„Cold Case: Gretchen brennt“ nennt sich ein musikalischer Abend von und mit Smilla Zorn & Awesome Universe am Schauspiel Frankfurt. Der Inhalt: „Die Gerichtsakte vom Fall der Susanna Margaretha Brandt wurde 1772 geschlossen, aber rätselhaft bleibt ihr tragisches Schicksal bis heute. Bekannt wurde ihre Geschichte durch die Bearbeitung Goethes für seine berühmte Gretchenfigur in »Faust«. Aber wird diese Behandlung der realen Lebensgeschichte der Frankfurter Dienstmagd gerecht? Welche Not steckte hinter dem Verbrechen, für das sie auf der Hauptwache mit dem Tode bestraft wurde?“
Liebe Lesende des UniWehrsEL,
einen Tag bevor im Schauspiel Frankfurt Faust I und II an Pfingsten die beeindruckende Aufführung gegeben wurde, ist die Schauspielerin Lotte Schubert in die Rolle des echten Gretchens geschlüpft. Parallel zum großen dramatischen Abend Faust eröffnete sich ein Gegenabend mit „Cold Case: Gretchen brennt“: eine intime, schonungslose Spurensuche nach der Frau, die Goethe als Vorlage für sein literarisches Gretchen diente.
Der musikalische Abend von Smilla Zorn & Awesome Universe Cold Case Gretchen brennt am Schauspiel Frankfurt ist eine sorgfältig recherchierte Ermittlung: Lotte Schubert und Thorsten Drücker haben gemeinsam das Konzept entwickelt und sich tief in das Archiv des Instituts für Stadtgeschichte Frankfurt gegraben, um die wahre Geschichte hinter der literarischen Figur Gretchen sichtbar zu machen: die Lebensgeschichte von Susanna Magareta Brandt.

Aus den Protokollen von 1771 sprechen Armut, Unwissenheit und das rigide Recht der Constitutio Criminalis Carolina, nicht die Romantik der Literatur. „Gemäß der Peinlichen Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V. von 1532 (Constitutio Criminalis Carolina) war Kindsmord ein „todeswürdiges“ Verbrechen, das durch besonders grausame Formen der Todesstrafe wie Begraben bei lebendigem Leib, Pfählen oder Ertränken geahndet werden sollte. Der Fall der Susanna Margaretha Brandt ist einer von 139 Fällen von Kindsmord, die im Institut für Stadtgeschichte in dem Archivbestand Criminalia: Akten für den Zeitraum von 1589 bis 1822 dokumentiert sind. Nicht alle Fälle endeten mit einem Todesurteil. Frauen, die trotz Folter nicht gestanden, konnten nicht zum Tode verurteilt werden, sondern wurden dann zumeist aus der Stadt ausgewiesen. Demgegenüber steht sicherlich eine unbekannte Dunkelziffer von nicht entdeckten Kindstötungen.“ (vgl. Kunst im öffentlichen Raum Frankfurt Bild Image by Pexels from Pixabay)
Die Aufführung gräbt sich in jene Archive des Instituts für Stadtgeschichte, die sonst nur Historiker*innen durchforsten, und holt eine stumme Frau ins Licht. Dabei steht die Musik bewusst im Kontrast zum Fall: Die zehn auf Englisch verfassten Songs sind wütend, trotzig, feministisch und frech; ein musikalisches Aufbegehren gegen die sprachlose Anklage, ein Versuch, der stummen Frau endlich eine Stimme zu geben. Während die historischen Akten aus männlicher Perspektive erzählen, antwortet das Ensemble mit Klang und Text: es spiegelt, reibt sich, widerspricht.

Im Seminar „Unter Spiegeln – Kultur, Geschichte: Metaphorik des Spiegelns“ wäre dieses Stück ein Lehrbeispiel: Theater und Musik drehen den Spiegel um, zeigen nicht nur das Bild der Gesellschaft, sondern die Risse im Glas. Die Songs sind kein nostalgisches Rückbild, sondern wütende Gegenwart. Sie stellen Fragen nach Verantwortung, nach dem Schweigen der Zeugen und nach dem Preis, den Frauen bezahlten, wenn sie unsichtbar bleiben sollten.
Die Verbindung von historischem Material und radikalem Poperlebnis macht den Abend zu einer notwendigen Intervention. Er fordert das Publikum heraus: Hören wir die Stimmen von Frauen in misslicher Lage an? Trauen wir uns, die literarische Figur Gretchen zu entmystifizieren und die reale Susanna Brandt zu sehen? Smilla Zorn & Awesome Universe liefern keine einfache Antwort. Sie zwingen zur Auseinandersetzung. In Zeiten, in denen Erinnern politisch ist, ist diese Spurensuche ein klares, unbequemes Statement.
Aus den Akten tritt ein genau datiertes Geschehen hervor: Am 3. August 1771 wurde die Dienstmagd Susanna Magareta Brand steckbrieflich in Frankfurt gesucht. Der Vorwurf lautete, sie habe ihr eigenes Kind getötet; der Leichnam wurde im Stroh hinter dem Haus des Gasthofs „Zum Einhorn“ gefunden. Anzeige erstattete ihre Schwester Ursula König. Schon seit mehreren Monaten hatten die Schwestern Brandts Gewichtszunahme bemerkt und den Verdacht einer Schwangerschaft geäußert; Brandt selbst bestritt dies. Zwei Tage vor der Entdeckung des Leichnams hatte sie entbunden und war nach Mainz geflohen, kehrte jedoch nach Frankfurt zurück, wurde bei ihrer Rückkehr am Bockenheimer Tor festgenommen und zum ersten Mal verhört. Der Beginn eines Gerichtsprozesses, der mehrere Monate andauerte und in der Stadt als Sensation galt.
Die Akten schildern Details: Im Dezember 1770 hatte ein holländischer Goldschmiedegeselle im Gasthof übernachtet, in dem Brandt als Dienstmagd arbeitete; er habe sie betrunken gemacht und sich an ihr vergangen. Monate später, nach Ausbleiben ihrer Periode, stellte Brandt fest, dass sie schwanger war; den Namen des Mannes kannte sie nicht. Ihre beiden verheirateten Schwestern, Maria Dorothea Hechtel (genannt Hechtelin) und Ursula König (die König), sowie die Gastwirtin Bauer äußerten Verdacht; Brandt verschwieg die Schwangerschaft auch gegenüber der Wirtin. Im Juli 1771 zogen die misstrauisch gewordenen Schwestern einen Arzt hinzu, der Urin entnahm, sie befragte, aber keine Schwangerschaft feststellen konnte; er verschrieb ein Pulver und verordnete einen Aderlass.
Am 1. August 1771 gebar Susanna Brandt in der Waschküche des Gasthauses eine Sturzgeburt, so gab sie vor Gericht an. Wie das Kind zu Tode kam, bleibt unklar: Brandt machte wechselnde Angaben. Mal habe sie sich mit einer Schere verletzt, mal den Kopf absichtlich an die Wand gestoßen, mal sei sie beim Tragen unglücklich an der Wand hängen geblieben. Sicher ist jedoch, dass sie den Leichnam hinter dem Gasthof im Stroh versteckte.
In der Nacht auf den 2. August schlief sie bei ihrer ledigen Schwester Anna Catharina Brand und floh am frühen Morgen über Höchst nach Mainz; inzwischen war das tote Kind gefunden, seziert und begraben worden, und ihre Schwester Ursula König zeigte sie beim Bürgermeister an. Einen Tag später wurde die Fahndung öffentlich ausgerufen. Kurz darauf wurde Brandt am Bockenheimer Tor verhaftet. Nach einem Krankenhausaufenthalt und einem dreimonatigen Verhör im Gefängnis am Katharinenturm wurde erst spät ein Pflichtverteidiger hinzugezogen. Dieser legte nach gründlicher Durchsicht der Prozessakte eine Verteidigungsschrift vor, die erstmals die Lebensumstände Brandts beleuchtete: dass sie unverheiratet war, die Geburt eines unehelichen Kindes als Straftat galt, die Angst vor Missbilligung in Familie und sozialem Umfeld und ihre Unwissenheit über Körper, Schwangerschaft und Geburt Umstände waren, die ihr Handeln beeinflusst haben dürften. Auch wenn sie nach damaligem Recht keine Entschuldigung darstellten.

Am 7. Januar 1772 fällten die Richter das Urteil: Todesstrafe mit dem Schwert. Ein Gnadengesuch wurde abgelehnt; am 14. Januar 1772 wurde Susanna Magareta Brandt an der Hauptwache vor Tausenden hingerichtet. Sie lehnte die angebotene üppige Henkersmahlzeit ab und trank nur ein Glas Wasser, bevor sie das Schafott bestieg. (Image by succo from Pixabay)
Dass ihr Name heute noch bekannt ist, verdanken wir Johann Wolfgang von Goethe: Aus dem Schicksal Brandts entwickelte er die literarische Figur Gretchen, die Einzug in das öffentliche Bewusstsein fand — während die realen Lebensumstände der 26‑jährigen Frau, ihre familiären Verhältnisse, die Arbeitsbedingungen als Dienstmagd und das medizinische Unwissen jener Zeit weitgehend in Vergessenheit gerieten.
Smilla Zorn & Awesome Universe nutzen die im Institut für Stadtgeschichte erhaltene Kriminalakte als Ausgangspunkt ihrer Arbeit. Aus den Protokollen, die aus männlicher Perspektive verfasst sind, versuchen sie, die stumme Frau herauszulesen und ihr eine Stimme zu geben. Die Band hat zehn auf Englisch verfasste Songs geschaffen, die Brandts Gefühlszustand spiegeln sollen: wütend, trotzig, feministisch, frech — bewusst im Kontrast zum Fall und zur offiziellen Aktenlage. Die Musik ist eine künstlerische Reise durch die Dokumente; sie antwortet nicht mit historischen Fußnoten, sondern mit Klang: ein Versuch, das Schweigen zu durchbrechen und die wahre Geschichte hinter der literarischen Figur Gretchen hörbar zu machen.
Im Kontext des Seminars „Unter Spiegeln“ lässt sich lässt sich diese Arbeit metaphorisch als Spiegelung verstehen, die die herkömmliche Darstellung umkehrt: Statt die literarische Figur zu verherrlichen, rückt die Inszenierung die realen, oft unsichtbaren Bedingungen in den Vordergrund; Armut, fehlendes medizinisches Wissen, soziale Kontrolle und Rechtsprechung nach der Carolina. Die Songs sind keine zarte Reminiszenz, sondern ein lautes, unversöhnliches Gegenüber: Sie spiegeln die Wut und die Ohnmacht jener, die zum Schweigen verurteilt wurden, und fordern das Publikum heraus, die historische Spurensuche ernst zu nehmen.

Dieser Abend ist eine Reise in das Archiv der Stadt Frankfurt (Image by Pexels from Pixabay) und eine gesellschaftliche Anklage zugleich: Er zwingt dazu, die wahre Geschichte hinter der literarischen Figur zu sehen und Susanna Brandt nicht länger stumm zu lassen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL
