Manchmal fällt es sehr schwer, Dinge hinzunehmen, die vermeintlich nicht zu ändern sind. Das bewusste Hinnehmen wird dabei als Radikale Akzeptanz (Radical Acceptance) bezeichnet, ein Begriff, der aus der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) stammt. Sie wurde von der US-amerikanischen Psychologin Marsha Linehanm entwickelt. Die volle Annahme der Realität bedeutet, Situation, die man nicht kontrollieren kann – wie etwa eine unheilbare Krankheit, den Tod eines geliebten Menschen – vollständig und ohne inneren Widerstand anzuerkennen.
Akzeptanz bedeutet dann nicht, dass man die Situation gutheißt, mag oder aufgibt. Es bedeutet lediglich, den Kampf gegen die Realität aufzugeben, um weniger Leid zu erzeugen. Der Kern liegt dabei in der Fähigkeit, Dinge so zu sehen, wie sie sind, nicht wie man sie sich wünscht.
Marsha Lineham entwickelte den Begriff im Rahmen der Dialektischen Verhaltenstherapie. Stoizismus begründet die Wurzeln, die in der antiken Philosophie liegen und unter anderem auf Epiktet zurückgehen. Wesentlich ist dabei die Dichotomie der Unterscheidung zwischen Dingen, die man nicht kontrollieren kann und die unserer Kontrolle unterliegen.
Dies betrifft auch den Grundsatz der Gelassenheit, der oft Reinhold Niebuhr zugeschrieben wird: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Das sogenannte Gelassenheitsgebet, eine deutsche Übersetzung des sog. „Serenity Prayer“ des US-amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr (1892–1971), verbreitete sich in Kurzform vermutlich während des Zweiten Weltkrieges. Niebuhr , während einer Phase wirtschaftlicher Depression in den USA geboren, war lange Jahre Pfarrer in Detroit war auf der Suche nach einer „leistungsfähigen Anthropologie“, nach gerechteren gesellschaftlichen Verhältnissen und nach Antworten des Christentums auf die Krisen seiner Zeit. Akzeptanz ist ein weiterer Schlüsselfaktor für psychische Widerstandsfähigkeit. Begriffe wie Resilienz, Loslassen, Ambiguitätstoleranz sind dabei wesentlich. Letzteres ist die Fähigkeit, Widersprüchlichkeiten oder unsichere Situationen auszuhalten.
Zusammenfassend ist die Radikale Akzeptanz ein therapeutisches Werkzeug, um Schmerz, den man oft nicht verhindern kann, nicht in anhaltendes Leiden zu verwandeln.
Lassen Sie uns gemeinsam über das Leben von Ellen nachdenken, die wir ja inzwischen schon durch ihre Reflexionen hier im UniWehrsEL kennengelernt haben. Sie ist eine ältere Dame, gut situiert, angesehen,

aber fühlt sich oft einsam (Stell dir vor, es ist Weihnachten und keiner kommt). Wir haben zudem über sie erfahren, dass sie irrationale Ängste vor Veränderungen in sich trägt

Hier ist die Geschichte von Ellen, die das Prinzip der radikalen Akzeptanz in einer für sie bedeutsamen Lebenskrise anwendet.
Eine unerwartete Botschaft
Ellen stand am Fenster des Lehrerzimmers, in dem sie zweiunddreißig Jahre lang jeden Morgen ihren Kaffee aus derselben verfärbten Keramiktasse getrunken hatte. Draußen im Hof rannten die Kinder der dritten Klasse – eine Generation, deren Eltern sie teilweise schon unterrichtet hatte. In ihrer Hand hielt sie das Schreiben des Schulamts, Es war kurz, bürokratisch und unerbittlich. Versetzung an die Grundschule am Stadtrand. Gültig ab dem nächsten Monat.
Dazu kam das Protokoll der letzten Schulvisitation, das wie ein Fremdkörper auf dem Tisch lag: „Ihr Lehrkonzept der ‚Entschleunigten Pädagogik‘ müssen Sie bitte umschreiben.“ Ellen las daraus keine Begründung, keine Beispiele, nur Anweisung: „Bitte, ändern!“
Ellen spürte, wie die Wut in ihr aufstieg. Sie wollte schreien, zum Telefon greifen, dem Direktor erklären, dass man ihrem Konzept nach, Kinder nicht wie Fließbandware optimieren könne. Doch dann erinnerte sie sich an die Worte, die sie ihren Schülern oft in Konfliktsituationen beigebracht hatte – die Lehre der radikalen Akzeptanz. Es geht darum, den Kampf gegen die Realität unbedingt beendet zu wollen.
Zuhause
Ellen stellte sich ans Fenster. Sie wollte damit aufhören, sich in Gedanken Gegenargumente zu formulieren. Die Versetzung war eine Tatsache.
„Es ist wie es ist, sagt die Liebe“, dachte sie laut, eines ihrer Lieblingszitate, wenn etwas nicht mehr zu ändern ist. In diesem Moment ließ der stechende Schmerz in ihrem Magen nach. Sie merkte, wie gut es ihr tat, wenn sie den Widerstand gegen das Unvermeidbare aufgab.
Gleichzeitig setzte eine tiefe Traurigkeit ein. Akzeptanz, das wusste sie, bedeutet nicht, dass sie mit dem Umgang mit ihr einverstanden wäre. Sie erlaubte sich einen Moment lang einfach traurig zu sein. Sie sah sich im Raum um, blickte auf das alte Regal mit den Naturmaterialien, die sie über Jahrzehnte hinweg gesammelt hatte. Sie akzeptierte den Schmerz dieses Abschieds, ohne sich dafür selbst zurechtzuweisen.
Sie musste zwischen der Trennung von Selbstwert und Herabsetzung durch einen gegebenen Umstand unterscheiden. Ellen wusste, dass das ‚Urteil‘, der angeordneten ‚Änderung ohne Begründung‘ nur eine Sichtweise der Verwaltung enthielt. Ihr inneres Wissen, dass die Schüler gerne bei ihr lernten, weil ihre Art und Weise des Unterrichtens gut ankam, blieb davon unberührt. Das System verlangte aus für sie nicht ersichtlichen Gründen eine Änderung ihrer Konzeption und ihres langjährigen Lehrortes, ohne sich näher mit ihrer Person beschäftigt zu haben.

Sie wollte ihren Wert als Pädagogin von diesem Urteil nicht abhängig machen: „Sie können mir die Stiefel ja hinstellen, aber ich muss sie nicht anziehen“, auch so ein Spruch, den ich gerne verwende, schmunzelte sie.
Akzeptanz
Am nächsten Tag packte Ellen ihre Kisten. Sie tat es nicht mit Bitterkeit, sondern mit einer seltsamen neuen Klarheit. Als sie das Schulgebäude verließ, spürte sie innere Gelassenheit. Sie konnte die einmal für sie getroffene Anordnung nicht ändern, aber sie konnte für sich selbst eine Entscheidung treffen. Es lag nun in ihrer Hand, wie sie die letzten Monate bis zur endgültigen Pensionierung verbringen würde: als eine Lehrerin, die ihre Liebe zu ihren Schülern auch an einen anderen Ort mitnimmt oder als Mensch, der über neue Möglichkeiten nachdenkt.
Die bittere Versetzung war nun kein Feind mehr, den sie bekämpfte, sondern schlicht der nächste, wenn auch ungeplante Schritt auf ihrem Weg. Ellen begann darüber nachzudenken, wie sie den Unterricht an der neuen Schule gestalten könnte.
Im Arbeitszimmer
In ihrem Arbeitszimmer, umgeben von Bücherregalen, setzt Ellen den Stift an, um die drohende Verbitterung in etwas Schöpferisches zu verwandeln. Sie beginnt einen Brief an sich selbst, nach dem Beispiel der Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel (durchgrübelte Nächte im UniWehrsEL).
Mein liebes Ich!
In diesem Brief an mich selbst und an mein Leben geht es um innere Zweifel, um Angst vor Veränderung, um Selbstzweifel, sogar um Zweifel um das Ideal einer Pädagogik, auf das ich ein Leben lang vertraut habe.
Es ist ein seltsamer Schmerz in mir, wenn ich fühle, meine Gedanken und schöpferischen Ideen würden plötzlich nicht mehr verstanden, als kommuniziere ich in einer Fremdsprache.
Es fühlt sich an, als sitze man auf den Scherben altvertrauter Gewissheiten. Mein Trost sind meine Bücher. Gerade habe ich über das Thema der Hoffnung bei Ernst Bloch gelesen. Er lehrte uns, dass das Hoffen, auf das, was auch immer einem wesentlich erscheint, kein naiver Optimismus ist, sondern eine Tugend, die man aktiv betreiben muss. Also, auf was hoffe ich da eigentlich? Auf Anerkennung von ‚Oben‘, was auch immer das bedeuten soll. Oder auf ein Wunder, dass man plötzlich meine ‚überragende‘ Lebensleistung doch noch erkennt und würdigt? Oder wird mir endlich klar, ich bin ein Rädchen im Getriebe, jederzeit ersetzbar, wenn ich mich selbst nicht als wertvoll einschätze?
Das „Prinzip Hoffnung“, ist kein Warten „auf dem Sonnendeck der Titanic“ wie es die Psychologin Vera Kattermann beschrieb, um es mal metaphorisch auszudrücken, sondern ein Mut und Kraft voraussetzendes ‚Hinausgehen in das Neue‘. Selbst dann, wenn das Alte einem sozusagen gerade „den Stuhl vor die Tür gesetzt hat“. Ellen schmunzelt, denkt daran, wie sie jemand vor vielen Jahren einmal „einen Aphorismus-Schatz“ genannt hat, weil sie immer einen passenden Spruch parat hat.
Bloch behandelt das Prinzip des „Noch-Nicht-Gewordenen“. Das ist wie für mich geschrieben. Denn, so ungerecht ich diese Versetzung auch empfinde, vielleicht ist sie genau das: ein Raum für das „Noch-Nicht“, ein letztes Kapitel, das für mich Chancen anbietet, die ich mir im Moment nicht vorstellen kann!
Ich weigere mich, die Verbitterung zur letzten Instanz meines Handelns zu erheben. Wenn ich an die Schule am Stadtrand denke, sehe ich nicht die Abschiebung, sondern die Kinder dort. Sie wissen nichts von Verwaltungsprotokollen.

Irgendwie erinnert mich das jetzt an den alten Santiago aus Ernest Hemingways „Der alte Mann und das Meer“. Er kämpft tagelang mit dem riesigen Fisch, nur um am Ende mit einem Skelett in den Hafen einzulaufen. Auf den ersten Blick ist es eine Niederlage, genau wie mein Lehrvorschlag als ‚unzureichend‘ abgetan wurde. Aber die Kritik galt dem Konzept und nicht meiner Person, wie sagt Hemmingway doch gleich: „Ein Mensch kann vernichtet werden, aber nicht besiegt.“ Sie lacht laut, „Du liebe Güte, manchmal bin ich einfach zu pathetisch!“
Der Fischzug war, wie Hemmingway interpretiert wird, nicht umsonst, nur weil „andere das Fleisch nicht sehen“. Was für eine Metapher! Meine langjährige positive Erfahrung, mein guter Draht zu den Schülern, die Momente des Begreifens: genau das ist mein Fang!
Ich gehe an meine neue Aufgabe heran als jemand, der die Hoffnung als Werkzeug im Koffer hat. Denn wie Bloch wusste: „Solange wir atmen, ist das Ende nie das Ende, sondern immer nur die Grenze zu einer neuen Möglichkeit!“
„Ja, aber …„
Dieser Brief hilft Ellen, die kognitive Umdeutung, das Refraiming, zu vollziehen: Weg vom Opferstatus, hin zur handelnden Person, die ihre Würde aus ihrer inneren Haltung bezieht.
Nun könnte die Geschichte so enden. Ellen erlebt ihren ersten Tag in der neuen Schule und setzt das „Prinzip Hoffnung“ praktisch um …
Aber Ellen wäre nicht Ellen, wenn es da nicht ein „Aber“ gäbe. Das „Ja, aber“-Syndrom ist schon lange ihre unbewusste Kommunikationsstrategie. Sie stimmt ihrer eigenen Aussage zu und schränkt sie gleichzeitig ein. Damit blockiert sie sich selbst, die Kommunikation mit anderen, vermittelt Zurückweisung und verhindert neue Lösungen.




