„Face2Face“ im Landesmuseum Darmstadt – „Erst der Widerblick macht das Gesicht“
In »Face2Face«, einer Ausstellung aus dem reichen Fundus der Graphischen Sammlung im Landesmuseum Darmstadt, geht es um Sehen und Angesehen werden, um das Wechselspiel zwischen dem eigenen Gesicht und dem Antlitz des Anderen – oder dem eigenen Spiegelbild. Ein Gesicht, das von niemandem gesehen wird, existiert nicht. Denn erst der Widerblick macht das Gesicht. Nicht zuletzt in unserer digitalen Welt mit Instagram und Selfie ist das Gesicht das Medium von Ausdruck, Selbstdarstellung und Kommunikation. Es ist die Bühne der Seele.
Ist es nicht erstaunlich, wie überall Gesichter auftauchen – von Zeitungen und Magazinen über Werbeplakate bis hin zu Instagram‑Feeds und TikTok? Und was könnte ein Porträt in der Kunst alles bedeuten, gerade im Zeitalter von Instagram und Milliarden Selfies? Genau das fragt die Sonderausstellung Face2 Face im Landesmuseum Darmstadt: Sie zeigt, wie ein Gesicht erst durch den Blick des Betrachters zum echten Kommunikationsmedium wird.
Schon als Kinder lernen wir, Gesichter zu lesen und Blicke zu deuten – das Gesicht ist schließlich unser persönlicher Ausdruck. Gesichter sind mehr als bloße Abbilder; sie sind Träger von Emotion, Geschichte und sozialer Zugehörigkeit. In Face2Face wird gezeigt, dass das Antlitz erst durch den „Widerblick“ – das gegenseitige Sehen zwischen Darsteller und Publikum – zu einem echten Kommunikationsmedium wird. Der Betrachter lernt, dass das Gesicht nicht nur ein Spiegel der eigenen Identität, sondern auch ein Fenster in die Zeit und Kultur ist.
Die Entdeckung des Individuums wird oft mit der Renaissance verknüpft – ab dem 16. Jahrhundert, etwa mit Albrecht Dürers Kaufmann Fugger, erscheint die einzelne Person zum ersten Mal als eigenständiges Motiv. Warum plötzlich das Interesse an der einzelnen Gestalt? Was hat sich geändert, dass Künstler*innen begannen, das „Ich“ zu feiern?
Im Laufe der Jahrhunderte kam die Physiognomie ins Spiel: Das Aussehen sollte Aufschluss über den Charakter geben. Wer aussah wie ein Schwein, dem wurde auch das entsprechende Wesen zugeschrieben – ein ziemlich radikaler Ansatz, oder?
Betreten Sie den Raum, der den ältesten Schätzen gewidmet ist, und Sie stoßen sofort auf eine unscheinbare Vitrine – die einzige, die Leihgaben beherbergt. Darin liegen vergilbte Bände über Physiognomie, deren Autor Johann Caspar Lavater im 18. Jahrhundert die Gesichter von Verbrechern zu entziffern suchte.
Doch warum sollte Lavaters scheinbar harmloses Buch über Mimik „Von der Physiognomie. Und hundert physiognomische Regeln“ plötzlich zum Vorboten einer mörderischen Ideologie werden? Welche Gedanken verfolgten Lavater, als er glaubte, das Böse im Antlitz zu lesen? Und wie gelang es später den Nationalsozialisten, diese scheinbare Wissenschaft zu verfälschen und als „Rassenlehre“ zu missbrauchen?
Lavater und seinen Ausführungen zum äußeren Erscheinungsbild des Gesichts widmeten wir schon einige Überlegungen im Beitrag „Das Gesicht im Screenshot“. Der Screenshot oder Bildschirmschuss zeigt eine kleine Fotografie in Briefmarkengröße der Teilnehmenden einer Online-Seminar-Sitzung. Spontan entstanden, führt es zu der Frage: Wieviel Authentizität ist nötig und möglich, um die Gesichter einer virtuellen Veranstaltung auch Nicht-Teilnehmenden in einer Veröffentlichung zu vermitteln? Schon Johann Caspar Lavaters (1741-1801) Empfehlung, man solle doch durch einen einwandfreien Lebenswandel auf ein schönes Gesicht hinarbeiten, kommt beim spontanen Bildschirmschuss zuweilen nicht wie gewünscht zum Ausdruck.
Es gibt demnach zwei Möglichkeiten, sich selbst zu gefallen, entweder man setzt sich vorher mittels Kosmetik in Szene oder das Abbild wird hinterher entsprechend geschönt. Dabei taucht die Frage auf, wieviel Identität weist ein geschöntes Abbild dann noch auf? Und ist es legitim, seinen dargestellten Gesichtsausschnitt entsprechend zu manipulieren?
Die Vitrine im Landesmuseum Darmstadt wirft mehr Fragen auf, als sie Antworten liefert: Wie weit kann das Auge eines Menschen wirklich gehen, bevor es zum Werkzeug der Unterdrückung wird? Und welche Schatten wirft das Erbe solcher Studien heute auf unser Verständnis von Identität und Vorurteil? In Face2Face wird dieser scheinbar stille Abschnitt zu einem pulsierenden, beunruhigenden Dialog über Macht, Wissenschaft und die dunklen Pfade, die ein Blick ins Gesicht einschlagen kann.
Und dann? Die Face2-Face-Reise führt den Zuschauer weiter ins 20. Jahrhundert und darüber hinaus. Was macht Andy Warhols Marilynso ikonisch? Wie kann ein einfaches Siebdruckbild zu einem Symbol für Celebrity‑Kultur und Selbstinszenierung werden? Und Annegret Soltaus zerrissene Frauengesichter – was sagt das über Identität, Zerbrechlichkeit und gesellschaftliche Erwartungen aus?
Die Medienwissenschaftler Peter Rehberg und Brigitte Weingart beschrieben in „Celebrity Cultures. Einleitung in den Schwerpunkt“ (2017) „zum einen nach den konkreten medialen Bedingungen von Öffentlichkeitswirksamkeit, zum anderen nach der dadurch ermöglichten übergreifenden Zirkulation von ‹Berühmtheiten› und ihren Effekten. Ob es sich um klassische Filmstars handelt, die vom Hollywood Starsystem mitproduziert wurden, um die alternativen «Superstars», die Andy Warhol in seiner Factory aufgebaut hat, oder um die «Micro-Celebrities», die ihre Anhängerschaft dem Internet verdanken: Berühmtheit, unabhängig von ihrer Reichweite, ist (auch) ein Effekt der medialen Konstellationen, in denen sie entstehen und sich verbreiten kann. Gilt dies selbstredend auch für historische Berühmtheiten, so sind diese medialen Faktoren im Zuge der modernen Ausdifferenzierung von Möglichkeiten des Image-Buildings sowie aufgrund der veränderten Aufmerksamkeitsökonomien der gegenwärtigen Digitalkultur nahezu unübersehbar geworden.“
Stellen Sie sich vor, Sie wandern durch die Hallen von Face2Face und plötzlich springen Sie von einem Zeitalter ins nächste – nur ein Schritt, ein Bild, ein Blick.
Von der Renaissance bis heute haben Künstler das Gesicht wie ein Prisma benutzt: Jeder Strich, jede Falte wirft das Licht ihrer Epoche zurück. So leicht überbrücken die Porträts den Abstand von Jahrhunderten, dass ein romantisches Gemälde fast so wirkt, als wäre es erst gestern entstanden – und ein modernes Foto dagegen plötzlich den Charme des 19. Jahrhunderts atmet.
In der Ausstellung finden Sie 120 Werke – Zeichnungen, Drucke, Plakate und Fotografien von 78 Künstlerinnen und Künstlern – die alle ein gemeinsames Geheimnis teilen: Sie zeigen, wie unser Verständnis von Mimik und Ausdruck im Laufe der Zeit geformt wurde und wie jedes Antlitz ein Spiegel seiner Ära ist.
Werfen wir einen Blick zurück ins 15. Jahrhundert: Dort wurden dynastische Portraits meist in einer starren Profilansicht festgehalten, fast wie die Gesichter auf Münzen und Medaillen. Die dargestellten Personen konnten das Bild nicht „anschauen“, sie blieben gefangen in einer einseitigen Silhouette, unfähig, den Betrachter zu erwidern. Heute jedoch, wenn ein Bild Sie direkt anblickt, entsteht ein Dialog – ein kurzer, aber intensiver Moment, in dem Sie und das Gemälde sich gegenseitig lesen. Und genau das macht Face2Face zu einer Reise, bei der jedes Gesicht ein neues Kapitel Ihrer eigenen Wahrnehmung aufschlägt.
Könnten Selbstporträts die „Selfies“ der Künstler vergangener Jahrhunderte gewesen sein? Diese Frage schießt förmlich aus den teils lebensgroßen Zeichnungen alter Meister, die in Face2Face zu sehen sind. Werfen Sie einen Blick auf Carlo Marattas Selbstbildnis – jedes winzige Härchen und jede feine Falte wirkt, als hätte er gerade einen Schnappschuss von sich selbst gemacht. Und dann sitzt Rembrandt, den Blick direkt auf den Besucher gerichtet, als wolle er sagen: „Hier bin ich, genau wie du.“ Die Ausstellung lässt die altehrwürdigen Pinselstriche plötzlich wie digitale Schnappschüsse wirken und eröffnet ein faszinierendes Gespräch über Selbstdarstellung – damals wie heute. Im Nebenraum hängt ein Porträt einer alten Frau – mit einer handschriftlichen Notiz, die „Leonardo da Vinci“ verkündet. Doch das Bild stammt nicht vom Meister selbst; der Name ist nur ein späterer Zuschlag. Genau das ist das Rätsel, das Kuratorin Mechthild Haas (auch in hessenschau.de) in die Ausstellung einfließen lässt.
Wie ein alter Fall, bei dem die Spuren verwischt wurden, bleibt auch bei vielen angeblichen Selbstporträts die Herkunft im Dunkeln. Wer hat den Pinsel geführt? Und wenn der Künstler tatsächlich selbst vor der Leinwand stand, wie ehrlich war das Abbild?
Stellen Sie sich vor: Ein Kunsthistoriker, ein vergilbtes Dokument und ein leichtes Lächeln, das zu perfekt wirkt, um echt zu sein. Hat der Maler seine eigenen Züge ein wenig geschönt, um sich selbst in einem besseren Licht zu zeigen? Oder hat ein späterer Kopist die Hände des Urhebers übermalt, um das Werk zu verkaufen? Jede Linie, jeder Schatten könnte ein Hinweis sein – ein versteckter Fingerabdruck, ein ungewöhnlicher Farbauftrag, ein Detail, das nur ein echter Beobachter bemerkt. Die Fragen bleiben: Ist das Gesicht wirklich das des Künstlers oder ein kunstvoll konstruiertes Alibi? In Face2Face wird das Rätsel zur Jagd nach der Wahrheit, und jeder Besucher wird zum Detektiv, der versucht, das wahre Gesicht hinter dem Gemälde zu enthüllen.
Victor Kossakovsky (Besprechung fr) verwandelt das alltägliche „Erste‑mal‑sich‑selbst‑sehen“ in ein nervenaufreibendes Drama. In seiner Video‑Installation versteckt er monatelang jeden Spiegel im Haus, als würde er das Zimmer in ein dunkles Labor verwandeln. Dann, im entscheidenden Moment, lässt er die Kamera laufen und beobachtet, wie sein 18‑Monate‑alter Sohn zum ersten Mal sein eigenes Spiegelbild entdeckt.
Der Bildschirm flackert, das Kind starrt, die Augen weiten sich – ein kurzer, elektrisierender Augenblick, in dem das Kleine erkennt, dass das Gesicht im Glas nicht ein Fremder, sondern es selbst ist. Kossakovsky hat das Geschehen wie ein geheimes Experiment inszeniert und fragt das Publikum: Ist das hier ein harmloses Kunstprojekt oder ein heimliches Sozialexperiment an seinem eigenen Kind? Die Installation zwingt uns, über die Grenzen von Kunst, Elternschaft und Beobachtung nachzudenken – und lässt jeden Betrachter das leise Knistern der Kameralinse spüren.
Bis zur Renaissance war das einzige „Blick‑nach‑außen“‑Fenster die göttliche Ikone – das Antlitz Gottes, das die Gläubigen anbeteten, während die Menschen selbst im Schatten blieben. Dann kam die frontale Ansicht. Plötzlich richtete das Portrait den Blick direkt auf uns, den Betrachter, und das Gemälde erwachte zu eigenem Leben. Einmal erwacht, gewinnt die dargestellte Person einen Handlungsspielraum: Sie besitzt eine eigene Präsenz, die nicht mehr nur im Altar, sondern im Raum vor uns existiert. Der Blick dringt durch die Zeit, durch das Öl und die Pinselstriche, und wir spüren, wie das Bild zu einem echten Gesicht wird – ein Gesicht, das uns herausfordert, zu antworten.
Doch was passiert, wenn dieser Blick auf die unvermeidlichen Zeichen des Verfalls trifft? Ab dem 16. Jahrhundert begannen Künstler, Krankheit, Alter und Tod nicht mehr zu verschleiern, sondern sie offen zu zeigen. In den feinen Linien einer Falte, im leichten Absacken der Wangen, im schlaffen Zug der Gesichtsmuskulatur liegt ein unheilvolles Geheimnis. Die Haut wird fahl, die Durchblutung schwindet, das Leuchten des Lebens erlischt – und das Portrait hält diesen Moment fest, als wäre es ein stiller Zeuge eines unausweichlichen Schauspiels. Wer den Blick hält, spürt das Schaudern einer Geschichte, die sich in jedem Lächeln, in jedem müden Blick verbirgt. So wird das Gesicht nicht nur zum Spiegel der Identität, sondern zum Tor in die vergängliche Natur des Seins – ein Tor, das wir nur betreten können, wenn wir den Mut haben, dem starren, aber lebendigen Blick des Bildes zu begegnen.
Die Ausstellung lässt uns schließlich an Werken vorbeischauen, die die Grenzen des Sichtbaren selbst ausloten. Andy Warhols „abgelösten“ Abzüge von Jackie Kennedy – Tränen, die im Druck fast zu verschwimmen scheinen – stehen neben makellosen Nahaufnahmen von Minenopfern, deren tiefen Wunden hinter einer glatten Haut verborgen bleiben.
Wie viele Geschichten lassen sich wirklich aus einem Antlitz lesen? Welche Geheimnisse bleiben im Schatten, wenn das Bild nur das Offensichtliche zeigt? Face2Face gibt keine endgültigen Antworten, doch die Fragen hallen nach: Wird unser nächter Swipe durch die Timeline einen neuen Blick auf Selfis bereiten? Jede Fotografie wird zum Rätsel, jede Falte zum Hinweis – und wir, die Betrachter, werden zu Detektiven, die versuchen, das Unsichtbare zu erahnen.
Fazit Face2Face gelingt es, die Vielschichtigkeit des Gesichts zu beleuchten: von seiner biologischen Vergänglichkeit über seine kunsthistorische Symbolik bis hin zu seiner heutigen Rolle als digitale Visitenkarte. Die Ausstellung fordert uns auf, nicht nur das Aussehen, sondern auch die zugrunde liegenden Gefühle und sozialen Mechanismen zu erkennen, die unser Verhältnis zu Gesichtern bestimmen. Sie erinnert uns daran, dass jedes Antlitz – egal ob gemalt, gedruckt oder gefiltert – ein Spiegel unserer eigenen Wahrnehmung und unseres Mitgefühls ist.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL
Herzlichen Dank für die Bilder auf Pixabay und wieder einmal unserem Kulturbotschafter für seine spannenden Kulturtipps!
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