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Oper in Coronazeiten – Dutch National Opera

Liebes Universel,

am 25.05. habe ich mir den Liebestrank von Operavision von der Dutch National Opera angesehen.

Eines vorweg, der versierte Kenner dieser Oper merkt sofort die Änderungen an der Oper, die der Coronakrise geschuldet sind: Der Chor fehlt, das Orchester ist reduziert und klingt schon nach einem Barockorchester. Alle Zwischentexte wurden konsequent weggestrichten, so dass aus rund zweieinhalb Stunden Oper nur noch eine Stunde dreißig übriggeblieben sind. Oper also in Spielfilmlänge.

Wen solche Eingriffe/Einschränkungen nicht stören, kann einen lustigen Abend mit der Inszenierung von Regisseur Marcos Darbyshires haben. Marcos Darbyshires verlegt die Handlung weg von einem Dorf hin in ein Hotelzimmer. Die fünf jungen Leute haben sich eine Suite gemietet. Optisch erinnert dieser Liebestrank stark an eine amerikanische Sitcom, die im Nachmittagsprogramm eines Privatfernsehsenders laufen könnte.

Ich denke da an “Friends” oder “How I met your mother”. Die Freunde treffen sich in Collegeklamotten für ein Partywochenende. Die Stände der Figuren werden auf diese Art komplett aufgehoben.

So wird aus dem Soldaten Belcore ein reicher Bodybildertyp, der ein Nein von Adina einem Studentenmädchen nicht akzeptieren kann. Der Quacksalber und reisende Arzt Doktor Dulcamara wird zum örtlichen Drogendealer, der dem schüchternen Nemorino sein Geld für Placebos abknöpft.

Währenddessen sehen Adina, Belcore und ihre Freundin dabei zu, wie sich Nemorino zum Trottel macht. Sie verstecken sich hinter dem Sofa und beobachten den naiven Nemorino. Ganz schön perfide könnte der Zuschauer dieses Verhalten empfinden.

 Das Finale des ersten Aktes endet in einem kollektiven Drogenrausch aller Beteiligten und Nemorino springt in den Pool des Hotels um Mitternacht. So knüpft die Inszenierung offensichtlich wieder an amerikanische Vorbilder an nämlich an die Komödie ‚Hangover‘. Bei Hangover reisen die Protagonisten nach Las Vegas und konsumieren dort Drogen, die zu lustigen Verwicklungen führen.

So muss sich das die Regie von Marcos Darbyshires auch gedacht haben. Alle Figuren agieren wie nach einem großen Kater im zweiten Akt, und spielen halb taumelnd durch das nunmehr grob zerstörte Hotelzimmer.

 Denklogisch ist es daher von der Regie richtig, dass es zu keinem Happyend zwischen Nemorino und Adina kommen kann, weil alle unter starkem Drogeneinfluss agieren. So beschließt denn der brave Nemorino keine Hochzeit mit Adina wie sonst einzugehen, sondern erst einmal seinen Rausch nach einer durchzechten Nacht auszuschlafen.

Wer diese Zurschaustellung von Alkoholexzess und Drogenkonsum nicht von vornherein ablehnt, kann mit dieser ohne großen Tiefgang agierenden Inszenierung eine vergnügliche Zeit in Spielfilmlänge erleben.

Die Musik von Donizetti bleibt betörend schön und hält auch den geschauspielerten Kater der Sänger locker aus. Musikalisch zeigen sich die fünf Sänger von ihrer besten Seite.

https://operavision.eu/en/library/spectacles/operas/lelisir-damore-opera-zuid-dutch-national-touring-opera-dutch-national#

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:28. Mai 2021
  • Lesedauer:3 min Lesezeit