Kriminalkommissar Ritter, inzwischen zum Oberkommissar befördert und sein Partner in den Ermittlungen der Frankfurter Opernmorde, der Szene-Kenner I. Burn, der gerne seinen Vornamen verheimlicht (etwas, dass er mit Ritter gemeinsam hat), trafen sich im Frankfurter Palmengarten und Burn monologisierte Details aus der Frankfurter Aufführung zum „Postillion de Lonjumeau“. Das Essen bei ‚Siesmayer‘ war zwar exzellent, ansonsten hielt Ritter diese Ausführungen für pure Zeitverschwendung bis er Burns Erklärung verstand und eine dramatische Geschichte, ihn auf eine andere Spur brachte.
Eingefügte Szene U. W.: Ritter folgt der Einladung Burns ins Bockenheimer Depot an der Bockenheimer Warte,

wo noch im Dezember „Punch und Judy“ von Harrison Birtwistel gegeben wurde. Grell, blutig und voller Humor, genau nach I. Burns Geschmack. Es hat ihn einige Mühe gekostet, Ritter zu einer inszenierten Aufführung zu überreden. Letztlich hat Ritter sich dazu entschlossen, die Aufführung der Oper „Postillion de Lonjumeau“ gemeinsam zu besuchen, um zu einem tieferen Verstehen zu den Frankfurter Opernmorden zu gelangen. Bevor die Neuinszenierungen Premiere haben, wurden sie zu einer Matinee ins Holzfoyer bzw. ins Bockenheimer Depot eingeladen, um Einblicke in Werk, Musik und szenische Konzeption zu gewinnen.
Ritter hat inzwischen verstanden, worum es in dieser Oper geht. Sie handelt von Chapelou, einem Postillion, der seine Frau verlassen hat, um unter dem Namen Saint-Phar ein gefeierter Opernstar in Paris zu werden.
Burn erklärt ihm stehend vor der Matinee: „Mein lieber Ritter, ich habe Dir diese Geschichte nicht nur erzählt, um Dich für die Oper zu begeistern, sondern, ich will Dir helfen, endlich diese Opernmorde aufzuklären! Worum geht es also und wie lässt sich das auf unsere Ermittlungen übertragen? Es geht um die Thematik der Verwandlung und einem Spiel mit Identitäten. Vor kurzem las ich einen Beitrag zu Bewusstseinserweiterung, Grenzen, Selbstversuche; das Musical Jekyll & Hyde von Steven Cuden/Frank Wildhorn wurde zum letzten Mal am Staatstheater Darmstadt aufgeführt – eine Geschichte, die nicht nur um das Zusammenspiel von Gut und Böse dreht, sondern auch spannende Fragen zur menschlichen Natur aufwirft.

Es gab dazu auch einen passenden Kommentar zu Jekyll und Hyde. Es ging um das Thema Rache. Dr. Jekyll findet sich selbst zu schwach, um nach der Ablehnung seines Forschungsauftrags einen weiteren Versuch bei den Geldgebern zu starten. Anstatt sein Konzept zu verbessern, verwandelt er sich in den Racheengel Mr. Hyde. Dieser geht nicht nur seinen perversen sexuellen Neigungen nach, sondern nimmt auch Rache an dem Gremium, was seinen Dr. Jekyll verschmäht hat. Dabei folgt er einem recht einfachen Plan. Mr. Hyde überfällt die Menschen im Gremium bei Nacht und tötet sie. Dies ist kein schöner Wesenszug. Wer mag schon einen Mörder oder Egomanen als Titelhelden in einem Musical? Daher muss der Mord irgendwie gerechtfertigt werden.

Die zentrale Frage bleibt: Steckt nicht in jedem Menschen ein „Mr. Hyde“ – eine Seite, die gesellschaftlichen Normen widerspricht? Der wahre Horror in Jekyll & Hyde besteht nicht nur in der Verwandlung, sondern in der Erkenntnis, dass Hyde immer schon in Jekyll existierte. Das Serum hat ihn nicht erschaffen, sondern lediglich die Tür geöffnet.
Im Kontext der Mordermittlung liefert dies entscheidende Hinweise auf den Täter oder die Täterin, die sich hinter den Bühnencharakteren verbirgt oder deren Rollenbiografien zu nutzen weiß!“
Ritter sieht Burn verständnislos an: „Schon schlimm genug, dass ich dieses Gesinge aushalten muss, also bitte halte mich nicht mit langen Vorreden auf …“.
„Also fassen wir nochmals zusammen, mein lieber Ritter. Das Werk, dass wir heute besuchen wollen und das extra heute am 20. Januar 2026 für uns auf die Bühne gebracht werden soll, um vielleicht einen Mörder oder Mörderin zu stellen, können wir uns als potentiellen „Tatort“ denken. Für uns ist es Analyseobjekt, um Muster zwischen Handlung auf der Bühne und den traurigen realen Verbrechen in der Frankfurter Opernszene in den vergangenen Monaten zu finden.“
„Da sagst Du mir nicht Neues, Burn,“ fährt Ritter gelangweilt dazwischen.
„Diese Oper stellt schon etwas Besonderes dar, denn hier geht es um eine vokale Herausforderung!“, Burn ist über seine Kombinationsgabe selbst begeistert und steigert sich im Sprachtempo und in der Lautstärke. „Ich habe Dir bereits von der berühmten Postillion-Arie mit ihren extrem hohen Tönen berichtet; Du erinnerst Dich bestimmt an das hohe D; hat eine symbolische Bedeutung. In der Geschichte ist es ein Symbol für Hochmut oder auch die physische Grenze eines Sängers!“
„Burn, Du willst mir sagen, ein Mordmotiv oder ein Indiz für einen potentiellen Mord könnte mit der technischen Schwierigkeit einer Rolle oder der Rivalität um diese Spitzenpartien verknüpft sein?“, Ritter beginnt zu begreifen.
Burn lächelt schelmisch: „Genau mein Lieber, wir müssen die Dualität zwischen Realität und Schein durchschauen, die für diese Frankfurter Mordserie charakteristisch ist!

Realität und Schein erinnert an das Höhlengleichnis von Platon als Allegorie. Diese tiefgründige Allegorie thematisiert das menschliche Streben nach Wahrheit und die menschliche Wahrnehmung, die der Wahrheit oft im Wege steht. In der philosophischen Erzählung von Platon leben Menschen in einer dunklen Höhle, gefesselt an Ketten, die sie daran hindern, sich umzusehen. Ihr gesamtes Wissen und ihre Realität beschränken sich auf die Schatten, die an die Wand der Höhle geworfen werden. Diese Schatten sind alles, was sie kennen, und sie glauben, dass dies die gesamte Welt ist. Doch eines Tages wird ein Gefangener von seinen Fesseln befreit.

Es gibt sie die „Meilensteine des Lebens als Weckruf„. Menschen wagen aus einer Situation heraus den schmerzhaften Blick in die Sonne (was uns an das Buch des Psychoanalytikers Irvin D. Yalom: In die Sonne schauen. Wie man die Angst vor dem Tod überwindet, erinnert). Das grelle Licht der Sonne blendet, offenbart aber auch die Sicht auf eine andere Realität. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft, aber notwendig, um zu verstehen, dass die Höhle, im Sinne von unserem Unbewussten, nicht die ‚wahre Welt‘ ist.“ (Burn bezieht sich hier auf einen Beitrag zu „Platons Höhlengleichnis und der Film „Matrix“: Eine Reise zur Erkenntnis) .
„Ehrlich Burn, das geht mir irgendwie alles zu weit und auch irgendwie zu durcheinander. Ich habe längst den roten Faden verloren; irgendwas von Wahrheit und Erkenntnis und Theater spielen, was wir ja schließlich alle irgendwie tun. Da war doch was von Ervin Goffmann … Du sieht, nicht nur Du liest …hat irgendwie auch etwas mit spielen und Bühne zu tun. „Wir spielen alle Theater„, wie das der Soziologe und Kulturanthropologe Erving Goffman lehrte. Gehe es doch darum, dass das, was wir anderen präsentieren, immer auch davon geprägt ist, einen bestimmten Eindruck über uns zu vermitteln. Wir wollen also die Kontrolle behalten, auch über das, was der andere über uns denken könnte.“
„Aber nun genug philosophiert und hin und her gesprungen, Ivo Burn, denn das weckt zur Zeit unerfüllbare Begierden, und lass‘ uns schauen, was uns heute auf dieser für uns arrangierten Opernbühne erwartet …“:
Können Sie die Gedankengänge Burns nachvollziehen? Halten Sie diese für hilfreich, um sich in die Seele des Mörders einzufühlen? Oder geht es Ihnen wie Ritter, der Tatsachen liebt und sich nicht in Gedankenspielen verlieren will, weil ihm das alles zu ‚*’philosophisch‘ erscheint?Fiebern Sie genau wie wir vom Team UniWehrsEL Schreibwerkstatt „Tatort Frankfurt und der Magie der Musik“ dieser Aufführung entgegen? Egal, was immer geschieht, es ist unter Ausschluss der Öffentlichkeit, so dass Sie liebe Lesenden in aller Ruhe die weiteren Aufführungen von „Le Postillion de Lonjumeau“ bis Mai 2026 genießen können.

