Du betrachtest gerade Film und Psychologie: Jim Jarmusch „Father, Mother, Sister, Brother“ – Ellens Reflexionen

Ellen liebt das Kino, besonders Filme, in denen sie sich in der Problematik mit den Protagonisten identifizieren kann – zumindest teilweise. Jim Jarmuschs Film „Father Mother Sister Brother“ (2025) passt dazu hervorragend. Es handelt es sich um eine Tragikomödie, die in drei voneinander unabhängigen Episoden die komplizierten Beziehungen zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern beleuchtet. Der Film wurde bei den Filmfestspielen von Venedig 2025 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. 

Der Film ist wie ein Triptychon aufgebaut. Jedes der drei Kapitel spielt in einem anderen Land und stellt eine eigene Familienkonstellation dar. 

Die erste Episode dreht sich um Father. Der lebt alleine in den USA, New Jersey. Ein kauziger Vater (Tom Waits) erhält Besuch von seinen besorgten Kindern Jeff (Adam Driver) und Emily (Mayim Bialik). In Ellen weckt diese Episode melancholische Gefühle. Dieser Vater, herrlich von Tom Waits verkörpert, lebt in einem Haus voller alter Relikte. Seine Kinder wirken spießig, versuchen Ordnung in sein Leben zu bringen, stoßen aber auf eine Wand aus stoischer Ruhe und absurden Anekdoten. Sie ahnen nicht, dass ihr Vater absichtlich vor ihrer Ankunft das Haus als „schmuddelig“ dekoriert hat und es hinterher wieder „steril“ erscheinen lässt. (Image by Elf-Moondance from Pixabay)

„Er zeigt ihnen genau das Bild, als das sie den Vater sehen wollen: kauziger Sonderling mit leicht aggressiven Tendenzen. Das Thema ist für die Kinder das Nicht-Loslassen- können. Genau dieses Problem hat der Vater nicht. Er klammert sich nicht an Dinge, sondern an die Freiheit, unvernünftig zu erscheinen, was die Kinder zur Verzweiflung bringt. Man könnte die ganze Szene als eine ‚lakonische Annäherung‘ einordnen“, sinniert Ellen über diese Szenen. Ellen liebt diese Jarmusch-Momente, die sie nahtlos auf ihre Familientreffen übertragen kann: vieles wird zwischen den Zeilen gesagt. Die Chemie zwischen Waits und Driver ist geprägt von langen Pausen und trockenem Witz, die überspielen, dass man sich eigentlich nicht zu sagen hat.

Die zweite Episode gehört Mother. Handlungsort ist eine Wohnung in Irland, Dublin. Eine dominante, erfolgreiche Autorin (Charlotte Rampling) trifft sich zu einem steifen, jährlichen Teekränzchen mit ihren ungleichen Töchtern Timothea (Cate Blanchett) und Lilith (Vicky Krieps). Diese Episode erinnert Ellen an ein kühles Kammerspiel, distanziert und formal streng inszeniert. Ellen ist diese intellektuelle, fast unterkühlte Atmosphäre vertraut, bei der die Mutter beim Tee das Gespräch kontrolliert. Ihre Töchter könnten, welche herrliche Charakterstudie, unterschiedlicher nicht sein – die eine angepasst, die andere rebellisch. (Image by kaboompics from Pixabay)

Vertraut ist Ellen diese „dicke Luft, die stinkt vor unausgesprochenen Vorwürfen. Wie großartig“, denkt Ellen „die Kamera bleibt oft starr auf den Gesichtern, was die Enge der familiären Erwartungen spürbar macht. Eine treffliche Maskerade steht im Vordergrund. Man spricht über Literatur und Erfolg, um nicht über die fehlende emotionale Wärme sprechen zu müssen.“

Sister Brother, die dritte Geschichte, spielt in Frankreich, Paris. Das Zwillingspaar Skye (Indya Moore) und Billy (Luka Sabbat) räumt nach einem tödlichen Flugzeugabsturz ihrer Eltern deren gemeinsame Wohnung aus. Ellen ordnet diese Szenen als „surreale Trauerarbeit“ ein. Ihr erscheint die letzte Episode als Bruch mit dem Realismus der ersten beiden und als traumartiger wirkend. „Sie spielen das wunderbar“, denkt Ellen, „diese Zwillinge bewegen sich durch die verwaiste Wohnung ihrer Eltern wie zwei Traumwandler. Zwischen Spiegeln wandern sie durch eine Wohnung und finden Dinge, die sie nicht zuordnen können. Und dann kommt noch eine Nachbarin, die sie auf einen dreimonatigen Mietrückstand verweist. Wie innig, vertraut und leichtfüßig kommt dies daher, trotz des tragischen Hintergrunds des Flugzeugabsturzes der Eltern.“( Image by Bessi from Pixabay)

Ellen interpretiert für sich diese Episode als das Motiv der Spiegelung. Die Geschwister fungieren als eine Einheit, die versucht, aus den Trümmern der elterlichen Existenz eine eigene Identität zu bauen. Der Einsatz von Skateboard-Szenen durch die Pariser Straßen verleiht dem Ganzen einen modernen, urbanen Rhythmus.

Diese besondere Stimmung und der gleichmäßige Rhythmus des Films vermittelt sich für Ellen auch durch die Musik. Der Soundtrack, das hat sie im Vorfeld gelesen, entstand in Zusammenarbeit mit der Musikerin Anika (Annika Henderson); der Film endet mit einer gemeinsamen Coverversion des Songs „These Days„.

Ellen liebt die typische Atmosphäre der Jarmusch-Werke – minimalistisch und von trockenem Humor sowie Melancholie geprägt. Ihr liegt diese lakonische Erzählweise, die statischen Kameraeinstellungen und das Spiel mit subtilen Details. Das vermittelt die besondere Stimmung, für Ellen eine Mischung aus „Hangout Movie“ und melancholischer Tragikomödie. Die besondere Stimmung liegt zudem in der Entschleunigung für sie, irgendwie „groovy“, denkt sie, diese fließenden Rhythmen und der Song „Spooky“, der als emotionaler Leitfaden fungiert.

Es ist dieses Mysterium des Vertrauten, das dieser Film in ihr weckt. Das Gefühl, dass wir die Menschen, die uns am nächsten stehen – unsere Eltern, Geschwister, Großeltern, Enkelkinder oft am wenigsten wirklich kennen.(https://pixabay.com/images/search/entfremdung/)

In vielen Szenen erkennt sie ihre eigene Situation wieder, Die Begegnungen innerhalb der Familie haben in der Vergangenheit oft wie kleine „Aufführungen“ gewirkt. Genau wie hier in Jarmuschs Film entdeckt sie Parallelen: Charaktere verstellen sich, um den Schein zu wahren oder Konflikten auszuweichen. „Spannend“, denkt sie, wie die Kamera diese „Rituale des Alltags“ in langen, oft schweigenden Einstellungen einfängt und für den Zuschauer enthüllt. Ellen grübelt: „Das Wertvollste, was Eltern hinterlassen können, sind doch die kleinen Geheimnisse, die auf den Reichtum und die Komplexität eines gelebten Lebens hindeuten.“

Sie schmunzelt bei dem Gedanken wie befreiend und gleichzeitig schmerzhaft der Moment wäre, wenn die erwachsenen Kinder ihre Eltern nicht mehr als allwissende Instanzen, sondern als fehlerhafte, eigenständige Individuen wahrnehmen würden und sie trotzdem oder gerade deshalb lieben könnten.

Ellens weiterführende Überlegungen

Ellen richtet die Aufmerksamkeit wieder auf Jarmuschs Film. Für sie sind die Stimmung und das „Tuning“ auf eine bestimmte Frequenz viel bedeutender, als eine finale Auflösung, denn so bleiben Leerstellen, die sie mit ihren eigenen Gedanken füllen kann.

Sie achtet auf immer wiederkehrende Motive, erinnert sich an Thomas Manns „Buddenbrooks“ (Premiere im Schauspiel Frankfurt am 25.04.26). Der hat die Technik des Leitmotivs von Richard Wagner übernommen und von der Musik auf die Literatur übertragen. Hauptmotive bei Mann sind etwa Hände, Zähne und Farben, aber auch das Haus, das Meer, das Geld oder Familienpapiere, die erwähnt und eingeordnet werden. Jarmusch scheint diese Technik zu übernehmen. Er nutzt dazu visuelle Motive. Ellen beachtet die wiederkehrenden Elemente wie rote Kleidungsstücke, Rolex-Uhren und Skateboarder. Sie verbinden die Geschichten subtil miteinander. „Welche Botschaft steckt für Jarmusch dahinter?“ denkt Ellen. „Skateboarder oder farblich abgestimmte Kleidung verknüpfen die drei sonst unabhängigen Geschichten in New Jersey, Dublin und Paris wie visuelle Echos! Interessant wie die Mutter in Episode zwei bemerkt, dass sie alle die Farbe rot tragen und dies mit „peinlich“ kommentiert. Oder der Vater in Episode eins, die von der Tochter entdeckte Rolex an seinem Handgelenk als „fake“ beiseite schiebt. Denn eigentlich sind das Hinweise auf die wahre Identität der Protagonisten.“

Nachklang

Ellens Gedanken eilen kurzfristig weg vom Film, hin zu ihrer eigenen Lebensgeschichte. Könnte man „Father Mother Sister Brother“ als skurril bezeichnen? Oder deckt Jarmusch eine Problematik auf, die King,Vera in „Zukunft der Nachkommen – gegenwärtige Krisen der Generativität“ (2015) bereits trefflich beschrieben hat.

 „Zukunft der Nachkommen durch gegenwärtiges Handeln konstruktiv zu ermöglichen, ist eine Herausforderung, die zwar als Norm meist selbstverständlich erscheint, aber praktisch zugleich ständig unterhöhlt wird. Denn ein konstruktives Verhältnis zu den Nachkommen basiert im Kern auf einer Bewältigung von Ambivalenzen im Generationenverhältnis und jener Anforderungen, die mit den Veränderungen der Positionen in der Generationenfolge verbunden sind. Um das potenziell Versöhnende in der Fortsetzung der Generationenlinie erleben zu können, müssten, individuell und kollektiv, Neid auf die Jüngeren oder Schmerz über die eigenen Begrenztheiten nicht-destruktiv ausbalanciert werden können. Indes wird die Anerkennung von Grenzen und der Vergänglichkeit in der gegenwärtigen Moderne kulturell und normativ vergleichsweise wenig unterstützt“.

Ellen denkt an die zunehmende Beschleunigung und die daraus resultierende Entfremung in unserer Gesellschaft und auch in den Familien wie der Sozialpsychologe Harmut Rosa dies im gleichnamigen Buch so passend analysiert hat. Dieses Regime des zunehmenden Zeitdrucks, der Selbstoptimierung, dieses „Jeder für sich“ lässt Lebensentwürfe scheitern und führt zu einem sich immer stärker ausbreitenden Gefühl der Entfremdung und damit auch der wachsenden Einsamkeit.