Du betrachtest gerade Teil 2: Führung im Städel von Pfarrer Schnell, Gedanken zu Spiegeln, Krise und Hoffnung

27 Studierende mit ihrer Seminarleiterin Dr. Elke Wehrs von der U3L erlebten am 11.6.26 eine Städel Museumsführung mit Herrn Pfarrer Schnell. Begonnen bei Bildern der Dauerausstellung, die 700 Jahre Kunstgeschichte zeigt. Weiter zu den Installationen des weltbekannten Künstlerduos Michael Elmgreen (Däne) und Ingar Dragset (Norweger), die seit Jahrzehnten zusammenarbeiten. Letzlich (ohne Führung) bestand auch die Möglichkeit, die große Sonderausstellung „Monets Küste“ zu erkunden.

Fortsetzung von Teil 1:

Foto: E. W.

Gemeinsam mit Pfarrer Schnell gelangen wir zur Installation „The Cloud“ (Die Wolke). Sie ist das spektakuläre Herzstück der aktuellen Elmgreen & Dragset-Ausstellung im Städel Museum. Es handelt sich dabei um die lebensechte Kulisse eines hypermodernen Nobel-Restaurants, das das Künstlerduo mitten in den Museumsraum hineingebaut hat. Die Installation ist Teil eines meisterhaften Verwirrspiels. „The Cloud“ existiert im Städel nicht isoliert, sondern funktioniert im direkten Zusammenspiel mit einer zweiten Großinstallation namens „Garden of Eden“ (Garten Eden).

„Garten of Eden“

Es öffnen sich zwei Welten auf zwei Etagen. Die beiden Künstler haben die beiden Installationen exakt übereinander auf zwei verschiedenen Stockwerken platziert. Das Büro unten, der Luxus oben. Während „The Cloud“ oben das exklusive Leben, die schicke Gastronomie und die digitale, scheinbar schwerelose „Cloud-Welt“ (Social Media, FaceTime, Statussymbole) repräsentiert, befindet sich direkt darunter „Garden of Eden“, karg, monoton. Nur aufgehellt durch einzelne private Sehnsuchtsobjekte wie etwa eine Postkarte oder eine Glaskugel, die abends wieder weggeräumt werden müssen.

Das einsame Förderband

Das einsame Förderband mit dem einzelnen Koffer ist eine weitere ikonische Großinstallation von Elmgreen & Dragset. Sie fügt sich perfekt in das psychologische Verwirrspiel des Künstlerduos im Städel Museum ein. Die Szenerie ist überraschend. Wir stehen plötzlich vor einem realen, voll funktionsfähigen Gepäckband, wie man es typischerweise aus der unpersönlichen Ankunftshalle eines Flughafens kennt. Das Band läuft unaufhörlich im Kreis. Auf diesem unendlichen Rundlauf kreist ein einziger, einsamer Koffer. Es gibt keine Passagiere, keine Fluganzeigen und keine Mitarbeiteiter. Elmgreen & Dragset reißen dieses vertraute Alltagsobjekt komplett aus seinem Kontext und platzieren es an einem „Un-Ort“ innerhalb des Museums.

Foro: E. W.

Die tiefere Bedeutung hinter dem Koffer erläutert uns Pfarrer Schnell. Wie so oft bei dem Duo geht es um das Auslösen von Assoziationen, Erwartungen und emotionalen Reaktionen im Kopf des Betrachters. Da ist das Gefühl des Verlorenseins. Das endlose Kreisen des Koffers evoziert sofort das unangenehme Gefühl, das man hat, wenn das eigene Gepäck am Flughafen nicht auftaucht – oder die Melancholie eines Gepäckstücks, das von niemandem abgeholt wird. Es symbolisiert Verlust, Isolation und das Gefühl des Verlassenwerdens. Gleichzeitig wird Mobilität und Stillstand symbolisiert. Das Gepäckband steht für unsere moderne, hypermobile Welt, in der Menschen ständig auf Reisen, auf der Flucht oder im Umbruch sind. Der einzelne Koffer auf dem Band verkörpert jedoch einen absurden Stillstand inmitten der Bewegung. Er kommt niemals an sein Ziel. Das Museum wird zum „Nicht-Ort“: Indem sie Flughafenelemente in den ehrwürdigen Kunsttempel bringen, verwandeln sie das Städel in einen Transitraum.

Das erinnert spontan an Augé Marc und seine Nicht-Orte

Marc Augé ist Ethnologe, der Nicht-Orte im Zusammenhang von Modernisierung und Globalisierung konstatiert. Weltweit entwickele sich eine rasante Zunahme von sinnentleerten Funktionsorten. Solche „Nicht-Orte“ wie Beispielsweise Flughäfen, U-Bahnen, Flüchtlingslager, Supermärkte oder Hotelketten sind, so Augé keine „anthropologischen Orte“, in denen man heimisch werden könnte. Er bezeichniet sie als „Orte des Ortlosen.“, weil diese Räume individuelle Identität stiften, keine gemeinsame Vergangenheithaben. Und vorallem schaffen sie keine sozialen Beziehungen: „Der Raum der Nicht-Orte schafft Einsamkeit und Gleichförmigkeit.“

Image by tarokate from Pixabay

Über diese Nicht-Orte berichtete auch Svenja Grosser. Sie war die Leiterin der Sammlung Gegenwartskunst und Kuratorin der Ausstellung „Muntean/Rosenblum. Mirror of Thoughts“, die noch bis zum 1. Dezember 2024 im Städel Museum zu sehen war. Das österreichische Künstlerduo Muntean/Rosenblum wählt für viele seiner Werke Nicht-Orte als Kulissen, sondern ein Flughafen-Gate, ein Hotelzimmer, ein Großraumbüro, ein Parkhaus, die Rolltreppen von Unterführungen sowie Einkaufszentren. Anonyme Orte an denen die jungen Protagonisten der meist großformatigen Werke zusammenkommen, aber ihre Blicke weichen sich häufig aus, die Interaktionen passen teilweise nicht zur Verortung.

Pfarrer Schnell erinnert auch an Edward Hopper. Er war vom 24. September 1998 bis zum 10. Januar 1999 im Frankfurter Städel Museum vertreten. Die viel beachtete Ausstellung trug den Titel Innenleben. Die Kunst des Interieurs: Vermeer bis Kabakov. Im Fokus stand die kunsthistorische Darstellung von Innenräumen (Interieurs) über mehrere Jahrhunderte hinweg. Die Ausstellung zeigte meisterhaft, wie Räume als Spiegel der menschlichen Psyche, des Rückzugs, aber auch der Einsamkeit und Isolation genutzt werden. Edward Hopper war in dieser Schau perfekt besetzt, da seine Kunst wie kaum eine andere für den melancholischen Blick in und aus Zimmern steht. Konkret war unter anderem sein berühmtes Meisterwerk Hotel Room“ (1931) zu sehen, welches eine einsame Frau in einem kargen Hotelzimmer zeigt, die auf ihr Bett blickt.

Abseits der Großinstallationen

Die skurrilen Entdeckungen abseits der Großinstallationen lassen unseren heutigen Museumsbesuch zu einer echten Schatzsuche geraten. Das Künstlerduo hat seine Arbeiten im gesamten Städel Museum verteilt, ohne typische Erklärschilder daneben zu hängen. Sie infiltrieren so die klassische Sammlung.Wir laufen durch die ehrwürdigen Säle der Alten Meister und stehen plötzlich vor einer lebensechten Babyschale, die einsam auf dem Museumsboden abgestellt wurde. Darin liegt eine täuschend echte, hyperrealistische Skulptur eines schlafenden Babys. Der erste Impuls fast aller Besucher ist pure Erschütterung – man denkt sofort, jemand habe sein Kind im Museum vergessen.

Das „vergessene Baby“ ist nicht zufällig platziert. Das Duo hat die Babyschale direkt vor dem dramatischen Gemälde der Pietà von Franz von Stuck positioniert. Auf dem Bild betrauert Maria den toten Christus. Das schlafende (oder vermeintlich schutzlose) Kind am Boden tritt in einen tiefen, fast schmerzhaften Dialog mit dem monumentalen Gemälde über Trauer und Mutterschaft.

Foto: E. W.

Auch der kleine Junge, der unter dem bekannten Goethebild sitzt und malt, lässt sich auch nach zwei Stunden nicht in seiner Tätigkeit stören. Erst da wird klar, auch er ist eine Installation.

Ohne Führung zu Monet

Die Monet-Ausstellung: „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“ war im Eintrittspreis inkludiert. Wer Lust hatte konnte sie in kleinen Gruppen mit Audio-Guide besuchen. Diese große Sonderausstellung läuft vom 19. März bis zum 5. Juli 2026. Sie widmet sich der künstlerischen Entdeckung des einstigen französischen Fischerdorfs Étretat in der Normandie, das im 19. Jahrhundert zum Magneten für die Avantgarde wurde.

Foto E. W.

Im Zentrum steht Claude Monet, der zwischen 1864 und 1886 mehrfach in Étretat arbeitete und dort rund 80 Gemälde schuf. Seine berühmten Bilder der spektakulären Kreideklippen prägen unseren Blick auf diese Landschaft bis heute. Das Städel Museum vereint rund 170 hochkarätige Gemälde, Zeichnungen, Fotografien und historische Dokumente. Allein 24 Meisterwerke von Monet sind zu sehen. Ergänzt werden Monets Arbeiten durch Werke seiner Wegbegleiter und Nachfolger – von Eugène Delacroix und Gustave Courbet bis zu Henri Matisse.

Foto: E. W.

Einen ganz herzlichen Dank nochmals an Pfarrer Schnell, der uns diese wunderbaren Einblicke ermöglichte!