You are currently viewing <strong>»Das Märchen ist die verspielte Tochter des Mythos« (Friedrich von der Leyen)</strong>

Wir wandeln weiter durch den Märchenwald und unseren Studierenden fallen dabei häufig Bezüge zur Oper ein. Der Grund liegt unter anderem darin, dass die Libretti vieler Märchenopern auf Volkssagen oder auch Volksmärchen gründen. So auch „Die Kluge“ von Carl Orff, zu der er auch das Libretto schrieb. Ein weiterer Grund der Beliebtheit von Opern ist wohl, dass sie einen ‚Zeitbezug‘ aufweisen, während das Märchen zeitlos ist. Ein UniWehrsEL-Leser erinnert uns an einen Doppelabend der Oper Frankfurt 2023, bei dem Stücke von Carl Orff und Kurt Weill zusammengeführt wurden. Herzlichen Dank dafür!

Liebes UniWehrsEL,

Ich freue mich darüber, hier ebenfalls einmal einen Beitrag leisten zu dürfen. Dazu einige einleitenden Sätze:

Nach der Dreigroschenoper erlangte Kurt Weills Einakter „Der Zar lässt sich fotografieren als erfolgreichste Oper des Komponisten Berühmtheit. und wurde in über 25 Inszenierungen nachgespielt. Seine „Zeitoper“ folgt Impulsen der 20er Jahre, die Stoffe aus dem Alltagsleben für das Musiktheater fruchtbar machen wollten, anhand zeitgenössischer Schauplätze und unter Einbeziehung technischer Neuigkeiten und Populärmusik, wie den Jazz.

Carl Orff wiederum ist weltweit bekannt durch seinen Beitrag zur elementaren Musik- und Bewegungserziehung. Auch die »Carmina Burana« erlangte Weltruhm. Im Märchenwald ist er ebenfalls heimisch, nimmt seine Anregungen aus Volksstoffen seiner bairischen Heimat. Seine Oper „Die Kluge“ beruht auf dem Grimm‘sche Märchen „Die kluge Bauerntochter“.
Ein vom König zu Unrecht des Diebstahls bezichtigter Bauer wird durch eine ‚Scharfsinnsprobe‘ seiner Tochter, in der sie drei Rätsel mit Bravour löst, befreit. Auch bei einem Fehlurteil des Königs gegen einen Mauleselmann setzt sich die Kluge für die verletzte Rechtsordnung ein.

Die Zuschauer der Oper Frankfurt ließen sich 2023 ins Reich der Märchen entführen, und das gleich in doppelter Hinsicht. Mit der 1928 uraufgeführten Parodie „Der Zar lässt sich fotografieren“ vom jungen Komponisten Kurt Weill – noch ohne seinen Partner Brecht. Der Hintergrund der Oper ist ernst: Es gab tatsächlich verschiedene Attentatsversuche auf den Zar Alexander II, der hier offensichtlich gemeint ist. Dass dies nun in Weills Oper zu einer Parodie aller Rosamunde Pilcher Filme verkommt – der Zar verliebt sich in eine Attentäterin und flirtet heftig mit ihr – zeigt, dass die Ermordung bereits zehn Jahre her war, 1918, und somit eine neue Zeit angebrochen war. Auch in Deutschland gab es keinen Kaiser mehr, sondern 1928 eine Republik. Also durfte auch ein Märchen über den Zar aufgeführt werden. Ab 1933 war die Oper „Der Zar lässt sich fotografieren“ verboten.

Dass die Fotographie im Titel erscheint ist kein Zufall. Der Zar zeigt sich beim Fototermin aufgeschlossen für neue technische Entwicklungen und will sich mit diesem Termin offensichtlich ins rechte Bild setzen lassen. Der Fototermin soll seine Herrschaft sichern, indem es zeigt wie fortschrittlich der Zar doch ist. Dass er dabei fast eine Regierungskrise auslöst, ist ein unvorhergesehenes Nebenprodukt seiner Technikbegeisterung. Heute ist der Fototermin für den Politiker fester Bestandteil seiner Imagekampagne in der Öffentlichkeit. Ein Ortstermin ohne Foto des Politikers ist fast so als wäre er gar nicht erst angereist. Auch in dieser Hinsicht ist das Stück prophetisch und zukunftsweisend.

Das zweite Stück wurde mitten im zweiten Weltkrieg uraufgeführt 1943. Es ist die Kluge von Orff. Basis dieser Geschichte ist „Die kluge Bauerntochter“. Das Stück zeigt die Willkür der Mächtigen. Aufgrund ihrer Klugheit heiratet der König die Kluge, nachdem sie mehrere Aufgaben/Rätsel lösen musste. Doch dann bezweifelt er seine Entscheidung und befiehlt ihr, das Wichtigste für ihr Leben mitzunehmen. Die Kluge wählt den König selbst und führt mit ihrer Weisheit dem König ihren Wert erneut vor Augen.

Beide Stücke passen für mich auch besonders gut zum Thema „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, eines Ihrer früheren Seminare, indem auch die Dreigroschenoper besprochen wurde. Meine Assoziation zum Zaren, der sich nicht fotografieren lassen will: der Zar steht beim Attentatsversuch, metaphorisch gesprochen, kurz davor, von den Revolutionären des Chors gefressen zu werden. Das geflügelte Wort „die Revolution frisst ihre Kinder“ kennen Sie sicherlich aus Georg Büchners Drama „Dantons Tod“. Bezogen auf den Zaren, hieße das, wenn das Attentat erfolgreich gewesen wäre, würde die Moral (Absetzung eines schlechten Herrschers) den Revolutionären Recht geben. So bleibt alles am Ende beim Alten. Aber ändert der Mensch sein Verhalten nicht auch durch neue Erfahrungen?

Die Kluge befindet sich im Überlebenskampf und geht das Risiko ein, vom mächtigen König gefressen zu werden. Sie tut dies um ihren Vater aus dem Gefängnis zu holen. Da der Vater sich unklug verhalten hat – ihm wird unterstellt, er habe den Stößel eines goldenen Mörsers gestohlen – wird er, im übertragenen Sinne „vom König gefressen“. Nur die Klugheit seiner Tochter kann ihn vor dem Tod bewahren. Danach wird die Kluge zur Braut. Als sie sich jedoch in die Regierungsgeschäfte einmischt, wird sie vom König verstoßen. Sie ist also ständig in ihrer Existenz bedroht. Ohne Vater kein Zuhause mehr. Ebenso ohne König nach der Heirat kein Zuhause mehr für sie. Letztendlich verhilft der Klugen nur ihr Talent, den König von sich selbst zu überzeugen, zur dauerhaften Sicherung ihrer Existenz. Zwar kommen die Geschichten dieser zwei Opern als Märchen daher, sie können sich aber trotzdem mit dem Fressen und der Moral der Mächtigen befassen.

Was meinen die UniWehrsEL-Leser dazu? Über einen Kommentar würde ich mich freuen.