Du betrachtest gerade Der (Zweiweg-)Spiegel im Film „Jeanne du Barry“, Museum Rietberg,  Kunstinstallation im Städel Museum

Unser Beitrag zum Film Jeanne du Barry fand großen Anklang. Grund genug für eine UniWehrsEL Leserin nach den historischen und metaphorischen Berührungspunkten zum Buch „Spiegel. Der Mensch im Widerschein“ unserer Semestergrundlage zum Seminar „Unter Spiegeln“ zu forschen. Zudem zieht sie eine Parallele zur aktuellen Kunstinstallation „Cloud“ und „Garten Eden“ von Elmgreen und Dragset im Frankfurter Städel Museum (unsere Beiträge zur Führung mit Pfarrer Schnell Teil 1 und 2) .

Das Buch „Spiegel. Der Mensch im Widerschein“ (herausgegeben von Albert Lutz für das Museum Rietberg) widmet sich im Kern der Kulturgeschichte des Spiegels über acht Jahrtausende. Das Werk ist ein interdisziplinärer Ausstellungskatalog des Museums Rietberg, der sich primär mit globalen und rituellen Spiegelobjekten (z. B. aus China, Mesoamerika, Persien und Ägypten) sowie psychologischen und literarischen Phänomenen befasst wie dem Narziss-Mythos oder der „Frau vor dem Spiegel in der Literatur“ von Peter von Matt). Es schlägt dabei gezielt die Brücke von historischen, rituellen Spiegeln hin zur modernen, digitalen Gegenwart. 

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Das Buch greift den Narziss-Mythos auf (unser Beitrag „Psychologie Narziss„). Narziss verliebt sich nicht wissend in sein eigenes Spiegelbild im Wasser. Er hält sein Double für einen realen, anderen Menschen, was letztlich zu seinem filmreifen, tragischen Untergang führt. Das Spiegelbild wird hier als eigenständiges, betörendes Wesen dargestellt. In der Literaturwissenschaft (Kapitel von Peter von Matt über die „Frau vor dem Spiegel“) wird das Double oft unheimlich: Der Spiegel zeigt Wahrheiten, die man verdrängen will (z. B. das Altern oder die Vergänglichkeit). Das Spiegelbild fungiert als moralischer Zwilling oder als „Schatten“, der ein Eigenleben führen kann (ein klassisches Motiv der Romantik und Schauerliteratur). 

Intensiv wird auch die Thematik des Spiegelbild als dem eigenen Doppelgänger (Double) und der psychologischen Spaltung des Ichs aufgegriffen. (unser Beitrag zu „Hamnet“ Spiegelung, Doppelung, Zwillinge). Im Kern geht es um die Entfremdung und das „andere Ich“. Im kunsthistorischen Beitrag „Im Spiegel liebt die Kunst sich selbst“ von Andreas Beyer und dem psychologischen Kapitel „Das Kind im Spiegel“ von Moritz M. Daum wird erklärt, dass das Spiegelbild für den Menschen immer ein Double ist. Ein Kleinkind sieht im Spiegel zuerst ein fremdes Wesen (ein Double), bevor es durch den sogenannten „Spiegelbühnen-Effekt“ (nach Jacques Lacan) begreift: „Das da drüben bin ich selbst.“ Der Spiegel schafft eine permanente Trennung zwischen dem inneren Ich und dem äußeren Körper, den man wie eine fremde Person betrachten kann. 

Den Zweiwegspiegel findet man unter einem moderneren Begriff: dem „schwarzen Spiegel“ (Black Mirror). Das Smartphone lässt sich als als digitaler Zweiwegspiegel einordnen. In dem Kapitel „You like me, therefore I am – Der schwarze Spiegel in deiner Hand“ von Paulina Szczesniak (S. 82 ff) wird unser täglicher Umgang mit Smartphones analysiert (dazu auch unser Beitrag über Selbstportrait, Lovis Corinth und Selfiekultur). Ein ausgeschaltetes Display funktioniert physisch wie ein dunkler Zweiwegspiegel. Das Buch beschreibt, wie dieser moderne Spiegel im „digitalen Medienzeitalter“ zeitgleich reflektiert (wir sehen unser Gesicht oder das Selfie) und transparent wirkt. Wir blicken hindurch in die digitale Welt und Daten fließen unbemerkt in die andere Richtung zurück.  In den Abschnitten zu Spiegelszenen aus Spielfilmen und der modernen Wissenschaft wird die visuelle Täuschung und die psychologische Wirkung von Spionagespiegeln / Zweiwegspiegeln im Kontext von Selbsterkenntnis und Überwachung aufgegriffen. 

Im Film von und mit Maïwenn spielt das Thema Spiegel eine gigantische Rolle

Marie Antoinette im Bild von Pascal auf Pixabay

In ihrem opulenten Historienfilm „Jeanne du Barry – Die Favoritin des Königs“ (2023) verkörpert Regisseurin Maïwenn selbst die Hauptrolle der Madame du Barry, an der Seite von Johnny Depp als König Ludwig XV. Der Film nutzt Spiegel – und insbesondere die historische Kulisse – auf eine sehr prägnante Weise; so im Spiegelsaal von Versailles (Galerie des Glaces). Die berühmteste und zentralste Szene des Films findet im weltbekannten Spiegelsaal von Versailles statt. Jeanne du Barry schreitet in einem pompösen Kleid mit einer gigantischen Schleppe durch den Saal, um offiziell am Hofe präsentiert zu werden. Die Spiegelwände links und rechts reflektieren dabei nicht nur den Prunk des Barock, sondern symbolisieren visuell das „Sehen und Gesehen-Werden“ am französischen Hof – ein permanenter Spießrutenlauf unter den Augen der missgünstigen Adligen. (dazu auch unser Beitrag zu Jeanne du Barry)

Eine Rolle spielt auch hier der „Zweiwegspiegel“ im metaphorischen und im realen Leben bei Hofe. Einerseits blickte die Mätresse durch die prunkvolle Fassade auf die Machtstrukturen des Königs. Andererseits blickte der gesamte Hofstaat voller Argwohn auf sie zurück, analysierte jede ihrer Bewegungen im Spiegelbild und trug die Gerüchte nach außen. 

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Das Buch „Spiegel. Der Mensch im Widerschein“ beleuchtet genau diese kunsthistorischen Epochen, in denen Spiegel vom reinen Luxusobjekt des Adels zum Werkzeug der Selbstdarstellung und gesellschaftlichen Überwachung wurden. Der konkrete Film mit Maïwenn kommt in diesem Buch allerdings überhaupt nicht vor. Hier liegt eine zeitliche Unmöglichkeit vor: Das Buch „Spiegel. Der Mensch im Widerschein“ erschien im Jahr 2019 als Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Museum Rietberg. Der Historienfilm „Jeanne du Barry“ von und mit Maïwenn feierte erst im Mai 2023 seine Premiere bei den Filmfestspielen in Cannes.

Aber die Epoche von Madame du Barry, der Glanz von Versailles und das barocke Frankreich findet sich in einem ähnlich lautenden Artikel „Der Zauber des Widerscheins“ (Bettina Vaupel, 2009): Hier wird beschrieben, dass der Barockmensch ein Sinnenmensch par excellence war und hätte darum wohl – als wahren Schauplatz seiner Epoche – den Spiegelsaal kreiert.

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Gut lässt sich vorstellen  wie der Spiegelsaal von Versailles (die Galerie des Glaces) absichtlich so konstruiert wurde, dass die Höflinge und Mätressen sich permanent gegenseitig beobachten und kontrollieren mussten. Oder wie sich die Frauen des Barock beim Kokettieren vor dem Spiegel zeigten – genau die Ästhetik und die höfischen Rituale, die Maïwenn 2023 in ihrem Film visuell nachgestellt hat.

Mythos oder Wirklichkeit?“ fragt „Cineman“ und klärt Fakten zum Historienfilm „Jeanne du Barry“. Und das ist er wieder der „Zweiwegspiegel“, beschrieben unter „Kurioses Hofprotokoll“: „König Ludwig XV lässt Jeanne im Film auch Zeugin seiner aufwändigen Morgentoilette werden. Durch einen Zweiwegspiegel beobachtet sie, wie die ganze Familie anwesend ist, während die Lakaien des Königs ihm Hemd und Hose anziehen und mehrere Ärzte seinen Puls messen und sogar seinen Urin kosten.“

Im Buch „Spiegel. Der Mensch im Widerschein“ wird das Konzept des Zweiwegspiegels vor allem im letzten Kapitel („You like me, therefore I am – Der schwarze Spiegel in deiner Hand“ von Paulina Szczesniak philosophisch und gesellschaftskritisch seziert. Das Buch nutzt die physische Funktionsweise eines Zweiwegspiegels (auch Spionagespiegel genannt) als Metapher für das Smartphone und das Internet. Hier sind die genauen Kerngedanken, die das Buch dazu ausführt:

1. Das Display als physischer Zweiwegspiegel

Ein Zweiwegspiegel reflektiert das Licht von der hellen Seite, ist aber von der dunklen Rückseite her transparent. Das Buch beschreibt, dass ein ausgeschaltetes Smartphone-Display exakt diese Eigenschaft besitzt. Es ist ein glänzendes, dunkles Glas. Sobald wir es ansehen, nutzen wir es unbewusst wie einen klassischen Spiegel – wir prüfen unsere Frisur, richten den Blick auf uns selbst oder schießen ein Selfie. 

2. Die Umkehrung der Blickrichtung (Die Spionage-Komponente)

Die Essays im Buch betonen die unheimliche Parallele zum Verhörraum: Während der Nutzer auf die glatte Oberfläche starrt, um sich selbst digital darzustellen (Social Media, Profile, Fotos), ist die Scheibe in die andere Richtung vollkommen transparent. Der Nutzer sieht nur seine eigene digitale Projektion und die Inhalte, die er konsumiert. Die Gegenseite (Algorithmen, Tech-Konzerne, Datenhändler) blickt unbemerkt von der „dunklen Seite“ des Spiegels hindurch. Sie trackt jede Bewegung, analysiert das Nutzerverhalten und sammelt Daten.

3. Von der Selbsterkenntnis zur totalen Überwachung

Die Kulturgeschichte des Spiegels begann vor Jahrtausenden als Werkzeug zur Selbsterkenntnis und Magie. Das Buch schlägt am Ende den Bogen zu diesem modernen Zweiwegspiegel und warnt vor einer Umkehrung: Der moderne Mensch nutzt den Spiegel nicht mehr, um sich selbst zu ergründen, sondern er stellt sich freiwillig vor ein Glas, hinter dem er permanent beobachtet, kategorisiert und kommerzialisiert wird. Das Smartphone wird so vom Werkzeug der Selbstreflexion zum Instrument der Fremdkontrolle.

Die Installation im Städel Museum

Foto: E. W.

Und das führt uns zu dem Künstlerduo im Städel Museum. Das weltberühmte, skandinavische Künstlerduo Michael Elmgreen (Däne) und Ingar Dragset (Norweger) und ihre aktuelle Ausstellung im Städel Museum („Stillleben mit Gemüse“)gestaltet „The Cloud“ und „The Garden Eden“ (unser Beitrag zur Führung im Städel mit Pfarrer Schnell Teile 1 und 2). Die Verbindung zwischen diesen Kunstwerken und dem Prinzip des Zweiwegspiegels (wie es im Buch „Spiegel. Der Mensch im Widerschein“ theoretisiert wird) ist immens groß. Die Künstler nutzen genau dieselben Mechanismen der Beobachtung, Illusion und Überwachung:

Foto: eE. W.

1. „The Cloud“ und der digitale Blick: In der Arbeit „The Cloud“ im Restaurantbereich sitzt eine täuschend echte Bronzefigur einer Frau an einem Tisch. Auf ihrem Smartphone läuft ein FaceTime-Anruf. Da greift der Zweiwegspiegel-Effekt: Wie im Buch beschrieben, fungiert das Smartphone hier als emotionales Fenster und Überwachungsinstrument zugleich. Wir als Museumsbesucher blicken den Figuren quasi „durch die Glasscheibe“ heimlich in ihr Privatleben, während die digitale Datenwolke (die Cloud) im echten Leben unser aller Verhalten spiegelt und abschöpft.

2. „The Garden Eden“ als entfremdete Kulisse

Foto: E. W.

Ihre Arbeit „The Garden Eden“ bricht radikal mit dem biblischen Begriff des Paradieses. Statt Natur zeigt die Installation eine seelenlose, sterile Bürolandschaft, die auf die totale Effizienz und Abschöpfung von Arbeitskraft optimiert ist.  Der Zweiwegspiegel-Effekt: Moderne Großraumbüros und gläserne Arbeitsplätze sind architektonische Zweiwegspiegel. Sie vermitteln durch das Glas Transparenz und Offenheit, dienen der Chefetage oder Algorithmen jedoch zur permanenten, unbemerkten sozialen Kontrolle und Verhaltensüberwachung der Angestellten.

3. Das „freundliche Virus“ der Beobachtung

Elmgreen & Dragset beschreiben ihre Ausstellung im Städel selbst wie ein „freundliches Virus“. Sie haben hyperrealistische Figuren im ganzen Museum platziert (wie The Examiner oder The Visitor), die ihrerseits die Kunstwerke oder uns Besucher beobachten. Es entsteht ein permanentes, unheimliches Wechselspiel der Blicke: Man weiß nie genau, wer gerade die aktive, sehende Person ist und wer die beobachtete, transparente Person hinter der Scheibe. Das ist exakt die psychologische Dynamik des Spionagespiegels.