Es hat ein wenig gedauert, bis eine ‚Schreibwerkstättlerin‘ den Versuch gestartet hat, die Gedankengänge des Opernkenners I. Burn im Bockenheimer Depot nachzuvollziehen. Schien es doch nicht unbedingt hilfreich auf den ersten Blick, sich in die Seele des Frankfurter Opernmörders einzufühlen, indem man über die Blindheit des Menschen im Kontext von Platons Höhlengleichnis philosophiert. Oder doch? Unsere heutige Schreibende fiebert jedenfalls, genau wie Kommissar Ritter und I. Burn, der zur Lösung der Fälle extra arrangierten Aufführung von „Le Postillion de Lonjumeau“ entgegen.
Aufführungsort soll der „Interimscampus“ im Frankfurter Gutleutviertel sein. Früher ein „Lost Place“ jetzt Spielstätte für Techno-Club Tokonoma und Milchsackfabrik, soll dies heute die finale Spielstätte für die Aufklärung der Opernmorde sein. Gegeben wird die Oper LE POSTILLON DE LONJUMEAU. Gemeinsam mit der Spielstätte, einer ehemaligen Lagerhalle, hat diese Aufführung, dass sie Anklänge an das „ancin regime“ aufweist, seien es Größenwahn, daraus folgende Finanzkrisen und letztlich Scheitern. Ritter und Burn sind sich einig, heute kann tatsächlich aus einer turbulenten Handlung, die viel Spaß verspricht, ein Fiasko werden.
Eingefügte Szene I. N.: Von wegen „Im Westen nichts Neues“ – frei nach Erich Maria Remarques 1929 erschienenem Roman. Bekanntlich schildert da ein einfacher Soldat aus seiner Perspektive wie es auf dem Schlachtfeld zugeht. Mit Schlachtfeld hat es eher weniger zu tun, was sich da im Frankfurter Westen heute abspielen soll – aber wer weiß das schon, wenn er einem Opernmörder auf der Spur ist.
Kommissar Ritter ist als erster vor Ort im Gutleutviertel. Er staunt über das ‚Gerippte‘ und anschließend über diese „Kathedrale aus Beton“, der Ort der heutigen Veranstaltung, wie es die Stabsstelle der Städtischen Bühnen Frankfurt beim ersten Eindruck verlauten ließ. Von „Industriecharme mit ganz viel Peng“ war da gar die Rede. Ob Peng, der Street-Art-Künstler hier tatsächlich seine Schriftzüge hinterlassen hat, kann leider nicht eindeutig belegt werden.
Ritter starrt mit verschränkten Armen auf die improvisierte Bühne, die für diese Aufführung hergerichtet wurde und den oder die Mörderin in die Falle locken soll.
„Um Himmels Willen Burn, was soll das nun wieder sein. Warum hängt da ein Bein aus der Kutsche auf der Bühne, gehört das zur Inszenierung. Soll der nicht eigentlich die Arie seines Lebens singen, wie Du mir erklärt hast?“
Ivo Burn ist wie immer overdressed. Er wirkt in seinem Smoking so gelassen, vielleicht sogar überheblich wie immer. „Ich gehe erst einmal davon aus, es gehört zur Inszenierung, obwohl mir im klassischen Stück keine Leiche bekannt ist.

Nochmal einfach für Dich zusammengefasst: In dieser Oper geht es um Chapelou, einen Postillion, der wegen seiner Stimme zum Star wird. Er lässt seine Frau am Hochzeitstag sitzen. Ein klassischer Fall von Größenwahn!“
Ritter nimmt sein Opernglas, beugt sich vor und keucht: „Und was hat das mit dem Giftpfeil in seinem Hals zu tun? Er deutet auf den unglücklichen Sänger, der, einem Postsack gleich, langsam aus der Kutsche rutscht.
„Wenn Du Dir die Partitur ansiehst,“ doziert Burn, „dann verlangt die Postillion-Arie ein hohes D. Das ist der Mount Everest für Tenöre…“, gib mir bitte mal Dein Opernglas, „jetzt ist genau das eingetreten, was wir eigentlich verhindern wollten. Das Opfer, so scheint mir oder – halt, ich sehe es jetzt ganz deutlich, ist der unglückliche Möchtegern Tenor oder auch Regisseur Strahlemann, auf jeden Fall hat der dieses hohe D heute Abend nicht gesungen … höchstens gegurgelt.“

Ritter springt auf: „Wieder ein Mord? Direkt vor unseren Augen? Und Du lieferst mir statt Hinweisen schon wieder so etwas wie eine Musikkritik?“
Jetzt wird auch Burn von einer Euphorie gepackt: „Aber die Musik ist der Beweis!“ Er springt auf, eilt zum Orchestergraben, klettert hinein und kommt mit einer kleinen, silbernen Trillerpfeife zurück. „Der Täter wusste, dass Strahlemann bei dem hohen Ton den Mund weit aufreißen würde. In genau diesem Moment hat er die tödliche Dosis, vor uns versteckt, irgendwo im dritten Rang abgefeuert. Ritter, es ist genial! Sozusagen ein ‚akustischer Präzisionsmord!“
Ritter ist fassungslos, steht neben der Leiche und seufzt: „Aber wer denkt sich denn so etwas aus …?“

„Jemand, der das Libretto zu ernst nimmt,“ kombiniert Burn. „In der Oper wird Chapelou Jahre später von seiner verlassenen Frau Madeleine wiedererkannt, die sich als reiche Madame Latour ausgibt, um ihn zu prüfen. Da sehe ich einen Zusammenhang. Wer immer heute in dieser Loge gesessen hat, fühlt sich als ‚unbekannte Gönnerin‘ oder ‚Gönner‘“.
Er eilt in die verlassene Loge und ruft: „Riechst Du das Ritter? Hier müffelt es nach einem alten Pelz und nach Mottenkugeln, der Duft der Rache liegt sozusagen in der Luft!“
Ritter reißt die Augen auf: „Eine Opernkennerin, eine enttäuschte Geliebte, die ehemalige Partnerin dieses heutigen Opfers. Da passt doch vieles zusammen, Eifersucht, Wut, hast Du eine Ahnung, mit wem dieses verkannte Genie dort unten zuletzt zusammen war?“
„Exakt!“ Burn nimmt eine Prise Schnupftabak. „Das sieht mir schon nach einem Racheakt einer Frau aus, die nicht wollte, dass er jemals wieder eine andere Frau mit diesem hohen D verführt. Wenn es eine Sie ist, hat sie ihn buchstäblich für immer verstummen lassen und zwar genau dann, als er den Gipfel des Ruhms durch das erklimmen der Tonleiter erreichen wollte!“
Ritter wird hektisch und funkt die Kollegen an: “Sperrt die Ausgänge! Wir suchen eine Frau, die vielleicht sogar ein historisches Kostüm trägt, aber sie kann sich auch in eine andere Verkleidung gezwängt haben. Denn sie will wieder einmal mit uns spielen. Es würde mich nicht wundern, wenn sie entweder laut ‚Bravo‘ rufen würde, oder sogar ihren alten Kassettenrekorder wieder anschmeißt.“

Genau in diesem Moment ertönt die Musik und ein Chor ist zu hören:
Welches Glück, welche Freude,
endlich vereint zu seh’n
Chapelou und Madeleine!
Erfüllt hat sich ihr Streben,
zu zweit fortan zu leben.
Nun mag die Liebe geben,
was lange sie ersehnt.
Man kann in unsernTagen
das Leben leichter tragen,
ein wenig Glück erjagen,
wenn innig man sich liebt,
Erfüllt hat sich ihr Streben,
zu zweit fortan zu leben.
Burn grinst, triefend vor Ironie: „Welche Introduktion, meine aufrichtige Bewunderung, meine Liebe! Es ist nur ein Jammer, dass diese herrliche Stimme Ihres geliebten Strahlemanns nun niemals mehr erklingen wird. Aber die Dramaturgie war tadellos … und zu Ritter gewandt:

„Hätten wir vielleicht noch Zeit für ein Glas Sekt, bevor wir das Protokoll schreiben? Denn ich glaube, wir haen den Fall gelöst! Und für Sie, die sich für die Größte hält, die Akustik wirkt nach diesem Mord im wahrsten Sinne hoch variabel!“
Ritter schüttelt unwillig den Kopf: „Ivo Burn, Du bist einfach unmöglich. Aber wenn es denn unbedingt sein muss, dann suchen wir uns demnächst einen Fall im Schauspiel Frankfurt – da wird wenigstens nicht so viel gesungen, während gemordet und gestorben wird.“
Liebe Lesende und Schreibende. Die Auflösung der Frankfurter Opernmorde scheint nun ganz nahe. Vielleicht möchten Sie dazu einen Tipp abgeben?


