Aller guten Dinge sind vier. Und so wollen wir auch über das Bühnenwerk „Anfänge“ berichten, denn es enthält Elemente aus Film, Tanz, Malerei, Gesang, Schauspiel und zeitgenössischer Komposition. Während sich die ersten drei von uns beschriebenen Veranstaltungen zum KI-Festival in Darmstadt um ästhetische Dimensionen von Mensch und Maschine wie Erzählen von Geschichten oder Choreographie drehten, geht es bei Regisseurin Ayla Pierrot Arendt um Angst, erzeugt durch KI.
Sehr geehrte Redaktion,

als Teilnehmerin des Seminars „Krise und Hoffnung“ erwische ich mich immer wieder dabei, wie ich nach neuen Medienideen suche, die Lösungen im Alltag versprechen. Ich suche in Literatur, Tanz, Musik neben dem Gleichklang auch den Bruch. Jede Krise birgt für mich einen Funken Hoffnung: Sie zwingt zur Umdeutung, fordert Resilienz und ruft unsere Kreativität wach. Im Gegensatz dazu steht der große gesellschaftliche Blick auf die Menschheit an sich. Solch einen Blick auf ein mögliches Szenario in der Zukunft wirft Ayla Pierrot Arendts spartenübergreifendes Projekt „Anfänge“.
Es ist ein fesselndes Gedankenexperiment für das KI-Festival am Staatstheater Darmstadt und gab mir neue Denkanstöße: Wie beginnen wir so, dass aus Umbrüchen nicht nur Brüche, sondern Chancen zur Erneuerung werden?

Anfänge ist ein Teil des KI-Festivals. Ich las im UniWehrsEL Ihren Beitrag zu dem einprägsamen Motto Komm zu meinem Festival — oder ich hacke deinen Toaster und beschloss, mir ein eigenes Bild zu machen.
Das Bühnenwerk Anfänge fand ich intellektuell herausfordernd. Ich empfand es als Aufforderung zu Verantwortung, Widerstandskraft, schöpferische Kraft und diese neu zu denken.
Als jemand, der sich oft in den ersten Sätzen neuer (medialer) Projekte verliert, hat mich „Anfänge“ tief bewegt. Es gibt Momente, in denen ein Beginn nicht nur eine Möglichkeit, sondern ein Versprechen ist. Und manchmal verbirgt sich darin bereits ein tödliches Ende.
Ayla Pierrot Arendts Triptychon ist ein provokantes Gedankenexperiment: Kann eine KI eine abendfüllende Oper mitkreieren? Hier wird diese Frage nicht als rein technische Herausforderung verhandelt, sondern als existenzielle. Welche Stimme erhebt sich, wenn die Maschine zu singen beginnt? Die entkörperlichte, ewig singende KI-Stimme, die den Abend einläutet, wirkt ambivalent; fesselnd in ihrer Perfektion, aber zugleich packend in ihrer Kälte. Sie ist zugleich Idee und Warnsignal.

In diesem Männerchor werden alle berühmten Tech-Unternehmer der heutigen Zeit genannt wie etwa Elon Musk, Bill Gates, als eine selbstironische Anspielung auf die Gegenwart. Wohin führt es die Menschheit, wenn einige wenige durch neue Technologien unendlich reich werden? Die rätselhaften Männer tragen rote Roben, Das erinnert an Dante, wie man ihn auf zahllosen Gemälden kennt. (Bild von flutie8211 auf Pixabay)
Der erste Akt projiziert Urängste auf die Bühne: Hat die Menschheit die Fähigkeit, sich selbst mittels neuer Technologien zu zerstören? Die verödete Landschaft verweist darauf, dass der Kampf um die neueste Technologie zur Vernichtung von Ressourcen beigetragen hat und den Soldaten in einen Glaubenskrieg getrieben hat.
Den kraftvollen Auftritt des Herrenchors kontrastiert die Choreografin Paula Rosolen mit einem pulsierenden Pas de deux über die Verschmelzung von Mensch und Maschine. Der blinde Soldat steht metaphorisch für den Wandel in den Köpfen der Menschen; er fragt, ob wir den richtigen Weg eingeschlagen haben, als wir Technologien wie KI zunehmend in unseren Alltag integrierten. Zwischen Neugier und Angst gibt er sich der Passion hin, löst sich von überholten Glaubenssätzen und bereitet Transformation und Erneuerung den Weg, ohne sie selbst noch erleben zu können, schließlich verkörpert er das Prinzip der Zäsur. Am Ende muss er für die Überwindung seiner geistigen Fesseln sein Leben lassen.
Der zweite Akt verhandelt Glaubenssätze an KI in archetypischen Figuren: einen König, – vielleicht der letzte Überlebende der prominenten Techunternehmer. Es gibt einen Priester, der stur an seine KI-Gläubigkeit festhält, und einen Arbeiterchor, der nicht weiß, wie die Zukunft aussehen wird. Der Arbeiterchor bleibt mehr statisch und kommentierend, während König und Priester um die besten Argumente ringen; es entsteht beinahe ein religiöser Diskurs über Technologie. Der Soldat, dessen Gesang ein „nicht enden wollendes Ende“ ankündigt, bildet den Dialograhmen: sein freier Wille wird Teil des Streits zwischen König und Priester.
Im dritten Akt vollzieht sich ein Genrewechsel: Aus der Oper mit Chorgesang wird ein langer Monolog, eine philosophische Abrechnung mit der Menschheit. Die Vogelscheuche, die Zuschauerinnen und Zuschauern als lustige Begleiterin aus dem Zauberer von Oz (Bild von GDJ auf Pixabay) vertraut ist, erscheint hier völlig anders:

Zunächst wirkt sie wie ein gigantischer Roboter, wie aus einer Transformers-Filmreihe; auf der Leinwand erscheint sie riesig, doch auf der Bühne ist sie schließlich klein, eine Person auf Stelzen über einem Feld. Im Hintergrund beobachtet der Zuschauer den Blick der Vogelscheuche, die ihr Gebiet überwacht. Plötzlich hat sich ihr Territorium verändert: die arbeitenden Menschen fehlen, doch ihren Arbeitsplatz kann die Vogelscheuche nicht verlassen. Die Figur stellt viele Fragen: Ist Technologie unser Werkzeug, oder sind wir längst Teil ihres Mythos?
Das packende Finale des dritten Aktes erinnert an Mozarts Don Giovannis Höllenfahrt. Mit Feuer und Flammen geht der böse Verführer unter. Er verbrennt in der Hölle. Zwar ist die Vogelscheuche kein Verführer und wird für ihre bösen Taten bestraft. Die bösen Taten haben andere Menschen, wie die bereits genannten Tech-Unternehmer, begangen. Doch zahlen muss am Ende die Vogelscheuche. Ihr Feld geht in Flammen auf. Dies ist die gedankliche Parallele zu Don Giovanni (über ihn berichteten wir im Kontext des Raubtieres im Menschen).
Ein flammendes Inferno verdeutlicht dem Zuschauer das Ende allen Lebens auf Erden. Zurück bleibt ein heißer Plantet, der nicht einmal einem Roboter mehr Schutz bietet. Dies ist eine eindringliche Warnung nicht vor lauter Technologie und Fortschrittsbegeisterung den Klimawandel zu ignorieren.

Das erinnert doch an die Gedanken zu Jelineks Sonne/Luft im Schauspiel Frankfurt und nach der von uns im Beitrag gestellten Frage, ob uns bei allen diesen Krisen langsam die Luft ausgeht. (Bild © Heiner Schwens)
Für den Zuschauer ist es wichtig, den Subtext zu verstehen: Die Vogelscheuche scheint als einzige auf dem Planeten Erde überlebt zu haben; die Erde hat sich rasant erwärmt. In diesem letzten Akt wird der Klimawandel dramatisch sichtbar. Zugleich ist dies eine Verdeutlichung der Gefahren, die KI für die Menschheit bedeuten kann: KI-Technologie braucht sehr viel Energie, was die Erde stärker ausbeuten lässt. Letztlich kann ein ungezügelter KI-Boom zur Vernichtung der Erde führen. Das ist ein düsteres Szenario, aber genau solche Ideen liebt die Kunst, weil sie uns zwingt, sie zu überdenken und zu verhandeln.

„Anfänge“ (Bild © Jelena Hild) rückt die grundlegende Einsicht in den Mittelpunkt: Vielleicht ist nicht das Ende das Problem, sondern die Art, wie Dinge beginnen. Dies ist auch auf unseren Alltag übertragbar. Manchmal gehen wir die Dinge einfach falsch an. In einer Zeit, in der KI-Projekte mit großem Pathos vorangetrieben werden, ist die Aufführung eine notwendige, aufrüttelnde Einladung zur Reflexion: Wie setzen wir Anfänge, sodass sie nicht in zerstörerischen Enden münden? Und sind wir bereit, die Verantwortung für die Zukunft zu tragen, die wir durch unseren Anfang formen?
Mit freundlichen Grüßen
Izzi Neven
