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ein Beitrag von Dr. Anne Winckler

Es ist wunderbar mit Studierenden durch den Märchenwald zu flanieren. So geschehen im gleichnamigen Seminar an der U3L. Besonders anregend sind dabei die entstandenen Referate, die vielfach eigene Erfahrungen schildern oder zu weiterführenden Erkundungen Anlass geben. So erfreut uns Dr. Anne Winckler wieder einmal mehr mit ihren fundierten Recherchen zu einer „sagenumworbenen Welt einer ethnischen Minderheit“ – dem Spreewald. Anne Winckler liebt das Pilgern und die Spurensuche wie wir bei ihren Beiträgen zu “Auf Pilgerpfaden unterwegs in Frankfurt” und “Wer ist Louisa?” in den Abstracts der Teilprojekte zum Buch “Frankfurter Augenblicke“!” hier im UniWehrsEL lesen konnten. Herzlichen Dank einmal mehr, liebe Anne!

Der Spreewald und die Märchen

Fast jeder hat schon von ihm gehört, dem Spreewald, sei es als touristisch besonders lohnenswertes Ziel, als Schauplatz einer Fernsehkrimireihe oder auch als sagenumwobene Welt einer ethnischen Minderheit. Die meisten verorten ihn ‚irgendwo im nirgendwo‘ im Südosten von Berlin, dort wo die Spree fließt. Erschaffen wurde die Landschaft im letzten Eiszeitalter, der sogenannten Weichseleiszeit. Das abfließende Schmelzwasser schuf Ober- und Unterspreewald.

Der Sage nennt allerdings einen anderen Ursprung. Danach entstand das Flusslabyrinth durch eine Unachtsamkeit des Teufels, dem beim Pflügen die Ochsen durchgegangen seien. Diese hätten bei ihrer wilden Flucht die Fließe – wie die Kanäle und Wasserwege des Spreewalds genannt werden – hinterlassen.

Rund 1500 km umfasst das Netz dieser Fließe heute, sei es auf natürlichem Weg oder durch Menschenhand geschaffen. 300 km davon können mit dem Kahn oder dem Paddelboot befahren werden. Man gleitet durch üppige Erlenwälder, die im Lauf der Zeit auf den großen Überflutungsflächen mit moorigen Untergrund entstanden sind und die heute noch einen Urwaldeindruck vermitteln. Dazwischen gibt es aber immer wieder Kulturlandschaften mit Wiesen, Feldern, Gärten und Gehöften. Die Gehöfte, von denen aus die Nutzflächen bewirtschaftet werden, stehen auf sogenannten Kaupen – kleinen Inseln aus Talschwemmsand der Eiszeit. Seit dem 19. Jahrhundert nahm der Mensch zunehmend Einfluss auf diese Landschaft, indem er den Wasserzufluss durch Schleusen und Wehre regulierte und auch Entwässerungskanäle anlegte.

Nachdem zunächst vom zweiten bis zum fünften Jahrhundert Germanen im Spreewald siedelten, kamen im 6. Jahrhundert im Zuge der Völkerwanderung slawische Stämme, die sogenannten Sorben, in dieses Gebiet. Deren Kultur hat sich bis heute erhalten, wenn es auch zeitweise ein hartes Ringen um das Bewahren von Brauchtum und Sprache war. Heute werden sie als nationale Minderheit anerkannt. Ihre Rechte auf Bewahrung ihrer nationalen Identität, Sprache, Religion und Kultur sind in den Verfassungen des Landes Brandenburg und des Freistaats Sachsen garantiert.

Das Siedlungsgebiet der Sorben ist nicht nur auf den Spreewald beschränkt. Sie haben sich auch im Gebiet der heutigen Nieder- und Oberlausitz niedergelassen. Sie besitzen eine eigene Flagge, eine eigene Hymne und eine eigene Sprache. Es gibt bilinguale Schulen, sowie Schulen, in denen Sorbisch als Fremdsprache gelernt wird. Es existieren sorbische Kindergärten. Straßen- und Ortsschilder sind zweisprachig. Im Spreewald selbst lebt nur etwa ein Drittel der sorbischen Minderheit, deren Anzahl auf etwa 60.000 geschätzt wird.  Die Mehrheit von ihnen ist in der Oberlausitz im Städtedreieck Hoyerswerda, Kamenz und Bautzen beheimatet, wobei Bautzen das Zentrum der sorbischen Kultur bildet. Der Begriff Wenden für diese slawische Ethnie wird im deutschen Sprachgebrauch gleichberechtigt mit dem Begriff Sorben benutzt.
Hier erfährt man mehr über die wendisch-sorbische Tradition. https://www.cottbus.de/wissenswert/tradition/

Die Sorben verfügen über einen reichen Märchen- und Sagenschatz, der seit vielen Generationen weitergegeben wurde.
Die wohl bekannteste Sage, rankt sich um die Figur des Krabat, dem Lehrling eines Zaubermeisters, von Ottfried Preussler 1971 in einem Jugendbuch verarbeitet.
Es wird vom Bludnik erzählt, einem schadenfrohen Gnom, der die Menschen zunächst in die Irre führt um sie dann, je nach dem, ob es gute oder böse Menschen sind, doch noch sicher nach Hause zu geleiten, oder aber in den Tod zu schicken.
Die gekreuzten stilisierten Schlangenköpfe an den Dachgiebeln vieler Häuser im Spreewald erinnern an das Märchen vom Schlangenkönig, dem ein Graf die Krone stahl und mit dieser reich und glücklich wurde.
Das Märchen vom Wassermann darf in dieser Wasserwelt natürlich auch nicht fehlen. Dieser mischt sich mit seinen Töchtern gern unter die Leute, man erkennt ihn am stets nassen Saum seines Mantels. Unartige Kinder nimmt er mit in sein Wasserreich.
Hier können Sie noch weitere Sagen und Märchen entdecken https://www.spreewald.de/kultur-lifestyle/traditionen/sagenfiguren

Das Flanieren

Der Begriff des Flaneurs geht auf Gustave Flaubert zurück und bezeichnet einen Menschen, der ziellos durch die Straßen einer Großstadt streift, dabei Menschen beobachtet und diese Beobachtungen reflektierend anderen mitteilt. Als Vertreter dieses Genre sind beispielsweise zu nennen Edgar Ellen Poe (Der Mann in der Menge). Der „Flaneur“ ist ein Begriff den Baudelaire nach dem Lesen eines Romans von Edgar Allen Poe einführte und der, vor allem durch die Essays von Walter Benjamin (Das Passagenwerk) für den Spaziergänger und Beobachter der Großstadt Bedeutung erlangte.

Der bekannte Soziologe Zygmunt Bauman bezeichnete in „Flaneure, Spieler und Touristen“ 2007 den postmodernen Menschen als „Homo Ludens“ des 21. Jahrhunderts, dem ein immenses Waren- und Freizeitangebot zu überfluten droht. Der Philosoph und Soziologe Georg Simmel spricht in seinem Aufsatz ‚Die Großstadt und das Geistesleben‘ dieser beobachtenden und beschreibenden Haltung eine gewisse Blasiertheit zu.  Es stellt sich nun die Frage, ob dieser Begriff des Flanierens auch für das sich Fortbewegen in der Natur im Allgemeinen und das Fortbewegen im Spreewald im Besonderen zutreffen kann.

Die bejahende Antwort gibt uns als eine Art historischer Flaneur der Dichter Theodor Fontane. Er wandert beobachtend und reflektierend durch die Mark Brandenburg und beschreibt seine Eindrücke in einem fünfbändigen Werk. Im 1881 erschienenen Band IV ‚Spreeland‘ schildert er einen Ausflug in den Spreewald, den er 1859 mit drei Freunden unternommen hatte. Dabei hält er seine Eindrücke von Land und Leuten sehr dezidiert fest. Eine etwas blasierte Haltung des Großstädters gegenüber der Landbevölkerung ist dabei manchmal nicht ganz von der Hand zu weisen.


Auch wir als heutige Touristen ziehen, beobachtend und vielleicht auch wertend, durch diesen Märchen- (Spree-)Wald. Wir lassen uns von einheimischen Bootsführern durch die Landschaft rudeln – so wird das Staken mit dem Kahn durch die Fließe bezeichnet. Wir halten dabei Ausschau nach Mensch und Tier in einem uns zumindest ungewohnt erscheinenden Lebensraum auf, in und um das Wasser. Wir bekommen Einblick in eine uns fremdartig erscheinende Kultur. Wir sind Voyeure und als solche auch Flaneure.

Den Spreewald umgibt eine besondere Aura, die gebildet wird aus einer einzigartigen Landschaft, einer darin verwobenen Märchenwelt und der Tradition einer ethnischen Minderheit. Diesen Reiz macht sich die Spreewaldkimireihe des ZDF zu nutze. Die Episoden greifen immer wieder die Besonderheiten dieser Gegend auf. Lange Bootsfahrten des ermittelnden Kommissars auf den Fließen vermitteln stimmungsvoll die Faszination der Wasserwelt. Märcheninhalte werden in die Handlungen mit eingewoben. Deutsch-deutsche Geschichte spielt in einzelnen Folgen eine Rolle und auch die Tradition der Sorben wird mit eingebaut. Viele der Folgen sind noch in der ZDF-Mediathek zu finden. Es lohnt sich auf jeden Fall, die eine oder andere anzuschauen.

Eine Arte-Dokumentation über den Spreewald im Rahmen der Reihe Wasserparadiese in Europa verschafft  darüber hinaus einen visuellen Eindruck und vermittelt weitergehende Informationen.

Ergänzt wird dieser wunderbare Beitrag durch das Bild des Spreewaldes bei Herbert Aust auf Pixabay.