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Einen der größten Wirtschaftsskandale Deutschlands nimmt der renommierte Dramatiker David Gieselmann 2021 zum Anlass, um über verlorene Werte, Mammon, Schein und Sein zu erzählen. Die Satire im Staatstheater Mainz gerät zum „Lehrstück ohne Lehre“, bei dem trotzdem Betrug immer Betrug bleibt, und eines sicher ist: Am Ende gewinnt immer die Bank! Der Kulturbotschafter des UniWehrsEl hat sich das Stück angesehen.

Guten Morgen,

gestern habe ich mir die Vorpremiere des Schauspiels „Villa Alfons“ am Staatstheater Mainz angeschaut. David Gieselmann ist für seinen schwarzen Humor bekannt. Sein berühmtester Erstling „Herr Kolpert“ wurde 1999 überall gespielt und war auch am Staatstheater Darmstadt zu sehen. Gieselmann studierte Szenisches Schreiben an der Hochschule der Künste Berlin und inszenierte zu der Zeit erste eigene Stücke in der freien Theaterszene Berlins. Am Londoner Royal Court Theatre wurde 2000 sein Stück Herr Kolpert uraufgeführt. Diese entgleisende Konversationskomödie wurde landauf, landab von Finnland bis Australien gespielt.

Das Bühnenbild von Anette Hachmann in der „Villa Alfons“ zeigt schon eindrücklich, wohin die Reise diesmal gehen soll: Ein riesiger Dachs (benannt nach dem DAX: Deutscher Aktienindex) steht da auf der Bühne. Alle Namen wurden geändert, werden aber hin und wieder doch im Text genannt, so taucht auch ein berühmter Politiker im Trachtenjanker, der mal Doktor und Verteidigungsminister war, kurz auf.

Der Wirecard-Fall wird detailliert mit Daten nachgezeichnet. Doch es wird auch mit Klischees nur so um sich geschlagen, so dass sich der Zuschauer in einem Bauerntheater wähnt. Es gibt eine ‚integre‘ Journalistin, welche die Männer vom Vorstand von Wirecard erst auf die Idee der Betrügereien bringt. Die Frau hat Ahnung vom Thema. Im Gegensatz zu ihrem Verlagschef der lieber über andere Sache spricht und nicht zu hört. Aber dann so tut als wüsste er Bescheid. Es gibt einen Sicherheitsagenten, der gerne mit Wiener Dialekt spricht und mit Gartenzwergen herumschmeißt. Das ist absurd, aber sehr komisch. Es wird sehr anschaulich mit Figuren und durch Schilder erklärt, was denn ein ‚Zahlungsdienstleister‘ ist. Es wird gesungen, was ein Tech-Dax ist, ein Dax und ein Testat von einer Ratingagentur.

So werden auch dem Finanzlaien ein paar Finanzbegriffe durchaus ernsthaft und einfach erklärt. Vielleicht sollten sich Banken ihre Finanzprodukte mal von Theaterdramaturgen übersetzen lassen. Für den Kunden wäre es sicher ein Gewinn.

Die verrückteste Szene des Stücks ist sicherlich, neben dem Aufstieg von Wirecard in den Dax mit einer Tanznummer dargestellt, als der betrügerische Vorstand eine Studentengruppe der Münchner Hochschule für Darstellende Kunst engagiert, um „Banker“ zu spielen. Der Vorstandsvorsitzende gerät im weiteren Spielverlauf immer häufiger ins Schwitzen und hängt geistig gesehen am Tropf, gerne würde er sich übergeben und sieht schlecht aus. Am Ende sitzt er im Bauch des Dachshundes und meditiert die Sorgen einfach weg. Im fiktiven Endgespräch mit der eifrigen Journalistin erzählt er: „Ich bin immer noch auf der Suche nach 1,9 Milliarden Euro im Internet. Gingen die schon mal verloren? Wer kennt sich schon aus mit dem Internet. Das Geld müsste einfach wieder sichtbar gemacht werden.“ Also erstmal meditieren, dann kommt die Lösung von ganz allein.

Sein Handlanger hat schon als Kind seine Mutter täglich um 500 Kronen betrogen, die er nicht investiert hat, sondern dafür kassiert, dass er irgendwann einmal 500 Kronen der Mutter gezeigt hat. In einer Szene sagt die Mutter ihr sei klar gewesen, dass nur er sich einen solchen Betrug ausdenken könnte und damit durchkommen könnte. Bleibt nur noch zu klären, warum das Stück „Villa Alfons“ heißt. Das ist die Villa bei München in der sich der Handlanger einmietet hat, um einen Firmensitz für seine Betrügereien zu haben. Daher also der Titel.

Gieselmann bereitet den Wirecard-Skandal so auf, dass auch ein Laie ihn ohne große Lektüre von Finanzzeitschriften verstehen kann und das auf keinen Fall so trocken, dass es langweilig wird. Es ist toll, dass sich das Staatstheater Mainz auch an solche Themen heranwagt und dies mit sieben Schauspielern, die angefangen von der „BaFin“ über Börsenexperten, Journalisten, österreichische Geheimagenten, Bänkern, Schuhverkäufern, Politikern alle Rollen in wechselnden Kostümen spielen.

Die Vorpremiere kam gut beim Publikum an. Sie war gut besucht. Allerdings war im Rang viel Platz zum Abstand halten. Es saßen nur drei Leute im Rang. Bei so einer Komödie wäre es natürlich schöner, dichter am Geschehen zu sein, aber Abstand halten ist im Moment wichtiger. Die Inszenierung von Christian Brey ist sehr gelungen und kam beim Testpublikum blendend an. Würdest du dir das Stück ansehen?

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:14. Januar 2022
  • Lesedauer:4 min Lesezeit