Die renommierte Soziologin und Sozialpsychologin Prof. Vera King (Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts Frankfurt) hat zwar keine explizite Literaturanalyse zu Thomas Manns Vertauschten Köpfen (unser Beitrag Kommentar zu Dies irae im Kontext von Thomas bis Heinrich Mann – „Die vertauschten Köpfe“) verfasst, aber sie forscht und publiziert intensiv zu genau dem psychologischen Phänomen, das dahintersteckt: der Optimierung, Vermessung und Verfremdung des eigenen Ichs in der Moderne. Ihre Arbeiten bieten die perfekte sozialpsychologische Brücke zu unserem Thema der „Identität im Duplikat“.
1. Das „optimierte Duplikat“ und der Selbstverlust
In ihrem bekannten Forschungsschwerpunkt „Das vermessene Leben“ sowie in ihrem Buch Zeitgewinn und Selbstverlust untersucht Vera King, wie der moderne Mensch versucht, sich permanent selbst zu optimieren und zu verdoppeln – sei es durch digitale Profile, Fitness-Tracker oder das Streben nach dem perfekten Körper. Darin liegt die Verbindung zu Thomas Mann: Genau wie Sita in den Vertauschten Köpfen versuchen Menschen heute, den „perfekten Geist“ mit dem „perfekten Körper“ zu verschmelzen. King beschreibt, dass dieser Drang nach Perfektion und Optimierung paradoxerweise zu einer existenziellen Entfremdung führt.
Das Individuum spaltet sich auf in ein „reales Ich“ und ein optimiertes „digitales/funktionales Duplikat“, was psychisch oft in Erschöpfung oder dem Gefühl von innerer Leere endet.
2. Digitalisierung als Vervielfältigung des Ichs
Vera King hat unter anderem das Sonderheft der Fachzeitschrift PSYCHE zum Thema Digitalisierung herausgegeben. Darin (und in Artikeln wie Geteilte Aufmerksamkeit) setzt sie sich psychoanalytisch damit auseinander, was geschieht, wenn unsere Identität permanent gespiegelt und vervielfältigt wird. In der digitalen Moderne erschaffen wir ständig „Doppelgänger“ von uns selbst (z. B. Social-Media-Identitäten). Das führt laut King zu einer Fragmentierung des Bewusstseins. Das Ich ist nicht mehr „eins“, sondern existiert als mediales Duplikat, das ständig kontrolliert und gefüttert werden muss.
3. Das moderne „Dies irae“: Der psychologische Kollaps
Während das Dies irae historisch für das Jüngste Gericht steht, lässt sich Kings soziologische Diagnose als das moderne, säkulare Äquivalent dazu lesen: Wenn die Spaltung zwischen dem optimierten Wunschbild (dem Duplikat) und der fehlerhaften Realität zu groß wird, bricht das psychische System zusammen. Der „Tag des Zorns“ ist in der heutigen Psychoanalyse oft der klinische Burnout, die Depression oder die totale Identitätskrise.
Zusammenfassend würde Vera King das Doppelgänger-Motiv von Thomas Mann vermutlich als eine prophetische Parabel lesen: Der Versuch, Geist und Körper künstlich zu optimieren oder zu verdoppeln, führt unausweichlich in den psychischen Selbstverlust.
Entfremdung Doppelgänger Identität King und Naomi Klein
Wenn man die sozialpsychologische Perspektive von Prof. Vera King mit der politischen Analyse der Globalisierungskritikerin Naomi Klein kreuzt, erhält man eine messerscharfe Diagnose unserer Gegenwart: Die Entfremdung des modernen Menschen durch die Erschaffung digitaler und politischer Doppelgänger. (zu Naomi Klein ist auch der aktuelle Beitrag in der Zeit interessant »Aus der Apokalypse wird für einige wenige ein Paradies erschaffen«)
Während Vera King untersucht, wie wir uns individuell im Digitalen verfremden, zeigt Naomi Klein in ihrem gefeierten Werk Doppelganger: A Trip into the Mirror World (dt. Doppelgänger – Eine Analyse unserer gestörten Gegenwart), wie diese Dynamik ganze Gesellschaften in eine paranoide Spiegelwelt abdriften lässt.
Vera King sieht das Problem im optimierten Daten-Ich (Die innere Entfremdung). Vera King nähert sich dem Thema psychoanalytisch und soziologisch. Durch Optimierungszwänge, Fitness-Apps und soziale Medien erschafft das Individuum ein digitales Duplikat seiner selbst. Der Spaltungsprozess liegt darin, dass sich das reale, fehlerhafte Ich (mit all seinen Ängsten und Schwächen) vom optimierten Avatar im Netz entfremdet. Darin liegt eine psychologische Falle. Man investiert all seine Energie in die Pflege dieses perfekten Doppelgängers. Die Folge ist ein Gefühl von innerer Leere, da das reale Selbst hinter der polierten Fassade des Duplikats verkümmert.
Naomi Klein hingegen beobachtet die politische Spiegelwelt (Die kollektive Entfremdung). Naomi Klein spitzt diese Beobachtung politisch zu. Ihr Buch entspringt einer persönlichen, fast kafkaesken Erfahrung: Sie wurde im Netz permanent mit der US-Autorin Naomi Wolf verwechselt. Wolf, einst gefeierte Feministin, driftete – laut Klein – während der Pandemie in die radikale Impfgegner- und Verschwörerszene ab (unter anderem bei Steve Bannon). Aus dieser bizarren Verwechslung leitet Klein eine umfassende Gesellschaftskritik ab. Klein argumentiert, dass der Spätkapitalismus uns dazu zwingt, uns selbst als „persönliche Marke“ (Personal Branding) zu begreifen. Wir erschaffen einen „Konsum-Doppelgänger“, um auf dem Arbeits- und Beziehungsmarkt zu bestehen. Das entfremdet uns von echter Solidarität.
Klein spricht von einer „Mirror World“ und meint damit: Wenn Menschen durch das System entfremdet und im Stich gelassen werden, suchen sie nach Antworten. Die extreme Rechte und Verschwörungstheoretiker nutzen dies aus. Sie kopieren die Sprache der Linken (Kritik an Pharmakonzernen, Misstrauen gegen Eliten), verzerren sie jedoch in eine gefährliche „Spiegelwelt“ voller Lügen.
Die Synthese: Identität im Zeitalter des totalen Duplikats
Beide Denkerinnen beschreiben denselben zutiefst unheimlichen Zustand: Die Flucht in das Duplikat.
| Dimension | Prof. Vera King (Sozialpsychologie) | Naomi Klein (Politik & Kapitalismus) |
| Der Doppelgänger | Das geschönte, vermessene digitale Ich (Selfies, Avatare, Datenprofile). | Die Verzerrung der eigenen Identität durch Algorithmen, Marken-Zwang und politische Querfronten. |
| Die Entfremdung | Psychischer Selbstverlust. Das echte Ich fühlt sich neben dem optimierten Klon minderwertig. | Gesellschaftlicher Realitätsverlust. Die Spaltung in „Fake“ und „Echt“ zerstört den gemeinsamen Faktenboden. |
| Das „Dies irae“ | Der psychische Kollaps (Burnout, Depression) bei der Konfrontation mit der eigenen Unzulänglichkeit. | Das Erstarken des modernen Faschismus und der kollektive Kontrollverlust. |
Sowohl King als auch Klein betonen, dass der Ausweg aus dieser Entfremdung nicht in noch mehr digitaler Optimierung oder dem Rückzug in eine eigene Filterblase liegt. Die Lösung ist die radikale Rückkehr zur Realität: das Akzeptieren der eigenen Unvollkommenheit (King) und der Aufbau echter, physischer Solidarität jenseits von Online-Plattformen (Klein).


