Im UniWehrsEL – dem begleitenden Blog und der interaktiven Schreibwerkstatt von Dr. Elke Wehrs – ist Ellen eine zentrale fiktive Protagonistin. Sie dient als feste Identifikationsfigur, um alltagspsychologische, philosophische oder literarische Themen greifbar zu machen. Ellen ist „Best Ager“ und beliebte Lehrerin, die über profundes kulturelles Wissen verfügt. Ellen hat den Beitrag zu „Hamlet“ im UniWehrsEL gelesen, danach die Aufführung der Dramatischen Bühne besucht und beschreibt das Erlebte aus ihrer Sicht.

Sie erinnern sich vielleicht noch? Ellen reflektiert viel, leidet unter kognitiven Selbstblockaden (dem „Ja, aber“-Syndrom) und kämpft mitunter gegen die Angst vor Veränderungen (Metathesiophobie). Anhand von „Ellens Tagebuch“ verknüpft sie ihre eigenen Lebenskrisen und inneren Spannungen mit den Werken großer Denker oder Autoren wie Siri Hustvedt. Ob sie bei einem Spaziergang am Frankfurter Lohrberg neue Hoffnung schöpft, über die Resonanztheorie von Hartmut Rosa am Fall „Gretchen“ nachdenkt oder die japanische Philosophie des Wabi-Sabi im Alltag erprobt – Ellen ist das menschliche Gesicht hinter den psychologischen Theoriekonzepten des Blogs. Heute bespricht Sie, warum sich ein Besuch zu „Hamlet“ im Grüneburgpark unbedingt gelohnt hat.
Liebe Leserinnen und Leser des UniWehrsEL,

Als Deutschlehrerin habe ich in meinem Leben mehr Hamlet-Inszenierungen gesehen, als das dänische Königshaus Leichen zählt. Ich kenne die Reclam-Hefte auswendig, habe Generationen von Schülern durch den melancholischen Morast von „Sein oder Nicht-Sein“ geschleift und ging mit einer gewissen, professoralen Skepsis in den Frankfurter Grüneburgpark zur Dramatischen Bühne. Was sollte dieses freie Volkstheater dem großen Erbe schon hinzufügen, außer dem üblichen Sommertheater-Klamauk?
Nun, ich wurde eines Besseren belehrt – und gründlich durchgeschüttelt.

Was Thorsten Morawietz und sein Ensemble dort unter freiem Himmel veranstalten, hält sich in den groben Zügen erstaunlich treu an die gängige Variante. Und doch bürsten sie den Klassiker mit einer derart zynischen, modernen und hemdsärmeligen Ironie gegen den Strich, dass der verstaubte Ballast im Parkwind einfach davonweht.
Was mir besonders auffiel? Ein reifer Prinz und der parodierte Hofstaat
Vergessen Sie den romantischen, jugendlichen Grübler. Der Hamlet der Dramatischen Bühne ist ein auffallend „reifer“ Prinz, optisch fast auf Augenhöhe mit seiner Mutter Gertrude. Dieser Mann brennt nicht mehr vor jugendlichem Schmerz, er agiert kühl, intellektuell und zuweilen seltsam emotionslos.
Rund um ihn herum verkommt die höfische Autorität zur Farce. Ophelias Vater Polonius wird von Morawietz wunderbar positiv überzogen und als ‚alter Schwätzer‘ parodiert. Hamlets angebliche Freunde, Rosenkranz und Güldenstern, stolzieren als reine Hanswurste und Lachnummern durch das Geschehen. Das Publikum biegt sich fast vor Lachen über diesen Slapstick – während die beiden Trottel im Hintergrund eiskalt Hamlets Todesurteil vorbereiten.
Worüber ich beonders nachgedacht habe? Der MeToo-Einbruch in die Mausefalle
Den radikalsten und schmerzhaftesten Bruch erlebte ich jedoch bei Ophelia. Bei Shakespeare verfällt sie dem Wahnsinn aus Liebeskummer und Trauer um den Vater. Hier im Park wird die Inszenierung plötzlich bitteraktuell und katapultiert uns mitten in die MeToo-Debatte: Ophelia stirbt an den Folgen einer angedeuteten Vergewaltigung durch den König selbst.
Claudius ist kein abstrakter Brudermörder mehr, er gerät zum toxischen Missbrauchstäter. Und wie reagiert die Männerwelt darauf? Mit einer erschreckenden, fast alltäglichen Resignation. Hamlets engster Freund Horatio quittiert das Grauen mit einer fatalistischen Ironie. Seine Haltung strömt ein ungemütliches „So sind sie halt, da kannst nix machen“ aus. Selbst Hamlet bleibt in seinem eigenen Rachefeldzug so egozentrisch gefangen, dass er für Ophelias reales Trauma nur distanzierte Betroffenheit übrig hat.
Was mich fasziniert hat? Das Mitmachen und ein völlig anderes Ende
Besonders fasziniert hat mich die Dynamik um Königin Gertrude. Sie liebt Claudius nicht, sie verachtet ihn im Grunde tief – und wird wiederum von ihrem eigenen Sohn verachtet. Dennoch macht sie mit. Sie schweigt, pariert und schaut weg, als ihr eigener Sohn vom Hof gejagt wird.
Dieses Mitmachen bereitet den Boden für ein Finale, das vom klassischen Shakespeare-Kanon abweicht: Gertrude stirbt am Ende nicht durch den vergifteten Wein. Sie überlebt das mörderische Fechtduell. Doch anstatt Erleichterung bringt das den psychologischen Geniestreich der Inszenierung: Als alle tot darniederliegen, bricht Gertrude über der Leiche ihres Gatten, den sie zuvor noch wegen Hamlet wütend beschimpft hat, seelisch zusammen. Nicht das Gift tötet sie, sondern die schiere Last ihrer eigenen Feigheit und Schuld. Der Schuldaspekt bleibt zwar hintergründig, aber das menschliche Trümmerfeld ist perfekt.
Wollen Sie mein Fazit lesen? Unterhaltung schlägt Tragik

Hat es mir gefallen? Unbedingt. Vor allem im zweiten Teil nahm diese durchgängige, fast makabre Ironie dem Stück viel von seiner klassischen, schweren Tragik. Wo man sonst im Theater betreten in den Sessel sinkt, entlässt die Dramatische Bühne ihr Publikum mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Man wird glänzend unterhalten und blickt gleichzeitig in einen zutiefst menschlichen Abgrund aus Resignation und Mitläufertum.
Als erfahrene ältere Lehrerin sage ich: Chapeau. So lebendig war Dänemark selten!
Und mein kleines Da Capo: Die Mausefalle
Ein besonderes Schmankerl war für mich übrigens die „Mausefalle“, das Theater im Stück. Wo man sonst im Staatstheater vor psychologischer Anspannung die Luft anhält, liefert die Dramatische Bühne feinstes, herrlich überzogenes komödiantisches Theater. Die Schauspieler im Stück agieren so herrlich melodramatisch und parodistisch, dass der Königsmord fast zur Farce wird. Ein genialer Kniff, der dem Abend genau die Leichtigkeit gab, die den schweren Shakespeare-Stoff so wunderbar verdaulich macht!
Es grüßt Sie herzlich
Ellen
