Du betrachtest gerade Teil I: Psychologische Fallstudie zum Film „Paris Murder Mystery“ (Vie privée) – Vom Abstieg in das Trauma zum Aufstieg in die Hoffnung

Was geschieht, wenn das Fundament unserer rationalen Gewissheiten wegbricht? Am Beispiel der kühlen Psychoanalytikerin Lilian Steiner (Jodie Foster) untersuchen wir in unserem Seminar „Krise und Hoffnung“ die Dynamiken von schwerer Schuld, professioneller Ohnmacht und transgenerationalen Ängsten. Der Film „Paris Murder Mystery“ (Vie privée) zeigt eindringlich, dass der Weg aus einer psychischen Krise oft durch das eigene emotionale Labyrinth führt. Doch genau dort, wo die starre Kontrolle endet und Verletzlichkeit zugelassen wird, entsteht die Basis für echte, tragfähige Hoffnung und Beziehungsfähigkeit.

Es beginnt vielversprechend mit dem Song „Psycho Killer“ von den Talking Heads aus dem Jahr 1977. Einer der bekanntesten Songs der Band. Es beschreibt die wirren, paranoiden Gedanken eines Mörders („Fa-fa-fa-fa-fashionable“). Zeitlich wurde der Song damals oft mit dem realen US-Serienmörder „Sons of Sam“ assoziiert. Damit scheint das Film-Genre vorgegeben. Denn in Horrorfilmen und Thrillern ist der Psychokiller ein Standard-Antagonist – von Alfred Hitchcocks Klassiker Psycho (inspiriert vom realen Kriminellen Ed Gein) bis hin zum US-Horror-Thriller Psycho Killer.

In der eleganten französischen Krimikomödie Paris Murder Mystery (Originaltitel: Vie privée) von Regisseurin Rebecca Zlotowski untermalt der Song genau den Moment, in dem die professionelle Rationalität der Psychiaterin in eine turbulente, detektivische Spurensuche umschlägt – verpackt mit einer großen Portion französischem Esprit und Humor Damit erfüllt der Song „Psycho Killer“ von den Talking Heads auf der Tonspur mehrere gezielte filmische Funktionen wie den ironischen Kommentar zum Inhalt der „Therapie-Couch“.

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Vielleicht passt dazu auch Gabriel Rolóns (Autor) „Auf der Couch: Wahre Geschichten aus der Psychotherapie“.

Die Hauptfigur Lilian Steiner (gespielt von Jodie Foster) ist eine unterkühlte und rationale Psychiaterin in Paris. Als eine ihrer Patientinnen unter mysteriösen Umständen stirbt, weigert sie sich, an einen Selbstmord zu glauben, und beginnt eine obsessive Ermittlung. Der Songtext von „Psycho Killer“ spiegelt die Themen Psyche, Paranoia und unberechenbares Verhalten wider – die Verwendung des Songs auf der Tonspur fungiert hier als ironische und fast schon humorvolle Anspielung auf Lilians Beruf und ihre zunehmende Besessenheit.

Damit gerät angeführter Song als tonangebend für den Genremix. Obwohl es um eine (vermeintliche) Leiche und einen potenziellen Mordfall geht, ist der Film keine düstere Tragödie, sondern eine beschwingte, unterhaltsame Krimikomödie. Der treibende, tanzbare New-Wave-Rhythmus des Songs sorgt sofort dafür, dass die Grundstimmung des Films locker bleibt und der Fokus eher auf Unterhaltung und das spritzige Katz-und-Maus-Spiel gelegt wird. Er bricht bewusst die Ernsthaftigkeit der Kriminalgeschichte auf.

Klar wird auch der französische Bezug („Qu’est-ce que c’est?“). Der Welthit der Talking Heads ist berühmt für seine französischen Textpassagen im Refrain („Psycho Killer, qu’est-ce que c’est? …“) und der Bridge. Der Begriff Bridge (deutsch: Brücke) bezeichnet in der Musiktheorie einen eigenen, kontrastierenden Abschnitt in einem Song, der meistens zwischen dem zweiten Refrain und dem letzten Refrain (oder einem Solo) liegt. Er bricht das Muster aus Strophe und Refrain auf, um musikalische und inhaltliche Abwechslung zu bieten.

Da der Film in Paris spielt, eine rein französische Produktion ist und Jodie Foster hier ihre erste komplett französischsprachige Hauptrolle spielt, fügt sich der Song auch sprachlich und stilistisch perfekt in das Pariser Setting ein.

Symbolik der Musik

Im Song „Psycho Killer“ von den Talking Heads ist diese Bridge weltberühmt, weil Sänger David Byrne genau dort plötzlich komplett ins Französische wechselt. Während im bekannten Refrain nur die kurze Frage „Qu’est-ce que c’est?“ („Was ist das?“) vorkommt, singt David Byrne in der Bridge eine düstere, kryptische Beichte aus der Sicht des Mörders:„Ce que j’ai fait, ce soir-là
Ce qu’elle a dit, ce soir-là
Réalisant mon espoir
Je me lance vers la gloire, okay“ [1]

Die deutsche Übersetzung dazu lautet:

„Was ich getan habe in jener Nacht
Was sie gesagt hat in jener Nacht

ch erfülle meine Hoffnung
Ich stürze mich dem Ruhm entgegen, okay“

Mit dem Wechsel der Sprache im Song eröffnet sich die Möglichkeit der Darstellung gespaltener Persönlichkeiten. David Byrne und Bassistin Tina Weymouth (deren Mutter Französin ist und die den Text schrieb) wollten damit das wirre, paranoide Innenleben des Killers untermauern. Der plötzliche Sprachwechsel symbolisiert, dass im Kopf des Täters verschiedene Persönlichkeiten oder Stimmen existieren (ähnlich wie bei Norman Bates im Film Psycho).

Es geht um einen künstlerischen Verfremdungseffekt. Die eigentlich „romantische“ französische Sprache wird hier zweckentfremdet, um eine unheimliche, fast schon wahnhafte Mordbeichte vorzutragen. Der Killer sieht seine schreckliche Tat im Wahn als Weg zu seinem persönlichen „Ruhm“ an.

Symbolik der Wendeltreppe

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Neben der bewusst eingesetzten Musik spielen auch Symbole wie die Wendeltreppe in der französischen Krimikomödie Paris Murder Mystery eine bedeutsame Rolle. Im Film ist die Wendeltreppe in Lilians Pariser Altbauwohnung das zentrale visuelle Motiv für den psychologischen Zustand der Hauptfigur. Da der Film auf der visuellen Ebene stark mit Elementen des klassischen Film Noir.

Diese Rätselhaftigkeit des Film Noir beschrieben wir auch im Film von Tallulah Hazekamp Schwab „Willkommen um zu bleiben“. Auch da dominiert eine surreale Mischung aus Drama, Komödie und absurdem Theater. Es gibt Ähnlichkeiten mit Filmen von David Lynch, der das Kino in surreale Albträume verwandelt hat. Ob in „Mullholland Drive“, der sich als Traumsequenz verstehen lässt, in der Elemente der „wahren“ Geschichte auf übertriebene oder verzerrte Weise erkundet werden, bis die Protagonistin Diane aufwacht. Oder „Twin Peaks“, der Kultserie und dem Film, der mit direkten und indirekten Zitaten und Reminiszenzen auf Serien und Filme der 1940er und 1950er Jahre und des Film noir verweist.

Da Paris Murder Mystery zudem mit der Psychoanalyse spielt, erfüllt die Treppe, die Lilian (Jodie Foster) im Verlauf der Handlung immer wieder herauf- und herabsteigt, mehrere tiefere Bedeutungen:

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Sie ist das Symbol für das Unbewusste (Freudianische Analogie). Als renommierte Psychoanalytikerin ist Lilian es gewohnt, die psychischen Tiefen anderer Menschen zu ergründen. In der Filmtheorie und Psychoanalyse steht das Hinabsteigen einer Treppe (insbesondere einer unübersichtlichen, gewundenen Treppe) klassisch für das Eintauchen in das menschliche Unterbewusstsein. Da Lilian durch den mysteriösen Tod ihrer Patientin zunehmend die Kontrolle verliert, symbolisiert die Wendeltreppe ihren eigenen, unfreiwilligen Weg in ihre tiefsten, verdrängten Schuldgefühle und Ängste.

Gleichzeitig ist die Wendeltreppe die visuelle Darstellung des Kontrollverlusts (Die Abwärtsspirale). Lilian wird zu Beginn als extrem kontrollierte, kühle und rationale Frau eingeführt. Je tiefer sie sich jedoch in ihre obsessiven Privatbeprobungen verstrickt, desto brüchiger wird diese Fassade. Die Spirale der Treppe verdeutlicht bildlich die „Abwärtsspirale“ ihrer Gewissheiten. Sie bewegt sich sprichwörtlich im Kreis und verliert zunehmend den festen Boden unter den Füßen. Die Regisseurin nutzt die engen, wirbelartigen Kameraeinstellungen im Treppenhaus bewusst, um Lilians wachsende Desorientierung und Paranoia spürbar zu machen.

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Und last but not least ist diese Treppe eine Hommage an das Thriller-Genre (Vertigo-Effekt – dazu auch unser Beitrag zu „Extremsituationen, bei dem es auch um den körperlichen Schwindel geht). Die Wendeltreppe ist ein direktes filmisches Zitat an klassische Psychothriller, allen voran Alfred Hitchcocks Vertigo – Aus dem Reich der Toten oder Robert Siodmaks The Spiral Staircase. Zlotowski nutzt diese Architektur, um eine unterschwellige, hypnotische Spannung zu erzeugen. Sie bricht damit dieLeichtigkeit der Komödie auf und verweist visuell darauf, dass sich unter der Oberfläche der Pariser Schickeria ein verworrenes, gefährliches Labyrinth verbirgt.

Hynotherapie

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In Paris Murder Mystery nutzen Regisseurin Rebecca Zlotowski und ihr Team Traum- und Hypno-Therapie in Filmsequenzen als zentrales erzählerisches Werkzeug, um die starre, rationale Fassade der Hauptfigur aufzubrechen. Während die Wendeltreppe Lilians inneres Labyrinth rein architektonisch andeutet, führen diese Sequenzen den Zuschauer direkt in das brodelnde Chaos ihres Unterbewusstseins.

Dies beschrieben wir auch in unserem Beitrag „Hynotherapie – von Freud zu Erickson„. In sehr frühen Jahren liebäugelte Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, mit Hypnose, was heute weniger bekannt ist. Wir erklärten woher seine Faszination für dieses Verfahren kam. Näheres zur Psychotherapie kann man in dem Buch Die Psychotherapie Milton H. Ericksons von Jo Haley nachlesen.

In einer Hypnose-Sitzung geht es um die Konfrontation mit der eigenen Ohnmacht. Lilian Steiner (Jodie Foster) verlässt ihre Komfortzone als Analytikerin und begibt sich selbst in eine Hypnosetherapie. Eigentlich hält sie diese Praktiken für bloßen „Hokuspokus“, doch ihre wachsende Paranoia treibt sie dazu. In der Hypnose spiegelt sich das Kernproblem des Films: „Ihre Ironie ist ein Ausdruck Ihrer Angst“. Die Sequenz zwingt die sonst so distanzierte, kontrollierte Kognitivistin, ihre rationalen Abwehrmechanismen fallen zu lassen.

Historische und generationenübergreifende Dimension dieser Traumsequenzen

Ein überraschender, tieferer Aspekt, der durch die Träume und Visionen ans Licht kommt, ist Lilians familiärer und geschichtlicher Hintergrund. Wesentlich ist  hier „Das kollektive Unbewusste“. Neben der Vorstellung von Archetypen prägte C. G. Jung den Begriff des kollektiven Unbewußten.

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„Für Jung ist das kollektive Unbewußte ein zweites psychisches System im Menschen. Im Unterschied zur persönlichen Natur unseres Bewußtseins hat es kollektiven, nicht persönlichen Charakter. Jung nennt es auch eine »allgemeine seelische Grundlage überpersönlicher Natur«, die nicht erworben, sondern geerbt wird. Es besteht aus präexistenten Formen, Archetypen, die erst sekundär bewußt werden.“

In einer der zentralen Hypnose-Visionen von Lilian Steiner bricht im Film eine Erinnerung beziehungsweise ein Trauma auf, das mit der NS-Zeit und der Geschichte der jüdischen Gemeinschaft in Paris verknüpft ist. Der Film hebt sich dadurch von einem simplen Kriminalfall ab. Die Albträume zeigen, dass unter Lilians persönlicher Krise eine tiefere, schmerzvoll präsente historische Vergangenheit liegt, die sie zeitlebens verdrängt hat.

Psychologie: Beziehungsgeflechte und Wahrnehmung

Durch diese psychedelischen und psychologischen Einschübe wechselt der Film vom leichten Whodunit-Krimi zu einer existentiellen Studie über Wahrnehmung. Er stellt die Frage: Wie gut können wir uns auf unsere eigene Psyche verlassen, wenn das Fundament unserer Gewissheiten ins Wanken gerät?

Im Film bildet das Beziehungsgeflecht zu Lilians Ex-Mann Gabriel Haddad (gespielt von Daniel Auteuil) den emotionalen Gegenpol zu ihren Traum- und Hypnosewelten. Während Lilians Unterbewusstsein im Wahn versinkt, fungiert Gabriel in der Realität als ihr Anker, bricht jedoch gleichzeitig in ihre tiefsten mentalen Schutzmauern ein. Er ist ihr Anker in der Realität, während sie im Traum in ein bodenloses Chaos versinkt. Gabriel ist Optiker – ein Beruf, der symbolisch für das Scharfstellen der Sicht und das Erkennen der Realität steht. Während in der Realität  Lilian (Jodie Foster) durch ihre Schuldgefühle und die Hypnosen zunehmend den Verstand verliert, ist Gabriel der Einzige, der sie bedingungslos unterstützt. Er trinkt Wein mit ihr, hört sich ihre wirren Verschwörungstheorien an und spielt bereitwillig den Amateurdetektiv. In ihrer  Traumwelt fungiert Gabriel fungiert als Lilians „Rettungsseil“. Wenn sie in ihren Träumen und Hypnosen die Kontrolle über die Realität verliert und das Gefühl hat, zu ertrinken oder in der bereits erwähnten Abwärtsspirale der Wendeltreppe abzustürzen, ist die Erinnerung an Gabriels vertraute Stimme oft das, was sie zurück ins Wachbewusstsein holt.

Gabriel ist ihr Katalysator für verdrängte Emotionen. Lilian zeichnet sich zeitlebens durch eine extreme, fast schon unnatürliche emotionale Kühle aus. Gabriel bemerkt im Verlauf ihrer gemeinsamen Ermittlungen eine verblüffende Veränderung in ihren Augen: Sie weint – etwas, das er in all den Ehejahren und selbst bei der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes Julien (Vincent Lacoste) nie bei ihr gesehen hat. Die intime Wiederannäherung und die Affäre mit Gabriel bringen Lilians emotionale Schutzmauern zum Einsturz. Dieser reale Einbruch von unterdrückter Nähe sorgt dafür, dass auch in ihren Traumwelten die Dämme brechen. Gabriel holt die Gefühle an die Oberfläche, die Lilian jahrelang hinter ihrer professionellen Distanz als Psychoanalytikerin eingesperrt hat.

Deutlich wird, dass es um Schuldgefühle und ein Familien-Trauma geht.

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In den surrealen Sequenzen vermischen sich Lilians aktuelle Ermittlungen um die tote Patientin Paula immer wieder mit Fragmenten ihrer eigenen Familiengeschichte. Gabriel, mit dem sie eine jahrzehntelange, komplizierte Geschichte teilt, ist untrennbar mit diesen verdrängten Kapiteln verbunden. In den Träumen taucht er weniger als ihr aktueller Partner auf, sondern spiegelt das kollektive und persönliche Versagen wider – insbesondere ihre emotionale Entfremdung von ihrem Sohn Julien. Gabriel ist in ihrer Psyche der Zeuge ihres Unvermögens, im echten Leben verletzlich zu sein.

Gabriel ist in Lilians mentaler Krise Segen und Provokation zugleich. Seine unerschütterliche Liebe akzeptiert ihr Abgleiten in Wahnvorstellungen bzw. falschen Überzeugungen, während seine bloße Abwesenheit in ihren Träumen sie schmerzhaft daran erinnert, was sie durch ihre rationale Isolation im Leben verpasst hat.

Dieser Beitrag wird in einem Teil II fortgesetzt!