In unserem Beitrag „Kommentar: Die Kostgängerin im Nonnenkloster – weibliche Identitätssuche vor dem Spiegel“ besprachen wir ein Schauspiel, von Elise Müller, das ursprünglich im Jahr 1797 in Gotha veröffentlicht wurde. Wenn man Genre & Form berücksichtigt,handelt es sich um ein Drama, das in der Zeit der Aufklärung geschrieben wurde. Beinahe zeitgleich 1795/96 entstand das Schauspiel „Dido“ von Charlotte von Stein. Sie lässt die Hauptfigur nach dem Prinzip „der schönen Seele“ handeln, das in der Weimarer Klassik großen Anklang fand, etwa in Friedrich Schillers Schrift „Über Anmut und Würde“ (1793). Nahid Ensafpours Beitrag zur Geschlechterdifferenz knüpft in der Zeit der Aufklärung an Friedrich Schillers bürgerliches Trauerspiel Kabale und Liebe an.
Das bürgerliche Trauerspiel Kabale und Liebe wurde zwischen 1782 und 1783 von Friedrich Schiller verfasst und im April 1784 erstmals aufgeführt. Das Drama ist ein charakteristisches Beispiel für den Sturm und Drang. Ursprünglich hatte Schiller sein Stück Luise Millerin genannt. Auf Anraten von August Wilhelm Iffland, der nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Verfasser von Theaterstücken bekannt war, gab Schiller dem Stück später den Titel Kabale und Liebe. (Matthias – Jacqui, Luserke/ Dommes, Grit (Hrsg.): Schiller-Handbuch)
Im Jahrhundert der Aufklärung begann der gewaltige Umbruch und die neue Disposition der Beziehungen zwischen den Geschlechtern. In diesem Kontext sind die Ansichten Friedrich Schillers von Interesse. Schiller überträgt die gesellschaftlichen Machtverhältnisse auf zwischenmenschliche Verhältnisse und entwickelt in seinen Dramen die Sicht auf individuelle Machtstrukturen sowohl in der Gesellschaft als auch in der Familie. (Ilse Nagelschmidt)
„In Wirklichkeit hängt die Familie nicht nur von der geschichtlich konkret gesellschaftlichen Realität ab, sondern ist bis innerste Struktur hinein gesellschaftlich vermittelt“. (Max Horkheimer und Theodor W. Adorno)
Gerhard Kaiser ist der Auffassung, dass das Drama Kabale und Liebe nicht nur die Auswirkung der familiären Krise widerspiegelt, sondern eine neue Betrachtungsweise in der „Archäologie der Psychologie“ eröffnet. (Gerhard Kaiser: Krise der Familie)
Geschlechterdifferenz um 1800 in der Literatur
Um die Entwicklungen der Geschlechterverhältnisse in der Literatur zu verstehen, ist die Untersuchung der Geschlechterdifferenz im Verlaufe der historischen Entwicklung in der Epoche der Aufklärung unerlässlich. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde das patriarchalische System neu definiert. Dies führte zu den Veränderungen der Familienstruktur und der Geschlechterbeziehungen. Dieser große Wandel zeichnete sich nicht minder in Kunst und Literatur ab.
Ende des 18. Jahrhunderts gab es epochale Literaturdiskurse über die Disposition der Geschlechter. Die Überlegungen über das emanzipatorische Gleichheitsideal führte zu einem Paradigmenwechsel im Geschlechterdiskurs. Die gegenwertigen medizinischen, biologischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnisse definierten das Wesen und die Natur der Frau aufs Neue. Angesichts der aufkommenden Auffassungen über die Emanzipation der Geschlechter bedurfte es neuer Überlegungen über die Rolle und die Stellung der Frau in der Familie wie auch in der Gesellschaft. (Ilse Nagelschmidt)
Etwa Mitte des 18. Jahrhunderts zeigte nach Auffassung Inge Stephans in einem kurzen Zeitraum der ‚weiblichen Gelehrsamkeit‘, dass einige Frauen ihre Gleichheitsforderung in Teilgebieten für sich durchsetzen konnten. Bis dahin galt noch die Frage, „Ob die Weiber Menschen sind“. (Inge Stephan: Da werden Weiber zu Hyänen)
Die zeugende Kraft ist mehr zur Einwirkung, die empfangende mehr zur Rückwirkung bestimmt. Was yon der erstem belebt wird, nennen wir männlich, was die letztere beseelt, weiblich. Alles Männliche zeigt mehr Selbstthätigkeit, alles Weibliche mehr leidende Empfänglichkeit.
Im Kontext zu der Neudefinition der Geschlechter strebte Humboldt an, diese Dichotomie produktiv zu erklären und auf eine höhere Ebene zu bringen. In diesem Zusammenhang spricht er von „Einheit und Ergänzung und von dem „harmonischen Ganzen“, in dem der ursprüngliche Unterschied der Geschlechter seine Auflösung finden soll“. .(Zit. nach Wilhelm von Humboldt)
Die Untersuchungen der Werke und Briefe von Schiller geben widersprüchliche Interpretationen hinsichtlich seines Frauenbildes. In seiner Abhandlung über Anmut und Würde schreibt er über den schwachen Charakter der Frauen: „Selten wird sich der weibliche Charakter zu der höchsten Idee sittlicher Reinheit erheben und es selten weiter als zu affektionierten Handlungen bringen“ und entfernt sich somit von der Empathie zu einem emanzipatorischen Gleichheitsideal.
Spätestens nach der französischen Revolution, in der Spätaufklärung, bricht Schiller, laut Hans Richard Brittnacher, „mit dem moraldidaktischen Kunstverständnis der Aufklärungsästhetik“ ab. Es gelingt ihm in seinen späteren Dramen die ungleichgewichtigen Geschlechterverhältnisse anzuprangern.
Geschlechterdifferenz im bürgerlichen Trauerspiel Kabale und Liebe
Wie in der Einleitung erwähnt wurde, änderte Schiller den Titel seines Dramas auf Anraten von August Wilhelm Iffland von Luise Millerin in Kabale und Liebe. Hier kann spekuliert werden, was der Hintergrund dieser Namensänderung sein könnte. Ein Grund könnte z.B. darin zu suchen sein, dass der Name Luise Millerin der Name einer kleinbürgerlichen jungen Frau war.
Obwohl in der ersten Mitte des 18. Jahrhunderts, in der Frühaufklärung, sich die Idee der Emanzipation von Frauen allmählich etablierte, hinderte das patriarchalische System stets die Legimitation dieses gesamtgesellschaftlichen Fortschrittes. Denn eine emanzipatorische Gleichheitsidee verlangte eine grundlegende politische Veränderung
In diesem Zusammenhang gab es in der Literatur eine ambivalente Mutmaßung über Geschlechterverhältnisse. Diese Auffassung zeichnete sich gleichermaßen in bürgerlichen Dramen ab. Die Differenz innerhalb der Geschlechter resultiert aus dem Dualismus der Geschlechter. Die Geschlechterdifferenz weist Frauen und Männer somit unterschiedliche Positionen im hierarchischen Gesellschaftsgefüge zu.
Geschlechterdifferenz in der Familie
Der Fokus der Handlungen im Trauerspiel wird vorwiegend auf die bürgerliche Familie verlagert. Denn das Ziel der Autoren ist es, das Bild von dem familiären Leben und der bürgerlichen Familien in ihren substanziellen Problemen darzustellen. Der gesellschaftliche Wandel um 1800, welcher durch den Übergang von Landwirtschaft zur industriellen Produktionswirtschaft gekennzeichnet ist, benötigte vorwiegend die männliche Arbeitskraft. Die weibliche Arbeit wurde überwiegend als Unterstützung der männlichen Arbeit auf den Familienbereich beschränkt.
In Schillers Kabale und Liebewird die Frau von Miller in der Personenliste des Dramas als „DESSEN Frau“ vorgestellt. Sie besitzt keinen Vornamen und ist der Herrschaft und Macht ihres Mannes unterstellt. Wie bereits erklärt, wurden den Frauen besondere Tätigkeitsbereiche zugewiesen. Das Idealbild von Frauen ist das Bild einer selbstlosen Hausfrau, welche sich in die Dienste der Kindererziehung und der Versorgung des Ehemanns hingibt.
Miller billigt die ambitionierte Vorstellung seiner Frau für eine mögliche Verbindung mit dem adligen Ferdinand nicht und schmäht sie mit vulgären Sprüchen. Die Unterwerfung der Frauenfiguren in der Familie setzt laut Bengt Algot Sorensen „das Wechselverhältnis von Befehl und Gehorsam“ voraus. Die grundlegende Aufgabe des Mannes in der Familie besteht darin, diese Befehl-Gehorsam- Beziehungen miteinander zu verknüpfen.
Die bürgerliche Luise als wehrloses Opfer höfischer Schikanen
Dieser karge Thautropfen Zeit – schon ein Traum von Ferdinand trinkt ihn wollüstig auf. Ich entsag’ ihm für dieses Leben. […] – dann, wenn die Schranken des Unterschieds einstürzen – wenn von uns abspringen all die verhaßten Hülsen des Standes – Menschen nur Menschen sind. (Vgl. Bengt Algot Sorensen: Herrschaft und Zärtlichkeit)
Diese rhetorisch exzessive Liebesschwärmerei von Luise, die von einer Verbindung mit dem adligen Ferdinand träumt, deutet auf ihre Befürchtung einer unmöglichen Liaison zwischen den Liebenden wegen des „Schranken des Unterschieds“ (Bengt Algot Sorensen) hin. Die tragische Substanz des Dramas wird, laut Guthke, in der gesellschaftlichen Konvention der Ständetrennung gesehen, welche die „Liebesheirat Ferdinands und Luises verhindere“. Daher muss Luise ihrer großen Liebe entsagen: „Ich entsag’ ihm für dieses Leben“ Ihre Verbindung mit Ferdinand kann nicht realisiert werden. Sie hofft auf ein Leben in einer anderen Welt und vertagt daher „die Vollendung ihrer Liebe zu Ferdinand auf das Leben nach dem Tode“. Guthke hebt diesbezüglich hervor:
Wenn Luise ihrerseits kein Recht auf solche Liebe zu haben glaubt, so wird das kurzerhand aus ihrer ‚kleinbürgerlichen Klassenbindung‘ erklärt, aus ihrer ‚zeitbedingten Klassenlage‘ also, die ihr Denken […] determiniere und in dieser Weise zum modernen Schicksal‘ geworden sei.
Nicht nur Luises Furcht vor der Unterbindung ihrer Liebe zu Ferdinand durch die höfische Gewalt ist groß „Ich seh in die Zukunft – [. . .] – dein Vater – mein Nichts. [. . .] Ferdinand! […] ein Dolch über dir und mir! – Man trennt uns! [. . .] O wie sehr fürcht ich ihn – diesen Vater!“, sondern auch die Eltern bangen um das Leben ihrer Tochter und das Ihrige: „Der Präsident wird hierherkommen – Er wird unser Kind misshandeln – Er wird uns misshandeln“.
Als der Präsident Luise mit obszönem Schimpfwort „Hure“ schmäht, und sie und ihre Eltern bedroht, entsagt Luise ihrer Liebe dezidiert: „Herr von Walter, jetzt sind Sie frei“
Die Entzweiung des Liebespaars reicht dem Präsidenten nicht. Er peinigt Luise und ihre Eltern und will sich an ihrem Untergang sättigen:
Vater ins Zuchthaus– an den Pranger Mutter und Metze von Tochter! – Die Gerechtigkeit soll meiner Wuth ihre Arme borgen. / Ein solches Gesindel sollte meine Plane zerschlagen und ungestraft Vater und Sohn aneinander hetzen? – Ha, Verflucht! Ich will meinen Haß an eurem Untergang sättigen, die ganze Brut, Vater, Mutter und Tochter, will ich meiner brennenden Rache opfern.
In diesem Zusammenhang unterstreicht Wolfgang Riedel, dass die Liebe zwischen der jungen bürgerlichen Luise und Ferdinand in den Konflikt der ‚verfeindeten‘, nämlich als ‚Herr und Knecht‘ entzweiten Stände gestellt sei. Ferdinand versteht die Unsicherheit und die Todesangst von Luise nicht. Er ist von ihrer Liebesentsagung tief verletzt. In dem Glauben, dass er hintergangen wird, wandelt sich seine Haltung plötzlich und er wird gegenüber Luise misstrauisch: „Schlange, du lügst. Dich fesselt was anders hier.“ Durch die Kabale des Präsidentenhaussekretärs „Wurm“ und des Präsidenten verdächtigt Ferdinand Luise: „[J]etzt erwach’ ich, jetzt enthüllt sich mir Alles! […] Sie hat meine ganze Seele gesehen […] -und sie empfand nichts? […] Nichts! als, dass ich betrogen sei?“ Das gestörte Wirklichkeitsverhältnis, welches durch Eifersucht die engste Vertrauensbeziehung ausmerzt, zeigt, dass Ferdinand das mutmaßliche Täuschungsmanöver seiner Gegenspieler nicht erkennt:
Indem er den falschen Liebesbrief Luises an den Hofmarschall für bare Münze nimmt, wird er im Grunde mehr durch sich selbst getäuscht als durch die vorgespiegelte Realität. Interessant ist dabei, dass er in dem Moment, als er, das Billet »durchfliegend«, die prätendierte Selbstgewissheit seiner Liebe unwiderruflich verliert, sich sofort in eine neue, aber entgegengesetzte Selbstgewissheit flüchtet, die sich nun genau so blasphemisch-autonom bezeugt wie die ursprüngliche. (Karl S. Guthke: Interpretation)
Ferdinand ist seiner männlichen Dominanz gegenüber Luise und ihrer Standeszugehörigkeit bewusst. Er misshandelt und beleidigt sie als „gutherzige Metze“, um ein Geständnis von ihr zu erlangen, ob sie wirklich den Hofmarschall liebe. Er hält sein Versprechen nicht: „Mir vertraue dich! – Ich will mich zwischen dich und das Schicksal werfen“ und schöpft gegen Luise Verdacht, da seine Mannhaftigkeit wegen einer falschen Vermutung aufgrund der Treulosigkeit Luises verletzt ist. Er bezahlt Miller: „Mit dem Geld hier bezahl’ ich Ihm […] den drei Monat langen glücklichen Traum von Seiner Tochter“ und macht Luise zu seiner Hure. Er verspottet das andere Geschlecht: „Über euch Weiber und das ewige Räthsel! Ferdinand wandelt sich von ihrem Beschützer zu ihrem Mörder: „Das Mädchen ist mein! Ich einst ihr Gott, jetzt ihr Teufel!“. In dem Kontext schreibt Rolf-Peter Janz: „Die Unsicherheit oder innere Haltlosigkeit äußert sich nicht zuletzt auch in Ferdinands exklusiver Besitzsucht, im egozentrischen Für-sich-haben-wollen des geliebten Menschen, das diesen zum Gegenstand degradiert“. Ferdinand fällt, laut Guthke, in die Vorstellungsformen seiner höfischen Welt zurück und handelt satanisch. Er vertraut seinem Vater, der ihm jedoch als Schurke bekannt ist: „Verzeihung […] mein Vater! Ich habe Ihre Güte mißkannt! […]. Sie hatten eine weissagende Seele“. Er vergiftet Luise und sich selbst, weil er in seinem Wahn “Tod und Rache“ geschworen hat.
Fazit
In seinem Drama Kabale und Liebe verteidigt Schiller das „Recht des Menschen auf Liebe gegen die Standesvorurteile der herrschenden Klasse“. (Joachim Müller) Die Tragödie nimmt ihren Anfang mit der Untersagung einer Beziehung zwischen Luise und Ferdinand angesichts der konventionellen Standestrennung. Schiller verurteilt den Absolutismus sowohl in der bürgerlichen Familienordnung als auch politisch. Die Frauenfiguren, wie Frau Miller und Luise, sind im Stück nicht nur der Macht und Gewalt des Hausvaters Miller ausgeliefert, sondern sie werden aufgrund ihrer Standeszugehörigkeit schutzlos der Willkür der höfischen Gewalt ausgesetzt.
Am Beispiel dieses Dramas ist ersichtlich, dass die Frauen in den unteren Klassen viel schlechter gestellt sind als ihre gleichgeschlechtlichen Adligen. Lady Milford schafft es, sich von höfischer Herrschaftsgewalt zu befreien. Luise ist hingegen chancenlos. Für die Erhaltung der bürgerlich-patriarchalischen Ordnung bezahlen die weiblichen Figuren einen hohen Preis, indem sie durch Mord, Totschlag, Selbstmord zugrunde gehen. (Inge Stephan: Inszenierte Weiblichkeit.) Die Protagonistin „Luise“ sagt in ihrer Schlussapotheose, dass sie unschuldig stirbt. Sie kämpft bis zu ihrem Tod für die Erhaltung ihrer „Gespenstisch-gewordenen Tugend“. (Inge Stephan: Inszenierte Weiblichkeit.)
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