In der Zeitschrift „Psyche 9/10, September 2025„, nutzt der Beitrag des Psychoanalytikers Heinz Weiß die Ambiguität der Hoffnung im Anschluss an Hesiods »Theogonie« (unser Beitrag Psychologie: Hesiods Theogonie und Pandora-Mythos). Er beschreibt, dass Sigmund Freud die Hoffnung mit den wunscherfüllenden Tagträumen verbindet. Die Psychoanalytikerin Melanie Klein dagegen deklariere sie als das Gegenteil von Verzweiflung. Als solche sei sie auf die Verfügbarkeit von Wiedergutmachungsprozessen angewiesen wie auch auf die Fähigkeit, Unsicherheit zu ertragen und warten zu können. Hoffnung, die an Vertrauen gebunden ist, könne Zuversicht vermitteln, sei aber auch trügerisch.
Der Arzt und Psychoanalytiker Prof. Dr. Heinz Weiß nutzt den Pandora-Mythos, um die psychologische Dynamik von Trauma und Verlust hin zu Hoffnung zu beleuchten. Dabei sind bei seiner Anwendung des Mythos‘ auf seine Patienten drei zentrale Punkte wesentlich:
Hoffnung als „bittere Arznei“: Weiß interpretiert die Tatsache, dass die Hoffnung (Elpis) als Einziges im Gefäß zurückblieb, oft als Ambivalenz. In der therapeutischen Arbeit mit schwer traumatisierten oder depressiven Patienten zeigt er auf, dass Hoffnung nicht immer nur tröstlich ist.
Trügerische Hoffnung: Sie kann Patienten an eine schmerzhafte Vergangenheit binden (Warten auf Wiedergutmachung), was Heilung verhindert.
Notwendige Hoffnung: Gleichzeitig ist sie der Funke, der den therapeutischen Prozess überhaupt erst ermöglicht.
Das Öffnen des Gefäßes als Trauma-Analogie
In seiner klinischen Arbeit nutzt Weiß das Bild des geöffneten Gefäßes, um den Moment des psychischen Zusammenbruchs zu beschreiben. Wenn durch ein Trauma „alle Übel“ entweichen, bricht die schützende Innenwelt zusammen. Weiß hilft Patienten dabei, die „Trümmer“ zu sortieren und zu verstehen, dass das Gefäß, die psychische Struktur, zwar beschädigt, aber die Hoffnung darin noch greifbar bleibt.
Zeitlichkeit und „Noch-Nicht“
Weiß betont die zeitliche Komponente des Mythos. Die Gabe der Zeit meint: Durch das Verbleiben der Hoffnung im Gefäß wird diese zu etwas, das in der Zukunft liegt.
Für Patienten bedeutet das: Der Schmerz ist jetzt, die entwichenen Übel, aber die Heilung ist eine Möglichkeit, die im Verborgenen – im Gefäß – wartet. Es bedeutet, Hilfe für den Patienten, um die Gegenwart auszuhalten, ohne die Zukunft aufzugeben. Antike Mythen, so Weiß können somit Helfen, unerträgliche psychische Zustände in Worte zu fassen.
Lassen Sie uns nun gemeinsam die über Theorien gewonnenen Erkenntnisse in den Alltag überführen. Dazu nehmen wir wieder Teil am Leben von Ellen, die wir inzwischen gut aus Beiträgen im UniWehrsEL wie Metathesiophobie kennen. Ellen ist ist eine ältere alleinstehende Dame, Lehrerin, gut situiert, angesehen, aber mit Selbstzweifeln, die sie beispielsweise durch Radikale Akzeptanz zu lösen trachtet.
Der zerbrochene Krug der Lehrerin Ellen
Ellen, die Lehrerin aus Leib und Seele, wie sie sich gerne verstanden wusste, saß alleine vor ihrem Schreibtisch, der vollgetürmt mit Notizen war. Ellen spürte einen vertrauten Schmerz. In der Sprache der Psychoanalytiker wie Heinz Weiß befand sie sich in einer „depressiven Episode“. Die „Übel“ aus Pandoras Büchse schienen für sie realer als je zuvor: der Lehrermangel, die Resignation der Jugend, die Klima- und Kriegsberichte in den Nachrichten.
Die Versuchung der „blinden“ Hoffnung
Ellen las einen zerknitterten Aufsatz eines Schülers, den sie gerade aus dem Mülleimer gefischt hatte und der nur aus drei Sätzen bestand:
„Warum soll ich für die Zukunft lernen?
Die Welt geht eh unter.
Es gibt keine Hoffnung mehr.“
Ellen erinnert sich an die Theogonie, die sie so oft unterrichtet hatte. Sie dachte an Pandora und fühlte wie ihr Leben langsam aber sicher zu ‚ihrem persönlichen Krug‘ wurde. Sie ließ die aufkeimende Verzweiflung zu,
trauerte um das „goldene Zeitalter“ (aus den Metamorphosen des Ovid) ihrer Jugend, der Geborgenheit im kleinen Elternhaus, in der die Zukunft noch wie ein endloser Raum der Hoffnungen wirkte. Sie wollte lernen zu akzeptieren, heute in einer „eisernen Zeit“ zu leben, so wie es Hesiod definiert hatte. Sie fühlte ihre Weltuntergangsstimmung.
Sie seufzte. Zuerst wollte Ellen den Jungen nur einfach aufheitern und ihm sagen: „Alles wird gut, die Technik wird uns retten!“ Doch sie hielt inne. Sie wusste, das wäre die „manische Abwehr“, von der der Psychologe Weiß spricht. Eine ‚billige Hoffnung‘, die wie eine Droge wirkt, um den Schmerz nicht zu spüren. Es wäre die Hoffnung, die als Täuschung aus dem Krug der Pandora entweicht und den Blick auf die Realität vernebelt.
Dann besserte sich ihre Stimmung, als sie an die Entdeckung der „Elpis“, der handelnden Hoffnung, dachte. Ellen lächelte und sagte zu sich selbst: „Ich mache jetzt etwas, das Heinz Weiß als „Wiedergutmachung“ bezeichnet. Ich suche nicht nach dem großen Weltretter-Plan, sondern nach dem Bodensatz meines Pandora-Gefäßes.“
Sie nahm ihren roten Stift und schrieb an den Rand des Aufsatzes nicht etwa „Thema verfehlt“, sondern: „Ich verstehe Deine Angst. Ich spüre sie auch. Lass‘ uns bitte reden und gemeinsam einen Weg finden, wie wir mit Deinen berechtigten Sorgen umgehen könnten.
Wir wollen gemeinsam mit einigen Deiner guten Freunde überlegen, was für für uns und die Umwelt tun könnten, um diesen uns lieb gewordenen Ort zu erhalten und bewohnbar bleiben zu lassen.“
Die psychoanalytische Deutung
Ellen verkörpert die Thesen von Heinz Weiß par excellence:
Aushalten der Ambiguität: Sie leugnet das Unheil nicht (die entwichenen Plagen), aber sie lässt sich auch nicht davon lähmen.
Abkehr von der Illusion: Sie gibt Ihrem Schüler kein falsches Versprechen (Freuds Illusions-Kritik), sondern bietet ihm eine Beziehungsebene als Voraussetzung für eine gemeinsame Lösung an.
Wiedergutmachung: Indem sie den Schüler in seinem Schmerz ernst nimmt, baut sie im Kleinen eine „innere Welt“ wieder auf. Die Hoffnung ist bei ihr nicht mehr ein passives Warten auf Besserung, sondern die Aktivität des Dranbleibens trotz einer Krise.
Ellen war sich klar darüber, sie hatte für sich und den Jungen keine Lösung der Weltprobleme im Gepäck, aber sie hatte die Elpis dabei – jene leise, widerständige Kraft, die erst dann zum Vorschein kommt, wenn man aufgehört hat, sich selbst zu belügen.
Die Büchse der Pandora
Am nächsten Morgen setzt sich Ellen neben den traurigen Lukas, Sie öffnete eine alte, hölzerne Teedose, die leer war, bis auf einen kleinen glänzenden Stein am Boden.
„Kennst Du Pandora, Lukas“ fragt sie leise? „Die meisten glauben, ihre Geschichte sei eine Warnung vor der Neugier. Aber ein kluger Arzt namens Heinz Weiß hat mir einmal beigebracht, sie anders zu lesen. Er sagt, in ihr sei das Bild unserer Seele,“
Lukas blickt kurz auf: „Sie hat das Gefäß geöffnet und alles Schlimme kam raus. Ende der Geschichte!“
„Nicht ganz“, sagte Ellen und schob ihm die Leere Dose hin. „Das Gefäß ist wie mein Leben. Manchmal passiert etwa – ein Schmerz, ein Verlust -, dann wird er Deckel aufgerissen. Alles Dunkle fliegt heraus, die Angst, die Einsamkeit, der Kummer. Du schaust den Übeln hinterher. Das ist der Moment, in dem Du jetzt bist.“
Sie tippte gegen den glänzenden Stein in der Dose: „Aber Hesiod, der den Mythos der Pandora beschreibt, sagt, die Hoffnung blieb als Einzige am Rande des Gefäßes hängen. Sie kam nicht heraus. Aber Dr. Weiß würde sagen: Die Hoffnung blieb drin, damit sie dir gehört.“
„So, und was soll mir das jetzt bringen?“ Lukas ist unwillig. Er mochte Ellen, aber er hatte keine Geduld, ihr so lange zuzuhören.
„Sie ist dort sicher,“ antwortet Ellen sanft. „Die Übel da draußen, der Schmerz, den wir gemeinsam fühlen, der ist flüchtig. Die Hoffnung bleibt, sie ist ein ‚Noch-Nicht.‘ (Ellen denkt dabei an Ernst Bloch). Laut spricht sie weiter: „Sie sagt Dir nicht, dass heute alles gut ist. Sie flüstert nur, dass es noch nicht das Ende ist, es gibt vielleicht ein Morgen, das heute noch nicht geschrieben ist.“
Ellen nutzt die Hoffnung als „Ort der Bewahrung“ (Containment). Für Heinz Weiß ist das Gefäß eine Metapher für den psychischen Raum. Der Raum bricht bei einem Trauma auf und die destruktiven Anteile wie Wut und Hass, auch Schuld entweichen. In Trauma, Schuldgefühl und Wiedergutmachung warnt Weiß vor der Ambiguität zwischen blinder Hoffnung und wahrer Hoffnung. Das gibt Ellen Lukas als Rat mit:
„Wenn Du darauf wartest, dass alles was in der Welt an Übel passiert, ungeschehen gemacht werden kann, dann bleibt der Deckel fest verschlossen. Du verleugnest dann die Realität, denn das Übel ist ja längst entflohen. Also akzeptiere bitte die Realität des Schmerzes, denn sie bleibt als „Stille Präsenz“, wie es Heinz Weiß ausdrückt, stets im Hintergrund.“
„Also kann man Hoffnung weniger als optimistisches Gefühl sehen, sondern als eine Struktur, die uns davor bewahrt in der Zeitlosigkeit unserer erlebten Traurigkeit stecken zu bleiben?“ hebt Lukas den Kopf und versucht zu verstehen.
Die Beiden bleiben nun wortlos nebeneinander sitzen und hängen ihren Gedanken nach. Ellen fragt sich, ob es gerade in unserer durch krisengeschüttelten Zeit ein gesellschaftliches Bedürfnis nach Hoffnung gibt. Sie denkt zurück an die apokalyptischen Anmutungen der Corona-Pandemie. An Zeiten des Gleichmaßes von ausreichend gesättigtem Wohlstand und Sicherheit. Sie überlegt diese Auseinandersetzung mit der „Ambivalenz der Hoffnung“ in ihrer Klasse zu diskutieren. Einen Artikel aus dem deutschen Ärzteblatt, geschrieben von der Psychologin Vera Kattermann , will sie demnächst der Klasse vorstellen. Es geht darum, wie sich Hoffnung auch in der Kunst widerspiegelt, beobachtet am Bild „Hope“ des englischen Malers George Frederic Watts (1817–1904).
Zu Vera Kattermann lesen Sie bitte auch unseren Beitrag über Enzensberger, Kattermann und dem Untergang der Titanic.









