In „Dann passiert das Leben“ (2025) wird die Thematik einer unglücklichen langjährigen Ehe eindrucksvoll behandelt. Die Protagonisten Rita (Anke Engelke) und Hans (Ulrich Tukur) sind gefangen in einem emotionalen Stillstand, bis das plötzliche Eintreten einer Katastrophe ihre Beziehung auf die Probe stellt. Diese dramatische Wendung zwingt sie, sich mit ihren unausgesprochenen Konflikten und der gescheiterten Intimität auseinanderzusetzen.
Ältere Beispiele für unglückliche Ehepaare finden sich in Romanen wie „Ehe für Anfänger“ (2006) von Zoë Barnes, wo die Protagonisten in einem Teufelskreis aus Missverständnissen gefangen sind, oder „Die Ehe der Maria Braun“ (1979), das die Zerbrechlichkeit von Beziehungen im Kontext von Krieg und Verlust thematisiert. Der Film mit Hanna Schygulla als Maria und Klaus Löwitsch als Hermann Braun dreht sich um zwei, die heiraten im zweiten Weltkrieg, dann muss er an die Front. Sie glaubt, er ist gefallen und beginnt ein Verhältnis mit Bill, dem schwarzen GI. Hermann kommt zurück, ertappt seine Frau mit Bill, der darufhin von Maria mit einer Flasche erschlagen wird. Hermann geht für sie ins Gefängnis. Ivan Desny verkörpert den Fabrikanten Oswald, in dessen Firma und Leben Maria eine Rolle spielt, während der Gefängniszeit von Hermann.

(unser Beitrag Fassbinder „Die Ehe der Maria Braun“, Neuinszenierung 2024).
In diesen Geschichten wird oft ein plötzlicher Einschnitt, sei es durch äußere Umstände oder innere Konflikte, zum Katalysator für Veränderungen. Um mit solchen Krisen umzugehen, ist es entscheidend, offen zu kommunizieren und sich den eigenen Emotionen zu stellen. Therapie und Selbstreflexion können helfen, die Beziehung neu zu bewerten und gegebenenfalls zu reparieren. Manchmal erfordert es auch den Mut, sich von toxischen Bindungen zu lösen und einen Neuanfang zu wagen. In „Dann passiert das Leben“ wird deutlich, dass Katastrophen nicht nur Zerstörung, sondern auch die Möglichkeit zur Transformation mit sich bringen.
Die handelnden Protagonisten des Films kennt man. Ulrich Tukur ist ein deutscher Schauspieler, Musiker und Regisseur, bekannt für seine Vielseitigkeit und tiefgründigen Rollen. Er wurde 1967 geboren und hat in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen mitgewirkt, darunter auch in der beliebten Krimireihe „Tatort„. Anke Engelke ist eine deutsche Schauspielerin, Komikerin und Synchronsprecherin, geboren 1965. Sie erlangte große Bekanntheit durch ihre Arbeit in verschiedenen Comedy-Formaten und hat sich auch als Schauspielerin in ernsteren Rollen einen Namen gemacht.
In dem Film „Dann passiert das Leben“ – die Filmmusik wurde von Pauls Gallister komponiert – spielt Musik eine bedeutende Rolle, die die emotionale Stimmung unterstreicht und die Handlung intensiviert. Die Auswahl der Melodien trägt zur Erzeugung von Spannung, Melancholie oder raren Momenten der Freude bei.
Der ihr Grundstück umgebende Wald und der Teich mit Enten sind zentrale Elemente, die eine harmonische, aber auch mystische Atmosphäre schaffen. Der Wald symbolisiert oft das Unbewusste, das Verborgene und die Verbindung zur Natur, während der Teich mit seinen Enten Frieden und Gelassenheit darstellt. Diese Symbole reflektieren die innere Reise der Charaktere und die Suche nach Identität und Zugehörigkeit. Die Präsenz von Naturmotiven verstärkt das Gefühl von Rückzug und Reflexion, was für die Entwicklung der Handlung entscheidend ist.
Das Waldgrundstück mit einem Haus, das durch ständige heruntergelassene elektrische Fensterläden düster und unwirtlich wirkt, dient dem in die Jahre gekommenen
Ehepaar als Rückzugsort, aber auch um die Isolation und die festgefahrenen Routinen widerzuspiegeln. Auf dem Grundstück ist ein Teich mit zwei Enten. Der Teich symbolisiert das ruhige, aber stehende Leben des Paares. Als der Fuchs die eine der Enten holt, hat dies eine tiefere Bedeutung. Das dramatische Ereignis fungiert als Katalysator und symbolisiert den Einbruch der rauen Realität (das Passieren des Lebens) in die vermeintliche Idylle der Natur.
Die Enten symbolisieren Wohlbefinden und eine starke Beziehung zueinander. Der Fuchs verkörpert den „Trickser“ das Unvorhersehbare, das die bestehende Ordnung stört. Der Raub und Mord der Ente durch den Fuchs markiert den Moment, in dem die gewohnten Bahnen verlassen werden und Rita und Hans gezwungen sind, sich neu mit ihren Lebensumständen auseinanderzusetzen.
Im Film „Dann passiert das Leben“ nehmen einesteils der Sohn und andererseits das Bedürfnis nach Kontakt zum Umfeld des Unfallopfers zentrale Funktionen für die emotionale Bewältigung der Protagonisten ein. Genau wie der Tod der einen Hälfte des Entenpaares, dient die Rolle des Sohnes als Katalysator.
Rita leidet unter dem Empty-Nest-Syndrom, hat ihre Lebensaufgabe verloren, seit der Sohn nicht mehr im Hause ist. Der erwachsene Sohn Tom (Ben Münchow) besucht teilweise die Eltern, ist aber in ihrem Leben sehr präsent. Er fungiert als Überbringer lebensverändernder Nachrichten. So konfrontiert er Rita und Hans, genau in der Zeit des tödlichen Unfalls, des von Rita überfahrenen jungen Mannes, mit der Nachricht, dass sie Großeltern werden. Diese Ankündigung steht im stummen Kontrast einerseits zum inneren langjährigen Stillstand der Eltern, andererseits zum stummen Entsetzen über den Moment der Unfallnacht, die alles verändert. Im strömenden Regen haben die Eltern ihren Sohn Tom zur Bahn gebracht, als Rita und Hans sich heftig streitend den Radfahrer übersehen haben.

Strömender Regen gehört in vielen Romanen und Filmen als ein Symbol eines bevorstehenden unerwarteten Ereignisses, ist auch ein Stilmittel um eine düstere, hoffnungslose Atmosphäre darzustellen. So wählt beispielsweise Karen Duve in ihrem Regenroman (erwähnt auch im Beitrag „Karen Duve: zwischen Faszination und Ekel„) das Moor und den Morast als tückischen Boden menschlicher Beziehungen. Als der Hamburger Schriftsteller Leon sein Traumhaus am Rande eines ostdeutschen Moors findet, scheint alles bereit für eine glückliche Idylle. Doch so, wie die Schneckenplage und der unablässige Regen die Grundmauern des Hauses angreifen, so durchdringen Gleichgültigkeit und Kälte Leon und seine Ehe.
Der Spiegel der Entfremdung hat sich bei Hans und Rita schon während der gesamten Handlung angekündigt. Er, ein gerade pensionierter Direktor, der ein Verhältnis mit seiner Nachfolgerin beendet hat. Sie eine Frau mit 62, die in der Pflege arbeitet, deren einziges Eigenleben im täglichen Schwimmengehen und in vereinzelten Gesprächen mit einer Kollegin besteht. Die Sprachlosigkeit zwischen Hans und Rita überträgt sich auch auf die Beziehung zum Sohn, den beide lieben, aber wenig Worte dafür finden. Das Glück, dass es durch den Sohn eine Zukunft geben könnte und das gleichzeitige Entsetzen, einem Menschen die Zukunft genommen zu haben zwingt Rita und Hans sich mit der eigenen Zukunft und dem Altern auseinanderzusetzen.
Obwohl der tödliche Unfall des jungen Radfahrers unverschuldet war, er war betrunken, es war dunkel und er fuhr wohl ohne Licht, sucht Rita verzweifelt den Kontakt zu dessen Freundin. Trotz juristischer Unschuld fühlt sich Rita moralisch verantwortlich. Der Drang, sich wenigstens zu entschuldigen, treibt sie an. Hans sieht das anders und versucht Zukunft gerichtet zu agieren.

Da die Polizei keine Informationen zum Opfer herausgibt, wird die Suche nach der Freundin des Opfers für Rita zu einer Möglichkeit, das anonyme Opfer zu personifizieren und einen Weg aus ihrer eigenen Schockstarre zu finden. Ihr obsessiver Wunsch nach Kontakt fungiert als emotionaler „Kipppunkt“, denn er bricht die jahrelange erstarrte Routine ihres Alltags auf und zwingt sowohl Rita als auch Hans dazu, sich wieder mit dem „echten“ Leben und tiefen Emotionen wie Trauer und Empathie zu beschäftigen.
Ob dies tatsächlich gelingt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden!



