You are currently viewing “Una cosa rara” – Der Traum von Arkadien

Für die neue Spielzeit 2024/2025 des Staatstheaters Meinigen konnte der Intendant Jens Neundorff von Enzberg erneut den Künstler Markus Lüpertz gewinnen. In Zusammenarbeit mit Ruth Groß fertigt er das Bühnenbild und die Kostüme für „Una Cosa Rara“. Berühmter als Wolfgang Amadeus Mozarts „Hochzeit des Figaro“ begeisterte das „Dramma giocoso“ von Vicente Martín y Soler (1754-1806) bereits bei der Uraufführung das Publikum des Burgtheaters. Markus Lüpertz gelingt es, wie bereits 2021 mit Puccinis „La Bohème“, durch Bühnenbild und Kostüme die Zuschauer zu Begeisterungsstürmen anzuregen. Es geht in der Oper um die Freundinnen Lilla und Ghita, die sich mehr oder weniger selbstbewusst den Eroberungsversuchen von Prinzen und Edelmännern zur Wehr setzen. Markus Lüpertz gestaltet Illusionen und gibt Raum für Phantasie und Gefühle. Er schafft durch eine verzaubernde Kulisse eine Vorstellung eines „Locus amoenus“ als Chiffre für ein sorgloses Leben in der Natur, eine Vorstellung von Arkadien, dem Sehnsuchtsort von Frieden und Harmonie. Dazu ein Leserbrief!

Liebes UniWehrsEL,

glauben Sie an Zufälle oder ist es so, dass das was einen Menschen gerade beschäftigt, einem auf verschiedene Weise in unterschiedlichen Kontexten dargeboten wird? Gerade haben wir in Ihrem Seminar „Flanieren durch den Märchenwald“ über den „Locus amoenus“ im Kontext der idealisierten Vorstellungen von Wald und der Darstellung eines übertünchten Gemäldes, das den Traum von Arkadien zeigt, im IG-Farbenhaus gesprochen, und schon kann ich Ihnen hier über einen solchen “Sehnsuchtsort” im Staatstheater Meiningen berichten.

Am 23.06. habe ich die Vorstellung „Una cosa rara“ (übersetzt „eine seltsame Sache“) von Vincente Martin y Soler am Theater Meiningen besucht. Die Oper basiert auf einem Libretto von Lorenzo da Ponte. Da Ponte war Librettist von Mozart.  In „Una cosa rara“ geht es inhaltlich um die Verteidigung bürgerlicher Freiheit, Ehre und Moral gegen Übergriffe des Adels. Diese Kernbotschaft hat „Una cosa rara“ mit Mozarts Oper „Le nozze di Figaro“ – Figaros Hochzeit – gemeinsam.

Anders als im Figaro werden die genannten Werte Freiheit, Ehre und Moral nicht nur durch den Betroffenen Figaro verteidigt, sondern auch durch den Schutz der Königin. Diese Figur Isabella sorgt für das Recht ihrer Untertanen. Für den Kaiser Joseph II war die Figur der Königin Isabella identitätsstiftend. Die Figur trägt Züge bzw. Charaktereigenschaften des Kaisers Joseph II. Er liebte es, sich unter sein Volk zu mischen wie die gezeigte Figur Isabella. Die Sehnsucht Isabellas nach einem einfachen Leben unter einer geheimen Identität spiegelt den Wunsch des Kaisers. Es zeigt die pastorale Nostalgie des Adels nach Bescheidenheit fernab vom Hofleben. Der Kaiser hegt den Wunsch nach Verzicht auf jeglichen höfischen Luxus.

In der Regierungszeit des Kaisers wurde ein Gerichtssystem errichtet, das nicht mehr zwischen Adel und Bürger unterschied. Es gibt Berichte, in denen auch Adlige zum Straße fegen als öffentliche Bestrafung verurteilt worden sind. Dass die Figur der Königin in „Una cosa rara“ selbst zur Richterin wird und die Geschicke der Bürger lenkt, scheint dem adligen Publikum besser gefallen zu haben als der freche Diener Figaro, der durch seine eigene Schlauheit dem Grafen eine Nase dreht. In „Una cosa rara“ geht es aber nicht nur um die Übergriffe des Adels, sondern auch um die Bestechlichkeit der Bürger.

Mit den weiblichen Figuren Ghita und Lilla werden zwei unterschiedliche Lebenseinstellungen gegenüber den Adligen und deren Verführungsversuchen dem Zuschauer deutlich gemacht. Die eine Figur leistet sich denCicisbeo, – dies bedeutet, die Frau hat einen geduldeten Liebhaber, der sich das Anrecht auf die Frau bei ihrem Ehemann erkauft hat – „Cicisbeo“ steht für die grundsätzliche Bereitschaft eines korrupten Bürgertums, die eigene Tugend für materielle Vorteile zu verkaufen. Ghita deutet dieses Verhalten in einer Arie an und spielt auf die Galanterie der Städterinnen an. Zu diesen gehören auch die feinen Wiener Damen, welche die Oper besuchen. Die Figur der Ghita will es den Damen aus der Stadt gleichtun und will Lilla, die Tugendhafte, davon überzeugen, dass eine moderne Frau sich mit Galanterie umgibt und sich von Männern hoffieren lässt. Lilla ist dagegen der Meinung, dass Frauen zu allem Zeiten den Männern zu gehorchen haben.

Die Oper stellt einen paradiesischen Garten dar. Es ist ein Schäferspiel. Das Ideal ist also ein Garten aus Arkadien. In diesem Garten bewegen sich die Figuren. Arkadien gilt als Ort des Friedens und der Harmonie. In Arkadien führt der Schäfer ein einfaches glückliches Leben. Nie muss der Schäfer sich Gedanken um seine nackte Existenz machen. Der Schäfer strebt nach der reinen tugendhaften Liebe zu einer Schäferin. Genauso stellt sich Lilla ihr Leben vor. Deshalb muss sie die Haltung von Ghita ablehnen.

Diese Vorstellung von einer idyllischen Schäferwelt ist in den Köpfen der Zuschauer eingebrannt. Der Maler Markus Lüpertz muss nun dieses Schäferidyll auf die Bühne der Meininger Oper bringen. Dazu benutzt der Künstler wie schon in der Meininger „La Bohéme“ mit „i colori“, italienisch für Farben, die er auf die Leinwand zaubert. So entsteht auf der Bühne der Eindruck zweier Welten; die höfische Gesellschaft ist Schwarz gekleidet und trägt schwarze Umhänge.  Die Welt der Schäfer, in die sich der Adel begibt ist naiv, fröhlich und farbenprächtig. So sind die Schafe auf Leinwand gemalt. Es gibt eine Jagdszene in der Oper. Dort ist eine Wildschweinherde von Lüpertz gemalt.

So kann der Zuschauer die Welten nicht nur gedanklich trennen, sondern sieht die Welt auch an den Kostümen. Am Einführungsvortrag nahm Markus Lüpertz teil und besuchte die Vorstellung. In der Figur der Königin wird dem Zuschauer deutlich gezeigt, dass der aufgeklärte, absolutistische Herrscher seine Legitimation daraus bezieht, dass er das Gesamtwohl seiner Untertanen stets im Blick hat. Das ist anders als beim Figaro, der nur sein persönliches Glück anstrebt und der nicht an einen ehrenwerten Adel glaubt, sondern an eine Herrschaftsschicht, die nur ihre eigene Genusssucht auslebt. Figaro strebt keinen Garten an, indem seine Bedürfnisse vom Adel unterstützt werden, sondern er arbeitet auf eigene Rechnung.  Denn anders als der Schäfer kennt Figaro die Angst seine Existenz zu verlieren, wenn der Graf bei schlechter Laune ist. Ehrenwertes Verhalten ist vom Grafen nicht zu erwarten.

„Una cosa rara“ entspricht also dem Idealbild, welches der Kaiser von einer gerechten Gesellschaftsordnung hat. In Figaro Hochzeit ist dagegen der Geist der französischen Revolution zu spüren, obwohl diese noch nicht geschehen ist. Der einfache Bürger Figaro erhebt sich mit einer Gewandtheit gegen seinen Herrn. „Una cosa rara“ war zu seiner Erstaufführung ein Kassenschlager. Die Oper verdrängte Figaro von den Spielpläne am Burgtheater Wien. Figaros Hochzeit wurde ein halbes Jahr vorher uraufgeführt.  Die Begeisterung für die Oper war so groß, dass sich das Publikum im ‚una-cosa-rara-Stil‘ als Schäferinnen verkleidet hat.

Der Komponist machte in einer Arie eine musikalische Referenz an die „Cherubino Arie“ aus Figaros Hochzeit. Mozart hat gekontert und zitiert im „Don Giovanni“ in seiner Tafelszene „Una cosa rara“. Leporello der Diener von Don Giovanni ruft aus „Bravi, una cosa rara!“!  Heute hat Mozarts Figaro gewonnen und ist Teil der Spielpläne aller Opernhäuser. „Una cosa rara“ ist dagegen eine Rarität, die wie ich finde, durch meinen Bericht wieder mehr Bekanntheit erlangen sollte!

Mit freundlichen Grüßen – Ein von Arkadien träumender UniWehrsEL-Leser

Danke für die Landschaft mit Schäfern von Maksim Tikhonov auf Pixabay