Der Film mit dem Titel „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ ist die Verfilmung des gleichnamigen autobiografischen Bestsellers von Joachim Meyerhoff. Der Film spielt im Jahr 2026 und erzählt von Joachims (Bruno Alexander) Weg an die renommierte Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München. Nach dem Unfalltod seines Bruders sucht er einen Neuanfang und zieht in die prachtvolle Villa seiner Großeltern in Nymphenburg. Der Film startete am 29. Januar 2026 in den deutschen Kinos.
Die Großeltern im Film „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ sind einfach großartig. Joachims wundervolle Oma (verkörpert von Senta Berger) ist eine exzentrische ehemalige Schauspielerin, sein Opa (Michael Wittenborn) ein strenger emeritierter Philosophieprofessor. In ihrer Kindheit haben die drei Geschwister immer wieder die Großeltern besucht und über ihre Eigenheiten geschmunzelt. Jetzt nach dem Tod seines Bruders und dem Versuch, diesen Verlust zu überwinden, wohnt Joachim wieder bei ihnen und besucht die Otto-Falckenberg-Schauspielschule.
Achim erlebt einen seltsamen Kontrast in seinem neuen Leben. Er schwankt zwischen den absurden Übungen an der Schauspielschule (wie „mit den Brustwarzen lächeln“) und dem hochgradig ritualisierten, von Alkohol und intellektuellen Gesprächen geprägten Alltag bei seinen Großeltern.
In der Thematik dieser Coming-of-Age-Geschichte von Simon Verhoeven, verweben sich die komischen Momente der Ausbildung mit der tiefen Trauer um den verlorenen Bruder und der Vergänglichkeit der Generation seiner Großeltern.
Entwicklungsromane mit dem Schwerpunkt Coming-of-Age sind immer wieder ein literarisches Thema wie in unserem Beitrag zu Herrndorfs „Tschick“. Der Roman dreht sich um die Themen Freundschaft, Selbstfindung und das Erwachsenwerden auf tiefgründige Art und Weise. (Bild von Elf-Moondance auf Pixabay)
Der Satz „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ stammt ursprünglich aus Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“. In Buch und Film bekommt er eine entsprechende Bedeutung. Joachim Meyerhoff nutzt das Zitat als Titel, um die schmerzhafte emotionale Lücke zu beschreiben, die der Tod von einem der drei Geschwister bei seinen Familienmitgliedern hinterlassen hat.

Die Großeltern und ihre Beziehung zu Joachim sind ein gutes Beispiel für die Thematik von Krise und Hoffnung und der Kunst, trotz überwältigender Trauer zu überleben. Der Verlust der Jugend und die Beschwernisse des Älterwerdens kontrastieren mit dem Coming-of-Age des jungen traurigen Mannes. (Bild: K. W.)
Oma Inge Brinkmann und Opa Hermann Krings fungieren im Film als ein skurriler Schutzraum, der den jungen Joachim gleichzeitig erdet und fordert: Sie sind sein Anker gegen die Orientierungslosigkeit, in einer Zeit, in der Joachim durch den Tod seines Bruders und den absurden Drill der Schauspielschule völlig verunsichert ist. Sie bieten durch ihre strengen Rituale (wie das tägliche 18-Uhr-Whisky-Gurgeln) Struktur und Halt.
Bedeutung hat der Spiegel der Vergangenheit. Die Großmutter, selbst eine ehemalige Diva, verkörpert für Joachim die Welt der Bühne, die er erst noch erobern muss. Inge ist sein emotionales Gegenüber, das Schmerz mit einer gewissen Grandezza überspielt. Den Gegenpart bietet Opa Hermann als seine Intellektuelle Reibungsfläche. Der Großvater fordert ihn durch seinen philosophischen Geist heraus.
In der Villa wird Joachim nicht als „der Trauernde“, sondern als Teil einer generationenübergreifenden Lebensgemeinschaft wahrgenommen. Die alten Herrschaften sind seine Wegbegleiter der Selbstfindung. Das Leben in der Nymphenburger Villa ermöglicht es ihm, seine eigene Identität zwischen der exzentrischen Familientradition und seinen eigenen Ambitionen zu finden. Die Großeltern sind weniger Erzieher als vielmehr lebende Beispiele für Eigensinn, was Joachim hilft, seinen eigenen Weg aus der Melancholie zu finden. Sie bilden das Gegengewicht zur künstlichen Welt der Schauspielschule und zeigen ihm, dass man trotz großer Verluste und des Alterns mit Würde und Humor bestehen kann.

Ellen, die uns inzwischen durch die psychologischen Reflexionen zu „Pandoras Büchse“ „Radikale Akzeptanz“, „Metathesiophobie“ oder zu „Sommerlügen und Brüchigkeit menschlicher Beziehungen“ bestens in Erinnerung geblieben ist, beschreibt uns ihre Gedanken.
Zwischen Krise, Hoffnung und Überlebenskunst
Für eine Person wie Ellen – eine ältere Lehrerin, die von Berufswegen auf Bildung, Struktur und die Entwicklung junger Menschen blickt – wirkte der Film wie ein emotionales Prisma. Ihre Perspektive ist geprägt von der Ambivalenz zwischen der Sorge um den „jungen traurigen Mann“ und der eigenen Auseinandersetzung mit dem Älterwerden.
Psychologisch lässt sich dieses Spannungsfeld zwischen Krise und Hoffnung mit folgenden Fachtermini präzisieren:
1. Die Krise: Ich-Integrität vs. Verzweiflung (nach Erikson)
Ellen befindet sich in der Phase, die der Psychoanalytiker Erik H. Erikson als den Konflikt zwischen Ich-Integrität und Verzweiflung beschrieb. Verzweiflung (Despair) symbolisiert die„entsetzliche Lücke“ im Titel für Ellen als die Angst vor dem Sinnverlust. Das Zitat aus Goethes Werther steht bei ihr für die schmerzhafte Erkenntnis von Endlichkeit und unerfüllten Lebensentwürfen. Es geht um die Thematik der Antizipatorischen Trauer. Ellen empfindet beim Betrachten der Großeltern eine vorab empfundene Trauer über den eigenen Autonomieverlust oder das schwindende soziale Umfeld im steigenden Alter.
2. Die Hoffnung: Generativität und Weisheit
Dem steht die Hoffnung gegenüber, die Ellen aus ihrer Identität als Lehrerin schöpft. Das betrifft das Thema der Generativität. Dies bezeichnet das Bestreben älterer Generationen, Wissen und Werte an Jüngere weiterzugeben, um „fortzubestehen“. Sie sieht in Joachim das Potenzial zur Heilung und in den Großeltern Mentoren, die trotz ihrer Schrulligkeit den Kern des Lebens bewahren. Ellen begreift dies als Posttraumatisches Wachstum. Sie erkennt in Joachims Weg an die Schauspielschule (nach dem Tod seines Bruders) die psychologische Fähigkeit, aus einer tiefen Krise eine neue, stärkere Identität zu formen.
3. Die Deklaration zwischen den Polen
Um Ellens Gefühle genauer zu definieren, helfen ihr die Kognitive Dissonanz: Sie schwankt zwischen der Bewunderung für die ästhetisierte Welt der Großeltern und der harten Realität des Verfalls. Dies betrifft den Resilienz-Fokus: Die Hoffnung liegt in der filmischen Darstellung von Resilienz – die psychische Widerstandskraft, die Joachim durch die skurrilen, aber stabilen Rituale seiner Großeltern entwickelt.
Zusammenfassend wirkt der Film auf Ellen wie eine Validierung ihrer eigenen Lebenserfahrung: Er zeigt, dass die „Lücke“ zwar entsetzlich sein mag, aber durch menschliche Nähe und Humor zu einem bewohnbaren Raum wird.

Ellen beginnt wieder in einem Brief an sich selbst, ihre Gedanken zu ordnen. Ihre Fragestellung lautet: wie würde die Psychologin Vera King den Film in Bezug auf Generativität und Krise deuten?
Sie schreibt: Vera King, Soziologin und Psychoanalytikerin am Sigmund-Freud-Institut, würde den Film als eine komplexe Studie über intergenerationale Dynamiken und die Transformation von Krisen in der Spätmoderne deuten.
1. Generativität als „Antwort auf Verletzlichkeit“
Für King ist Generativität nicht nur biologische Fortpflanzung, sondern eine generative Verantwortung.
- Die Großeltern als Anker: Trotz ihrer eigenen Gebrechlichkeit (Vergänglichkeit) bieten die Großeltern Joachim einen Raum, in dem er seine Trauer nicht „wegoptimieren“ muss. King würde dies als eine Form von kultureller Generativität deuten: Sie geben ihm keine Ratschläge, sondern eine Lebensform (Rituale, Opern, Whisky) vor, die ihm hilft, seine eigene „Lücke“ auszuhalten.
- Resonanz statt Optimierung: Im Gegensatz zur Schauspielschule, die Joachim zur ständigen Selbstoptimierung zwingt (das „Neue“ erzwingen will), erlauben die Großeltern eine Form von Sorge und Resonanz.
2. Adoleszenzkrise und die „Entstehung des Neuen“
Joachim befindet sich in der Phase der Adoleszenz (oder des Emerging Adulthood), die King als eine Zeit der strukturellen Ambivalenz beschreibt.
- Ablösung und Bindung: King betont, dass Ablösung von den Eltern oft über die Identifikation mit anderen erwachsenen Vorbildern gelingt. Die Großeltern dienen als „Brücke“: Sie sind weit genug weg von den Eltern, um Autonomie zu ermöglichen, aber nah genug, um die Angst vor dem Selbstverlust in der Krise zu mildern.
- Die Krise als Chance: Das Zitat der „entsetzlichen Lücke“ würde King als Symbol für den notwendigen Bruch in der Generationsabfolge sehen. Erst durch das Anerkennen dieses Bruchs (den Tod des Bruders, das Altern der Großeltern) kann laut King etwas wahrhaft „Neues“ entstehen.
3. Psychologische Deklaration: Krise vs. Hoffnung
King würde die Spannung im Film mit diesen Fachbegriffen einordnen:
- Krise: Desynchronisation. Joachim erlebt eine zeitliche Krise – die Trauer wirft ihn zurück, während die Welt (Schule) Vorwärtsdrang verlangt. Die „Lücke“ ist der Stillstand.
- Hoffnung: Intergenerationale Transmission. Hoffnung entsteht hier nicht durch „Heilung“, sondern durch die erfolgreiche Weitergabe von Sinnangeboten. Die Großeltern scheitern zwar körperlich, aber ihr Habitus (ihre Art zu sein) wird Teil von Joachims Identität. Dies ist der Sieg der Ich-Integrität über die Verzweiflung.

Zusammenfassend, so die Interpretation von Ellen, sähe Vera King in dem Film eine Bestätigung ihrer These, dass stabile Generationenbeziehungen die Voraussetzung dafür sind, dass Individuen in Krisenzeiten nicht in Stagnation verfallen, sondern generative Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen können. (Bilder: https://ki-bild-erstellen.de/)
Quellen: PSYCHE King, Vera Generative Verantwortung im Anthropozän – Perspektiven psychoanalytischer Aufklärung. Dezember 2022, 76. Jahrgang, Heft 12, pp 1132-1156; DOI 10.21706/ps-76-12-1132
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