Du betrachtest gerade Schauspiel Darmstadt: „No Signal“ (oder das Ende der Dunkelheit) Thriller von Tjörvi Lederer

Sigmund Freud führt in seinen Essay „Das Unheimliche“ (1919) aus, dass das Bedrohliche nicht im vollkommen Fremden liegt, sondern in der Rückkehr des Verdrängten: im Heimischen, das plötzlich sein doppeltes Gesicht zeigt. Dieses Motiv der Innerlichkeit — das Versteckte im Vertrauten, das Heimliche, das zum Unheimlichen wird — bildet den Schlüssel, um Tjörvi Lederers No Signal im Staatstheater Darmstadt zu lesen. Das Stück passt zum Seminar „Unter Spiegeln: Kultur, Geschichte, Metaphorik des Spiegelns“ und wird hier konkret angewandt: Als Anwendungsbeispiel dient die Inszenierung Tjörvi Lederers No Signal am Staatstheater Darmstadt, deren Bühnenwohnung, wiederkehrende Objekte und doppelbesetzte Figuren sich als Spiegel der Psyche lesen lassen.

Liebe Lesende des UniWehrsEL,

In No Signal erwacht die Einsamkeit, und ein einsamer Mensch kämpft gegen innere und äußere Widerstände, gegen sich selbst – und gegen eine Realität, die sich zunehmend aufzulösen scheint. Das Schauspiel stellt die Frage: „Wo endet die Nacht, wo beginnt der Traum?“

Einsamkeit ist heute kein Randphänomen des hohen Alters mehr, sondern trifft Menschen jeden Alters; verstärkt sichtbar seit der Corona‑Pandemie. Nach der Zeitverwendungserhebung (ZVE) 2022 gaben etwa 16 % der Personen ab 10 Jahren an, sich häufig einsam zu fühlen, in der Altersgruppe 18–29 lag der Anteil bei rund 24 %. Vor diesem Hintergrund gewinnt durch den Protagonisten Lukas’ die soziale Isolation in No Signal an gesellschaftlicher Relevanz: Sein fehlendes „Signal“ ist nicht nur individuelles Versagen, sondern spiegelt ein verbreitetes, zeitgenössisches Problem.

Die Wohnung als Spiegelbild der Seele

Die kleine Wohnung auf der Bühne ist somit nicht nur Kulisse, sondern Labor und Spiegel; ihr Mobiliar, ihre Zimmer und Rituale spiegeln die Risse in einer Psyche, die versucht, Unbehebbares zu verbergen. Der Titel No Signal verweist metaphorisch auf den Verlust von Verbindung — nach außen wie nach innen. Wörtlich evoziert er die Meldung des Fernsehers, wenn kein Datensignal ankommt: eine Kommunikationsstörung, Stillstand, Unterbrechung.

Die Handlung setzt in einem vertrauten, fast banalen Alltag an: Lukas lebt mit seiner bettlägerigen Mutter, wiederholt das morgendliche Ritual von Kaffee, Laptop und Fernseher, empfängt Absagen auf seinem Handy, und erlebt zweimal täglich die Pflegekraft Frau W.

Diese Wiederholung — das Immergleiche — wirkt zunächst wie eine Oberfläche, hinter der ein klassischer Thriller lauert. Lederer zitiert das Genre: ein „Cold Open“ (einen unvermittelten Anfang) anmutend wie ein plötzlich auftauchender Cowboy mit Revolver, suggestive Bedrohung, dramatische Schwesterkonfrontation. Die Wohnung als Spiegel zeigt hier zwei Gesichter zugleich: das äußere Bild eines bürgerlichen Heims und das innere Geflecht familiärer Spannungen und Geheimnisse. (Image by rauschenberger from Pixabay)

Figuren und Darstellung

Die Figuren in No Signal sind funktionale Spiegelbilder von Lukas‘ Innenwelt: Lukas selbst wird von Patrick Balaraj Yogarajan gespielt und schwankt zwischen Naivität und Lethargie; die stumme, bettlägerige Mutter bleibt anonym, bildet aber das verheimlichte Zentrum familiärer Lasten; Joana, die explosive Schwester, wird von Laura Eichten verkörpert; Frau W. und ihre Nachfolgerin werden ebenfalls von Laura Eichten dargestellt und fungieren als wechselnde Projektionen von Fürsorge und Bedrohung; die Pflegekraft, die bewusst männlich besetzt ist, spielt Florian Donath; zudem tritt Florian Donath in der Rolle des Cowboys auf, während die wiederkehrenden Typen und Archetypen auf der Bühne als materialisierte Fantasien von Gewalt, Flucht und Identitätswechsel wirken.

Nach der Pause jedoch zerbricht die konventionelle Spiegelung. Die erwartete kausale Logik des Thrillers löst sich auf; die Szenen fragmentieren zu Auftritten, Tagträumen und surrealen Einbrüchen — zwei Pflegerinnen jagen sich mit Pistolen, ein scheinbar Getöteter erhebt sich, ein Pilotenpaar fällt aus dem Nichts in die Wohnung, und am Ende kehrt der Cowboy als gewöhnlicher Mitbewohner zurück. Dieser Bruch ist kein dramaturgischer Zufall, sondern die Konsequenz einer anderen Spiegelung: Die Bühne spiegelt nicht länger die Außenwelt, sondern die Innenwelt Lukas’. Die Unstimmigkeiten, die Parodien auf Film-Action und die abrupten Rollen- und Kostümwechsel funktionieren wie verzerrte Spiegelbilder, die nicht die Realität reproduzieren, sondern sie fragmentieren, vervielfältigen und verfremden.

Narzissmus, das Unheimliche und die Spiegelungen des Ichs

Freuds Konzept des Narzissmus‘ beleuchteten wir bereits im Film „Hamnet„ und in unserem Beitrag zum Narzissmus-Mythos. Wir versuchten das Motiv des Doppelgängers in der Literatur (insbesondere bei E.T.A. Hoffmann), um seine Theorie des Unheimlichen zu belegen. Das Unheimliche“ (1919) beschreibt den Doppelgänger (oft verkörpert durch einen Zwilling oder ein Spiegelbild) als eine Abspaltung des Ichs. Ursprünglich dient diese Verdopplung beim Kind als Schutzmechanismus und Ausdruck des primären Narzissmus (Selbstliebe), um die eigene Unsterblichkeit zu sichern. Im Erwachsenenalter wird diese Begegnung mit dem „zweiten Ich“ jedoch unheimlich. Der Doppelgänger wird zum Träger all jener negativen Eigenschaften und unterdrückten Wünsche, die das Individuum aus seinem bewussten Selbstbild verbannt hat. Er fungiert als eine Art äußeres Gewissen oder Über-Ich, das den Einzelnen beobachtet und kritisiert.  (Bild von GDJ auf Pixabay)

In „No Signal“ zeigt sich, dass durch diese besondere Form der Spiegelung das Publikum in die Position versetzt wird, die Grenzen zwischen Realität und Projektion nachzuvollziehen. Was zunächst als potenziell handlungsführendes Geheimnis erscheint — Schuld, Rache, familiäre Gewalt — entpuppt sich als innere Dramaturgie eines isolierten Menschen, der seine Sehnsüchte, Ängste und gescheiterten Lebensentwürfe in virtuellen Massakern ausspielt. Die Bühne wird zum psychischen Schlafzimmer: die hinteren Zimmer sind die verborgenen Kammern des Bewusstseins, die allmählich aufbrechen; die vertraute Einrichtung verwandelt sich in ein Spiegelkabinett, in dem jedes Bild eine andere, oft groteske Möglichkeit des Ichs reflektiert.

Regie und Ensemble nutzen diesen Spiegelmechanismus konsequent. Der Verzicht auf tieenfpsychologische Figurenzeichnung zugunsten von Typen und schnellen Kostümwechseln lässt die Figuren zu beweglichen Spiegeln werden, die die jeweils andere Seiten von Lukas beleuchten. Humorvolle Parodien — die platzpatronenknallenden Schusswechsel, die überzeichneten Thriller-Zitate — dienen dabei als dekonstruktive Spiegel, die die Heroik und Sentimentalität des Genres entlarven.

Lederers No Signal bricht bewusst mit Erwartungshaltungen. Wer ein logisch geschlossenes Krimi-Universum betritt, wird irritiert; doch genau diese Irritation ist die Absicht: Die Form spiegelt die Zerrissenheit eines Lebens, das nicht mehr kohärent erzählt werden kann. Statt eine Lösung anzubieten, öffnet das Stück psychische Räume, in denen das Verdrängte sich zeigt, variiert und lächerlich gemacht wird — um dann wieder als bedrohliche Möglichkeit zurückzukehren. Die Wohnung bleibt Spiegel und Gefängnis zugleich: ein Ort, an dem das Heimliche hervorkommt und das Ich in seinen Multiplen sich erkennen muss.

Lukas steht stellvertretend für die modernen Bruchstücke des Selbst: als isolierter Beobachter spiegelt er die Folgen sozialer Entfremdung und innerer Blockade. Seine Routinen verbergen Verletzlichkeit und ungelöste Konflikte, die sich in Tagträumen, Gewaltexzessen und mehrfach besetzten Spiegelbildern entladen. Statt eines klassischen Antihelden ist er ein psychisches Feld, in dem Verdrängtes sichtbar wird — ambivalent, verletzlich und manchmal Lächerlichkeit. Die Figur zwingt das Publikum zur Selbstreflexion: Lukas zeigt, wie Einsamkeit und fehlende Verbindung nicht nur Leere bedeuten, sondern die Bedingung dafür sind, dass verdrängte Anteile an die Oberfläche treten. (Image by BiancaVanDijk from Pixabay)

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:18. April 2026
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