Am 01.01.2026 erreicht den Leser die Meldung, dass Dieter Bohlen nach 20 Jahren seine Freundin Carina geheiratet hat. Bohlen veröffentlicht seine Hochzeit groß in sozialen Medien und macht das Ereignis zum öffentlichen Spektakel. Dies lässt mich als Besucher der Neujahrsaufführung von Cosi fan tutte (so machen sie’s alle) natürlich nicht kalt. Denn die neue Inszenierung von Mariame Clement untersucht die pschologischen Gründe, warum sich Menschen das Ja-Wort in der Öffentlichkeit geben und dazu einen großen Raum anmieten. Im Rahmen des Seminars „Puppen als Seelenverwandte“ beschäftigen wir uns intensiv mit der Symbolik von Figuren, die äußerlich starr und dekorativ, innerlich jedoch lebendig und vielschichtig sind. Die aktuelle Neuinszenierung von Cosi fan tutte an der Oper Frankfurt hat mich tief beeindruckt – und zugleich zum Nachdenken über die feinen Grenzen zwischen Spiel, Täuschung und echter Gefühlswelt angeregt.
Liebe Leser und Leserinnen des UniWehrsEL,
Die aktuelle Frankfurter Produktion von Così fan tutte, die in der „Hochzeitshölle“ spielt, hat mich tief berührt – nicht nur wegen der brillanten Regie, sondern vor allem wegen der psychologischen Themen, die sie aufgreift. In der Vorstellung wird die vermeintliche Traumhochzeit zu einem Schauplatz des Drucks, der vielen von uns im realen Leben vertraut ist. In der Inszenierung kommt es mir fast wie das berühmte Warten auf Godot vor, wenn die Traumhochzeit mehrfach mit vielen Teilnehmern durchgeprobt wird. Das erzeugt inneren Druck ein perfektes Ergebnis abzuliefern.

Zwei Figuren warten auf jemanden, der angekündigt ist – und nicht kommt. Alle kennen das Motiv: Hoffnung, Absurdität, Würde im Warten. Beim Wort ‚Warten‘ kommt dem theateraffinen Leser sofort Samuel Becketts „Warten auf Godot“ in den Sinn. In diesem Stück wird das Warten selbst zum zentralen Motiv, thematisiert es doch die Absurdität des Lebens und die Ungewissheit über den eigenen Todeszeitpunkt. Wladimir und Estragon warten vergeblich auf Godot, der nie erscheint. (Warten war auch ein großes Thema in unserem Beitrag „Stell Dir vor, es ist Weihnachten und keiner kommt“)
In der Frankfurter Inszenierung von Così fan tutte wird die Hochzeitshölle durch die immer wiederkehrende Probe der Hochzeitszeremonie dargestellt. Die Figuren müssen das gleiche Ritual immer wieder vorbereiten, korrigieren und erneut aufführen, sodass ein endloser Kreislauf aus Vorbereitung und Angst entsteht. Dieser Kreislauf erzeugt das Gefühl einer Hölle, weil er den inneren Druck, gesellschaftlichen Erwartungen und die Angst vor einem möglichen Scheitern ständig neu entfacht. Die Protagonisten suchen in der perfekten Feier Bestätigung ihrer Liebe und ihres sozialen Status, doch das Streben nach Perfektion führt zu Stress und Selbstzweifeln.
In Samuel Becks Warten auf Godot erleben die beiden Hauptfiguren Vladimir und Estragon ein ähnliches Muster der Wiederholung, jedoch mit einem anderen Inhalt. Sie warten immer wieder auf den nicht näher definierten Godot, führen dieselben Gespräche, Handlungen und Rituale aus, ohne dass sich etwas ändert. Das endlose Warten erzeugt ein Gefühl der Sinnlosigkeit, das als Hölle empfunden wird, weil es das Leben in ein lähmendes Nichts verwandelt. Auch hier suchen die Figuren nach einer Erlösung oder einem tieferen Sinn, doch diese bleibt unerreichbar.
Der Druck entsteht vor allem aus sozialen Erwartungshaltungen, die uns seit Kindheitstagen mit dem Bild einer perfekten Hochzeit konfrontieren. Dieses Bild, ein märchenhaftes Fest, das Glück und Erfolg symbolisiert, erzeugt ein inneres „Soll‑Ich“, das stark von äußeren Vorgaben geprägt ist. Wer von diesem Ideal abweicht, fühlt sich schnell unzulänglich.
Zudem verknüpfen viele Menschen ihre Selbstwertgefühle und ihre Identität mit dem Hochzeitsritual. Die Hochzeit wird zum Prüfstein, an dem sie ihre eigene Wertigkeit messen: „Bin ich gut genug, um geliebt zu werden?“ Wenn die Feier nicht den eigenen oder fremden Erwartungen entspricht, entsteht ein starkes Selbstzweifel‑Gefühl.

Mit diesem ewigen Selbstzweifel beschäftigt sich auch unser Beitrag „Trillern der Nachtigall und ewige Selbstzweifel„. Der ewige Zweifel, oder warum kann ich nicht einfach losträllern? Man kann alles von verschiedenen Sichtweisen aus betrachten. Da wäre einmal die Ebene des Vergleichs: warum ist der oder die Andere erfolgreicher als ich, obwohl ich mich doch so anstrenge, ihm oder ihr aber anscheinend gelingt es mühelos. Ich unterstelle mich mehr anzustrengen, also steht mir auch mehr Erfolg zu.
Ein weiterer Faktor ist der Perfektionismus, der mit dem Wunsch einhergeht, jedes Detail der Hochzeit perfekt zu gestalten. Da Hochzeiten komplexe Ereignisse mit unzähligen zu koordinierenden Elementen sind, führt dieser Wunsch leicht zu Überforderung, weil wir die Kontrolle über viele Variablen verlieren. Der Gedanke, dass ein kleiner Fehler das ganze Bild ruiniert, erzeugt Angst und Stress.
In der Oper geht es um sechs Personen, die wie Sterne um sich selbst kreisen. Die Handlung spielt binnen 24 Stunden und stellt das Leben von zwei Paaren auf den Kopf. Die Freunde Guglielmo und Ferrando schließen einen teuflischen Pakt – eine zynische Wette mit dem älteren, durchs Leben skeptisch gewordenen, Don Alfonso auf die Treue ihrer Geliebten Fiordiligi und Dorabella. Don Alfonso ist sich sicher, mit Hilfe der Zofe Despina die Untreue der Frauen zu beweisen. Die Männer werden in einen vermeintlichen Kriegseinsatz geschickt, erscheinen jedoch verkleidet als Fremde wieder bei den Frauen. Nun muss der jeweils andere Mann die Geliebte des anderen verführen. In diesem abgekarteten Spiel gehen vorgetäuschte Gefühle und echte Gefühle Hand in Hand. Am Ende feiern die falschen Paare eine fingierte Doppelhochzeit, bevor die beiden Schwestern über die wahre Identität ihrer neuen Liebhaber aufgeklärt werden.
Die Regie von Mariame Clement verlagert den Fokus von der rein perfiden Handlung hin zu einem modernen Hochzeitsthema. Die Figuren, ursprünglich aus der Commedia del Arte entlehnt, erscheinen hier kaum mehr in zivilen Alltagssituationen, sondern stets in prachtvollen Brautkleidern. Das gesamte Szenario ist von einer aufwändigen Hochzeitsörtlichkeit geprägt: ein festlich geschmückter Saal, zahlreiche Gäste und ein Heer von Bediensteten, die ihr Können einsetzen, um den Paaren einen unvergesslichen Tag zu bescheren.

Denkt man an die Commedia del Arte kommt auch der „Bajazzo“ des Komponisten Leoncavallo ins Spiel. Über ihn reflektierten wir im Beitrag „Sünde, Tod und tanzende Willis„. Untreue ist eine Todsünde und muss streng bestraft werden. Denn hinter jedem körperlichen Betrug verbergen sich Gier und Wollust. Die gnadenlose Bestrafung übernehmen die Willis. Sie sind die Geister verstorbener Bräute, deren Ziel es ist, treulose Männer im Reigen zu Tode zu tanzen. Ein wunderbarer Stoff für einen Puccini Opernabend. Der Bajazzo ist eine Figur aus der „Commedia del Arte“ dem italienischen Stehgreiftheater. Der Bajazzo ist der betrogene Ehemann, der es nicht begreift, dass sie ihn betrügt und deshalb für das Publikum lustig ist. In der Oper vermischen sich zwei Ebenen: die des echten Lebens als gehörnter Ehemann und betrügende Ehefrau und das ihrer Rollen als Schauspieler des fahrenden Volkes. Der Bajazzo von Leoncavallo ist so berühmt, dass sogar die Zeichentrickserie die „Simpsons“ der Story eine Folge widmen. Die berühmte Arie ist „weine nicht Bajazzo, sondern lache“.
Durch die Verlegung der Handlung in den modernen ‚Hochzeits-Alltag‘ verliert die Handlung an Leichtigkeit. Liebe und Ehe wirken hier wie durchgeplante Kopfsache, ein aufgezwungenes Fest, das viel Geld und Zeit kostet. Der innere Druck, ein perfektes Erlebnis zu inszenieren, lässt die Wette über die Treue der Partnerinnen beinahe zur Nebensache werden. Der Glanz des Ortes verwandelt die Bräute sinnbildlich in Puppen: Sie stehen in prächtigen Kleidern, während die eigentlichen Gefühle im Hintergrund bleiben. Auch das Publikum wird von der opulenten Szenerie fast erdrückt und richtet seine Aufmerksamkeit weniger auf die Gefühlswelt von Guglielmo, Ferrando, Fiordiligi und Dorabella, sondern auf die Hochzeits‑Show selbst.
Ein Gegenpol entsteht im heruntergekommenen Nebenraum, der die beiden Festsaale verbindet. Dort können die Personen einander beobachten, und die gesellschaftliche Erwartung an eine glückliche Hochzeit wird kritisch hinterfragt.
Die Verkleidung der Männer ist ein gelungener Einfall: In der Anfangsszene, quasi der ersten Hochzeit zur Ouvertüre, tragen sie lange Haare und wirken wie gepflegte Hippies. Als Verführer erscheinen sie mit Kurzhaarfrisur und kleinen Schnurrbärten. Die Regie erklärt, dass die Handlung nach heutigen Maßstäben nicht mehr binnen 24 Stunden, sondern über mehrere Monate abläuft – so können die Frauen die neuen Partner erst nach einiger Zeit erkennen. Diese verlängerte Zeitspanne lässt die vier Liebenden ihre eigenen Gefühle intensiver hinterfragen und aus ihrem „Puppendasein“ ausbrechen.
Das Stück endet realistisch, nachdem die Frauen entdeckt haben, dass sie sich in die falschen Partner verliebt haben. In Abwesenheit der Hochzeitsgesellschaft und der Diener suchen sie das Gespräch, und gemeinsam entscheiden sie über ihre Beziehung – ein erwachsener Abschluss nach dem Gefühlschaos.
Ein besonders prägender Akteur ist die Dienerin Despina, die in dieser Inszenierung fast zur „Puppenspielerin“ wird. Sie sorgt für Verwirrung, spielt Arzt, Notar und beratende Freundin, und am Ende zählt sie das Geld, das sie von Don Alfonso für die Inszenierung erhalten hat.
Wie sieht ein Puppen- oder Marionetten-Spieler „seine“ Marionette? Das fragten wir in unserem Beitrag zu „Marionette, Gliederpuppe an Fäden oder eine Person, die von anderen kontrolliert wird?“

- Für ihn ist die Marionette zunächst ein Instrument, das er fürs Theater verwendet.
- Die Marionette erzählt Geschichten, es werden Gefühle und andere Möglichkeiten menschennaher Empfindungen ausgedrückt.
- Die Marionette ist für den Spieler ein Wesen, in das er schlüpft, um mehr oder anderes sichtbar zu machen. Er erfüllt sie mit Dasein. Er ist mit ihr aufs Engste verbunden, denn sie ist für ihn ein Lebewesen. Wenn diese Empathie den Zuschauer auch erreicht, dann kommt es zu einer Einheit des Erlebten.
- „Wenn ein Spieler sich nicht auf die Marionette einlässt und er nicht zu der Figur wird, dann wird sein Spiel darunter leiden. Der Spieler stellt sich also auf die Marionette ein, und nicht umgekehrt“.
Don Alfonso hingegen hat Spaß daran seine Intrigen zu spinnen und die anderen wie Figuren auf einem Schachbrett zu dirigieren. In dieser Inszenierung ist er weniger der Puppenspieler, weil er mehr die Rolle des faszinierten Beobachters spielt.
Fazit und Überlegungen zu Puppen
Die ständige Präsenz von Brautkleidern und die überbordende Hochzeitsinszenierung verwandeln die Figuren – insbesondere die Frauen – in „lebendige Puppen“, deren äußere Schönheit den inneren Konflikt verdeckt. Doch gerade diese „Puppen“ brechen im Verlauf der Oper aus ihrer statischen Rolle aus, entdecken eigene, vielschichtige Gefühle und entscheiden selbstbestimmt über ihr weiteres Leben. Die Oper zeigt, dass sowohl Männer als auch Frauen zu frivolem und anmoralischem Spiel fähig sind, doch sie bietet auch einen Weg aus der Manipulation: das bewusste Erkennen und Benennen der eigenen Emotionen jenseits der äußeren Inszenierung.
„Così fan tutte“ an der Oper Frankfurt ist damit nicht nur ein humorvolles Opern‑Erlebnis, sondern ein Spiegel unserer heutigen Gesellschaft, in der äußere Perfektion oft die wahren Gefühle überlagert – und ein Aufruf, die eigenen „Puppen“ zu befreien.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL


