Du betrachtest gerade Sarah Perry: „Die Schlange von Essex“ – Roman und Serie über Aberglauben und Misstrauen

Die Schlange von Essex“ ist mehr als nur eine Geschichte über eine Seeschlange; sie ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit den inneren Dämonen, die uns antreiben, und den gesellschaftlichen Normen, die uns zurückhalten. Die Serie lädt den Zuschauer ein, über die Natur der Begierde und die Suche nach Identität nachzudenken, während sie gleichzeitig die irrationalen Ängste einer vergangenen Epoche beleuchtet. Trotz ihrer Schwächen in der Erzählweise bleibt die Serie ein eindrucksvolles Porträt einer Frau, die sich weigert, sich den Konventionen zu beugen, und die bereit ist, für ihre Freiheit zu kämpfen.

Ist das Leben bedroht, wenn eine Schlange ins Paradies eindringt? Wie darauf reagieren?

Ein Beitrag von I. Burn

Die Mini-Serie „Die Schlange von Essex“ auf Apple TV basiert auf dem gleichnamigen Roman von Sarah Perry und bietet eine faszinierende Erkundung der menschlichen Begierde und der inneren Konflikte, die uns antreiben. Im Jahr 1893 verlässt die verwitwete Cora Seaborne London, um in einem kleinen Küstenort in Essex nach einer mysteriösen Seeschlange zu suchen. Die Story beginnt mit malerischen Bildern. Der kleine Künstenort ist idyllisch. Ein Paradies. Ganz anders als das hektische London. Alles scheint friedfertig zu sein. Doch dann verändert das Idyll sein Gesicht – das ist die Kernbotschaft von der Schlange von Essex. Wer auf schaurige Monster steht und offensichtliche Feinde wird von dieser Miniserie enttäuscht sein. Plätschert doch die Story um Cora Seaborne langsam dahin. Die Serie ist ruhig gefilmt und hat etwas gänzlich Unaufgeregtes. Doch im inneren der Figuren rund um Cora toben heftige Kämpfe und spielen sich menschliche Dramen ab. Dies ist für den Leser des Romans sehr bewegend aber schwer in Bilder für eine TV-Serie zu fassen.

Diese Reise von Cora ist nicht nur eine Flucht aus der Vergangenheit, sondern auch eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit dem eigenen inneren Tier. Daher passt die Serie zum Thema Anima(l).Tiere in verschiedenen Serien wie auch in der Serie um die Turtels sind fiktiv. Sie verfügen aber über positive menschliche Eigenschaften wie Freundschaft Loyalität und Mut.

Anders bei der Schlange, von der sich die Dorfbewohner bedroht fühlen. Sie gilt als Zeichen des Teufels. Gleichzeitig ist die Schlange eine Symbol, das in der ehrwürdigen Kirche des Dorfes angebracht ist und einmal ein Schutzsymbol war. Nun glauben die Dorfleute die Schlange in der Kirche sei zum Leben erwacht und verfolge eine eigene Agenda. Cora will diesen Aberglauben den Dorfbewohnern austreiben und mit neuen Gedanken zu einer besseren Gesellschaft beitragen. Da jedoch Dorfbewohner auf mysteriöse Weise verschwinden, breitet sich ein großes Misstrauen gegen die fremde Frau Cora im Dorf aus.

Cora Seaborne, die versucht, den Aberglauben der Dorfbewohner zu entlarven und neue Gedanken für eine bessere Gesellschaft einzubringen, sieht sich einem tief verwurzelten Misstrauen gegenüber. Das mysteriöse Verschwinden im Dorf verstärkt diese Skepsis und führt zu einem kollektiven Verhalten, das von Paranoia und Misstrauen geprägt ist. Die Dorfbewohner projizieren ihre Ängste auf Cora, die als Fremde in ihrer Mitte steht. Diese Dynamik zeigt, wie Aberglaube und irrationales Denken das soziale Gefüge einer Gemeinschaft destabilisieren können.

Ein Vergleich mit Benjamin Brittens Oper „Peter Grimes“ (auch in Erinnerung an unser „Interdisziplinäres Gespräch zu Meer und Hören) ist hier aufschlussreich. In dieser Geschichte wird Peter Grimes, ebenfalls von der Dorfgemeinschaft als Bedrohung wahrgenommen. Seine Andersartigkeit und die mysteriösen Umstände, die ihn umgeben, führen zu einem ähnlichen Gefühl der Isolation und des Misstrauens, das auch Cora erlebt. Beide Figuren sind Außenseiter, die von der abgeschiedenen Dorfgesellschaft nicht akzeptiert werden.

Die psychologischen Folgen für die Dorfbewohner sind gravierend. Ihre Angst vor dem Unbekannten führt zu einem Rückzug in Aberglauben und irrationales Verhalten, was letztlich die Gemeinschaft weiter spaltet. Diese Dynamik zeigt, wie leicht sich Misstrauen und Vorurteile in einer Gruppe verbreiten können, wenn sie mit einer Bedrohung konfrontiert werden, die sie nicht verstehen. Cora und Peter Grimes stehen somit nicht nur für individuelle Kämpfe, sondern auch für die universellen Themen von Isolation, Missverständnis und der Suche nach Akzeptanz in einer feindlichen Umgebung.

Begierde und das innere Tier

Cora, eine leidenschaftliche Paläontologin und Leserin von Darwin, verkörpert den Kampf zwischen rationalem Denken und dem unbändigen Drang nach Entdeckung. Ihre Suche nach Fossilien und dem legendären Plesiosaurus spiegelt die menschliche Neigung wider, das Unbekannte zu ergründen. In diesem Spannungsfeld entwickelt sich ein heißes Beghren zwischen Cora und dem Dorfpfarrer Will Randsom, der in seinen religiösen Ansichten gefangen ist und gleichzeitig von Cora angezogen wird. Ihre Beziehung ist von einer intensiven Anziehung geprägt, die jedoch durch gesellschaftliche Konventionen und seine Ehe mit einer an Tuberkulose leidenden Frau kompliziert wird.

Aberglaube und die Schatten der Vergangenheit

Die Dorfbewohner von Aldwinter, die sich gegen die Seeschlange wappnen, sind ein Abbild der irrationalen Ängste, die in Zeiten des Wandels aufkommen. Ihr Aberglaube steht im Kontrast zu Coras wissenschaftlichem Ansatz und verdeutlicht die Spannungen zwischen Fortschritt und Tradition. Cora ist nicht nur ein Fixstern in der Gesellschaft, die versucht, ihren Platz zu finden, sondern auch eine Frau, die von ihrer Vergangenheit gezeichnet ist. Sie trägt Wundmale am Hals, die von den körperlichen Misshandlungen ihres verstorbenen Ehemanns zeugen, und hat Schwierigkeiten, Nähe zuzulassen, da sie sich oft bedroht fühlt.

Beziehungen und soziale Kämpfe

Cora wird auch von Luke Garrett, einem Arzt, begehrt, der versucht, sie mit Humor und Sarkasmus für sich zu gewinnen. Ihre Begleitung zu einem Arztball endet jedoch in einem Streit, der fatale Folgen hat: Luke wird auf dem Heimweg schwer verletzt und verliert fast seine Hand, was für einen Arzt eine Katastrophe darstellt. Inmitten dieser Konflikte ist Coras Sohn, ein hochbegabter und autistischer Junge, der sich für Naturwissenschaften interessiert, emotional von seiner Mutter distanziert. Stattdessen findet er eine Verbindung zu Martha, Coras Dienerin und Freundin, die sich als Sozialistin für sozialen Wohnungsbau und eine bessere Welt einsetzt. Marthas Liebe zu Cora ist ebenfalls stark, und sie wird zu einer wichtigen Stütze in Coras Leben.

Die Suche nach Selbstverwirklichung

Cora Seaborne ist nicht nur eine Figur, die gegen gesellschaftliche Normen ankämpft; sie ist auch ein Symbol für die Suche nach persönlicher Erfüllung in einer Welt, die oft von Aberglauben und patriarchalen Strukturen geprägt ist. Ihre Freundschaft mit Will Randsom zeigt, wie tief die menschlichen Beziehungen verwoben sind und wie sie sowohl Unterstützung als auch Konflikte hervorrufen können. Ist Cora die Schlange, im Paradies, die die Menschen um sich herum verrückt macht? Ihre Präsenz bringt sowohl Verwirrung als auch Anziehung in das Leben der Männer, die sie umgeben.

Mit freundlichen Grüßen

I. Burn

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:29. November 2025
  • Lesedauer:8 min Lesezeit