Du betrachtest gerade Analyse „Cold Case: Gretchen“, Brückenschlag  zu Theorien des Soziologen Hartmut Rosa

Der Fall des Cold Case: Gretchen brennt lässt eine metaphorische und soziologische Brücke zu Hartmut Rosas Theorie der sozialen Beschleunigung schlagen. Hartmut Rosa (geboren 1965) ist ein deutscher Soziologe und Politikwissenschaftler, der an der Universität Jena lehrt und das Max-Weber-Kolleg in Erfurt leitet.

Seine soziologische Zeitdiagnose lässt sich in drei Kernaussagen zusammenfassen: Erstens der sozialen Beschleunigung. Die moderne Gesellschaft ist durch eine permanente Steigerung von Tempo geprägt (technologischer Wandel, sozialer Wandel und Lebensstempo). Daraus erwächst das Problem der Statuserhaltung; wir streben immer weiter, immer schneller (wie auf einer abwärtsfahrenden Rolltreppe). Das führt zu chronischem Zeitdruck und Burnout. Wir „funktionieren“ und optimieren uns nur noch, anstatt das Leben wirklich zu erfahren. Statt Entfremdung liegt die Lösung in der Resonanz. Sie beschreibt eine vibrierende, antwortende Beziehung zur Welt.

Beginnen wir bei der Entfremdung durch das „Diktat der Gegenwart“. Rosa beschreibt in seinem Werk „Beschleunigung und Entfremdung“, dass unsere spätmoderne Gesellschaft in einer permanenten Gegenwart lebt, in der Ereignisse rasend schnell aufeinanderfolgen und sofort wieder verblassen.

Dazu könnte man den „Cold Case „Gretchen brennt“ oder Fall der „Kindsmörderin“ Susanna Margareta Brandt zum Gegenpol deklarieren. Denn ein Cold Case bricht völlig aus diesem Takt aus. Während die Welt im Eiltempo weiterschreitet, bleibt die Zeit für das Opfer, und die „Ermittler“ (in diesem Fall das Ensemble am Schauspiel Frankfurt) an einem bestimmten historischen Punkt stehen. Durch das Erinnern das Beispiel der „Kunst im öffentlichen Raum“ (Denkmal) und durch eine musikalisch-dramatische Darbietung, wie die gezeigte am Schauspiel Frankfurt, verweigert sich der Fall „Gretchen“ der gesellschaftlichen Vergesslichkeit.

Betrachten wir es nun unter dem Aspekt der Sehnsucht nach Resonanz. In seiner Resonanztheorie argumentiert Rosa, dass Menschen eine tiefe, antwortende Beziehung zu ihrer Umwelt suchen. Kälte und Stummheit führen hingegen zu Entfremdung. Genau diese stumme Welt betrifft den Cold Case wie beispielsweise den ungelösten Fall des „Gretchens“ (Recherche Archiv des Instituts für Stadtgeschichte Frankfurt die Lebensgeschichte von Susanna Magareta Brandt.)

Der Fall zeigt das Paradebeispiel für eine „stumme“, verweigerte Weltbeziehung. Es gibt keine Antworten, keine Gerechtigkeit und kein Echo für die Hinterbliebenen. Wenn die Schauspieler Lotte Schubert und Thorsten Drücker auf der öffentlichen Bühne des Schauspiel Frankfurt nach Jahrzehnten einen Cold Case wieder aufrollen, versuchen sie im Grunde, diese abgebrochene Resonanzachse wiederzubeleben, indem sie der Vergangenheit eine Antwort abtrotzen.

Ein weiterer Aspekt nach Rosa ist das Verschwinden von Handlungsspielräumen. Aus den Protokollen von 1771 zum Fall der wahren Geschichte hinter „Gretchen“ sprechen Armut, Unwissenheit und das rigide Recht der Constitutio Criminalis Carolina. Sieht das heutige Recht wirklich in den Grundzügen anders aus? In neueren Analysen (wie seinem Werk Situation und Konstellation) warnt Rosa davor, dass Menschen in bürokratischen oder technokratischen Systemen immer mehr zu rein „Vollziehenden“ statt zu frei „Handelnden“ werden. Was bedeutet das für eine Ermittlung im System? Bei aktuellen Straftaten arbeiten Ermittler oft unter extremem Zeit- und Erwartungsdruck starre Protokolle ab (Vollzug). Das Aufklären eines Cold Cases, bleiben wir ruhig bei „Gretchen,“ verlangt hingegen echtes, kreatives und situationsoffenes „Handeln“, um festgefahrene Strukturen nach Jahrzehnten neu zu bewerten.

Dass ein Theater den „Fall Gretchen“ als Cold Case aufrollt, ist ein genialer dramaturgischer Kniff. Goethes Gretchen basiert historisch auf der 24-jährigen Dienstmagd Susanna Margaretha Brandt, die 1772 in Frankfurt wegen Kindsmords öffentlich geköpft wurde. Ein moderner Vergleich, das rechtliche Urteil heute und die Brücke zu Hartmut Rosa zeigen, wie zeitlos dieses Drama ist:

Der moderne Fall wäre das Phänomen des „Neonatizids“. In der modernen Kriminologie und Rechtsmedizin spricht man bei der Tötung eines Babys innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Geburt von einem Neonatizid. Ein typischer moderner „Gretchen-Fall“ ereignete sich beispielsweise in Thüringen. Eine junge, isoliert lebende Frau verheimlichte und verdrängte ihre Schwangerschaft aus Angst vor sozialer Ächtung und dem Verlust ihres Partners. Sie brachte das Kind heimlich in der Badewanne zur Welt, geriet in Panik und tötete den Säugling. Genau wie bei Gretchen (die im Kerker im Wahn agiert) befinden sich die Mütter in modernen Fällen fast immer in einem psychischen Ausnahmezustand, der von massiver Verdrängung der Schwangerschaft (Schwangerschaftsalternative) und akuter Panik geprägt ist.

Wie sieht das Urteil heute aus? Während das historische Gretchen (Susanna Margaretha Brandt) gnadenlos mit dem Tod bestraft wurde, urteilt die moderne deutsche Justiz völlig anders: Keine Hinrichtung, keine lebenslange Haft für Mord. Früher gab es im Strafgesetzbuch (StGB) den § 217 a.F. (alte Fassung „Kindstötung“), der für uneheliche Mütter ein milderes Strafmaß vorsah. Dieser wurde abgeschafft. Heute werden diese Fälle meist als Totschlag (§ 212 StGB) verhandelt. Gerichte ziehen fast immer psychiatrische Gutachter hinzu. Aufgrund des extremen Hormonsturzes, der Wehenschmerzen und der psychischen Schocksituation bei einer isolierten Geburt wird fast immer auf eine erheblich verminderte Schuldfähigkeit (§ 21 StGB) erkannt. Statt lebenslänglich erhalten die Frauen in solchen tragischen Fällen oft Freiheitsstrafen zwischen 3 und 5 Jahren, die in minder schweren Fällen oder bei günstiger Sozialprognose auch zur Bewährung ausgesetzt werden können. Das moderne Recht systemguckt heute auf das Trauma und die Notlage der Frau, nicht auf Rache. (Image by geralt from Pixabay)