Du betrachtest gerade Max Beckmann im Frankfurter Städel Museum – Gedanken zu „Selbstbildnis mit Sektglas“

Das Seminar „Unter Spiegeln – Kultur, Geschichte, Metaphorik des Spiegel(n)s“ im kommenden Sommersemester 2026 wirft bereits seine Schatten voraus. So hat der Kulturbotschafter des UniWehrsEL beim Flanieren durch die Ausstellung im Städel Museum über Max Beckmann – noch bis 15 März 2026 zu sehen – sich seine Gedanken gemacht. Das Thema des ‚Spiegelns‘ im Hinterkopf behaltend, führte ihn sein Rundgang zum berühmten Selbstbildnis von Max Beckmann mit einem Sektglas. Beckmann (1884 – 1950) hält der von gewaltigen Umbrüchen geprägten Gesellschaft der Zwischenkriegszeit den Spiegel vor. Sein Selbstbildnis mit Sektglas gerät zum faszinierendes Beispiel für die vielschichtige Reflexion innerer und äußerer Welten.

Liebe Leser und Leserinnen des UniWehrsEL,

Max Beckmann taucht im UniWehrsEL immer wieder auf. Sei es im Beitrag „Sehnsucht nach Heimat„, oder bei der Städelführung in Frankfurt mit Pfarrer David Schnell oder im Rahmen der Ausstellung „Die neue Sachlichkeit – ein Jahrhundertjubiläum“ vom 22.11.24-09.03.25 bei der das Gemälde „Fastnacht“ (1925) von Max Beckmann (1884-1950)Aufmerksamkeit erregte.

Nun also ist es der Künstler selbst, mit einem Sektglas in der Hand, der beim Betrachter Wehmütigkeit auslöst.

Das Bild, das auf den ersten Blick ein geselliges Trinken suggeriert, offenbart beim näheren Hinsehen eine schiefe Perspektive und zeigt eine Welt, die aus den Fugen geraten ist. Beckmann, dargestellt als ein alleinstehender, aber auch von anderen Menschen umgebener Künstler, vermittelt das Thema Einsamkeit in der Gesellschaft im emotionalen Empfinden, die auch viele Jugendliche gegenwärtig spüren. Aktuelle Studien zeigen, dass fast die Hälfte der 14- bis 20-Jährigen häufig oder gelegentlich Einsamkeit empfindet. Der erste Reflex ist oft der Griff zum Handy, um sich weniger allein zu fühlen. Doch wie die Vodafone-Stiftung berichtet, besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen intensiver Social-Media-Nutzung und erhöhten Einsamkeitsgefühlen.

Rund die Hälfte der Jugendlichen sieht Einsamkeit als „tägliche Belastung“, die ähnlich stark empfunden wird wie Schulstress oder Zukunftsängste. Diese Problematik wird von den Befragten als gesellschaftliches Phänomen wahrgenommen, was die emotionale Zerrissenheit vertieft. Ebenso zeigt Beckmanns Selbstbildnis beim näheren Hinsehen eine schiefe Perspektive und eine Welt, die aus den Fugen geraten ist.

Die Einsamkeit inmitten der Menschen, die Beckmann erlebt, spiegelt die Gefühle eines Teils der heutigen Jugendlichen wider, die häufig trotz digitaler Verbindungen isoliert und fehl am Platz sich fühlen. Sein gequälter Ausdruck könnte die Frage darstellen: „Was soll ich nur mit mir selbst anfangen?“ Dies ist eine Frage, die auch viele Jugendliche beschäftigt, während sie durch ihre sozialen Netzwerke scrollen und versuchen, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die sie oft nicht wirklich fühlen können.

Steigende Emotionen und innere Zerrissenheit

Beim näheren Hinsehen erscheint das Bild schief, als ob es eine Welt darstellt, die aus den Fugen geraten ist. Beckmann ist in einer Bar zu sehen, umgeben von Menschen, was ein Gefühl der Isolation und Trauma verstärkt. Der Künstler wirkt, als wäre er zwischen zwei Welten gefangen – einerseits möchte er feiern und den Schrecken des Ersten Weltkriegs vergessen, andererseits ist er nicht wirklich Teil dieser Feier. Ist Beckmann fehl am Platz? Seine Körperhaltung, mit der verzerrten Hand, hält ein überschäumendes Glas, und in seiner anderen Hand eine Zigarre, die ihm eine lässige Ausstrahlung verleiht – zu lässig vielleicht.

Beckmanns Gesicht erscheint blass, fast wie ein Totenschädel, was durch tiefe Augenringe und einen leer wirkenden Blick noch verstärkt wird. Ist das ein Zeichen von Übersättigung? Blickt er verträumt in die Ferne oder beobachtet er das Treiben, das sich außerhalb seines Bildes abspielt? Diese Ungewissheit erzeugt beim Betrachter ein Gefühl der Zwiegespaltenheit.

Selbstbildnis und Selfie eine Verbindung?

Das Selbstbildnis von Beckmann zeigt ihn in einem Moment des innere Konflikts, während das Selfie von heute oft darauf abzielt, den Moment des Glücks festzuhalten und nach außen zu präsentieren.

Auch in unserem Beitrag zu »Face2Face«, einer Ausstellung aus dem reichen Fundus der Graphischen Sammlung im Landesmuseum Darmstadt, geht es um Sehen und Angesehen werden, um das Wechselspiel zwischen dem eigenen Gesicht und dem Antlitz des Anderen – oder dem eigenen Spiegelbild. Ein Gesicht, das von niemandem gesehen wird, existiert nicht. Denn erst der Widerblick macht das Gesicht. Nicht zuletzt in unserer digitalen Welt mit Instagram und Selfie ist das Gesicht das Medium von Ausdruck, Selbstdarstellung und Kommunikation. Es ist die Bühne der Seele.

Während Beckmanns Werk tiefere emotionale Schichten aufdeckt und Fragen zum Thema Trauma und Isolation aufwirft, neigen Jugendliche dazu, sich im Selbstporträt zu zeigen, als wäre alles in bester Ordnung – ein verzweifelter Versuch, die innere Leere zu kaschieren.

Beckmanns Bild erlaubt es dem Betrachter, den Rest der Geschichte hinter der Fassade zu erahnen, während moderne Selfies häufig einseitige, idealisierte Darstellungen des Lebens vorführen. Beide Kunstformen laden zur Reflexion über individuelle Identität und die Suche nach echtem menschlichem Kontakt ein, zeigen jedoch auch die Fallstricke und Illusionen von Gemeinschaft in einer solch komplexen und oft einsamen Welt.

Psychologische Spiegelung des Selbst

In diesem Selbstbildnis spiegelt sich Beckmanns innere Zerrissenheit wider. Der feine schwarze Anzug, die goldene Tapete – alles scheint glamourös, doch trotzdem wirkt der Raum, als habe er den Glanz verloren. Es gibt zwei Männer im Bild: Beckmann, der versucht, sein Lächeln zu zeigen, und ein dicker Mann im Smoking, dessen Aussehen Fragen aufwirft. Wer ist dieser, und welche Rolle spielt er in Beckmanns emotionalem Zustand?

Beckmann schaut seitlich, was dem Betrachter das Gefühl gibt, nicht wirklich präsent zu sein – als wäre er ein stiller Beobachter in seiner eigenen Geschichte. Wieviel von ihm selbst erkennt er in der wild lebenden Gesellschaft um ihn herum? Er zeigt gestikulierend eine gespielte Selbstsicherheit, während die Frage bleibt, ob diese auch echt ist oder nur eine Maske der Verzweiflung.

Die Auseinandersetzung mit Max Beckmanns Selbstbildnis und den heutigen Selfies offenbart die Komplexität von Einsamkeit und Identität. Beckmanns gequälter Ausdruck spiegelt die innere Zerrissenheit wider, die auch viele Jugendliche heute empfinden: den Kampf um Authentizität in einer scheinbar verbundenen, aber isolierenden Welt. Während Selfies oft Illusionen von Glück zeigen, laden sie dazu ein, die verborgenen Emotionen dahinter zu erkennen.

Wie kann die Kluft zwischen äußerer Darstellung und innerer Realität überwunden werden, um echte Verbindung zwischen Menschen zu schaffen?

Liebe Grüße vom Kulturotschafter des UniWehrsEL

P. S.: Max Beckmanns Werk passt in seiner Vielfalt auch in das Donnerstag-Seminar im Sommersemester 2026

Krise und Hoffnung – Über Lebenskunst in bewegten Zeiten„.

Bietet der Künstler doch in einer Welt voller Krisen und Umbrüche einen Hoffnungsstrahl, indem er seine Erfahrungen in eine Bildsprache verwandelt hat, die wir mit ihm teilen können und die uns bis heute fasziniert.

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:27. Februar 2026
  • Lesedauer:6 Min. Lesezeit