The Housemaid ist gerade in die Kinos in Deutschland gekommen. Lohnt sich der Film, der mit seiner Hauptdarstellerin Sydney Sweeney für viel Aufmerksamkeit im Boulevard sorgt? The Housemaid lässt sich nicht als reiner Satire‑Film bezeichnen; vielmehr schwebt er an der Schwelle zum Trashfilm, während er gleichzeitig interessante Einblicke zum Seminar „Puppen und Menschen“ gewährt. Wie bei einem Puppenspiel, bei dem die Figuren von unsichtbaren Fäden gelenkt werden, wirkt das Geschehen im Film von Anfang an wie eine kunstvoll inszenierte Versuchsanordnung.
Da ist die Titelfigur Millie, die einen Job als Hausmädchen bei einer reichen Familie sucht und sich zunächst in die neue Umgebung anpassen muss. Ihr gegenüber sitzt Nina Winchester (Amanda Seyfried), freundlich bis zur Penetranz, mütterlich im Ton und so makellos im Auftreten, als sei sie selbst Teil der Innenarchitektur der Villa. Möglich gemacht wurde all das von Andrew, dem gutaussehenden und erfolgreichen Ehemann (Brandon Sklenar).
Die beiden wirken wie Marionetten, weil sie so glatt das Klischee eines erfolgreichen Power-Paars bedienen.
Auftaktszene spielen mit Klischees?
Die Auftaktsequenz ist derart klar choreografiert, dass sie weniger nach realistischer Figurenzeichnung als erwartbarer Versuchsanordnung aussieht. Millie (Sydney Sweeney) erscheint zum Bewerbungsgespräch in einer Residenz auf Long Island, deren schiere Perfektion augenblicklich signalisiert, dass sie hier nicht dazugehört: ein weitläufiges Anwesen, durch ein schmiedeeisernes Tor gesichert und bis in die letzten Winkel des Designs durchdacht. Wie eine Puppe, die gerade erst aus der Schachtel genommen wird, wirkt Millie noch unbewegt, bevor die Fäden – die Intrigen – sie in Bewegung setzen.
Millie bekommt die Stelle als Hausmädchen schließlich, und umgehend werden sämtliche Klischees über Reichtum und die oberen Zehntausend abgehakt. Der Schein trügt, hinter der glatten Luxusfassade verbirgt sich etwas Finsteres; der perfekte Gatte entwickelt bald mehr als nur ein wohlwollendes Interesse am neuen Hausmädchen; die anfangs warmherzige Hausherrin entpuppt sich als kalt, manipulativ und geradezu „verrückt“. Diese Muster sind nicht zufällig. Das Publikum liebt sie gerade dann, wenn sie einen vermeintlichen Einblick in die Welt der Schönen und Reichen versprechen. Sie bieten eine sichere Fantasie: Der Zuschauer kann sich in die glänzende Fassade hineinversetzen, während er gleichzeitig die dunklen Risse darunter erahnt.
Der Reiz des Bekannten wie beim Kasperle-Theater?
Der Reiz liegt darin, dass das Bekannte – ein luxuriöses Anwesen, ein perfektes Paar – plötzlich brüchig wird und das Publikum ein voyeuristisches Vergnügen daran findet, die verborgenen Risse zu entdecken. Das ist auch die Parallel zum Puppenspiel – die Story ist erwartbar, wie beim Kasperle-Theater.
Der Zuschauer liebt dieses Format, weil es ihm gleichzeitig Sicherheit und Spannung bietet. Die klaren Regeln schaffen einen sicheren Rahmen, in dem er die Handlung verfolgen kann, ohne das Gefühl zu haben, die Kontrolle zu verlieren. Er erkennt die „Puppen“ – die archetypischen Rollen von der makellosen Hausherrin über den charmanten Gatten bis hin zur unschuldigen Hausangestellten – und kann ihre Bewegungen voraussehen. Dieses Vorhersehen erzeugt ein gewisses Vergnügen, das mit dem Lösen eines Rätsels vergleichbar ist: je mehr man die Mechanik des Spiels versteht, desto intensiver wird das Staunen, wenn ein unerwarteter Riss im Gefüge auftaucht.
Der Bruch selbst wird umso befriedigender, weil er innerhalb des bekannten Rahmens geschieht. Wenn die luxuriöse Fassade plötzlich Risse zeigt, bleibt das Puppenspiel‑Gerüst erhalten – die Fäden sind noch da, nur die Richtung ihrer Spannung ändert sich. Das Publikum erlebt einen doppelten Effekt: einerseits die Bestätigung seiner Erwartungshaltung, dass das Spiel nach festen Regeln abläuft, andererseits die Überraschung, dass die Figuren – trotz ihrer vorherbestimmten Rollen – plötzlich eigene, unkontrollierbare Impulse zeigen.
Diese Spannung zwischen Vorhersehbarkeit und plötzlichem Unbehagen ist das, was das Puppenspiel so unwiderstehlich macht. Es erlaubt dem Zuschauer, sich in einer kontrollierten Umgebung mit Themen wie Macht, Verführung und Unterwerfung auseinanderzusetzen, ohne sich tatsächlich in Gefahr zu begeben.

Visuell erinnert die Inszenierung stark an ein Puppentheater (dazu auch unser Beitrag „Die Wirkmacht des kindlichen Puppenspiels„). Immer wieder erscheint Amanda Seyfried als ‚Perlenkette‑und‑weiße‑Kostüm‑tragende‘ Hausherrin mit manisch weit aufgerissenen Augen – im Spiegel, im Türrahmen, lauernd hinter Sydney Sweeney, die das zunehmend knapper gekleidete Hausmädchen spielt. Millie sitzt nachts auf der Familiencouch, ihr grotesk zur Schau gestelltes Dekolleté im Vordergrund, flankiert von einem Hausherrn, der sich immer wieder für seine „schwierige“ Ehefrau entschuldigt. Die Bildsprache lässt den Zuschauer die Fäden bewusst wahrnehmen, als würde er selbst die Marionettenhand halten.
Was macht einen Verführer aus?

Ein interessanter Vergleich lässt sich zu Don Giovanni ziehen, dem ewigen Verführer, der die Grenzen zwischen Verführung und Ausbeutung verwischt (dazu auch unser Beitrag zu „Don Giovanni„). Wie Don Giovanni lockt er die Frauen mit Charme und Versprechen, nur um sie dann zu manipulieren und zu kontrollieren. In The Housemaid (Trailer: „Wenn sie wüssten …“) übernimmt Andrew diese Rolle: er ist attraktiv, erfolgreich und scheinbar großzügig, doch seine Machtposition macht ihn zum ultimativen Verführer, dem Millie – die untergebene Hausangestellte – kaum entkommen kann. Der Reiz zwischen Untergebenen und Arbeitgeber entsteht aus einem gefährlichen Machtgefälle, das gleichzeitig Verführung und Bedrohung in sich trägt. Die gefährlichen Liebschaften, die im Roman The Housemaid anklingen, erinnern an die klassischen Erzählungen, in denen die verführerische Frau – hier Nina – die Kontrolle über den Mann übernimmt, während die untergeordnete Frau – Millie – in die Falle tappt.
Ideologische Wendung – provokation oder progressiver Idealismus?
Die Konfrontation zwischen den beiden Frauen bildet den dramatischen Kern des Films. Nina, die scheinbar mütterlich und penibel ist, wird im Verlauf immer mehr zur manipulativen Gegenspielerin. Millie, die anfangs naiv und unschuldig wirkt, entwickelt eine wachsende Wut, die schließlich in einer explosiven Auseinandersetzung kulminiert. Diese Begegnung ist nicht nur ein persönlicher Konflikt, sondern ein symbolischer Kampf um die Vorherrschaft in einem System, das beide Frauen ausnutzt.
Der Twist, der die Erzählung in eine radikale #MeToo‑Perspektive verlagert, verstärkt diesen Konflikt: plötzlich wird die vermeintliche Opferrolle von Millie zur aktiven Gegenwehr, während Nina als die „hysterische“ Ehefrau dämonisiert wird.
Der Film ist weniger ein klassischer Thriller als eine schwarze Komödie, die ihre billigen Effekte nicht leugnet, aber eine deutliche Kampfansage entgegensetzt.
Entscheidend ist, dass der Film – wie ein gut inszeniertes Puppenspiel – seine Fäden bewusst zieht, um das Publikum in eine bestimmte Position zu locken und dann zu unterlaufen. Wenn er damit Zuschauer erreicht, die sonst feministische Anflüge meiden, hat das Unterhaltungskino hier mehr gewagt und womöglich mehr erreicht als so mancher Arthouse-Film.
Herzlichen Dank an I. Burn für diese Filmbesprechung im UniWehrsEL!



