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Dostojewski schreibt seinen letzten großen Roman, indem es um einen Mordfall, gefolgt von einem spektakulären Kriminalprozess geht. Doch es handelt sich um alles andere als einen ordinären Krimi: Nicht einfach zu lesen, denn es gibt lange Abschweifungen und Nebenhandlungen. Erörtert werden Fragen über Gott und die Welt. Der dialoglastige Roman liefert eine differenzierte Analyse der damaligen russischen Gesellschaft. Stellvertretend für ganz Russland und die Facetten einer Gesellschaft  Die die vier Brüder Karamasow gelten als Manifestationen des Bösen und legen Dostojewskis philosophisches Denken in  mehr als 1000 Seiten zugrunde. „Die Brüder Karamasow“ am Schauspiel Frankfurt erzählen Fjodor Dostojewskis Werk (in Swetlana Geiers Übersetzung) nicht nach. Vielmehr erarbeiten Regisseurin Laura Linnenbaum und Wolfgang Michalek eine Fassung,  die darauf verzichtet,  die Geschichten in ihren Verästelungen und Dostojewskis Gedankengebäude nachzuverfolgen. Der Kulturbotschafter des UniWehrsEL beschreibt uns seinen Eindruck – herzlichen Dank dafür!

Liebes UniWehrsEL,

die Brüder Karamasow habe ich 06.06. am Schauspiel Frankfurt angesehen. Der Theaterabend basiert auf dem gleichnamigen Roman von F.M. Dostojewski. Der Roman ist über 1.200 Seiten dick. Diesen komplett auf die Bühne zu bringen, hätte eine Spiellänge von acht Stunden. Glücklicherweise hat sich das Regieteam dafür entschieden, die Bühnenfassung nicht so lange zu gestalten. Immerhin dauert die erarbeitete Bühnenfassung mit Pause ca. drei Stunden. Eine weitere bewusste Entscheidung des Regieteams war es alle Rollen des Romans mit Frauen zu besetzten. Nur die Leiche des Vaters – eine stumme Statistenrolle – wird von einem Mann dargestellt – er liegt die drei Stunden tot herum. Er spielt quasi die Leiche aus dem Tatort.

Der Tatort ist in diesem Zusammenhang ein gutes Stichwort. Ist der Roman von Dostojewski nach den Kriterien eines Kriminalromans aufgebaut? Der Zuschauer erfährt als erstes, dass das Clanoberhaupt der Karamasow Brüder ermordet worden ist. Es stellt sich also die Frage Wer war der Täter? und Was war sein Motiv? Es treffen also unterschiedliche Charaktere aufeinander.

Es gibt vier Brüder Karamasow. Als erstes in den Blick des Zuschauers gelangt Dimitrij, genannt Mitja, gespielt von Annie Nowak. Mitja lebt ganz im Moment. Sieht er eine Flasche Wodka, so trinkt er sie genüsslich. Verliebt er sich in ein Mädchen, in diesem Moment die schöne Katja gespielt von Katharina Linder, so ist er ganz von ihr eingenommen und denkt nicht über die Zukunft nach. Um Katja zu beeindrucken hat Mitja mit Katja geliehenes Geld in kurzer Zeit verprasst. Deshalb gelangt er in den Blick des Zuschauers als möglicher Täter. Seine Motive sind passend zum Krimi Geldgier und Eifersucht.

Ganz anders ist der Bruder Aljoscha, gespielt von Lotte Schubert, gestrickt. Er will ins Kloster gehen. Das weltliche Leben liegt ihm fern. Er beschäftigt sich mit der Suche nach Gott und nicht mit dem Leben auf Erden. Der nächste Bruder ist Iwan, ein Philosoph und Intellektueller. Der letzte Bruder ist Smerdjakow. Er ist das uneheliche Kind des Vaters und wird von den anderen drei Familienmitgliedern des Clans Karamasow kaum akzeptiert und übersehen. Im ersten Teil des Theaterabends wird die Handlung so erzählt, dass der Zuschauer lange nur raten kann, wer der Mörder ist.

Im ersten Teil des Theaterabends geraten alle drei Brüder Mitja, Aljoscha und Iwan in den Verdacht der Täter zu sein. In dem Roman wird Mitja der Prozess vor Gericht gemacht. Diesen Teil des Romans hat das Regieteam ausgespart. Im Roman wird Mitja zu 20 Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. Es ist eine Anspielung auf den Roman „Aus einem Totenhaus“, der die Verhältnisse von Gefangen, die in Sibirien im Gefängnis sitzen und Zwangsarbeit leisten, beleuchten. Leoš Janáček vertonte 1928 Dostojewskis autobiografische “Aufzeichnungen” aus einem sibirischen Straflager.

Nach der Pause stellt sich für den Zuschauer heraus, dass nicht Mitja alleine den Vater auf dem Gewissen hat, sondern alle vier Brüder den Vater gemeinsam – metaphorisch gesprochen – ins Grab gebracht haben. In dem Roman stellt sich dagegen Smerdjakow, der uneheliche Sohn, als alleiniger Täter heraus. Im Roman kann er Mitja nicht entlasten, weil er sich vorher selbst richtet. Er erhängt sich. Daher ist die Auflösung des Theaterabends eine andere, wenn alle Brüder gemeinsam eingestehen, aus Rache den Vater gemeinsam ins Grab gebracht zu haben. Schließlich war er kein guter Vater und hat die Söhne vernachlässigt.

In der Erzählung war der Vater ein unerträglicher Schwätzer, Schmarotzer, der die anderen Menschen des Clans schamlos ausgenutzt hat und ein Schürzenjäger war. Denn die Brüder Karamasow stammen von drei verschiedenen Müttern ab. In der Erzählung geht es auch um Religions- und Kirchenkritik. Diese wird durch den intellektuellen Sohn im Streitgespräch mit dem Klosterschüler deutlich. Ebenso kommt in dem Stück der Teufel vor. Hat der Teufel Smerdjakow dazu verleitet, seinen Vater umzubringen? Oder waren es seine Brüder, die durch ihr ständiges Nörgeln über die Taten des Vaters in Smerdjakow den Gedanken geweckt haben, er könne seine Brüder für das durch den Vater erlittene Leid rächen? Das Stück zeigt die psychologische Doppelbödigkeit seiner Charaktere. Die Brüder stellen auch die gesamte russische Gesellschaft dar. Die Figuren bewegen sich in einer Doppelmoral.

Es ist eine schwere Aufgabe, den Roman auf die Bühne zu bringen, weil der Roman voller interessanter Ideen und Einfälle ist, welche nur kurz für den Leser sichtbar werden. Deshalb ist es äußerst schwierig, diese Ideen in eine Handlung einzubetten, ohne dass so manches verloren geht. In der Bühnenfassung geht es um Schuld – wer hat den Vater ermordet,  – aber auch um die Sinnsuche nach dem richtigen Lebensstil. Soll der Mensch im Hier und Jetzt leben oder sich Gott weihen, ein kritischer Beobachter sein?

In dem Roman sind ausschließlich Männer, die sich auf diese Fragen einlassen. Die Frauenfiguren sind nur Stichwortgeber oder Femme Fatale, die in den Männern Unglück auslösen. Es war der Regie wohl ein Anliegen, alle Rolle von Frauen darstellen zu lassen um aufzuzeigen, dass auch Frauen über die Welt reflektieren können und sich Sinnfragen stellen. Dostojewski stellt in seinen Werken die “verfluchten Fragen” wie: Gibt es einen Gott? Warum gibt es dann Leid in der Welt auch für Unschuldige? Was ist das Böse? Warum gibt es überhaupt die Unterscheidung zwischen Gut und Böse? Was ist die Grundlage dafür? Warum lebt der Mensch? Und was kommt nach dem Tod? Alle diese Fragen werden in den Brüder Karamasow gestellt.

Mit besten Grüßen

Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL