Burn: (trocken) Ich saß auf meinem Stammplatz und notierte. Meine Notizen sind makellos. Anders als dieser Tatortsaal.
Ritter: (schaulustig) Makellos? Du siehst jetzt schon aus wie ein hitziger Tenor nach der Ouvertüre.
Burn: (patzig) Humor ist, wenn man trotzdem atmet. Wer hat sie am Flügel gesehen?
Ritter: Ich. Sie übte. Dann stand da plötzlich eine Gestalt in Schwarz. Katzenmaske. Hat ihr was zugeraunt – und ein Klicken.
Burn: (spöttisch) Eine Katze mit Rhythmusgefühl? Wahrscheinlich ein Katzenanalyst für Drama. Ich sage mal Wow, statt Miao. Klicken klingt nach Technik. Nach jemandem, der nicht nur Takte schwingt wie ein Dirigent, sondern auch Tücken der Technik behebt.
Marcus (Techniker): (nervös) Schlüssel zum Fundus sind registriert. Nur die Crew hat Zugriff – und die Katze ist schwer verdächtig.
Alice: (leise) Sie gab mir eine Notiz: „Die Katze kommt, wenn die Stimme kippt.“
Ritter: (grinst) Kätzchen‑Prosa. Also: eine versteckte Morddrohung durch eine Mietze-Katze? Cats ist doch ein Musical, das 2025 in Frankfurt gastierte, und damit eigentlich ihr Fachgebiet, Herr Kollege.
Burn: (knurrt) Oder einfach schlechte Poetik eines verwirrten Geistes? Ich prüfte den Zettel auf einen sinnvollen Zusammenhang zum Mord; lese hier „nur Intro in Heroes„. Da finde ich keinen Zusammenhang zu einer Mordpartitur.
Ritter: (sarkastisch) Dein Anzug wirkt übrigens wie eine Klimaanlage, die defekt ist. Du kommst ganz schön ins Schwitzen? Kennst du den Song „36 Grad und es wird noch heißer“?
Burn: (fährt sich über die Stirn) Sehr witzig. Aber die Tonspur hatte einen Aussetzer kurz vor ihrem Zusammenbruch – zehn Sekunden Stille. Taktlos.
Marcus: Fiese Montage? Technik kann einen Menschen nicht töten, aber sie hilft beim Umbringen? Das war ein Mord wie er im Technikerhandbuch steht.
Ritter: Das klingt nach Jakob, dem entlassenen Tontechniker, ein alter Bekannter von mir aus früheren Zeiten. Er hat früher mit Relais jongliert. Er war der Magier hinter den Kulissen der Show hier; jetzt eher der Magister der Misere.
Alice: Er war letzte Woche hier. Wir ließen ihn nicht rein. Er war angespannt… wie eine Saite, die gleich reißt.
Burn: (leise) Ich sah ihn vor der Tür. Er wirkte… verstimmt. (ihm ist sehr übel) Die Hitze stimmt mich nicht fröhlich.
Ritter: (mitfühlend) Geh atmen, Maestro. Du klingst wie ein falsch gestimmtes Cello.
Burn: (sammelt sich) Wir müssen Jakob finden. Er hält sich für den Dirigenten der Gerechtigkeit – leider ohne Taktstock, nur mit Rachsucht.
Neue Szene: Hinterhof I. D. Nacht. Muffiger Duft, ein Schal – frischer Duft.
Ritter: (hebt einen Schal vom Boden) Er hat ihn liegengelassen. Vielleicht wollte er uns einen „Faden“ hinterlassen. Er kennt die Hintertüren – ein echter Türflüsterer.
Burn: (ironisch) Oder ein Flucht‑Virtuose. Teilen wir uns auf: Ritter Parkhausrampe, ich prüfe die Bühne – ich bin schließlich der Mann für die Off‑Takte.
Szene: Alte Bühne. Halbdunkel. Burn ruft.
Burn: Jakob! Komm‘ mal runter. Wir sollten reden, bevor du wieder in Moll verschwindest.
Jakob: (tritt hervor, pfeift wie ein falsch eingestelltes Mikro) Ihr habt mir die Stimme gestohlen. Ihr nehmt meine Technik, meine Seele; ihr singt und ich pfeife aus dem letzten Loch.
Burn: (sachte) Du hast sie betäubt und ein Atemgerät manipuliert. Das ist kein Crescendo. Das ist ein Verbrechen!
Jakob: (bissig) Verbrechen? Ich rette Stimmen vor dem Chorsänger‑Massaker! Ich säubere die Bühne, wie ein Putzteufel mit Rhythmus.
Ritter: (von der Rampe) Jakob! Lass die Maske fallen. Du klingst wie ein kaputter Effekt.
Jakob: (wild) Ich habe eine Liste. Namen, die zu ‚bewahren‘ sind: Nächster Halt: Alice! Ich schreibe nicht, ich archiviere.
Jakob ist Mitte fünfzig, hager und von der Welt ausgeschnitten: das Gesicht eingefallen, die Haut von Nächten ohne richtigen Schlaf gegerbt, ein grauer Stoppelbart, der einst ordentlich gestutzt war und jetzt ungepflegt wirkt. Seine Hände sind von jahrelanger Arbeit an Theaterstoff, Draht und Metall narbig; Fingergelenke steif, die Nägel dunkel von Schmierstoffen. Die Kleidung ist eine funktionale Uniform geworden – fleckige, abgewetzte Bühnenarbeitermontur, darüber ein zu enger, schwerer Mantel, in dessen Innentaschen Fragmente alter Requisiten stecken: ein verbogenes Schraubenrad, ein Stück zerkratzter Spiegel, ein abgenutztes Mikrofonkorb-Sieb.
Sein Auftreten ist präzise bis zur Kälte. Bewegungen gleichen oft einem einstudierten Mechanismus, als liefen Ressourcen und Zeit in ihm weiter, auch wenn er längst erschöpft ist. Er spricht leise, mit einer rauen, brüchigen Stimme; Sätze kommen knapp, als spare er Atem — doch die Stimme kann ohne Vorwarnung laut werden, schneidend wie Metall. Sein Blick ist fixiert, beinahe musikalisch: die Augen scheinen permanent Noten, Takte und technische Abläufe durchzuspielen. Kleinste Abweichungen von dem, was er als korrekt empfindet, lösen bei ihm eine Zuckung aus, die schnell in Wut umschlagen kann.
Psychologisch ist Jakob von einem zerstörerischen Perfektionismus getrieben. Lange Jahre war er in seinem Handwerk angesehen – der Mann hinter den technischen Raffinessen, der Spezialeffekte und akustischen Tricks, die Aufführungen zu etwas Besonderem machten. Vor etwa drei Jahren änderte sich alles: ein Betriebsunfall, dazu wachsende Konflikte mit Vorgesetzten und Kolleginnen führten zu seiner Entlassung. Seither ist sein Leben entgrenzt: Anerkennung, Einkommen, Platz in der Gemeinschaft – alles wurde ihm weggenommen. In seinem Inneren hat sich daraus ein Besitzdenken gebildet: Technik, Hilfsmittel, sogar Stimmen sind für ihn Teil seines künstlerischen Eigentums. Wenn andere seine Arbeit nutzten, ohne ihn – so seine Logik – stahlen sie ihm nicht nur Resultate, sondern seine Identität.
Diese Mischung aus Kränkung und Anspruch mündete in Rachephantasien. Jakob will „wahre“ Stimmen schützen; in seiner verzerrten Moral bedeutet das, die vermeintlichen ‚Entfremder‘ zum Schweigen zu bringen. Im konkreten Fall gibt er indirekt zu, das Teenagermädchen getötet zu haben: er beschreibt, wie er sie betäubte, ein manipuliertes Atemgerät einsetzte und die Hitze als Verstärker benutzte. Gegenüber früheren Todesfällen behauptet er, nur teilweise verantwortlich gewesen zu sein. Er räumt ein, anderen durch technische Eingriffe Schaden zugefügt zu haben, bestreitet aber, systematisch mehrere Morde geplant zu haben. Es existieren Hinweise, dass er bei früheren Zwischenfällen an technischen Manipulationen beteiligt war; ob er jedoch alleiniger Täter weiterer Morde ist, bleibt unklar. Seine fachliche Expertise, sein Motiv und seine Bereitschaft, Gewalt anzuwenden, machen ihn zum Hauptverdächtigen, aber nicht zwingend zum alleinigen Urheber aller Verbrechen.
Jakob geht nicht aus reiner Bosheit vor, sondern aus einer kollabierten Identität: der Techniker, dessen Kunst anerkannt werden wollte und in seiner Vorstellung nur durch Besitz geschützt werden kann. Seine Perfektion ist zugleich seine Verurteilung; jeder technische Zugriff auf die Stimme, den er als fremdbesetzt betrachtet, nährt seinen Zorn. Ob seine Taten das Werk eines einsamen Rächers sind oder das Ergebnis eines Netzes aus Mitwissern und eskalierenden Eskapaden bleibt offen – die Spuren sprechen für einen Mann, der wusste, wie man Bühnen lüftet, Stimmen manipuliert und Gefahren herstellt, und der in seiner Verzweiflung die Grenze zum Töten überschritt.
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